04. Kapitel – Wunder gesucht
-----------------------------------------------------------------------------------
Das schlimmste, schmutzigste von allen Dingen,
Die Qual, die nicht Gebärde hat noch Schrei,
Und doch die Erde macht zur Wüstenei
Und gähnend wird dereinst die Welt verschlingen:
aus: „An den Leser", von: Charles Baudelaire
----------------------------------------------------------------------------------
Zeitgleich, während Helen verzweifelt in ihrem Zimmer saß und sich krampfhaft überlegte, wie sie entkommen konnte, ging ein junger Mann schnellen Schrittes auf ein Haus zu, das sich irgendwo im Norden Schottlands befand. Sein vollkommen in schwarz gekleideter Körper verriet Anspannung. Der teure Umhang schmeichelte ihm und verlieh ihm einen würdevollen Eindruck. Die langen, silberblonden Haare flossen wellenförmig über seine Schultern. Sie waren akkurat gepflegt und viele Frauen beneideten ihn darum.
Erneut blickte er auf das Stück Pergament, das ihm die Lage des Häuschens verriet. Dann steckte er es weg und atmete tief durch. Entgegen der allgemeinen Annahme, flößte ihm der Dunkle Lord Angst ein. Auch wenn er sein ganzes Leben darauf vorbereitet worden war, einmal eine hohe Position bei den Todessern einzunehmen, so hatte er sich mehr als einmal gefragt, ob er das wirklich wollte. Doch es gab für ihn kein Wollen. Er hatte seine Bestimmung zu erfüllen, ganz gleich was er dachte. Für ihn gab es keine Alternative. Obwohl, eine Wahlmöglichkeit gab es immer. In seinem Fall hieß sie, zu sterben. Entweder er nahm sein Erbe an und fügte sich seinem Schicksal, oder er musste sich für den Tod entscheiden. Auch wenn seine Großmutter, die Herrscherin über das Malfoyimperium, mit Sicherheit seinen Tod bedauern würde, so war er seit jeher ihr Lieblingsenkel gewesen, so würde sie Hinscheiden einer Flucht gegenüber vorziehen. Aber er wollte nicht sterben…
Seit einem knappen Jahr befand er sich nun auf einer ruhelosen Jagd. Er wollte seine Vergangenheit vergessen. Er wollte sie vergessen. Er wollte ihn vergessen, seinen Verrat. Natürlich war ihm klar, dass er England nicht für immer den Rücken kehren konnte, doch war er noch nicht soweit, wieder dauerhaft seinen Platz einzunehmen. Er hoffte, der Dunkle Lord verstünde es. Auch wenn dieser ein strenger Herr war, so zeigte er manchmal ein wenig Mitgefühl, ihm gegenüber. Er machte sich keine Illusion darüber, dass sein Herr das nur tat, weil er auf das Geld der Malfoys angewiesen war. Ein bitterer Zug verzog seine Lippen zu einem strengen Grinsen.
Er klopfte. Erst drei kurze, stakkatoartige, dann einen langen und noch einmal drei stakkatoartige Klopfer. Die Tür sprang auf und er trat ein.
„Lucius, komm rein…" Der Mann am Feuer nickte ihm zu und deutete ihm an, näher zu treten.
Lucius Malfoy trat näher, wobei er darauf achtete, seinem Herrn nicht in die Augen zu sehen. Als er schließlich vor jenem stand, verneigte er sich kurz, so wie der Lord es gern sah. Lucius spürte, dass sich der Lord veränderte. Er konnte nicht sagen, was genau ihn störte, doch es schien, als erstarke der grausame Herrscher jeden Tag mehr. Früher, als er bei den Todessern aufgenommen worden war, hatte er sich nicht verneigen müssen. Das verlangte der Herr erst seit ein oder eineinhalb Jahren…
„Mein Herr", sagte er demütig und wartete darauf, aufsehen zu dürfen.
Voldemort lachte leise. „Lucius, Lucius… Lange haben wir uns nicht mehr gesehen. Erst ein Ruf meinerseits ließ sich nach Hause zurückkehren. Du wirst mir doch nicht untreu geworden sein?"
„Nein, Herr." Noch immer blickte Malfoy zu Boden.
Voldemort lachte erneut, dann setzte er sich in einen Sessel und winkte seinen Gast zu sich. „Setz dich, Lucius… Möchtest du ein Glas Rotwein? Erst gestern habe ich von Rosier einen sehr guten Tropfen erhalten." Lauernd sah er Malfoy an. Natürlich waren dem mächtigen Mann die Spannungen zwischen Malfoy und Rosier nicht entgangen. Ihm kam es gerade recht. Er hasste es, wenn sich die Todesser zu gut verstanden, das wäre eine zu gute Basis für eine Revolte. Daher förderte er das Misstrauen und die Buhlerei um den nächsten Platz nahe bei ihm. Und auch wenn er oft das Bedürfnis hatte, seine Ersten, also den Inneren Zirkel, zu foltern, um sie für ihr Versagen zu bestrafen, so tat er es nicht. Er wusste, würde er anfangen, seine eigenen Leute zu bestrafen und sie auf die gleiche Stufe mit Muggeln zu stellen, die von ihm mitleidslos gefoltert wurden, er grübe seine eigene Ruhestätte. Keine Cruciati für seine Ersten. Bei ihnen musste er subtiler vergehen. Zuneigungsentzug, das richtige Wort hier, das Falsche da und sie würden tun, was er sagte. Letztendlich waren sie Menschen und die waren alle einfach zu manipulieren. Man musste nur ihre Schwachstelle kennen. Und er kannte sie – von jedem einzelnen.
Malfoy nahm ein Glas, welches auf dem Tisch stand, und verneigte sich erneut. „Danke, Herr." Der Sessel, in den er sich setzen sollte, stand dem von Voldemort gegenüber. Ein Zeichen, dass Lucius dessen Wohlwollen genoss, und das, obwohl nicht mehr er, sondern Snape dessen „Erster" war. Lucius seufzte. Natürlich erkannte er dessen Versuche, seinen Jugendfreund ihn und gegeneinander auszuspielen. Im Moment war Snape wieder der Liebling, doch irgendwann würde wieder er es sein. Shiva ließe nicht zu, dass sein Stern jemals sinken würde.
Nachdem der Lord zwei, drei Mal an seinem Glas genippt hatte, sah er seinen treuen Gefolgsmann an. Er wusste, auf Lucius konnte er sich verlassen. Er war nicht nur der Enkel Shivas, sondern aus voller Überzeugung zu ihm übergetreten. „Lucius…", begann er ungewohnt sanft. „Glaub nicht immer alles, was andere sagen… Solange du voll und ganz hinter mir stehst, solange hast du nichts zu befürchten…" Er ließ das Ende offen, ganz so, als würde er etwas Freundliches hinterher setzen, doch Lucius war sich der Drohung durchaus bewusst. Auch wenn er erst dreiundzwanzig Jahre alt war, so hatte er das Wesen des Dunklen Lords sozusagen mit der Muttermilch eingeflösst bekommen.
„Ihr wisst, dass ich euch treu ergeben bin." Malfoy machte nicht den Fehler wegzusehen. Er sah auf und blickte Voldemort direkt in die Augen. Dieser brach den Blickkontakt schließlich nach ein paar Minuten nickend. „Du hast mich vor einem Jahr gebeten, dich nach Russland zu schicken, Lucius, um dort Todesser von meiner Lehre zu überzeugen. Berichte."
Der blonde Mann nickte. „Karkaroff bat sich Bedenkzeit aus. Ich habe sie ihm gewährt und habe mich derweil in seinen Reihen umgehört. Die Russen treffen sich regelmäßig, um sich zu messen und Duelle auszutragen. Der Beste bekommt einen begehrten Preis. So ist sichergestellt, dass sich jeder bemüht und sein Bestes gibt."
Voldemort nickte nachdenklich. „Ich werde darüber nachdenken, so etwas bei uns auch einzuführen. Es könnte meinen Todessern gefallen…"
Auf ein Winken hin, fuhr Malfoy fort. „Karkaroff hatte mich schließlich nach einem halben Jahr getroffen und mich angehört. Zweifelsohne ließ er mich so lange warten, um die Ernsthaftigkeit Eurer Absicht zu prüfen."
Voldemort verzog die Lippen zu einem grausamen Lächeln. „Unbestreitbar hast du natürlich gern gewartet, um einen Grund zu haben, nicht nach England zurückzukehren."
Malfoy besaß den Anstand rot zu werden. „Ihr kennt mich zu gut, Herr."
Wieder ein kaltes, vibrierendes Lachen. „Die ganze Gesellschaft spricht von dem Ereignis des Jahres", er hob eine Hand und malte eine imaginäre Zeitungsüberschrift in die Luft. „'Unbedeutender Zaubertrankgeselle schnappt einflussreichem Imperiumserbe die Braut weg'… Du weißt, ich hasse Schlagzeilen dieser Art, aber ich kann dich verstehen. Doch es ist nicht gut, wenn du zulange fort bleibst, Lucius…"
„Ja, Herr."
„Wann gedenkst du also wieder zu kommen? Vollständig?"
„Ich bin mit Karkaroff nach England gekommen. Ihr habt seinem Gesuch entsprochen, mit ihm zu reden", begann Lucius zögerlich. „Wenn Eure Unterhaltung mit ihm positiv war, würde ich gerne nach Russland zurückkehren, um Karkaroff zu helfen, eine Todesserschulung aufzubauen."
War vorher in den Augen des Dunklen Lords Spott und Belustigung zu lesen gewesen, so war jetzt echtes Interesse erkennbar. „Erkläre dich näher."
„Ich habe mir überlegt, dass man junge Todesser für eine bestimmte Zeit nach Russland schicken könnte, um sie dort in unserer Sache auszubilden. Viele kennen sich nicht mit unserer Lehre aus, wenn sie Hogwarts verlassen haben, und beherrschen keinerlei Zaubersprüche, wie Ihr sie erwartet. Man könnte sie dorthin schicken und als Austauschschüler tarnen. Sobald Karkaroff das Amt des Schulleiters übernimmt, was wir durchaus in die Wege leiten könnten, wäre es möglich, sie auch offiziell einige schwarzmagische Sprüche lernen zu lassen. Auch wenn Grindelwald die Schule verlassen musste, weil er schwarze Magie angewendet hat, so könnten wir den neuen Umschwung damit begründen, das neue Fach wegen der Erfahrung mit ihm in den Lehrplan aufzunehmen. Dunkle Magie als Verteidigung. Niemand würde auf die Nachwuchsstaffel achten."
Nachdenklich zog Voldemort seine Stirn in Falten. „Ein sehr guter Aspekt, Lucius. Wie schön, dass du Shivas Verstand geerbt hast." Dann schwenkte er den kostbaren Rebensaft in seinem Glas. Aus den Augenwinkeln betrachtete er den jungen Mann. Trotz seiner Jugend war er, besonders im letzten Jahr, gereift. Natürlich, es fehlte ihm noch an Kaltblütigkeit und Egoismus, aber der Dunkle Lord war sich sicher, dass Malfoy das auch noch lernen würde. Russland schien ihm gut zu tun, genauso wie der Abstand zu einigen bestimmten Personen.
Natürlich war ihm nicht entgangen, dass sich seine beiden liebsten Todesser in ein und dieselbe Frau verliebt hatten. Es war eine wahre Freude gewesen, der Entwicklung dieser Dreiecksgeschichte zuzusehen. Er liebte so etwas. Nun, dass ausgerechnet Malfoy in diesem Wettstreit verloren hatte, hatte ihn überrascht. Andererseits erachtete er es als wichtig, dass der junge Adlige lernte, nicht alles zu bekommen. Das würde ihm, Voldemort, ersparen, Malfoy auf den Boden der Tatsachen zurückzuholen. Ein Mann, der glaubte, alles erreichen zu können, war gefährlich. Nachher wollte er die absolute Herrschaft. Und Tom Riddle, Lord Voldemort, war alles andere als dazu bereit, diese abzugeben.
Wohlwollend betrachtete er den ungestümen Mann vor ihm. „Geh zurück nach Russland, Lucius. Weihe Karkaroff, wenn er sich denn uns anschließt und ich gedenke, ihm heute das Mal zu verpassen, in mein Geheimnis ein. Gründe eine Bildungsanstalt, in die unsere Staffel qualifiziert. Trenne Spreu von Weizen. Du weißt, was ich will, Lucius."
„Ja, Herr."
Voldemort nickte. „Nun geh und schick Karkaroff her."
Malfoy erhob sich und schickte sich an, den Raum zu verlassen, als der dunkle Herrscher ihn zurück rief. „Bevor du gehst… Sage Rosier bitte, meine Antwort laute ‚Ja'. Er wird wissen, was zu tun ist." Lucius war entlassen.
ooOoo
Ruhelos rannte Helen in ihrem Zimmer auf und ab. Sie hatte noch ein paar Mal an der Tür gerüttelt, doch sie war verschlossen, auf Muggelart. Sie seufzte. Ohne ihren Zauberstab konnte sie nichts ausrichten. Sie fühlte sich regelrecht nackt und hilflos. Das, was ihr Vater getan hatte, nämlich ihren Zauberstab zu zerbrechen, war das Schlimmste, was geschehen konnte. Nun hatte sie praktisch kaum noch eine Chance zu entkommen. Aber sie musste es versuchen.Ihr Blick irrte in ihrem Zimmer hin und her und blieb an einem Topf im Fenster stehen. Eine Haarnadel. Sie hatte von Sirius gehört, dass Muggel gern mit Haarnadeln ihre Türen öffneten, wenn sie den Schlüssel verlegt hatten. Damals hatte sie gelacht und die Muggel für dumm geschimpft, doch jetzt waren ihre Nadeln ihre letzte Hoffnung.
Sie griff in den Topf und fischte nach einem gewünschten Gegenstand. Dann lief sie zur Tür und lauschte. Im Haus war alles still. Sie schob die Nadel ins Türschloss und begann unbeholfen ihren ersten Versuch.
Nach dem zwölften Versuch, und entsprechenden Haarnadeln weniger, hockte sie noch immer vor der Tür und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Wieso schafften die rückständigen Muggel etwas, was ein Zauberer nicht konnte?
Als es an der Haustür klopfte, schrak Helen zusammen. Ein Klopfen war untertrieben, Hämmern traf es besser. Wer konnte um diese Zeit, es war schließlich halb neun, noch etwas wollen?
Halb neun! Helen erstarrte. Sofort rannte sie wieder zu dem besagten Topf und fischte nach einer weiteren Haarnadel, der letzten. Vorsichtig und tief durchatmend setzte sie an. Helen schloss die Augen und ließ sich durch ihr Gefühl verleiten. Es klickte.
Als die Tür leise aufgesprungen war, starrte die junge Hexe verdattert auf ihr im Schloss steckende Haarnadel. Mit einem triumphierenden Grinsen sprang sie auf die Füße und ging zum Bett, um ihren Koffer zuzuklappen und zu schleppen. Sie keuchte, ohne Magie war er verdammt schwer. Wie sollte sie ihn die Treppe runter bekommen, ohne dass ihr Vater auf sie aufmerksam wurde?
Sie zog sich ihren langen Mantel an, der sie in der kalten Nacht, obwohl es Sommer war, schützen sollte und verbarg ihre leuchtend blonden Haare unter einer dunklen Mütze. Dann schleppte sie ihren Koffer zur Treppe. Sie schaffte es, wenngleich auch mit Hängen und Würgen, aber sie erledigte den ersten Teil ihrer Flucht erfolgreich.
Am Fuße der Treppe atmete Helen tief durch. Als nächstes musste sie aus dem Haus gelangen. Da sie nicht apparieren konnte, war ein Entkommen durch die Hintertür überflüssig. Am besten, sie ging durch die Haustür und sah zu, dass sie möglichst schnell außer Sichtweite kam.
Ächzend schleppte sie ihren Koffer durch den Flur und erstarrte, als sie die halboffene Tür zum Arbeitszimmer ihres Vaters entdeckte. Wenn er gerade in diesem Moment hersah, dann würde er sie entdecken und alles war umsonst. Das durfte nicht geschehen.
Schnell kroch sie weiter, während sie ihren Vater nicht aus den Augen ließ. Er saß, scheinbar entspannt in einem Sessel und fixierte einen Gegenüber, den sie nicht sehen konnte. Es war nichts zu hören, nur das Knacken eines Holzscheits im Kamin durchbrach ab und an die Stille. Unbewusst hielt Helen die Luft an und erstarrte. Jetzt könnte ein Knacksen ihres Knöchels alles ruinieren. Sie bewegte sich nicht, solange, bis ihr Vater wieder zu sprechen begann.
„Sie wollen mir also die Antwort des Herrn überbringen?"
Es erfolgte keine Erwiderung, so dass Helen weiter zur Tür schlich.
„Sie waren ein Jahr nicht da und glauben, jetzt, wo sie scheinbar zurückgekehrt sind, wieder in der Gunst unseres geliebten Lords zu stehen? Malfoy, meinen Sie nicht, sie schätzen Ihren eigenen Status als zu hoch ein?"
Wieder hörte die flüchtende Hexe nichts, aber der Name, der gefallen war, ließ sie innehalten. Der Erzfeind ihres Vaters war im Haus? Vielleicht würde er ihr helfen? Hieß es nicht, der Feind meines Feindes ist mein Freund? Doch wollte sie sich ausgerechnet ihr Leben einem Malfoy in die Hand geben? Dass sie sterben würde, sollte ihr Vater das rausbekommen, das stand außer Frage. Aber hatte sie wirklich den Mut, einen Malfoy um Hilfe zu bitten? Sie wusste, er war noch sehr jung, vielleicht ein paar Jahre älter als sie, aber er war ebenfalls ein Todesser. Und auch wenn Evan Rosier sein Feind war, so dienten beide ein und demselben Mann. Musste er sie nicht zwangsläufig verraten?
„Rosier", hörte sie schließlich die heisere, flüsternde Stimme eines Mannes. Sie klang dunkel und irgendwie alt. Hätte sie nicht gewusst, dass Lucius Malfoy weit unter dreißig war, sie hätte ihn anhand dieser Stimme in das Alter ihres Vaters geschätzt.
„Glauben Sie noch immer, Sie würden mich etwas kümmern?" Ein leises Schnalzen war zu hören. „Überschätzen Sie Ihren Einfluss nicht. Sie sind nicht wichtig, Evan."
Helen hörte ihren Vater nach Luft schnappen. „Was erlauben Sie sich eigentlich, Malfoy?" Den Namen spuckte der alte Mann mit einem angewiderten Unterton aus.
„Wo nach sieht es denn aus?", fragte der ungebetene Gast spöttisch. Dass er unerwünscht war, konnte sich Helen an zwei Fingern ausrechnen. Niemals hätte ihr Vater seinen Erzfeind eingeladen.
„Wissen Sie Evan", begann Malfoy zu sinnieren, „Männer wie Sie sind keine wirkliche Gefahr für mich. Sie sind in Ihrer Überzeugung zu… passt insolent?" Wieder erklang dieses bedrohliche, heisere Lachen, das Helen eine Gänsehaut über den Rücken jagte.
„Rosier, Rosier… Glauben Sie ernsthaft, Sie könnten mich aus dem Zirkel drängen und spekulieren Sie wirklich auf eine Aufnahme? Dann sind Sie wirklich infantiler als ich bislang angenommen habe." Der Mann seufzte.
Helen erinnerte sich an Malfoy Senior und assoziierte umgehend einen untersetzten, kahlköpfigen Mann. Genauso hatte der Vater von Malfoy ausgesehen. Einmal hatte sie ihn gesehen, damals war sie noch nicht in Hogwarts gewesen und die Feindschaft zwischen Evan Rosier und Lucius Malfoy war noch nicht geboren.
Für einen Moment lauschte sie seiner Stimme. Sie klang verboten geheimnisvoll und vertrauenserweckend. Nicht unbedingt sexy und erotisch, aber dennoch hypnotisierend. Innerhalb der Minuten, die sie nun schon hier stand, hatte Malfoy einen gewaltigen Stimmumfang offenbart, doch nun klang sie wieder belegt und bedrohlich.
„Irgendwann, Malfoy, irgendwann wird Ihnen das Lachen vergehen. Das schwöre ich Ihnen. Und ich werde der erste sein, der ihrer Hinrichtung beisteht und jubelt."
„Sie sind zu blutrünstig", lachte Malfoy rau. „Aber nun gehen Sie zu Ihren kleinen Clubtreffen und lassen die Arbeit von echten Männern verrichten."
Diese offensichtliche Provokation ließ Rosier mit den Zähnen malmen. „Ich säge an Ihrem Thron Malfoy."
„Nehmen Sie eine Astsäge. Mit der Laubsäge tun Sie sich selber weh… Und das wollen wir nicht."
Helen hielt die Luft an. Hätte sie es jemals gewagt, so mit ihrem Vater zu sprechen, sie hätte ihre Knochen einzeln zusammensuchen können, doch Malfoy schien das nicht zu kümmern.
Eine Bewegung ließ Helen aufmerken. Die Tür zum Arbeitszimmer schwang auf und ihr Vater trat in den Flur. Auch wenn er noch mit dem Rücken zu ihr stand und sie daher nicht sehen konnte, so war ihr klar, dass sie jetzt nur noch ein Wunder retten konnte. Ein Wunder namens Lucius Malfoy…
Begriffe:- insolent: dreist, frech
- infantil: zurückgeblieben (geistig)
