Auch drei Wochen nach meiner letzten Begegnung mit Malfoy schäumte ich noch vor Wut, wenn ich auch nur an seinen Namen dachte. Und leider musste ich viel zu oft über ihn nachdenken. Ich konnte einfach nicht verstehen, warum er das gemacht hatte. Er liebte mich nicht und wenn man jemanden nicht liebte, dann küsste man ihn doch auch nicht einfach so, oder? Vielleicht war es wieder mal einer von seinen Plänen, der mich systematisch in den Wahnsinn treiben sollte. Jedenfalls sollte er es besser nicht mehr wagen hier oder sonstwo aufzutauchen, wo ich mich befinden könnte. Ich wüsste nicht, was ich dann mit ihm gemacht hätte.
Es klingelte. Wenn es der war, den ich vermutete, dann konnte er sich auf etwas gefasst machen.
Es klingelte wieder. Er musste es sein, sonst gab es niemanden, der wusste, wo ich wohnte...und Freunde hatte ich schließlich nicht.
Beim dritten Klingeln riss ich die Tür auf. Was glaubst du eigentlich, was du hier tust! Hab ich dir nicht gesagt, du sollst dich nie wieder bei mir blicken lassen! begann ich zu schreien, noch bevor mein Gegenüber die Gelegenheit hatte etwas zu sagen.
Harry? Seit wann waren wir denn beim Vornamen? Verwirrt blickte ich auf die Person vor mir. Ich sah direkt in zwei fragend blickende braune Augen. Das Gesicht, zu dem die Augen gehörten, war mir mehr als bekannt.
Harry, darf ich reinkommen? fragte Hermine sanft und lächelte mich freundlich, aber bestimmt, an.
Sprachlos winkte ich sie herein. Was tat sie hier? Und woher wusste sie, dass ich hier wohnte?
Kopfschüttelnd folgte ich ihr in mein Wohnzimmer, wenn man es denn als solches bezeichnen konnte, denn es hatte sich noch immer nichts an meiner Innenausstattung geändert. Ein schäbiges graues Sofa, das einen neuen Überzug gebrauchen konnte, ein fleckiger quadratischer Tisch und zwei alte Ledersessel, die ebenfalls ihre besten Tage schon gesehen hatten. Die Glühbirne hing ohne Lampenschirm nackt von der Decke herunter. All das erblickte Hermine in diesem Moment und ich wusste, dass sie erschrocken war, auch wenn sie versuchte, dass ihre Gesichtszüge ihr nicht entglitten.
brachte sie jetzt stockend hervor. Was ist nur mit dir passiert?
Willst du auch eine Tasse Kaffee? fragte ich zusammenhanglos und ohne auf ihre Frage einzugehen. Ich wartete ihre Antwort nicht ab und ging in die Küche. Als ich mit zwei Tassen voll dampfendem Kaffee zurückkehrte, blickte mich Hermine genauso an, wie ich sie verlassen hatte.
Ich stellte die Tassen ab und ließ mich auf dem Sofa sinken. Setz dich doch.
Seufzend ließ sie sich auf einem der beiden Sessel nieder und blickte mich wieder forschend an. Du brauchst nichts vor mir zu verbergen...Malfoy hat mir alles erzählt...
ER HAT WAS? platzte ich heraus und meine Tasse landete klirrend auf dem Boden. Eine Kaffeepfütze breitete sich zu meinen Füßen aus. Während Hermine die Sauerei mit einem kleinen Zauberspruch beseitigte, schloss ich die Augen, verbarg mein Gesicht in den Händen und atmete kurz durch.
Meine Güte, Harry, das ist nun wirklich nichts, wofür du dich schämen musst... erklärte die junge Frau ruhig und ließ sich wieder nieder.
Ich glaubte, nicht mehr richtig zu hören. Waren denn plötzlich alle Menschen verrückt geworden? Ich sprang auf und lief unruhig auf dem nackten Fußboden auf und ab.
Ach, wirklich? Findest du es nicht beschämend, dass der Junge, der lebt, seinen Körper an jeden verkauft, der ihn haben will? Bist du dir da wirklich sicher, Hermine? fragte ich und blickte aus dem Fenster.
Wovon redest du Harry?
Findest du nicht, ich sollte mich dafür schämen es mit Malfoy getrieben zu haben, nur damit ich die Wohnungsmiete bezahlen kann?
Harry! Das ist...das...wusste ich nicht... Hermine blickte in ihre halbleere Kaffeetasse. Draco hat mir erzählt du würdest dich mit irgendwelchen Handlangerdiensten durchschlagen.
Seit wann nennst du ihn beim Vornamen? meine Stimme klang noch immer aufgewühlt, auf Grund meines Ausbruchs gerade eben.
Anstatt einer Antwort, begann sie in ihrer kleinen Handtasche zu kramen, bis sie eine weiße Karte herauszog und sie mir wortlos reichte.
Ich blickte auf die schwarzen Buchstaben.
Special Agent
Hermine Granger
Geheimdienst im Auftrag des Ministeriums für Zauberei
Abteilung für Dechiffrierung und Archiv
Dumbledore hat mich für diesen Fall extra in das Sonderkomitee beordert. Eine Menge von unseren alten Freunden ist ebenfalls an der Sache mit Talbrigt dran.
Meine Güte, was leitet Dumbledore eigentlich nicht? warf ich ein. Und warum ist es erforderlich mich aufzuspüren? Ich will nichts mehr mit der ganzen Scheiße zu tun haben!
Du bist ohne Zweifel der mächtigste Zauberer, wir brauchen dich. Weißt du eigentlich wie viele Todesser sich in der Muggelwelt tarnen? Selbst dein Nachbar könnte einer sein!
Dann hätte er mich längst kalt gemacht. erklärte ich kühl. Es gibt noch etwas, das euch Draco anscheinend verschwiegen hat. Ich arbeite für Talbrigt, in der Muggelwelt versteht sich. Und solange er mich nicht erkennt, werde ich das auch weiterhin tun.
Du glaubst wirklich Talbrigt ist so dumm? Das ist ein zu großes Risiko, er wird dich töten. Hermine blickte mich verzweifelt aus ihren braunen Augen an.
Vielleicht ist es ja das was ich eigentlich will...
Harry, das kann doch wohl nicht dein Ernst sein... erklärte die junge Frau stockend und schüttelte den Kopf. Ich erkenn' dich gar nicht mehr wieder...
Ich glaube das liegt daran, dass du mich noch nie wirklich gekannt hast, Hermine. sagte ich leise.
Drei Wochen. Drei verdammte Wochen. Warum ging er mir nicht endlich aus dem Kopf? Warum spielte sich seit Tagen immer wieder dieselbe Szene in meinem Kopf ab? Ich wünschte, ich hätte es nicht getan. Ich konnte mich selbst nicht mehr verstehen. Er hatte es doch selbst provoziert, er war doch selbst schuld...Er hatte einfach etwas an sich, das ich besitzen wollte. Alles an ihm. Seinen perfekten Körper, seine grünen Augen...er machte mich verrückt. Nur ein Gedanke an Potter brachte mein Herz zum Schlagen. Liebe, meint ihr? Ihr meint wirklich, es war Liebe? Nein, ich glaube nicht. Es war sein Körper der mich anzog. Allein die erotische Ausstrahlung, die er auf mich hatte, bewirkte all das. Ich wusste, er würde früher oder später hier auftauchen. Es war jetzt knapp zwei Wochen her, dass ich dem Sonderkomitee verkündet hatte, ich hätte den Aufenthaltsort Potters gefunden hatte. Es war nur eine Frage der Zeit, bis irgendjemand bei Potter auf einen Kaffee vorbeikommen würde. Klar war es nicht fair von mir, mein Versprechen zu brechen, aber war ich schon jemals fair gewesen? Ich meine, ich war immer noch ein Malfoy, was erwartet ihr? Und noch dazu hatte ich ein so großes Verlangen nach ihm...es war doch klar, dass ich nicht einfach wieder an der Straße auftauchen konnte. Ich glaube Potter hätte mir ohne auch nur zu zögern den Todesfluch auf den Hals gehetzt. Ich musste mir eben etwas Besseres einfallen lassen...
Es wäre besser, wenn du mir ganz schnell eine Erklärung für all das geben könntest...
Ich drehte mich herum. Und ratet mal, wer da mit erhobenem Zauberstab und sehr mordlustiger Miene vor mir stand? Genau. Potter. Oh, er war einfach so furchtbar berechenbar. Nicht ohne Grund hatte ich den Schutzfluch für meine Wohnung heute außer Kraft gesetzt, so dass man problemlos in mein Wohnzimmer apparieren konnte.
Sei vernünftig, ja? Der spöttische Unterton in meiner Stimme war unüberhörbar. Wenn du mich umbringst, landest du in Askaban und das wollen wir doch nicht, oder?
Halt die Klappe, Malfoy! zischte der Schwarzhaarige und blickte mich bedrohlich an. Ich bin sicher in Askaban ist es gemütlicher, als mit dir in einem Zimmer zu sein...
Komisch, dass du dann hier bist, oder? Hast du mich etwa vermisst? Ein Grinsen schlich sich in mein Gesicht.
Schnauze, oder ich vergesse mich! Oh ja, Potter war wirklich sehr sauer. Das machte die ganze Sache irgendwie noch interessanter...es war wie früher in der Schule...als wäre die Zeit zurückgedreht worden.Du hast dich wirklich kein Stück verändert, Malfoy...
Warum sollte ich? Ich habe immer das bekommen, was ich wollte, darauf kommt es schließlich an. Sieh dich doch mal an...du hast die Welt gerettet, Mann! Und trotzdem bist du hast du keine Freunde, musst sonstwas machen, um die Miete für deine Wohnung zu bezahlen und obwohl du noch so jung bist, bist du innerlich schon lange gestorben...egal was für ein großer Held du bist, am Ende sind doch immer die Guten die Verlierer!
Jetzt war er stumm. Was sollte er auch sagen? Ich hatte doch recht.
Potter sah aus, als wollte er sich gleich auf mich stürzen, aber von einem Moment auf den anderen veränderte sich sein Gesichtsausdruck. Ich hatte wohl einen wunden Punkt getroffen, denn er ließ den Zauberstab zu Boden fallen und plötzlich brach er in Tränen aus. Und ich stand da und blickte auf ihn herunter. Ich hatte gewonnen, wie immer.
Aber ich fühlte nicht wie sonst ein Triumphgefühl..es war nicht gerade schwer jemanden, der schon am Boden liegt, noch einmal einen Fußtritt zu versetzen. Es war keine Herausforderung mehr mit ihm zu streiten.
Ich wollte das alles doch gar nicht! Niemand hat mich je gefragt, ob ich der Retter der Zaubererwelt sein will! Ich hab mir das nicht ausgesucht, sie haben es mir doch aufgezwungen. Ich hätte mich lieber weiterhin von Dudley verprügeln lassen, anstatt all das mit anzusehen, was ich sehen musste! Er kam auf mich zu und griff mich am Hemdkragen. Du musstest nie mit ansehen, wie alle Menschen, die du je geliebt hast, sterben mussten. Du musstest nie jemanden töten...also erzähl mir nicht, wie es mir geht, du hast nicht den leisesten Schimmer davon, wie es in mir aussieht!
Es interessiert mich auch nicht, Potter. erwiderte ich kühl. Es interessiert mich auch nicht im Geringsten.
Alles was ich noch wahrnahm, war sein Atem. Sein Atem auf meiner Haut. Und seine grünen Augen, umrahmt von dunklen Wimpern, in denen noch Tränen glitzerten. Und sein Mund, der noch vor Wut zitterte...
Ich konnte nicht mehr...ich wollte nicht mehr warten...Blitzschnell griff ich nach Potters Handgelenken und machte sie von meinem Hemd los. Er ließ sich ohne sich zu wehren von mir aufs Sofa drängen. Schauer liefen meinen Rücken herunter, als ich halb über ihm lag und seinen Duft auf mich einströmen ließ. Meine Hände zitterten vor Erregung, als ich eine Hand unter sein T-Shirt wandern ließ. Potter zuckte zusammen und er blickte mich mit weit aufgerissenen Augen an. Er hatte Angst. Das erste Mal seit langem blickte er mich nicht voller Hass oder Verachtung an, er hatte einfach nur Angst. Potter war wirklich nur noch ein Schatten seiner selbst und nie war es mir bewusster als in diesem Moment. Die grünen Augen, die mich verschreckt anstarrten, weckten ein Gefühl in mir, das ich mir nicht erklären konnte, aber irgendwie brachte es mich dazu, Potter in den Arm zu nehmen. Ohne Hintergedanken.
Ich dachte ich müsste sterben, ich wusste, dass er in dieser Nacht alles mit mir hätte machen können. Alles. Und ich hätte mich nicht einmal gewehrt. Aber Malfoy tat es nicht. Mit einer Leichtigkeit, die man ihm niemal zugetraut hätte, trug er mich auf sein Bett, deckte mich zu und sagte, ich solle mir keine Sorgen machen, sondern erstmal schlafen. Es war, als wäre ein Wunder geschehen und ich schlief mit einem Lächeln auf dem Gesicht ein.
Erst am nächsten Morgen, als ich wieder klar im Kopf war, realisierte ich, dass ich mich vor Malfoy gedemütigt hatte. Dass er jetzt erst recht auf mir herumhacken würde.
Guten Morgen, wie willst du deinen Kaffee? Seine Stimme schreckte mich aus meinen Gedanken auf.
Schwarz mit viel Zucker. sagte ich.
Und schon war er wieder verschwunden.
Such dir ein paar Sachen aus meinem Schrank heraus, wir müssten fast dieselbe Größe haben. hörte ich Malfoy aus der Küche. Wenn du fertig bist können wir frühstücken.
Ich war noch immer perplex, als wir gemeinsam am Tisch saßen und ich an meinem Kaffee nippte, während mein Gegenüber herzhaft in ein Marmeladenbrötchen biss. Diese Situation war so unwirklich, dass ich glaubte zu träumen. Nach allem, was gestern und die Wochen davor zwischen uns gewesen war, saßen wir wie eine glückliche Familie am Küchentisch. Es war nicht zu begreifen. Und irgendwie war es auch schön.
Und? Machst du jetzt mit? Ich meine, jetzt wo sowieso alle wissen, dass du noch am Leben bist? Es klang wie eine Frage, die Malfoy einfach nur so nebenbei stellte, aber eigentlich wusste ich, dass es pure Berechnung war, mich gerade in dieser gemütlichen friedlichen Stimmung zu fragen. Denn in so einer Stimmung will doch eigentlich niemand gestört werden, also der beste Moment, um Fragen zu stellen, die man durch Zustimmung schnell abwürgen kann.
Ich runzelte die Stirn, als ich seinen Plan durchschaute, aber wahrscheinlich hätte ich in jeder Stimmung gesagt. Schon seit längerem regte sich bei mir immer wieder der Gedanke, einfach in die Zaubererwelt zurückzukehren. Ich wollte diesen Job nicht mehr machen, wollte wieder mir selbst gehören. Also nickte ich und nahm wieder einen Schluck Kaffee.
Aber eine Bedingung habe ich... Ich sah Malfoy direkt in die Augen. Da wir ja nun gewissermaßen Partner sind, kann ich dich als Kunde nicht mehr akzeptieren. Du solltest dich lieber voll auf deine Aufgabe konzentrieren...
Beinahe hätte ich beim entgeisterten Blick des Blonden laut losgelacht, aber ich beließ es bei einem Grinsen.
antwortete er schnell. Hauptsache Dumbledore ist zufrieden und ich krieg meinen Bonus. Er versuchte also wieder einmal cool zu spielen, aber ich wusste, dass er mit dieser Abmachung nicht ganz zufrieden war. Aber das eines klar ist, ich bin hier der Boss, sonst niemand!
Das herzliche Lachen Potters in meinen Ohren klang noch nach, als er nach Hause apparierte. Und es tat gut, dass ich der Grund für sein Lachen und seine gute Laune war. Überhaupt, ich hatte eine gute Tat vollbracht und konnte stolz auf mich sein.
Aus einem inneren Drang heraus fing ich an zu pfeifen und als ich irritiert damit aufhörte, musste ich beinahe selbst über mich lachen. Ich hatte auch einen guten Grund für meine gute Laune: Wenn ich nun viel Zeit mit Potter verbrachte, würde er schon von selbst herausfinden, was er für Qualitäten hatte und genügend Gelegenheit haben, sich ihm freiwillig hinzugeben.
Guter Plan! Ich klopfte mir in Gedanken selbst auf die Schulter und begann wieder zu pfeifen.
