Aussichtslose Unterfangen

(Kapitel 3)

Once I know who I'm not

then I'll know who I am

but I know I won't keep on playing the victim.

( Alanis Morissette – Precious Illusions)

Erschöpft ließ sich Bellatrix auf der bequemen, schwarzen Ledercouch neben Severus nieder. Dieser starrte weiter regungslos in den Kamin ohne die Person neben ihm zu registrieren.

Der Aufenthaltsraum der Slytherins war ganz nach Bellas Geschmack.

Durch die verglaste Kuppel der Decke des Raumes schien tagsüber das blaugrüne Licht des großen Sees und Abends wurde die außergewöhnliche Decke von den Beleuchtungsmöglichkeiten des Raumes entsprechend in Szene gesetzt. Kerzen, Fackeln, das Mobiliar und die nackten Steinwände des Kerkers verliehen dem, in dunkelgrünen, silbernen und schwarzen Farbtönen gehaltenen, Raum eine düstere und furchteinflössende Atmosphäre, was dem größten Teil der Slytherinschüler nicht unangenehm war, so auch Bellatrix nicht.

Für die junge Hexe gab es kaum einen anderen Raum im Schloss, in welchem sie sich wohler fühlte. Im Grunde genommen, gab es lediglich nur noch einen Raum in dem sie sich noch lieber aufhielt und das war der Raum der Wünsche. Nicht Viele wussten von seiner Existenz und noch weniger waren in der Lage ihn zu finden oder ihn erscheinen zu lassen.

„Hey" begann Bellatrix, „alles in Ordnung? Was haben Lupin und Anhang dieses Mal angestellt?"

Noch immer keine Reaktion von dem jungen Zauberer.

„Mann, ich sag dir, egal was es war, das werden die noch büßen. Ich lass mir noch was einfallen" schwor die Schwarzhaarige.

Als die Stille sich ins Unerträgliche steigerte, wurde die Schülerin langsam ungeduldig. Sie stand auf und kniete sich vor ihren Freund auf den Boden, damit sie ihm in die Augen blicken konnte.

„Sev, verdammt nochmal, sag doch was" bemühte sich Bellatrix die Aufmerksamkeit ihres Mitschülers zu erlangen.

Severus versuchte ihren dunklen fragenden Augen auszuweichen, aber Bellatrix kam ihm zuvor, sachte hob sie sein Kinn an und blickte in das zutiefst gekränkte Gesicht ihres Kumpels, war ihr einen kleinen Stich versetzte.

In aller Regel war Severus Snape gegen Flutwellen von Gefühlen jedweder Art gefeit. Er war immer derjenige, welcher mit seiner kühlen, analytischen, emotionslosen Art und Weise die Gefühlswelt hinter einer sicheren Mauer verbarrikadierte. Doch allem Anschein nach war er nun, aufgrund der erneuten Demütigung durch die Gryffindorbande, an seine Grenzen gelangt. Seine mentale Mauer begann zu bröckeln und nun kämpfte er verbissen um seine Fassung.

„Bella" erklang seine leise heisere Stimme, er musste kurz mehrmals schwer schlucken, schloss die Augen und fuhr dann fort: „Könntest du mich bitte in Ruhe lassen, ich will jetzt nicht darüber sprechen."

Die Slytherin nickte kurz, während sie aufstand drückte sie Severus noch einen kurzen Kuss auf die Stirn und verließ den Raum in Richtung der Mädchenschlafräume. Bellatrix wusste, dass sie der Bitte ihres Mitschülers nachkommen sollte. In diesem Zustand würde ihr Severus ohnehin nichts erzählen.

Kurz bevor Bellatrix den Schlafraum erreichen konnte wurde sie von einem kräftigen Arm, welcher sich von hinten um ihren zierlichen Hals legte, aufgehalten.

„Wen haben wir denn hier, die kleine Black, schleicht zur später Stunde noch um die Ecken. Hhmm…du solltest wirklich etwas vorsichtiger sein, wer weiß was dir sonst passieren könnte" flüsterte ihr eine Stimme ins Ohr.

Im Korridor schien lediglich spärliches Licht so, dass Bellatrix nicht viel sehen konnte, sie war daher im ersten Moment mehr als erschrocken und versuchte sich von der würgenden Klammer um ihren Hals zu befreien. Die Stimme gehörte einem Slytherinschüler, den sie nur zu gut kannte. Es war niemand anderes als Lucius Malfoy.

Entgegen aller Vermutungen der Schüler Hogwarts, konnte sie Malfoy leiden wie Durchfall. Er war ein verachtenswürdiger Mensch. Ein Parasit, der sich in der Gruppe von Slytherins eingenistet hatte, welcher sie angehörte. Ein typischer Mitläufer der immer und überall seine stark ausgeprägte Arroganz zur Schau stellte. Sein schleimiges Gehabe widerte Bellatrix genauso an wie die Tatsache, dass sie durch ihre Unachtsamkeit, diesem Typ die Gelegenheit gegeben hatte, so nahe an sie heranzutreten.

Im selben Moment bemerkte sie, leider zu spät, dass er ihr den Zauberstab aus der dafür vorgesehenen Halterung am Gürtel entzogen hatte.

„Lucius, nimm sofort deine Hände von mir. Hast du mich verstanden!" giftete Bellatrix.

„Na, na Bella, wer wird denn gleich zickig werden" antwortete Malfoy.

„-TRIX. Für dich immer noch BELLATRIX" zischte die Schwarzhaarige gefährlich.

In diesem Moment wurde sie auch schon hart gegen die Wand gestoßen und spürte ihren eigenen Zauberstab an ihrem Hals, der sich schmerzhaft in ihre Kehle bohrte.

„Hhmm… du weißt warum ich hier bin nicht wahr?" sprach Lucius mit honigsüßer Stimme. Er trat noch ein Stück näher auf sie zu, so dass sie seinen Atem auf ihrem Gesichte spüren konnte. Natürlich hätte sie jetzt schreien und die anderen Mitschüler wecken können, aber das wäre viel zu untypisch für sie und zudem unter ihrem Niveau. Bellatrix Black bat niemanden um Hilfe. Meistens zumindest. Das wusste auch ihr Gegenüber. Ein dreckiges Grinsen breitete sich auf dem Gesicht des blonden Slytherins aus.

Bellatrix fasste mit beiden Händen um Malfoys Hand, in welcher er ihren Zauberstab hielt. Ihre Fingernägel bohrten sich in das Fleisch seines Handgelenkes.

„Aua, zum Teufel nochmal, du kleines Biest", fluchte Lucius. Er packte eine der Hände, welche sich mit den Fingernägeln in sein Handgelenk verkrallt hatte und verdrehte diese, so sehr dass sich Bellatrix unfreiwillig mit drehte und sich mit der Wange an der kalten Steinwand wieder fand. Tränen stiegen ihr in die Augen, vielleicht vor Schmerz, vielleicht vor Zorn, sie wusste es selbst nicht genau. Sie biss sich vehement auf die Lippen, damit sie nicht laut aufschreien musste.

„Malfoy, du Scheißkerl, lass mich los, sonst…"presste Bellatrix wütend hervor und versuchte ihm zu drohen, was ihr misslang als Lucius dies durch ein weiteres Drehen ihres Handgelenkes unterband. Man hört ein leichtes Knacken und der Hexe rannen die Tränen über ihre Wangen. Das war zuviel, unter der Last des Schmerzes stöhnte sie kurz auf.

„Sieh mal" kam es wieder von Malfoy, „das muss doch nicht sein, dass ich dir hier die Gelenke brechen muss damit du dich in deinen zukünftigen Pflichten üben kannst. Sei einfach ein anständiges Mädchen und wir können uns das Ganze hier sparen. Früher oder später wird es ohnehin darauf hinauslaufen. Unsere lieben Eltern haben dies so vereinbart. Ich kann nicht sagen, dass mich das sonderlich stört, im Gegenteil. Ich finde die Vorstellung äußerst erfreulich und erregend mit dir in ein paar Jahren TÄGLICH Tisch und vor allem das BETT zu teilen. Aus der Sache kommst du nicht mehr raus, Süße. Und so schlimm ist es nun auch wieder nicht, immerhin bin ich ein gutaussehender Kerl."

Bellatrix war kurz davor sich zu übergeben, dieses Bedürfnis verstärkte sich, als sie Lucius' Lippen auf ihrem Hals spürte. Seine freie Hand wanderte ihren Körper hinunter bis hin zu ihren Oberschenkeln, in der jungen Hexe kochte die Wut. Sie war in einer ziemlich misslichen Lage, keinen Zauberstab zur Hand und bewegen konnte sie sich ebenfalls nicht, dies war ihr aufgrund der eingeengten Position an der Wand nicht möglich, zumal der höllische Schmerz, welcher von ihrem Handgelenk ausging jedwede Bewegung unterband.

„Mhmm…ich hatte mal ein Pferd, ein bildschönes und temperamentvolles Tier, aber eigenwillig und stur, sein Wille musst auch erst gebrochen werden." setzte Malfoy gehässig hinterher.

„NIE im Leben werde ich dich heiraten, Lucius Malfoy. Merk dir das. Egal was unsere Eltern ausgehandelt haben. Eher gefriert die Hölle. Nur, damit du mich Recht verstehst, ich werde nicht mit einer feigen, erbärmlichen Kakerlake wie dir, mein restliches Leben verbringen. Ach, wo wir dabei sind, möchte ich nur mal klarstellen, dass ich nicht auf Typen stehen, welche das Haar länger tragen, als ich es tue und dann auch noch aussehen wie ein gelecktes Frettchen. Und jetzt lass mich LOS!" platzte es wütend aus Bellatrix heraus.

Noch bevor Lucius auf diese Beleidigungen reagieren konnte, hörte man herannahende Schritte auf der Treppe. Fluchend ließ Malfoy von Bellatrix ab und warf ihr wütend den Zauberstab vor die Füße. Schnellstmöglich rannte er zur anderen Tür, welche ins Badezimmer der Mädchen führte um sich dort zu verstecken.

Bellatrix versuchte sich zu beruhigen. Der Gedanke daran, dass sich Malfoy feige im Mädchenbadezimmer versteckte, ließ sie ein wenig lächeln. Doch ihr Handgelenk schmerzte entsetzlich, was dazu führte, dass dieses Lächeln genauso schnell wieder verschwand, wie es auf ihrem blassen Gesicht erschienen war. Als sie sich bückte um ihren Zauberstab aufzuheben, bemerkte sie erst die Person, welche die Treppe hinaufgekommen war.

Vor ihr stand Severus Snape.

„Was ist dir denn passiert?" fragte dieser besorgt, als er bemerkte, dass Bellatrix geweint hatte.

Peinlich berührt wischte sich die Angesprochene über die Wangen.

„Ach nichts, ich … ähm … naja … nichts. Es ist gar nichts" erklang eine leise zittrige Stimme, die so gar nicht zu Bellatrix Black passen wollte.

„Und dein Handgelenk? Das ist wohl auch nichts, oder wie?" hinterfragte Severus mit einem sanften Timbre in der Stimme.

Ihm war aufgefallen, dass die junge Hexe am ganzen Körper stark zitterte, was diese natürlich so gut wie nur möglich zu verhindern versuchte, ihr allerdings misslang. Eines ihrer Handgelenke war dunkelrot und angeschwollen.

Der Slytherin würdigte dieses Schauspiel mit dem Hochziehen seiner rechten Augenbraue, zog dann seinen Zauberstab, richtete diesen auf Bellatrix' Handgelenk, bevor diese noch irgendwelche Einwände vorbringen konnte und murmelte etwas vor sich hin. Ein hellblauer Lichtstrahl entsprang dem Zauberstab und nach einigen Sekunden wechselte die Farbe in Rot.

„Bellatrix Black, du bist wirklich eine verdammt schlecht Lügnerin. Dein Handgelenk ist gebrochen. Ich nehme an, es schmerzt überhaupt nicht. Es ist ja NICHTS." stellte der junge Zauberer fest und der Sarkasmus in seiner Stimme war nicht zu überhören.

Wieder richtete er seinen Zauberstab auf das Handgelenk.

„Ferula" nuschelte Snape.

Schon war der Bruch behoben. Für einen kurzen Augenblick sahen sich beide an, dann verschwand Severus Richtung der Jungenschlafräume.

„Danke" flüsterte Bellatrix. Aber das hörte Severus bereits nicht mehr.

Die Schwarzhaarige war nun wieder alleine im Flur, sie packte ihre Zauberstab feste in ihre Hand und wollte eigentlich diesem Widerling Malfoy hinter hersetzen, doch kurz bevor sie die Tür zum Badezimmer der Mädchen erreicht hatte, hielt sie inne.

Sie wollte diesen schmierigen Aal im Moment nicht sehen und doch schrie ihr Unterbewusstsein nach Rache. Dennoch besann Bellatrix sich, sie würde ihm diese Demütigung noch heimzahlen, soviel stand fest, aber nicht an diesen Tag.

Müde und erschöpft schlich sie in den Schlafraum der Mädchen der 6. Jahrgangsstufe. Leise kleidete sie sich um, damit sie niemanden weckte und kletterte in ihr Himmelbett mit der typischen Slytheringarnitur in Grün und Silbern.

Trotz ihrer Müdigkeit, gelang es der jungen Frau nicht sofort einzuschlafen. Ihr gingen so viele Gedanken durch den Kopf. Über den Vorfall mit Lucius, die Heirat mit diesem Ekel, wie sie diese bloß am besten verhindern könnte. Pläne für ihre Rache an Lucius. Bellatrix wurde bewusst, dass sie in einer verzwickten Situation steckte, wo sie nicht so schnell herauskommen würde. Ihre Eltern hatte sie von Anfang an gebeten, dass sie Malfoy nicht heiraten musste. Doch seit ihre älteste Schwester Andromeda ihre Familie und deren Ideale verraten hatte, indem sie sich mit diesem Ted Tonks eingelassen hatte, einem Schlammblut, war mit ihren Eltern nicht mehr zu reden. Noch nicht einmal mit ihrem Vater, der normalerweise, ihr jeden Wunsch von den Lippen ablas. Zu groß waren Enttäuschung und der Hass gewesen, den die Eltern nun gegen Andromeda hegten. Ihre große Schwester existierte seit dem Moment für Cygnus und Druella Black nicht mehr, als diese ihren Verrat gestanden hatte.

Die Folge war ganz klar, Andromeda war weg, also wurden alle Verpflichtungen und Erwartungen in Bellatrix gesteckt, welche nun den Platz der Erstgeborenen einnehmen musste. Damit niemand weiter Schande über die Familie bringen konnte, wurde ihr sodann mitgeteilt, dass man Bellatrix mit Lucius Malfoy verheiraten würde und über einen Heiratskandidaten für ihre Schwester Narcissa wurde bereits verhandelt. Und wessen Schuld war dieses ganze Dilemma, Andromedas. Ihr älteste Schwester hatte ihre Familie beschämt und sich einfach den Konsequenzen entzogen, sie hatte noch nicht einmal versucht, die Angelegenheit einigermaßen wieder in Lot zu bringen, indem sie dieses Schlammblut verließ, nein, sie verzichtete lieber auf ihre Familie, auf ihre Schwestern. Letztendlich hatte Andromeda ihre kleinen Schwestern im Stich gelassen, welche nun die Konsequenzen für das Fehlverhalten der Ältesten tragen mussten.

Überwältigt von der Gedankenflut, welche auf sie hereinbrach und dem seltsamen Stechen tief in ihr Herzen, liefen Ströme von Tränen über Bellatrix' Gesicht. Doch in der Dunkelheit, vermochte diese niemand zu sehen und so hinderte die Slytherin die Tränen nicht, sich ihren Weg über ihre Wangen bis auf ihr Kopfkissen zu bahnen. Dem ungeachtet, so beschloss Bellatrix, würde sie allen zeigen was sie wert war.

Irgendwann überwog die Müdigkeit der jungen Hexe und so fand sie endlich den Weg ins Land der Träume.