Trotz ihrer Benommenheit und dem alles beherrschenden Wunsch im Boden zu versinken, musste Johanna bemerken, dass dieser Mann eindeutig zu leben wusste.

In sein Haus hätte ihre Drei-Zimmer-Wohnung, die für eine Person wirklich nicht klein war, sicherlich öfter als zwei Mal hineingepasst.

Als Rossi in der Auffahrt scharf bremste, biss sie die Zähne zusammen und verzog das Gesicht. Auch unter normalen Umständen schon mochte sie Autos nicht gerade, doch so schlecht wie ihr im Moment gerade war, konnte sie es kaum erwarten, wieder auf ihren eigenen Füßen zu stehen.

Nach einigen tiefen Atemzügen, die ihren revoltierenden Magen so weit beruhigten, dass sie es wagte sich zu bewegen, löste sie den Gurt, der sich beim Fahrstil des Agents unangenehm eng um sie geschnürt hatte, öffnete die Beifahrertüre und schwang die Beine Richtung Ausgang.

Sie schenkte ihrem selbst erklärten Krankenpfleger, der an der Motorhaube auf sie wartete, ein gequältes Lächeln und begann sich vorsichtig Richtung Haustüre zu bewegen.

Nicht dass sie es jemals zugegeben hätte, aber so wie ihr im Moment zumute war, war sie heilfroh, dass dieser Mann sich ihrer angenommen hatte.

Endlich am Eingang angekommen, hatte er diesen schon geöffnet und wies mit einer einladenden Geste ins nun hell erleuchtete Innere.

Johanna trat ein, blinzelte ein paar Mal, um ihr verschwommenes Sichtfeld an die Deckenlampe zu gewöhnen und knöpfte ihren Mantel auf.

Als Rossi plötzlich nah von hinten an sie herantrat und ihr die Hände auf die Schultern legte erschrak sie.

„Nana, kein Grund so zu zucken, ich will Ihnen nur Ihren Mantel abnehmen!", beruhigte er sie mit einem amüsierten Lächeln und Johanna wurde mal wieder leuchtend rot.

Das Bild, das der Ältere von ihr haben musste, wollte sie sich gar nicht ausmalen.

Sie nickte, ließ den Mantel mit einem ungeduldigen Rütteln von ihren Schultern gleiten.

„Danke. Aber bitte – Sie müssen mich wirklich nicht siezen – einfach Johanna reicht!"

Ihre Stimme war etwas rau, nachdem sie die ganze Fahrt über geschwiegen hatte, konzentriert darauf, ihren Magen zum Gehorsam zu ermahnen.

„Wie schön, dann bin ich einfach David."
Das strahlende Lächeln, das er ihr schenkte, verwirrte sie. Was hatte sie nur getan um so viel Nettigkeit zu verdienen?

„Wenn du dich schnell frisch machen willst, die zweite Türe rechts führt ins Badezimmer, danach einfach den Gang entlang, ich warte im Wohnzimmer."

„Danke… David."

Mit diesen Worten war sie schon verschwunden.

Die Badbeleuchtung war angenehm gedimmt und tat ihrem pochenden Kopf gut.

Beim Anblick ihres Spiegelbildes erschrak sie. Ihre Nase war inzwischen auf fast doppelte Größe angeschwollen und leuchtete in allen Farben. Ihre Augen waren gerötet und sie hatte sich, ohne es zu merken, die Unterlippe blutig gebissen.

Seufzend spritzte sie sich kaltes Wasser auf die malträtierten Stellen und sah sich dann nach einem Handtuch um.

In Ermangelung eines solchen wischte sie sich notdürftig mit den Handrücken trocken und griff nach der Zahnpastatube die am Waschbeckenrand stand, um den widerwärtigen Geschmack in ihrem Mund los zu werden.

Sie drückte ein wenig davon auf ihren Finger, rieb diesen kurz über ihre Zähne und spülte mehrmals.

Nach dieser kurzen Katzenwäsche fühlte sie sich schon etwas besser.

Im Hinausgehen löste sie den Zopf, der ihre Haare nicht mehr bändigen konnte und knotete die widerspenstigen Locken im Nacken zusammen.

Der Gang lang im Halbdunkeln vor ihr, als sie ohne hinzusehen nach dem Lichtschalter zum Bad tastete und über die seltsame Situation, in der sie sich gerade befand, nachgrübelte.

Da war sie nun also. Im Haus eines FBI-Agents, den sie seit gewaltigen vier Stunden kannte, der mindestens doppelt so alt war wie sie und dem sie gerade vors Auto gekotzt hatte.

Meine Güte, wie verhielt man sich in so einer Situation?

Wie lange sollte sie überhaupt bleiben? Was erwartete er sich womöglich als Gegenleistung?

All diese Grübeleien taten ihrem Kopf scheinbar nicht gut. Gar nicht gut, da sich der Gang wieder um sie zu drehen begann und just in dem Moment in dem sie sich kurz auf den Boden setzen wollte wurde ihr so übel dass sie schnellstmöglich ins Bad zurückwankte und sich wieder übergab.

Rossi musste den Lärm der hastig aufgerissenen Türe gehört haben, denn als sie wieder von der Kloschüssel aufsah, stand er hinter ihr und streckte ihr ein Glas Wasser hin.

„Bist du dir ganz sicher, dass du nicht zu einem Arzt willst?"

„Neinnein, alles gut, ich muss mich nur für eine Minute hinlegen, dann sind Sie – äh – dann bist du mich auch schon los."

„Oh nein. In dem Zustand währe es wohl sehr fahrlässig, dich allein zu lassen. Ich bestehe darauf, dass du noch mindestens zwei, drei Stunden mein Gast bist."

„Danke. Ich will dir nur nicht zur Last fallen… Du hast doch sicherlich besseres zu tun, als hier den Babysitter zu spielen."

„Na hör mal" lachte er. „So jung bist du auch wieder nicht! Außerdem ist es mir ein Vergnügen. Traust du dir zu ins Wohnzimmer zu gehen?"

Johanna nickte, richtete sich auf, diesmal langsamer und vorsichtiger und tapste wie ein begossener Pudel hinter Rossi her.

Dieser wies einladend auf die riesige, weinrote Eckcouch auf der sie sich dankbar niederließ und in eine liegende Position rutschte.

„Tee?"

„Gerne"

„Grün oder schwarz?"

„Heute wohl lieber grün, danke!"

Eine Weile war es ruhig, abgesehen vom leisen Klirren der Tassen und Johannas Atem, der sich, dank der liegenden Position, langsam beruhigte.

Als der Teekessel zu pfeifen begann, nickte sie anerkennend. Sie war kein Freund davon Teewasser im Wasserkocher zuzubereiten. Das war eine der Macken für die sie oft von ihren Freunden verspottet wurde, doch sie beharrte nun mal auf ihren britischen Teeprinzipien.

David riss sie aus ihren Gedanken, stellte eine hübsche kleine Tasse aus Chinaporzelan neben ihr ab, schenkte sich und ihr aus der dazugehörigen Kanne ein und machte es sich in einem furchtbar kuschelig aussehenden Ohrensessel gemütlich, den er so schob, dass er sie ansehen konnte.

„Stört es dich, wenn ich eine Zigarre rauche?"

„Wenn ich mir einen Zug erbetteln darf?"

Er lachte leise, zündete sich die Zigarre an und meinte: „Eine Frau, die Zigarren raucht… So etwas gibt es nicht oft!"

„Soll vorkommen, Dr. Freud"

Nach einer Sekunde Verwirrung musste der Agent so herzhaft lachen, dass er sich fast an seinem Tee verschluckte.

„Ja, vielleicht war die Kombination rotes Sofa, Lehnsessel und Zigarre etwas unüberlegt."

„Ach was, das ist schon gut so – immerhin bekomm ich so eine gratis Therapiestunde!"

„Oh und ich kann dir schon im Vorhinein sagen, dass Dr. Freud deine Probleme gewiss auf deine Sexualität und einen verdrängten Vaterkomplex zurückgeführt hätte!"

„Ah, aber ich bin doch so glücklich mit meiner Sexualität..", alberte Johanna weiter, bevor sie überdachte, was sie da gerade gesagt hatte und rot wurde. Wieder einmal.

„Darüber musst du mir beizeiten unbedingt mehr erzählen! Aber fürs Erste können wir auch mit weniger pikanten Details starten." Rossi lachte. „Darf ich fragen wie du an einen deutschen Namen kommst?"

„Mein Urgroßvater war Österreicher – er ist allerdings 1940 nach Amerika ausgewandert weil er Jude war. Und seitdem haltet sich die Tradition in unserer Familie hebräische Namen zu geben."

„Ich wusste gar nicht, dass Johanna hebräisch ist."

„Ist es auch nicht direkt. Der ursprünglich hebräische Name ist ‚Hanna' was grob übersetzt ‚Gnade' oder ‚Anmut' heißt. Das mit der Anmut haut allerdings noch nicht so hin!", setzte sie mit einem etwas gequälten Lächeln hinzu und deutete auf ihre Nase.

„Dann nehme ich an, dass du umso gnädiger bist?"

„Rüpel – du hättest mir jetzt eigentlich widersprechen müssen!"

„Oh bitte verzeih – es war so anmutig, wie du gegen diese Türe gelaufen bist!"

Sie streckte ihm die Zunge heraus.

„Jetzt muss ich wohl doch auf deine Gnade hoffen, wie?", neckte David weiter.

„Für diese Unverschämtheit einer wahren Dame gegenüber-„, Johanna hob in gespielter Empörung die Nase: „ – sollten Sie sich eigentlich selbst verhaften, Herr Agent!"

Er kicherte und überlegte gleichzeitig, wann er das letzte Mal so wunderbar infantil mit jemandem albern konnte, doch es fiel ihm nicht ein.

Nach vier Stunden, an deren Verstreichen sich Rossi nicht wirklich erinnern konnte, hatten sie sich doch wie einige Minuten angefühlt, bekamen sie Hunger und er verließ das Wohnzimmer um ein spätes Abendessen zusammenzustellen.

Bei seiner Rückkehr war Johanna eingeschlafen.

Nachdenklich setzte er sich wieder in seinen Lieblingssessel, schenkte sich ein kleines Glas Whiskey ein und betrachtete seinen Gast in aller Ruhe.

Im Schlaf sah sie noch viel jünger aus als vorhin und insgeheim begann er zu hoffen, dass sie wenigstens volljährig war. Er hätte sich andernfalls doch zu sehr für die flapsigen Späße geschämt, die den ganzen Abend gefallen waren und von denen die Meisten mehr als nur zweideutig waren.

Schlagfertig war sie, keine Frage und nachdem sie eine Weile geredet hatten, wurde sie auch nicht mehr bei jeder sich bietenden Gelegenheit rot.

Sie lag auf der Seite, ihre Haare hatten sich gelöst, eine Locke war ihr ins Gesicht gefallen und flatterte leicht wenn sie ausatmete.

In Gedanken versunken griff David nach der Wolldecke, die am Fußende der Couch lag und breitete sie über der schlafenden Frau aus.

Er würde sie nicht aufwecken.