Kapitel 03
Gepackt von den gierigen Händen der Dunkelheit, saß er auf dem Boden. Sein Rücken lehnte an der Wand. Sein Kinn ruhte auf seiner Brust. Schlaf war es, nach dem es ihn verlangte, doch dieser wurde ihm verwehrt. Wie ein Uhrwerk ratterte sein Verstand. Spielte immer und immer wieder die gleichen Szenarien ab. Zeigte ihm wie Schlaglichter einzelne Bilder. Gesichter bis er ihre imaginäre Anwesenheit nicht mehr ertragen konnte. Mit einem Aufschrei schlug er sich mit den Fäusten gegen die Stirn. Versuchte sich zu verletzten, versuchte seinen Verstand zu klären, doch die Bilder in seinem Innern ließen sich nicht vertreiben. Ergebend senkte er seine Hände, umschloss seine Knie und starrte in die Dunkelheit, welche seit vielen Wintern, sein ständiger Begleiter war. Schwach erinnerte er sich an das Licht. Erinnerte sich, an das Leuchten, dass ihn für wenige Augenblicke seines langen Lebens erwärmte. Erinnerte sich daran, dass es Menschen gab, die an das Gute in ihm glaubte, doch wenn die Dunkelheit um ihn herum schwand und das grelle Tageslicht, das Ausmaß seines Daseins offenbarte, zweifelte er an das Gute in ihm. Zweifelte er an allen Entscheidungen, die er je getroffen hatte.
Die Sonne erhob sich über das Land und kroch Stück für Stück über die Wand. Nicht mehr lange und die Finsternis der Nacht, würde dem Licht weichen. Langsam kamen die Strahlen voran. Zäh wie flüssiges Gold, zogen die Lichtstrahlen über den Boden. Gaben nur langsam das Steinmuster zu erkennen. Als wollte das Licht ihn noch einen Moment bewahren. Ein Arm tauchte in das Licht, ein Bein folgte. Immer weiter durchfluteten die Strahlen den steinigen Boden, umspülten den dort liegenden Körper mit ihren Glanz und gaben seine ganze Gestalt preis.
Rumpelstilzchen Blick richtete sich auf den toten Körper des Jungen. Eingehüllt in seiner grünen Kluft, erschien es als ob er schliefe, doch der Dunkle wusste nur zu gut, dass dem nicht so war. Das Heben und Senken der Brust fehlte, das leise Klopfen, eines jungen Herzen.
Damals in Storybrook, hatte er den Entschluss gefasst ihn zu töten. Hatte mit seinem eigenem Leben abgeschlossen, doch irgendetwas ging schief, oder auch nicht. Als er erwachte, fand er sich wieder in der Welt, welcher er so sehr zu entfliehen versuchte. Peter Pan noch immer an seiner Seite, noch immer oder schon wieder lebendig. Rumple brauchte einige Gedankengänge um zu verstehen, dass der Fluch mit dem er die böse Königin gelockt hatte, auf andere Art gebrochen war, als damals mit Emma.
Es war, als wenn er nie ausgesprochen wurde. Das hatte sein erbärmliches Leben abermals bewahrt. Zurück in seiner alten Welt brauchte er keine Hand mehr an seinen Vater legen, keine Hand an den Jungen, der nie erwachsen werden wollte. Seine Zeit war abgelaufen und so wartete er einfach ab. Wartete und ließ die giftigen, verletzenden Worte, einer alten sterbenden Seele über sich ergehen. Vielleicht hatte sein Vater recht. Vielleicht waren sie gar nicht so verschieden. Sie hatten beide ihre Söhne verlassen, hatten sie beide enttäuscht und beide Söhne haben sich geweigert dem Vater zu vergeben. Vielleicht war es an der Zeit, dass er sich eingestand, dass er niemals Mr. Gold war. Dass er niemals bloß Rumpelstilzchen war. Nein er war noch immer der Dunkle.
Snow White zog sich ein langes weißen Nachthemd über und zog einen Kamm durch ihr kurzes Haar. Prince Charming knöpfte sein Schlafanzugoberteil zu und schlug die große Decke ihres Bettes zurück.
„Ich bin erledigt. Gab es eigentlich schon immer so viele Oger in diesem Reich?"
Snow lächelte ihren Prinzen an und zuckte mit ihren Schultern.
„Ab heute gibt es vier weniger in den Wäldern"
Das Lächeln auf ihrem Gesicht erreichte ihre Augen und zeigte eine Spur von Stolz. Sie stieg in das Bett, ließ David die Decke über sie beide ausbreiten und kuschelte sich in seine Arme.
„Wer hätte gedacht, dass es so anstrengend ist ein Reich zu führen."
David erwiderte das Lächeln
„Aber du machst das fantastisch", er küsste sachte ihre Stirn.
„Nein mach ich nicht. Ich wurde nicht zur Königin erzogen"
Doch wurde ich, doch die Erziehung endete mit dem Tod meiner Mutter
Die Gedanken der Prinzessin drifteten in ihre Kindheit. Sie sah ihre Mutter auf dem Totenbett. Spürte den schmerzlichen Verlust und zwang sich zurück ins hier und jetzt.
„Manches kann man nicht lernen. Dir ist das angeboren", sprach der Prinz und drückte ihr einen Kuss auf den Scheitel.
„Trotzdem würde ich das ganze Reich hergeben, nur um bei ihr zu sein"
„Snow", unterbrach er sie sanft. „Ich weiß sie fehlt dir. Und auch mir, aber wir dürfen uns nicht quälen."
„Als würdest du verlangen, dass ich aufhöre zu atmen", lächelte sie mit Bitterkeit in den Augen. „Ich weiß", seufzte David und streichelte über ihren Oberarm.
„Und Henry...",
„Ihm geht es gut Snow. Und ihr geht es gut. Du hast Regina gehört. Sie haben ein erfülltes Leben. Das ist alles was wir uns für sie immer gewünscht haben".
Snows Stimme brach, als sie ihm zustimmte. „Ja, das ist wahr." Er drückte sie zärtlich an sich und legte sein Kinn auf ihren Kopf. Sanft streichelten seine Hände weiter über ihre Arme, während er beruhigende Laute von sich gab. „Ich bin so froh, dass ich dich habe David", bekannte sie.
Und sie ist wieder allein. Da kam noch nie etwas gutes bei raus.
Ungewollt drängte sich eine weitere Sorge in ihren Verstand.
„Es tut weh, aber ich habe dich. Sie hat niemanden"
David hielt in seinen Bemühungen, seine Frau zu trösten inne und schenkte ihr einen fragenden Blick.
„Regina"
Für einen Moment schüttelte er seinen Kopf, als habe er sich verhört, doch noch ehe er nachhaken konnte, redete Snow weiter.
„Ich weiß genau wie sie sich fühlt. Ich weiß genau, wie ihr Herz, sei es auch noch so schwarz, wehtut. Aber im Gegensatz zu mir ist sie allein. Ihr ganzes Leben schon und wir beide wissen leider viel zu gut, was dabei raus kommt, wenn sie verletzt und einsam ist"
Die Prinzessin seufzte „Wir hätten sie nicht fortschicken dürfen. Wir haben es Henry versprochen, uns um sie zu kümmern"
„Snow, hör auf. Du hast, nein, wir haben das einzig richtige getan. Sie will nicht hier sein und vor den Toren haben sie ihren Kopf verlangt, nachdem sie wussten, dass sie niemanden mehr verhexen kann."
„Ich weiß, aber ich hätte mit ihr reisen sollen. Das wäre unsere Chance gewesen und ich habe sie einfach vertan" Traurig dachte sie an die Vergangenheit. Dachte an all die vertanen Chancen, all das böse Blut und doch war da etwas, das die beiden verband. Etwas, dass so seltsam es sich anfühlte, ein Familienband war. Snow konnte nicht aufhören an das Gute im Menschen zu glauben. In den letzten Momenten ihrer verfluchten Heimat hatte sie endlich das erleben dürfen, woran sie immer geglaubt hatte.
„Sie will allein sein, Snow. Sie wollte hier schon niemanden sehen, also ist der Sommerpalast genau das was sie will", ermutigte er seine Frau.
Falsch David. Sie wollte nie allein sein. Nie, sonst hätte sie niemals Henry gehabt.
Die Prinzessin verschwieg ihre Gedanken und antwortete stattdessen. „Wahrscheinlich hast du recht", sie drückte ihm einen Kuss auf die Lippen und fuhr fort. „Ich sollte wirklich aufhören über alles so viel nachzudenken" David nickte und zog sie an sich. Seine Lippen suchten den Weg zu den ihrigen und verschlossen sie, bevor sie weitersprechen konnten. Liebevoll erbat er mit der Spitze seiner Zunge Einlass in ihren Mund, welchen man ihm nicht verwehrte. Anfangs noch scheu und zärtlich, nährte Verlangen sein weiteres Handeln. Er wollte nicht über das Nachdenken, was er abermals verloren hatte. Wollte nicht länger überlegen, wie er dieses Königreich wieder aufbauen konnte und vor allem wollte er nicht länger miterleben, dass seine Frau sich selbst in den Wahnsinn trieb. Er drückte sie sanft in die Kissen. Rollte sich vorsichtig auf sie und rang mit ihrer Zunge. Ein leises aufseufzen entfleuchte ihr und dehnte sich in seinem Mund aus. Er wollte sie. Bestimmt raffte er ihr Nachthemd herauf, löste sich von ihrem Mund und versenkte seine Lippen an ihrem Hals.
Snow schloss die Augen. Genoss den Kuss und seine Berührungen. Seine Nähe, sein Gewicht auf ihr. Für den Moment wandelten sich ihre Gedanken. Der Schwermut, die trüben Was-wäre-wenns, verschwanden und ließen heißes Begehren zurück. Das Verlangen stieg wie ihre Atmung. Gleich würde sie ihn spüren, gleich würden all die Gedanken nichts weiter als ein Nebel sein. Gleich würde sie... plötzlich hämmerte es an der Tür. David löste sich erschrocken von seiner Frau und rollte von ihr hinunter. Die Prinzessin fuhr mit dem Oberkörper hoch und blickte zur Tür.
„Herein", rief sie, als die schwere Tür sich bereits öffnete. Zwei Wachen und Ruby betraten das Zimmer. Die großgewachsene Frau mit den schwarzen, langen Haaren blickte verstört auf die beiden. In ihren Augen spiegelte sich Angst wieder.
„Es tut mir Leid, aber... aber ich konnte nicht warten"
Die Prinzessin stieg aus dem Bett und ging auf ihre Freundin zu. Behutsam legte sie einen Arm um ihre Schulter und blickte fragend in das verängstigte Gesicht.
„Was ist passiert Ruby. Ist etwas mit Granny?" Red schüttelte ihren Kopf, schluckte einmal schwer und erstattete Bericht. „Ich war draußen im Wald. Es ist Vollmond. Und dort,"
„Ganz ruhig", Snow führte sie zu dem Stuhl, welcher vor ihrem Schminktisch stand und setzte die andere Frau auf diesen. Sie konnte David hinter sich spüren, der ebenfalls das Bett verlassen hatte. „Hier kann dir niemand etwas"
Ruby, nickte ein paar mal und atmete tief durch. Noch während sie ausatmete, rasselte sie ihre Geschichte hinunter. „Dort gibt es einen Hof. Ein Bauer lebt dort mit einer großen Familie. Manchmal streune ich dort herum, weil ich den Geruch dort mag. Heute konnte ich nichts riechen. Ich dachte sie seien fort, aber als ich durch das Fenster sah, waren alle da. Sie saßen am Tisch, doch niemand bewegte sich. Kein Atemzug war zu sehen, ich konnte auch keinen Herzschlag hören aber das schlimmste war, dass sie keinen Geruch hatten. Als wären sie zu Eis erstarrt."
Snow und Charming tauschten einen Blick. Der Prinz öffnete seine Lippen, doch seine Frau fuhr ihn an.
„Nein! Sprich es nicht aus, ihre Magie ist unterbunden und sie ist mittlerweile im Sommerpalast mit Hook und Tinker!" David schüttelte nur seinen Kopf und richtete das Wort an die Wachen. „Sattelt unsere Pferde und und sag deinen Männern, dass uns vier oder fünf von ihnen begleiten sollen"
Fragend blickte Snow ihren Gatten an. „Wir sehen uns das an. Ich bin bereit dir zu glauben, dass da keine Magie im Spiel ist, aber dann müssen wir schauen, was da los ist. Ruby, führe uns bitte dorthin."
Nach wenigen Minuten, in denen sie ihre Sachen gewechselt hatten, fanden sich alle auf Pferden wieder. Zusammen ritten sie durch die Nacht und folgten Rubys Weg. Wie ein schwarzer Schatten baute sich das Haus vor ihnen auf. Die Tiere des Hofes waren nicht zu hören. Nicht einmal die Grillen, die so typisch in der Nacht ihr musikalisches Spiel von sich gaben.
„Gebt gut acht, wir wissen nicht was hier passiert ist", warnte David und stieg von seinem Pferd ab. Die anderen folgten seinem Beispiel. Vorsichtig schritten sie durch den Vorgarten, schauten durch eines der Fenster und sahen genau das Bild, welches Ruby zuvor beschrieben hatte.
„Ich geh rein!",
„Ich komme mit", es war nutzlos mit Snow zu diskutieren und so sparte er seinen Atem, anstatt ihr zu antworten. Das Haus war still. Nichts zeugte von Leben. Snow fand eine Kerze und zündete sie an. Mit dieser in der Hand beschritten sie den Weg in die Küche. Dort an dem großen langen Tisch, saß ein älterer Herr, seine Frau und neun Kinder. Als hätte man die Zeit angehalten und sie schockgefroren, so wirkten die Gestalten. Die Prinzessin berührte eines der Kinder an der Hand.
„Hey" machte sie und erschrak vor der Kälte, die sie zu spüren bekam. „Das muss Magie sein", hörte sie den Prinzen sagen.
„Ahhhhh", ein Aufschrei forderte alle Aufmerksamkeit. Das Ehepaar blickte zu Ruby, die vor der Frau des Bauern stand und ihren Mund im Entsetzen geöffnet hatte. David und Snow folgten ihren Blick und erschraken ebenfalls. „Das war vorhin noch nicht." Erklärte Red und schluckte hart. „Sie versteinern" Aus Snow Whites Auge löste sich eine Träne
Nein, nein, nein
Sie konnte nicht leugnen, dass Magie im Spiel war. Fieberhaft suchte sie nach einer Erklärung, nach einem Täter, bevor David erneut den Namen aussprechen würde, welchen sie nicht hören wollte.
„Ich kenne ihn", Charmings Stimme klang überrascht und kippte im nächsten Moment zu einer Mischung aus Verachtung und Enttäuschung.
„Er kam täglich ins Schloss und verlangte nach Reginas Kopf. Er hat sogar versucht einen Aufstand anzuzetteln"
„Nein, David. Das kann nicht sein!" Snow weigerte sich seiner Schlussfolgerung glauben zu schenken.
„Snow, David hat recht. Wenn es ein Gesicht gab, das für Reginas Todesstrafe stand, dann seines" Die Prinzessin schüttelte den Kopf und wandte sich von dem Anblick der allmählich versteinerten Tafel ab. „Nein. Sie ist im Sommerpalast. Hook und Tinker Bell sind bei ihr und sie trägt die Manschette. Sie kann es nicht gewesen sein."
Darf es nicht gewesen sein
Tränen schossen in ihre Augen. Ihre Schritte halten laut durch die Dunkelheit, als sie aus dem Haus hinaus stürmte. David setzte ihr nach. Verringerte den Abstand. Holte sie ein. Seine Hand packte nach ihrem Arm, um sie aufzuhalten.
„Es gibt keine andere Möglichkeiten. Das hier ist Magie und die einzigen von denen wir wissen, dass sie zu so etwas in der Lage sind, sind Rumpelstilzchen, Cora und Regina. Und ich muss dich nicht daran erinnern, dass der Dunkle und auch Cora tot sind." Snow ließ sich aufhalten und hielt inne. Mit tränentrüben Blick schaute sie ihren Mann an.
„Ich weiß, dass es nicht viele Möglichkeiten gibt, aber ich weigere mich daran zu glauben, dass sie es war. Ich weigere mich so lange, dass zu akzeptieren, bis ich einen Beweis habe. Denn, wenn es stimmt, dass sie es war. Wenn es stimmt, dass sie sich ihrem Schmerz und ihren Hass wieder hingegeben hat, dann liegt es an mir es zu beenden. Und ich werde ihren Kopf nicht mehr retten können und wenn ich ihren Kopf nicht retten kann, dann habe ich versagt. Hörst du Charming. Dann habe ich bei meinem Enkelsohn versagt, der mich nur darum gebeten hat, auf seine Mutter aufzupassen und damit will und kann ich nicht leben"
Sollte ich ihn jemals wiedersehen, will ich ihm nicht als die Mörderin seiner Mutter unter die Augen treten
David lauschte ihrem Ausbruch, las in ihrem verzweifelten Gesicht und tat einen Schritt auf sie zu.
„Okay", er zog sie in seine Arme und hielt sie fest. „Ich weiß nicht wie wir das anstellen, aber wir werden herausfinden wer es war und so lange wir nichts wissen, werde ich sie nicht mehr beschuldigen"
„Danke"
Der Prinz schaute hilfesuchend zu Ruby, die das Schauspiel stumm verfolgte. Sie schenkte ihm ein ernüchterndes Lächeln und hoffte, dass er Snow einen anderen Täter, als die Böse Königin präsentieren konnte.
Der Dunkle saß noch immer bei der Leiche seines Vaters. Hielt Wache, gab ihm eine letzte nicht verdiente Ehre. Sein Blick auf den leblosen Körper gerichtet, sah er nicht Peter. Sah er nicht die Person, die alles durcheinander gebracht hatte, sondern eine Bauernfamilie. Sah die verstummten Gesichter, deren Ausdruck sich langsam in Stein verwandelte. Er kam nicht drumherum zu lächeln. Ein cleverer Schachzug, das musste er sich eingestehen.
