Anmerkung: Wenn mein kleiner Bruder nicht auch gleichzeitig mein größter Fan wäre, und sich nicht lautstark die Fortsetzung dieser Geschichte gewünscht hätte, dann würde dieses Kapitel heute wohl nicht das Netz mit seiner Existenz verpesten. Außerdem möchte ich mich bei etwaigen Lesern, die eventuell noch übrig geblieben sein könnten, für die unverschämte Verzögerung entschuldigen.
Letztes Mal: Im Zuge ihres Auftrages, die entführte Prinzessin von Seigaku zu retten, haben sich unsere Helden auf dem Weg zum Schloss des Kidnappers gemacht. Unterwegs erhielten sie einen ungemein wichtigen Gegenstand und eine beachtliche Menge an vollkommen nutzlosem Krimskrams, mussten sich mit einer gerissenen Gaststättenbetreiberin auseinandersetzen und außerdem hätte Inui fast den Glauben an sein heiß geliebtes Data Book verloren. Schließlich erreichten sie ihren Zielort, an dem sie mit gezückten Waffen in Empfang genommen wurden...
DER REGENBOGENKRISTALL
Kapitel vier: Die Rolle von Speicherpunkten
Es war schnell vorbei.
Ihre Gegner waren nicht viel stärker als die Monster, die ihnen auf freiem Feld begegnet waren und außerdem war die Gruppe laut Inui ein wenig überlevelt – das lag an den vielen Zufallskämpfen auf dem Hinweg, die zwar nicht sonderlich schwierig, dafür aber umso zahlreicher gewesen waren.
Auch der Ablauf des Kampfes ähnelte stark dem der bisher bestrittenen Monsterkämpfe: Fuji glänzte durch vornehme Zurückhaltung und ein unglaubliches Geschick, wenn es ums Ausweichen ging, Sakuno verschwendete kostbare MP mit verfrühten Vita-Zaubern, Inui bastelte Dinge, die dazu tendierten, bei Feindberührung zu explodieren, Ryoma war immer noch vollkommen nutzlos und am Ende war es Momos gnadenlose Brachialgewalt, die ihnen den Sieg einbrachte.
„Das war lächerlich einfach", stellte Momo nach dem Kampf fest, als die Siegesfanfare verklungen war.
„Seltsam, nicht wahr?", meinte Sakuno. „Ich meine, man sollte meinen, dass jemand sein Schloss mit stärkeren Wächtern schützen würde, oder?"
Inui schüttelte den Kopf und bereitete sich darauf vor, einen Vortrag zu halten. „Die Stärke unserer Gegner passt sich unserem Level an. Wir befinden uns am Anfang unseres Abenteuers, deshalb sind wir noch schwach und dementsprechend einfacher zu besiegen sind auch die Gegner, auf die wir treffen."
Sakuno runzelte die Stirn. „Das soll also heißen, dass der Schwierigkeitsgrad unserer Kämpfe stetig ansteigen wird?"
„Genau", bestätigte Inui. „Und zwar immer in Abhängigkeit zu unserem Level, damit wir uns nicht in einer Situation finden, in der wir nicht siegen können."
„...warum?", fragte die Weißmagierin verwirrt.
„Warum?", wiederholte Inui verblüfft. „Was soll das heißen, warum?"
Sakuno gestikulierte vage und wusste nicht, wie sie sich am Besten ausdrücken sollte. „N-naja, du musst zugeben, dass es komisch ist, oder? Das mit dem angepassten Schwierigkeitsgrad und so... Warum passt er sich an?"
Der Alchimist starrte Sakuno an, als hätte sie sich plötzlich als eine tentakelbewehrte Kreatur von einem anderen Stern entpuppt. „Er passt sich an, damit wir eine Chance haben?", beantwortete er ihre Frage etwas unsicher.
„Warum sollten wir eine Chance bekommen?", entgegnete Sakuno. „Das ist unlogisch. Wer sorgt dafür, dass wir eine Chance haben?"
Inui drehte sein Notizbuch hin und her, unschlüssig, ob er es öffnen und darin nach einer Antwort suchen sollte. Schließlich meinte er tonlos: „Ich verstehe nicht, worauf du hinaus willst."
„Aber...", find Sakuno an, wurde allerdings unterbrochen.
Momos Geduldfaden war gerissen und er meinte gereizt: „Können wir diese Diskussion auf ein anderes Mal verschieben? Sie ist sinnlos und Echizen ist schon ins Schloss gegangen, und wenn wir uns nicht beeilen nimmt er uns alle guten Gegner weg!"
Inui warf dem einzigen Mädchen in ihrer Gruppe einen letzten verwirrten Blick zu und meinte dann: „Ja, wir sollten jetzt wirklich zu Echizen aufschließen. Auch wenn ich mir keine Sorgen darüber machen würde, dass er uns die Gegner wegnehmen könnte – nur 5% des Schadens, den wir im Kampf verursachen, stammt von Echizen."
Momo und Inui überquerten die heruntergelassene Zugbrücke und betraten das Schloss, während Fuji und Sakuno zurückblieben.
„Aber... ich...", stammelte die Weißmagierin.
Fuji lächelte und klopfte ihr sanft auf den Rücken. „Mach dir keine Gedanken über den Schwierigkeitsgrad, Sakuno. Das gehört alles zum System, genau wie die rundenbasierenden Kämpfe und dass man ein neues Abenteuer immer auf Level 1 beginnen muss. Es lohnt sich nicht, darüber nachzudenken, warum diese Dinge so sind wie sie sind."
Sakuno seufzte. „Vielleicht hast du recht..."
„Natürlich habe ich recht. Und jetzt gehen wir – wir wollen die anderen doch nicht verlieren, oder?"
o—o—o—o—o
Als die Gruppe vollzählig in der weitläufigen Eingangshalle des Schlosses stand, sah sie sich mit einem nicht zu unterschätzenden Problem konfrontiert. Und dieses Problem bestand in der enormen Anzahl von Türen und Treppen.
„Und jetzt?", fragte Momo. „Wo gehen wir als erstes hin? Hat jemand eine Ahnung, wo die Prinzessin gefangen gehalten wird?"
„Wir haben keine Karte", stellte Inui fest. „Also wäre es nur logisch, wenn wir systematisch alle Räume in jedem Stockwerk absuchen würden. Auf diese Art und Weise werden wir die Prinzessin letztendlich ausfindig machen können."
„Aber das dauert doch ewig!", maulte Momo.
Inui warf ihm einen Bösen Blick zu. „Hast du eine bessere Idee?"
„Nein...?", gab Momo kleinlaut zu. „Aber ist die Prinzessin nicht immer an dem Ort, der am stärksten bewacht wird?"
„Natürlich", meinte der Alchimist der Gruppe. „Das ist eine allgemein bekannte Tatsache. Da wir aber nicht wissen, wo dieser Ort ist, müssen wir ihn erst finden – indem wir systematisch alles absuchen."
„Na schön...", seufzte Momo.
Inui rückte wichtigtuerisch seine Gläser zurecht und sagte: „Jetzt wo das geklärt ist..."
Das ohrenbetäubende Geräusch von splitterndem Holz schnitt ihm das Wort ab. Die Gruppe sah auf und erblickte eine große, muskulöse Gestalt mit grünlich-brauner Haut, die eine wuchtige Keule schwang und mit lautem Gebrüll direkt auf sie zu kam.
„W-was ist das?!", fragte Sakuno und wich entsetzt ein paar Schritte zurück.
„Ein Troll", sagte Ryoma.
„Und zwar einer mit ziemlich mieser Laune, ums noch schlimmer zu machen", fügte Momo hinzu.
Der Troll erreichte sie, die Welt zersprang und sie fanden sich im Kampfbildschirm wieder.
„Zum Glück sind Trolle recht langsam im Kampf", sagte Inui und schlug sein Notizbuch auf.
Fujis Augen waren geöffnet und er musterte das wütende Monster vor ihnen mit einer unheimlichen, ungewohnten Intensität. Es schlug ungeduldig mehrmals mit der Keule auf den Boden, so stark, dass die Fliesen zerbrachen. Schließlich murmelte Fuji etwas vor sich hin, das womöglich „Zu grobschlächtig" gewesen sein könnte und schloss die Augen. Sein übliches, verdächtig anmutendes Lächeln kehrte zurück und seine Körperhaltung entspannte sich.
„Ich mag keine Trolle", verkündete er fröhlich und ging in die Defensive.
Sakuno entschied sich, anzugreifen – doch ihr Angriff verursachte keinen Schaden bei dem Troll.
„Kein Schaden?", rief Momo ungläubig aus und wandte sich Inui zu. „Ist das Vieh etwa immun gegenüber physischem Schaden?"
Inui schüttelte den Kopf und deutete mit seinem Notizbuch in Richtung Statuskästen. „Nein, ich fürchte, Sakunos Angriffswert ist einfach zu niedrig für dieses Monster."
„Oh", sagte Momo und Sakuno schaute beschämt auf ihre Stiefelspitzen.
„Wie dem auch sei", sagte Inui und holte eine Bombe hervor, die er im letzten Kampf gebastelt hatte. Er warf sie – sie explodierte und der Troll schrie erbost auf, als sie erheblichen Schaden bei ihm anrichtete.
„Dieser Troll ist schwach gegenüber Feuer", teilte der Alchimist dem Rest seiner Gruppe mit.
„Schwach gegenüber Feuer?", echote Sakuno.
Inui nickte. „Ja. Schwach gegenüber Feuer. Das bedeutet, Attacken die auf dem Element ‚Feuer' basieren, richten bei ihm einen größeren Schaden an."
„Oh... ich verstehe."
„Das trifft sich gut", sagte Ryoma und gab ein leises, besorgniserregendes Lachen von sich.
„Echizen...?", fragte Momo vorsichtig als der Schwarzmagier seinen Stab hob und etwas vor sich hinmurmelte. Ein dunkelrot glühender magischer Kreis erschien unter seinen Füßen und die Luft um ihn herum begann vor Hitze zu flimmern.
„Was geschieht hier?", fragte Sakuno.
„Er zaubert!", rief Momo mit einem breiten Grinsen.
Ryoma beendete sein Spruch, wirbelte seinen Stab herum und richtete ihn auf den Troll. Ein kleiner Feuerball schoss aus seiner Spitze hervor und traf den Troll mitten auf die Brust. Rote Zahlen über dem Kopf des Ungeheuers verkündeten einen kritischen Treffer.
Der Schwarzmagier rückte seine in diesem Universum nicht-existente Kappe zurecht und sagte zu dem Troll: „Mada mada dane." Der Kontext wurde aus seiner Depression gerissen – diesmal hatte Ryoma seinen berühmt-berüchtigten Kennspruch sogar relativ richtig verwendet!
„War das ein Feuer-Zauber?", fragte Sakuno mit Bewunderung in den Augen. „Wann hat er den gelernt...?"
„Nicht schlecht Echizen", sagte Momo. „Gar nicht schlecht. Am Ende bist du doch noch zu was zu gebrauchen, was?"
„Momo-senpai?"
„Ja?"
„Halt die Klappe."
Der Krieger lachte und führte einen mächtigen Schwertstreich aus. Dann war der Troll an der Reihe – er holte mit der Keule aus und traf Momo. Eine weiße 50 erschien über dem Kopf des Kriegers. Momo erblasste.
„50 Schaden!", rief er aus. „Dieses Viech ist verdammt stark!"
Sakuno schluckte und wandte sich an den Alchimisten ihrer Gruppe. „Inui, können wir ihn besiegen?"
Inui lächelte und seine Brillengläser funkelten ominös. „Natürlich", behauptete er.
Und er sollte auch recht behalten – es dauerte zwar eine Weile, und Sakuno musste konstant Vita sprechen, aber schließlich schafften sie es, das Monstrum zu bezwingen. Es schrie, fiel nach vorne um und löste sich auf. Seine Keule krachte laut, als sie auf dem Fliesenboden aufprallte.
„Das hätten wir erledigt", sagte Fuji zufrieden. Er hatte den ganzen Kampf lang nur zugesehen und keinen einzigen Treffer kassiert.
„Nicht, dass du großartig dazu beigetragen hättest", sagte Momo, aber nur in seinem Kopf – er wusste, dass es besser war, Fuji nicht unnötig herauszufordern.
„Ich habe fast keine MP mehr...", meldete sich Sakuno zögerlich zu Wort.
Ryoma rollte mit den Augen. „Dann benutz einen Äther."
„Äther?"
Fuji holte ein kleines Fläschchen hervor und zeigte es der Weißmagierin. „Hier, diese Flüssigkeit nennt man Äther. Wenn du sie trinkst, regenerieren sich deine MP." Er hielt Sakuno das Item entgegen und meinte: „Nimm ruhig. Du kannst es haben."
„Ah... uh, danke", stotterte Sakuno und nahm das Ätherfläschchen entgegen.
Ryoma musterte Fuji misstrauisch. „Für was hast du eigentlich einen Äther im Inventar? Du benutzt keine Magie."
Fuji lächelte. „Aber ich könnte, wenn ich wollte. Und angenommen, ich käme in eine Situation, in der ich Magie einsetzen müsste... dann bräuchte ich Äther. Nicht wahr?"
Der Rest seiner Gruppe – mit Ausnahme von Sakuno, die entweder immun gegenüber Fuji oder komplett ohne Peil war – betrachtete ihn mit einem ordentlichen Maß an Skepsis.
Jemand klatschte. Die Gruppe wandte sich um – und entdeckte einen Mann, der am oberen Treppenabsatz stand und gönnerhaft zu ihnen hinuntersah. Am meisten fiel an ihm seine uniformartige, formelle Kleidung auf – außerdem trug er eine riesige Rüschenkrawatte.
„Très bien", sagte er, als er aufgehört hatte zu klatschen. „Wirklisch, sehr gut gemacht." Er sprang über das Treppengeländer und landete elegant auf dem Boden der Halle. Mit wehendem Umhang kam er ein paar Schritte auf sie zu und blieb dann stehen.
„Wer bist du?", fragte Momo und tastete nach seinem Schwert – der Mann trug einen Degen an der Seite.
Der Mann verbeugte sich und sagte: „Isch bin der `err dieses Schlosses – bienvenue mon amis!"
„Du bist also der Entführer?", fragte Ryoma.
„Entführer?", entrüstete sich der Mann mit der Krawatte und dem Umhang. „Das ist aber ein wenig hart, findest du nischt? Isch `abe es mir lediglisch, ah, ausgeliehen, o`ne die Absischt es wieder surucksugeben."
„Es?", wiederholte Momo. Sakuno zuckte zusammen.
„Wenn ihr crétines denkt, isch würde es eusch freiwillisch aus`ändigen, dann `abt ihr eusch ge`örisch geschnitten! Suerst müsst ihr misch kriegen!", proklamierte der mutmaßliche Entführer und verschwand dann mit dramatisch wehendem Cape über die Treppe nach oben.
Verstört stellte die Gruppe fest, dass sein Verschwinden von einem Wirbel aus rosaroten Rosenblättern begleitet wurde.
„Was für ein interessanter Mensch", bemerkte Fuji mit einem Lächeln, das nicht zu deuten war.
„Er hatte einen komischen Akzent", meinte Ryoma.
Fuji wandte sich dem Schwarzmagier zu. „Aber, aber Echizen, höre ich da etwa einen Hauch von Ausländerfeindlichkeit heraus?"
Anstelle von Ryoma ergriff Inui das Wort. Er sagte: „Nun, meinen Berechnungen zufolge besteht eine 89-prozentige Chance, dass dieser Mann nicht wirklich ein Ausländer ist."
„Wie kommst du darauf?", fragte Momo.
„Weil er es mit seinem Akzent so sehr übertrieben hat, dass er falsch sein muss", erklärte Inui in einem belehrenden Tonfall.
„H-hey, der Mann hat etwas fallen gelassen...", meldete sich Sakuno. Die Weißmagierin bückte sich nach dem Gegenstand und hob ihn vom Boden auf. Dann betrachtete sie ihn kurz und meinte dann: „Es ist eine Karte vom Schloss!"
„Wirklich?", rief Momo und riss dem Mädchen ohne Vorwarnung die Karte aus der Hand. „Tatsächlich! Und... hier sind ein paar kleine rote Kreuze und ein größeres eingezeichnet."
„Lass mich das sehen", sagte Inui und Momo wurde das Stück Papier ebenfalls gewaltsam entwendet. „Hmm...", machte der Alchimist grüblerisch und kratzte sich am Kinn, als er die Karte eingehend studierte.
„Die kleinen Kreuze markieren bestimmt, wo hier die Schätze zu finden sind!", sagte Momo.
„Und die Prinzessin befindet sich natürlich beim großen Kreuz", fügte Ryoma hinzu.
Inui nickte. „Ja, das macht Sinn."
Wie erwartet runzelte Sakuno die Stirn und sagte etwas zaghaft: „Aber... ich meine, warum sollte uns der Schlossherr eine Karte hinterlassen, auf der alle Schätze eingezeichnet sind? Und auch der, äh, die Prinzessin?"
„Geht das schon wieder los...", murmelte Ryoma genervt.
Inui warf der Weißmagierin einen Blick zu. „Was soll das heißen, warum? So laufen die Dinge nun mal. Es ist ganz normal, dass man am Anfang eines Dungeons eine Karte findet. Oft ist es ein Gegner oder Monster, von dem die Karte zurück gelassen wird."
„Aber das macht uns die Sache einfach!", sagte Sakuno.
„Genau", sagte Momo. „Deshalb kriegen wir ja auch eine Karte – wäre doch frustrierend, wenn wir stundenlang durch einen Dungeon irren müssten, oder?"
Fuji klopfte Sakuno wieder auf die Schulter – das schien sich in letzter Zeit zu häufen. „Mach dir keinen Kopf", sagte er. „Erinnerst du dich noch an das, was ich über den angepassten Schwierigkeitsgrad gesagt habe? Auch das hier gehört zum System."
Die Weißmagierin seufzte und gab auf. „Na gut..."
Inui warf einen letzten Blick auf die Karte des Schlosses und meinte dann: „Ich schlage vor, wir kümmern uns erst um die Prinzessin und lassen die Schätze vorerst links liegen. Ich will dem Entführer nicht alle Zeit der Welt geben, um in den anderen Räumen Fallen für uns vorzubereiten."
„Wo ist die Prinzessin?", fragte Ryoma.
„Im zweiten Stock. Ich führe euch hin", antwortete Inui und verstaute die Karte in seiner mysteriösen Robe, die innen mehr Platz bot als es von außen den Anschein hatte. „Folgt mir."
Die Gruppe setzte sich in Bewegung.
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„Hier ist es", verkündete Inui, und blieb vor einer großen, dunklen und schwer anmutenden Holztür stehen.
Seltsamerweise zeichnete sich das Schloss, das sie an der Tür erwartet hatten, durch grandiose Abwesenheit aus – auch einen Riegel, der die Prinzessin am Entkommen hindern könnte, gab es nicht. Dafür waren die verschnörkelten Schnitzereien, von denen die Tür geziert wurde, umso präsenter.
„Kein Schloss, kein Riegel...", murmelte Momo und fügte dann lauter hinzu: „Das wird doch nicht etwa eine von diesen ‚unerwarteten Wendungen' sein, wo sich plötzlich herausstellt, dass die Prinzessin entführt werden wollte und man selbst auf einmal der Böse ist?"
„Hoffentlich nicht", sagte Ryoma. „Ich hasse diese Art von Wendungen. Sie verkomplizieren Aufträge wie unseren erheblich."
Fuji nickte und legte eine Hand auf die vergoldete Türklinke. „Wie wahr. Trotzdem: uns bleibt nur eine Wahl." Er betätigte die Klinke und beide Hälften der Doppeltür schwangen lautlos auf.
Die Gruppe betrat den großen, hallenartigen Raum, der hinter der Tür lag und sah sich um. Es gab keine Einrichtung – nicht einmal ein Fenster. Von der Prinzessin fehlte jede Spur.
Nach einer Weile betretenen Schweigens stellte Ryoma trocken fest: „Scheint, als wäre niemand zu Hause."
„Ich versteh das nicht", beschwerte sich Momo. „Wo ist die Prinzessin? Laut Karte sollte sie hier sein, oder?"
„Vielleicht... haben wir die Karte falsch interpretiert", sagte Inui. Es war offensichtlich, dass ihm diese Möglichkeit schwer im Magen lag. Fehlende Daten konnte er verkraften, ja – aber Missinterpretationen...? Das war ein Vergehen von einem ganz anderen Kaliber.
Hinter der Wand zu ihrer Linken rumpelte es dumpf.
Fuji lachte, als er das beunruhigende Geräusch hörte. „Ich glaube, ich weiß, was hier gespielt wird", sagte er, offensichtlich amüsiert und kein bisschen besorgt.
Inui runzelte die Stirn, doch dann zeigte sich plötzliches Verstehen in seinen Au—, äh, seinen Brillengläsern. „Eine Falle", sagte er etwas verblüfft, aber überraschend ruhig. „Man hat uns in eine Falle gelockt."
„Eine Falle?", rief Momo laut aus. „Was soll das heißen?!"
Das Rumoren hinter der Wand verstärkte sich – jemand, oder besser etwas schien bestrebt zu sein, die Steinmauer einzureißen. Und was auch immer es war – es würde sich bestimmt nicht damit zufrieden geben, nur die Wand zu demolieren.
„Noch ein Troll?", fragte Sakuno und drückte sich verängstigt ihren Stab an die Brust.
Inui schüttelte den Kopf. „Nein, das ist kein Troll. Es ist..."
Mit einem lauten Donnern gab die Mauer nach. Die Gestalt, die aus dem aufgewirbelten Mörtel heraustrat, trug zwar einen keulenartigen Gegenstand, den sie über dem Kopf hin- und herschwang, aber sie war eindeutig menschlich.
„Are you my challenger?", brüllte die Gestalt in schrecklichem Engrish.
„...viel schlimmer", beendete Inui seinen Satz.
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Die Gruppe konnte nicht anders, als zu starren.
Die Gestalt, die gerade scheinbar mit Hilfe von reiner Muskelkraft allein durch eine mindestens ein Meter dicke, massive Steinmauer gebrochen war, brüllte immer noch Dinge in einem Engrish, das Ryoma fast die Tränen in die Augen trieb. Außerdem trug sie Kleidung, die nur aus diversen Tierfellen – hauptsächlich das gelb und schwarz von Leopardenfell – zu bestehen schien.
Um diese unbekannte Person herum schien die Luft zu brennen und in ihren Augen flackerten ganz eindeutig Flammen – sehr passend, wenn man bedachte, dass die meisten ihrer Ausrufe das englische Wort „Burning!" beinhalteten.
„Was zur Hölle ist der Typ?", rief Momo und zog sein Schwert.
Inui hatte sein Notizbuch aufgeschlagen und machte sich Notizen. „Ein Berserker", sagte er abwesend.
„Hmm...", machte Fuji und tippte sich nachdenklich ans Kinn. Er schien nicht sonderlich beunruhigt zu sein, sondern eher verwundert.
„Ein Berserker?", wiederholte Momo. „Müssen wir gegen ihn kämpfen?"
„Er kommt direkt auf uns zu, Momo-senpai. Natürlich müssen wir gegen ihn kämpfen", sagte Ryoma. Man sah es ihm nicht so sehr an wie Sakuno oder Momo – Inui war zu beschäftigt um sich zu fürchten – aber auch dem Prince of Tennis war nicht wohl bei dem Gedanken, gegen einen Berserker anzutreten. Berserker galt immerhin als die physisch stärkste Klasse, und die Verteidigungswerte der Gruppe waren wegen ihres geringen Levels noch relativ niedrig.
„Das könnte interessant werden", kommentierte Fuji mit einem unbekümmerten Lächeln.
Der Berserker brüllte „I am Super Regular!" und stürzte sich auf sie – der Bildschirm zersplitterte.
„Ach du meine Güte", sagte Fuji und schüttelte betrübt den Kopf, als sie sich im Kampfbildschirm wiederfanden. „Ich bin eigentlich gerade gar nicht in der Stimmung..."
„Fuji!", rief Momo entrüstet. „Das ist ein Berserker! Wir stecken verdammt noch mal in einer verdammten Klemme – und du wirst wieder nichts beitragen?"
„Ihr schafft das schon!", munterte Fuji ihn fröhlich auf und ging in die Defensive.
„Unfassbar", sagte Momo, nun... fassungslos. Dann wurde er wütend. „Sich bei einem ganz normalen Monsterkampf einen faulen Lenz machen ist eine Sache – aber bei einem Kampf wie diesem, wo wirklich etwas auf dem Spiel steht... das grenzt an Verrat!"
Ihre anderen Gruppenmitglieder schienen die Meinung des Kriegers mehr oder weniger zu teilen, aber Fuji ließ sich davon nicht im geringsten beeindrucken. Er hob eine Hand vor den Mund und lachte leise. „Was haben wir zu verlieren? Wenn wir besiegt werden sterben wir doch nicht – wir kehren nur zum letzten Speicherpunkt zurück."
Der Zorn wich aus Momos Gesicht und es wurde leichenblass . „S-speicherpunkt?", stammelte er und wandte sich Ryoma, Inui und Sakuno zu. Der Ausdruck auf ihren Gesichtern ließ ein ungutes Gefühl in ihm aufkeimen. „Ich hab nicht gespeichert. Hat einer von euch gespeichert?"
„Ich nicht", sagte Ryoma.
„Ich weiß gar nicht, wie ein Speicherpunkt überhaupt aussieht, und selbst wenn ich einen sehen und erkennen würde könnte ich ihn wahrscheinlich nicht bedienen...", bekannte sich Sakuno, sichtlich beschämt über ihre mangelnde Erfahrung.
Inui ließ sein Notizbuch sinken. „Ich muss zugeben, dass auch ich versäumt habe, unseren Spielfortschritt zu sichern."
„Ach herrje", sagte Fuji. Er klang nicht besonders besorgt, und das war nicht gerade angemessen, wenn man die Situation bedachte, in der sich unsere mogelnden – aber nicht minder tapferen – Helden zur Zeit befanden. „Dann hat also niemand von uns gespeichert?"
Kollektives Kopfschütteln.
„Ich... ich weiß nicht viel über Speicherpunkte", fing Sakuno an. „Aber wenn wir diesen Kampf jetzt verlieren... dann müssen wir alles von vorne machen, oder?"
„Exakt", sagte Inui. „Wir verlieren all unsere Items, alle gesammelten Erfahrungspunkte und werden zurück zum Ausgangspunkt unseres Abenteuers transportiert. Eine extrem unangenehme Zeitverschwendung, die ich lieber vermeiden würde."
„Scheint, als hätten wir nur eine Chance", kommentierte Fuji unbekümmert.
„Genau. Wir können es uns nicht leisten, diesen Kampf zu verlieren – die Konsequenzen wären fatal", belehrte Inui seine Reisegefährten. „Ihr dürft jetzt unter keinen Umständen einen Fehler machen, verstanden? Und Fuji?" Der Alchimist zögerte und wog seine Optionen genauestens ab. Schließlich sagte er bestimmt: „Reiß dich zusammen."
Fuji zeigte keine Reaktion – das Lächeln auf seinem Gesicht veränderte sich kein bisschen. Entweder er hatte Inuis Worte nicht gehört – unwahrscheinlich – oder er hatte beschlossen, sie zu ignorieren. Allen Ermahnungen zum Trotz hielt er es nicht für angebracht, sich aktiv am Kampfgeschehen zu beteiligen – wie schon so oft zuvor begnügte er sich damit, in die Defensive zu gehen.
Sakuno zitterte, als sie einen vorsichtigen Schritt auf den Berserker zu machte. Sie schluckte schwer und wich wieder zurück, als er enthusiastisch und vor allem lautstark „Come on, Baby!" brüllte.
„Ich... ich kann das nicht!", platzte es aus ihr heraus. „Was wenn ich einen Fehler mache? Was wenn ich daneben treffe?"
Inui hob eine Augenbraue. „Dann setz einen Zauber ein."
Die Magierin verlagerte ihr Gewicht nervös von einem Bein auf das andere. „I-ich habe nur V-vita. U-und Protes."
„Was bewirkt Protes?", fragte Momo.
„Es ist ein Schutzzauber. Er erhöht zeitweilig die Verteidigung, kann aber nur auf eine Person angewandt werden", antwortete Ryoma.
Inui nickte. „Sehr richtig, Echizen. Wie ich sehe beschränkt sich dein Wissen nicht nur auf das Gebiet der Schwarzmagie." Der Alchimist wandte sich an Sakuno. „Ich denke, es wäre das Beste, wenn du jetzt Protes sprechen würdest."
„A-auf wen?"
Inui warf ihren einen Blick zu. „Logischerweise auf dich selbst. Du bist die Einzige, die heilen kann – wir müssen zusehen, dass du nicht besiegt wirst, damit du unsere HP hoch halten kannst. In den nächsten Runden solltest du dich aufs Heilen konzentrieren und einen Protes-Zauber auf jemanden sprechen, wenn niemand geheilt werden muss."
„Okay", sagte Sakuno, riss sich am Riemen, kniff die Augen zusammen und hob ihren Stab. Sie rief: „Protes!" und eine weißlich leuchtende Kugel umgab sie für kurze Zeit. Ihr Verteidigungswert stieg.
Dann war der Berserker am Zug und stürzte sich mit lautem Geschrei auf Inui. Entsetzt stellte die Gruppe fest, dass er die HP des sadistischen Datenfreaks mit nur einem einzigen Hieb fast um die Hälfte dezimiert hatte.
„Das ist doch verrückt!", rief Momo. „Warum ist er so stark?"
Inui zog ein großes Glas aus seiner Robe hervor und meinte: „Entweder wir haben die Macht eines Berserkers gründlich unterschätzt, oder unser Level ist zu niedrig. Was auch immer der Grund sein mag – es ist nicht gut für uns." Er begann, übel riechende Flüssigkeiten und verdächtig aussehendes Pulver in seinem Glas zusammenzumischen.
„Inui-senpai, was machst du da?", fragte Ryoma.
„Ich mixe", antwortete der Alchimist mit einem hochkonzentrierten Stirnrunzeln. „Die Vorbereitungszeit ist doppelt so lang wie fürs Basteln, aber der Effekt ist mehr als dreimal so groß. Wenn Sakuno es schafft, mich für zwei Runden am Leben zu erhalten sollten wir den Berserker mit meinem Inui Juice besiegen können."
Momo und Ryoma schauderten, als er Inui Juice erwähnte – sie verbanden einige schrecklich traumatische Erinnerungen mit Inuis grässlichem Gebräu, die sie lieber für immer aus ihrem Gedächtnis verbannt hätten.
Ryoma wollte gerade zum Angriff übergehen, als etwas unerwartetes geschah – der Berserker setzte sich erneut in Bewegung.
„Was zur...!", rief Ryoma als er getroffen wurde.
Momos Kinnlade klappte herunter. Der Krieger blinzelte und rief: „Was war das denn?! Wieso kann der zweimal angreifen?!"
Inuis Brillengläser blitzten, als er hastig in seinem Notizbuch blätterte. Er schien kein Glück bei seiner Suche zu haben, denn er klappte es enttäuscht zu und verkündete: „Das ist unlogisch und sollte nicht möglich sein."
„Es ist eine seiner Ekstase-Techs", erklärte Fuji ruhig. „Sie erlaubt einem Berserker, mehrmals in einer Runde anzugreifen. Ich glaube, diese spezielle Technik wird als ‚Burning Mode' bezeichnet."
„Warum weißt du eigentlich so viel über Berserker?", fragte Momo misstrauisch.
Fuji lächelte und zuckte mit den Schultern. Inui hob beide Augenbrauen – musste er nun auch die Möglichkeit in Betracht ziehen, dass Fuji ein Berserker sein könnte? Nun, er sah nicht wie einer aus, aber der Schein trügt bekanntlich.
Ryoma sprach einen Feuer-Zauber auf den Berserker – und riss erstaunt die Augen auf, als grüne statt weiße Buchstaben über ihrem Gegner erschienen. Der Schwarzmagier fluchte so ausgiebig und kreativ, dass seine genauen Worte hier nicht wiedergegeben werden sollen.
„Grün?", fragte Sakuno und biss sich auf die Unterlippe. „Aber grün bedeutet, dass sich seine HP gerade regeneriert haben! Bedeutet das, dass Ryoma-kun gerade..." Sie warf Ryoma einen vorsichtigen Blick zu und entschied sich, ihren Satz unvollendet zu lassen. Stattdessen sagte sie: „Normalerweise sind Berserker aber nicht immun gegenüber Feuer, oder?"
Inuis Stift kratzte mit Überlichtgeschwindigkeit über die Seiten seines Notizbuches, aber trotzdem antwortete er auf die Frage der Weißmagierin. „Wenn es nur Immunität wäre – das ließe sich eventuell durch spezielle, feuerabweisende Gegenstände erklären. Das wahrlich Verwunderliche allerdings ist die Tatsache, dass das Feuer seine HP regeneriert hat. So etwas geschieht für gewöhnlich nur bei gewissen Monstern."
„Berserker sind Monster!", stellte Momo mit Überzeugung fest.
Wie als ob er die Aussage des Kriegers unterstreichen und bestätigen wollte schwang der Berserker seine Waffe und stürzte sich mit einem animalischen Kampfschrei auf Sakuno.
Die Magierin schrie auf, als sie getroffen wurde. Die roten Zahlen über ihrem Kopf verkündeten einen kritischen Treffer. Ein Blick auf ihre HP-Leiste zeigte Sakuno, dass sie trotz ihres Protes-Zaubers nur ein einziger weiterer Treffer von einem KO trennte. Das bezopfte Mädchen wurde blass. Sie wandte sich an Inui. „Was soll ich jetzt in der nächsten Runde tun?! Wen soll ich heilen?!"
Der Alchimist rückte seine Brille zurecht. „Ich habe noch nicht genug Daten, um eine eindeutige Strategie zu entwickeln", erklärte er. „Erst muss ich die Wirkung von Momos Angriff analysieren und einige andere Dinge herausfinden." Er wandte sich an ihr immer lächelndes Gruppenmitglied. „Fuji. Wie lange dauert diese Berserker-Ekstase-Tech an?"
„Oh, einige Runden", erwiderte Fuji leichthin.
„Verdammt!", entfuhr es Momo.
Inui nickte bedächtig. „Dann ist es wichtig für uns, zu wissen, ob unser Gegner noch einen vierten Angriff diese Runde starten wird, oder ob es bei drei Angriffen pro Runde bleibt. Momo, führ deine Attacke aus."
Der Krieger kam der Aufforderung nach und ging zum Angriff über. Der von ihm verursachte Schaden belief sich auf 32. Die Gruppe atmete erleichtert auf, als der Berserker keine weitere Aktion ausführte und die zweite Kampfrunde begann.
„32 Schaden", sagte Sakuno. „Ist das viel?"
„Darüber kann ich keine genaue Aussage treffen", sagte Inui. „Ich habe keine Daten zu den Statuswerten unseres Gegners – keiner von uns beherrscht die Analyse-Technik. Wir können nur hoffen, dass die HP unseres Gegners zur Neige gehen bevor unser Vorrat an Potions erschöpft ist."
Ryoma wechselte seinen Stab in die linke Hand und fragte: „Wie lautet unsere Strategie?"
Inui schlug sein Notizbuch auf. „Unser Gegner startet pro Runde drei Angriffe, die eine sofortige Heilung benötigen. Er ist immun gegenüber Feuermagie und befindet sich in seinem Ekstase-Zustand. Momo ist der Einzige, der ihm bisher Schaden zufügen konnte. Der Effekt meines Inui Juices ist noch ungewiss, könnte sich jedoch als unsere Trumpfkarte erweisen."
„Was schlägst du also vor?"
„Momo greift weiterhin an. Ich selbst braue meinen Inui Juice fertig, während Sakuno mit Magie und Echizen mit Potions heilt. Auf diese Weise könnten wir eine kleine Chance haben." Inui sah in Fujis Richtung. „Sollte Fuji sich dazu entscheiden, am Kampfgeschehen teilzunehmen, so sollte er Potions zum Einsatz bringen, um unsere Effizienz beim Heilen zu steigern und somit unsere Überlebenschance zu erhöhen."
Momo musterte das hintergründige Lächeln auf Fujis Gesicht und murmelte: „Wir sind so gut wie erledigt..."
Und dann geschah etwas, das sich keiner von ihnen nicht einmal in seinen kühnsten Träumen je erhofft hätte: Fuji verzichtete darauf, in die Defensive zu gehen. Kleine Subversen implodierten lautlos, Kühe lernten das Fliegen und Satans Brut veranstaltete die gigantischste und kälteste Schneeballschlacht, welche die Hölle je gesehen hatte, als Fuji langsam und bedächtig ihrem Gegner entgegentrat.
Die Gruppe beobachtete mit offenen Mündern, wie Fuji sich direkt vor dem Berserker positionierte, sich auf die Zehenspitzen stellte, den größeren jungen Mann an der Stirn berührte und in derselben Bewegung die Waffe aus der plötzlich erschlaffenden Hand des Berserkers entfernte.
Das Feuer in den Augen des Berserkers erlosch und die brennende Aura, die ihn umgeben hatte, verschwand ebenfalls. Er blinzelte, wie als sei er gerade aus einem langen, langen Schlaf erwacht und war sich noch nicht ganz im Klaren darüber, ob die Dinge, die er gerade sah, zur Realität gehörten oder ob er sich noch in seiner Traumwelt befand.
Misstrauisch beobachteten Inui, Momo und Ryoma, wie der Berserker sie scheinbar völlig verwirrt musterte – Sakuno wirkte eher ängstlich als misstrauisch. Schließlich landete sein verständnisloser Blick auf Fuji, der ein Lächeln zur Schau stellte, das überraschend wohlwollend war und nicht wie eine verhaltene Drohung wirkte.
„Fujiko-chan?", fragte der Berserker.
„Taka-san", antwortete Fuji mit einem leichten Nicken.
Der Berserker namens Taka runzelte die Stirn und warf dem Rest der Gruppe erneut einen Blick zu – seine Aufmerksamkeit galt dabei vor allem ihren gezückten Waffen, die er nervös beäugte. „Was geht hier vor?", erkundigte er sich bei Fuji.
„Das könnten wir auch fragen!", rief Momo.
Inui blickte von Fuji zu Taka und fixierte seinen Blick dann auf Fuji. „Ihr kennt euch?"
Fuji nickte. „Schon eine ganze Weile. Nicht wahr, Taka-san?"
„Äh... ja", stimmte der Berserker zu und kratzte sich unsicher am Hinterkopf. Es schien, als sei er zu einer völlig anderen Person geworden, seit Fuji ihm seine Waffe abgenommen hatte.
„Du wusstest, dass er hier sein würde?", fragte Inui Fuji.
Fuji schüttelte den Kopf. „Nein, wusste ich nicht. Wir wurden vor einiger Zeit während eines Unwetters getrennt. Es ist Zufall, dass wir ihm hier begegnet sind."
„Ist es das wirklich?", fragte Momo – aber nur in seinem Kopf.
„Äh, E-entschuldigung?", versuchte Sakuno sich Gehör zu verschaffen. „Ich fürchte, ich verstehe nicht ganz, was hier passiert ist... ist der Kampf vorbei? Warum ist er..." Hier deutete sie auf Taka. „...nicht mehr in seinem Berserker-Modus?"
Fuji lächelte und hielt einen kleinen, perlenartigen Gegenstand in seiner rechten Hand hoch. Er schimmerte in einem ominösen, unheilverkündenden Rot. „Siehst du das hier?" Sakuno – und der Rest der Gruppe auch – nickte. „Dieser Stein hat dafür gesorgt, dass Taka-san dauerhaft im Berserker- und auch im Ekstase-Modus bleibt. Außerdem hat er seine Statuswerte erheblich erhöht."
Inui machte sich eifrig Notizen und meinte dann: „Solche Steine habe ich auch schon im Zusammenhang mit Bewusstseinskontrolle gesehen... ich habe versucht, sie in meinen Inui Juice zu integrieren, aber in gelöster Form verlieren sie leider ihre Wirksamkeit."
Fuji nickte. „Stimmt, diese Steine können auch dazu verwendet werden, jemandes Aktionen und Gedanken zu kontrollieren."
„Ich wurde also kontrolliert?", wunderte sich Taka. Er war immer noch sehr verwirrt, hatte jetzt aber wenigstens eine Erklärung für seine alarmierenden Gedächtnislücken.
„In der Tat", sagte Fuji mit einem Lächeln, das auf die Anwesenden eher grimmig wirkte und blutige Vergeltung versprach.
„Das ist ziemlich unheimlich", meinte der Berserker.
Nicht ganz im Unrecht stellte Momo fest: „Viel unheimlicher finde ich, dass Inui versucht hat, uns mit seinem Inui Juice zu kontrollieren."
Die Gruppe – einschließlich Inui – nickte bedächtig, denn die Wahrheit dieser Aussage konnte unter keinen Umständen angezweifelt werden. Nach dem Ablauf einer angemessen langen Schweigeperiode wandte sich Taka schließlich an Fuji: „Und... was machst du hier?"
„Oh, ich? Ich helfe diesen Leuten hier..." Fuji gestikulierte vage in Momos, Ryomas, Sakunos und Inuis Richtung. „...die entführte Prinzessin von Seigaku zu retten und eine stattliche Belohnung einzukassieren."
„Und wer sind ‚diese Leute' genau?", fragte Taka und sah von einem unbekannten Gesicht zum anderen.
Die Gruppe schwieg und tauschte misstrauische Blicke aus. Schließlich räusperte sich Inui und meinte: „Offenbar geht von ihm keine unmittelbare Gefahr für unsere Gesundheit – oder unseren Spielstand – mehr aus."
„Das heißt also, wir sollen ihm vertrauen?", fragte Momo, seine Stirn in leichte Falten gelegt und offensichtlich nicht wirklich angetan von der Vorstellung.
„Das habe ich nicht gesagt", sagte Inui. „Ich halte es nur für angebracht, dass wir uns jetzt einander vorstellen – wenn ich die Situation richtig einschätze, dann wird Fuji Taka bitten, uns zu begleiten, damit sie sich nicht wieder verlieren. Es liegt nur in unserem eigenen Interesse, eventuell wichtige Hintergrundinformationen über Taka zu kennen."
Momo zuckte hilflos mit den Schultern und Taka nickte. Danach meinte er: „Dann mache ich den Anfang. Mein Name ist Kawamura Takashi und ich bin ein Berserker aus dem Herzland von Seigaku."
„Echizen Ryoma, Schwarzmagier", sagte Ryoma knapp.
„Ähm, ich heiße Sakuno und ich, äh, bin Weißmagierin."
„Momoshiro Takeshi ist mein Name und ich bin Krieger. Nenn mich einfach Momo."
„Und ich bin Inui Sadaharu, meines Zeichens Alchimist", beendete Inui die kurze Vorstellungsrunde.
Taka deutete eine Verbeugung an und meinte: „Schön, euch kennen zu lernen – auch wenn die Umstände zugegebenermaßen günstiger sein könnten..."
„Das kannst du laut sagen", kommentierte Momo.
Es folgte eine unangenehme Stille, während der die Gruppe Taka musterte und Taka versuchte, sich seine Nervosität nicht anmerken zu lassen. Endlich raffte sich der Berserker zusammen und meinte: „Also, dieser Job von dem ihr gesprochen habt... die Prinzessin wurde also entführt? Von wem?"
„Von derselben Person, die dich auch kontrolliert und dazu gezwungen hat, gegen uns zu kämpfen", erklärte Fuji.
„Macht Sinn, lässt aber auch eine Frage offen: wer hat mich denn nun kontrolliert?", sagte Taka.
Wie als ob das Ganze vorher abgesprochen gewesen wäre tauchte der Schlossherr genau zum richtigen Zeitpunkt in einer rosa Wolke und wieder begleitet von einem Wirbel pinkfarbener Rosenblätter auf. Er posierte dramatisch und proklamierte: „So weit `abt ihr es also geschafft! Isch bin höchst beeindruckt!"
„Der Typ da", meinte Ryoma mit einem beiläufigen, unbeeindruckten Kopfnicken in Richtung Schlossherr.
Der Schlossherr ließ sich angesichts dieser Gleichgültigkeit gegenüber seiner Person nicht im geringsten aus der Bahn werfen und entledigte sich mit einer unnötig ausholenden Geste seines Umhangs. Dann zückte er seinen Degen, ging in Kampfstellung und rief: „Bis `ier`er und nischt weiter – isch lasse eusch nischt an mir vorbei! Bereitet eusch auf euren Ruin vor!" Er stürzte los.
Die Gruppe – verstärkt durch ihr neues Mitglied Taka – machte sich erneut bereit zum Kampf.
Nächstes Mal: Werden unsere Helden nach ihrer nicht ganz so glorreich verlaufenen Auseinandersetzung mit Taka der Herausforderung des Schlossherrn gewachsen sein und ihren Spielfortschritt bald sichern können? Wird Fuji jemals kämpfen, und welcher Klasse gehört er an? Können unsere Helden es tatsächlich weiterhin riskieren, ihm - und nun auch Taka - zu vertrauen? Ist der Akzent tatsächlich falsch? Warum endet ein Großteil aller Kapitel eigentlich immer damit, dass ein neuer Kampf beginnt? Wird die Autorin sich wirklich dazu durchringen können, ein weiteres Kapitel hochzuladen? Eine Antwort auf all diese Fragen ist - vielleicht - im nächsten Kapitel zu finden.
Außerdem wird die Natur des Schicksals genauer beleuchtet, Sakuno wirft weiterhin interessante Fragen auf, Inui und Fuji liefern sich ein Duell, das dem Kalten Krieg erschrecken ähnelt, Momo führt sich wie ein Kind auf und begeht einen Denkfehler, der schwerwiegende Folgen nach sich ziehen könnte, eine überraschende Wende stört den Lauf der Geschichte und unsere Helden erleben eine böse Überraschung.
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