Kapitel 4

Und grün ist der Sommer

Die beiden Frauen verbrachten drei sehr angenehme Ferienwochen in Hogwarts.

Sie gingen miteinander spazieren, lasen gemeinsam Bücher und diskutierten dann leidenschaftlich darüber. Gelegentlich spielten sie Zaubererschach oder wiederholten ihr Picknick am See. Minerva erschien jeden zweiten Tag im Krankenflügel, um sich von Poppy untersuchen zu lassen und sich ihre Heiltränke abzuholen, die sie gewissenhaft einnahm.

Nach der ersten Woche konnte sie bereits auf ihren Gehstock verzichten, nach der zweiten Woche verblassten die purpurnen Male auf ihrer Brust langsam zu einem zarten Rosa und nach der dritten Woche erklärte Poppy sie für völlig wiederhergestellt und stellte ihr frei, Hogwarts zu verlassen, falls ihr denn der Sinn danach stünde. Und wie ihr der Sinn danach stand!

Minerva dankte Poppy für all ihre Mühen, verließ dann den Krankenflügel und machte sich auf die Suche nach Septima, um ihr die Neuigkeit zu berichten.

Die beiden Frauen waren sich während der gemeinsam verbrachten Wochen um einiges näher gekommen, auch wenn die unklare erotische Unterströmung, die zwischen ihnen bestand, Minerva gelegentlich irritierte oder sogar beunruhigte. Sie war sich nicht sicher, ob Vector das ähnlich empfand und verspürte eine merkwürdige Scheu, sie darauf anzusprechen.

So manches Mal hatte sie sich dabei ertappt, dass sie gedankenverloren auf Septimas wohlgerundete Brüste starrte, ehe sie sich zusammenriss und eine jähe flüchtige Röte in ihre Wangen stieg. Ein anderes Mal hingegen hatte sie den nahezu unwiderstehlichen Drang verspürt, Septima zu berühren, ihr Gesicht mit den Händen zu umfassen und sie zu küssen.

Doch sie hatte diese Wünsche unterdrückt, ihr Bedürfnis danach geleugnet und sich gedanklich schnell einem anderen, unverfänglicheren Thema zugewandt.

Als sie dann schließlich vor Septima stand und ihr eröffnete, dass Poppy ihr erlaubt hatte, Hogwarts zu verlassen, runzelte diese die Stirn und richtete einen Blick aus ihren unergründlichen Augen auf Minerva.

„Ich nehme an, dass du dann auch tatsächlich gehen wirst?", fragte sie und beobachtete Minerva.

„Ja", erwiderte diese schlicht.

„Und wohin gehst du?"

„Nach Hause. Ich muss Zuhause mal wieder nach dem Rechten sehen." Und zu ihrer eigenen Überraschung hörte sie sich hinzufügen:
„Möchtest du mich begleiten?"

Septima sah sie für einen Moment nachdenklich an, bevor sie dann lächelnd nickte.

„Ich würde dich sehr gerne begleiten, Minerva."

„Gut, dann ist das abgemacht. Ich würde gerne morgen Vormittag aufbrechen."

„Wunderbar. Holst du mich ab?"

„Ich werde um zehn Uhr bei dir sein."

„Dann schmeiße ich dich jetzt raus und packe ein paar Sachen ein."

Minerva nickte und wandte sich zum Gehen. Als sie gerade die Tür öffnete, rief Septima ihr nach:
„Übrigens, wie kommen wir zu dir? Flohpulver?"

„Ich dachte eher daran, zu apparieren."

„Ah. Wo liegt dein Haus überhaupt?"

„In den Highlands."

„Wo auch sonst", murmelte Septima.

„Das habe ich gehört."

„Darauf möchte ich wetten. Man sagt im Allgemeinen, dass Katzen gute Ohren haben", grinste Septima.

Minerva drohte ihr spielerisch mit dem erhobenen Zeigefinger und verschwand dann.

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Pünktlich um zehn Uhr in der Frühe klopfte Minerva an Septimas Tür.

„Bist du fertig?"
„Ja, schon eine ganze Weile."

Septima trat mit einer kleinen Reisetasche in der Hand vor ihre Tür und musste unwillkürlich grinsen, als sie das schottischkarierte Gegenstück dazu in Minervas Hand sah.

„Was gibt es dann da zu grinsen?", fragte diese irritiert.

„Gar nichts", erwiderte Septima rasch und hakte sich bei Minerva unter.

„Können wir?"

„Ich bin fertig."

Mit raschen Schritten verließen sie das Schloss und durchquerten die Ländereien von Hogwarts. Die Sonne schien warm auf sie herab und in der Luft lag ein leichter Duft von Blüten und frischem Gras.

„Ich könnte stundenlang hier herumlaufen", meinte Septima und hob ihr Gesicht der Sonne entgegen.

„Dann wirst du mein Zuhause sicher mögen. Jede Menge sonnengewärmte Landschaft und ein hoffentlich nicht zu verwilderter Garten", erwiderte Minerva gutgelaunt und drückte kurz Septimas Arm.

„Ich bin mir sicher, dass mir dein Zuhause gefällt", bemerkte Septima und streifte Minervas Gesicht mit einem raschen Blick.

„Bist du dir das?"

„Ja. Ein Heim spiegelt doch immer die eigene Persönlichkeit wieder und von daher…" Sie zuckte die Achseln, „…von daher bin ich überzeugt, dass ich es mögen werde. Dich mag ich ja auch. Und das ist kein Grund, schon wieder rot zu werden", fügte sie rasch hinzu, als sie die sanfte Röte in Minervas Wangen bemerkte.

„Da vorne enden die Ländereien, von dort können wir apparieren", wechselte Minerva schnell das Thema.

Septima nickte.

„Ich vertraue mich ganz deiner Führung an", sagte sie und griff fester nach Minervas Arm, „obwohl ich Seit-an-Seit-Apparieren im Grunde hasse wie die Pest."

„Ich bin auch kein Freund davon", gab Minerva zu, „ich ziehe es vor, mich auf meine eigenen Fähigkeiten zu verlassen, was die Magie anbelangt."

„Dann weißt du, was ich meine."

„Allerdings. Bereit?"

„Leg los", forderte Septima sie auf.

Die Welt verschwamm vor ihren Augen und als nächstes fanden sie sich in einem kleinem, von einem verwitterten Holzzaun eingefassten Vorgarten wieder, in dem das Unkraut einen erfolgreichen Kampf gegen die Rosen führte.

„Es sieht genauso schlimm aus, wie ich es befürchtet hatte", seufzte Minerva und ließ Septimas Arm los. „Damit werde ich mindestens einen Tag beschäftigt sein. Aber was soll es, komm erstmal herein."

Minerva löste die komplizierten Zauber, die ihr Haus schützten und stieß die schwere Holztür auf. Ein weiterer Schlenker mit dem Zauberstab bewirkte, dass sich die Fensterläden selbsttätig aufklappten und Licht in das Gemäuer ließen.

Septima trat hinter Minerva über die Schwelle und sah sich neugierig um. Ein merkwürdiger, aber nicht unangenehmer Geruch nach Staub, altem Holz und sonnengewärmtem Stein drang in ihre Nase und sie drehte sich in dem kleinen Flur um ihre Achse.

„Wie wäre es mit einer ‚Schlossbesichtigung'?", fragte sie gutgelaunt.

Minerva ließ die Reisetasche achtlos auf den aus rauen Felsquadern errichteten Fußboden fallen und nickte.

„Rechter Hand das Esszimmer, dahinter das Wohnzimmer. Geradeaus mein Arbeitszimmer, links daneben die Küche. Dahinter ein kleiner Flur, der ins Bad führt."

Septima trottete hinter Minerva her und sah sich gründlich in den Zimmern um.

In dem Esszimmer herrschte ein großer Tisch vor, der von mehreren Stühle umringt wurde. Sie bemerkte den gemauerten Kamin aus rauen Feldsteinen in einer Ecke, der im Wohnzimmer seine Entsprechung hatte. Das kleine, aber gemütliche Wohnzimmer wurde fast vollständig von einer bequem aussehenden Sitzgarnitur eingenommen, zwei kleine Bücherregale standen in einer Ecke und an einer Wand hing ein Portrait einer jungen Frau, die eine frappierende Ähnlichkeit mit Minerva aufwies.

„Bist du das auf dem Bild?"
Septima trat näher an das Bild heran.

„Nein, das ist meine Großmutter, mein Großvater hat es gemalt."
„Sie sieht aus wie du."

„Ja, das habe ich schon öfters gehört."

„Sie war sehr schön. Und sie hatte genauso blaue Augen wie du."

Minerva zuckte die Achseln und ging auf das Bild zu. Sanft berührte sie den Rahmen.

„Meine Großmutter war eine ganz besondere Frau", sagte sie leise. „Ich habe sie sehr geliebt."

Für einen Augenblick schwiegen die beiden Frauen und betrachteten das Portrait. Dann wandte sich Minerva um.

„Ich zeige dir jetzt den Rest des Hauses."

Septima folgte ihr. Bei jedem Schritt knarrten die alten Dielen unter ihren Füßen. Ihr gefielen die schlichten, ein wenig schrägen Holzdielen und die einfach weißgekalkten schiefen Wände.

„Einen rechten Winkel sucht man hier sicher vergeblich", bemerkte sie gutgelaunt.

Minerva zog die Augenbrauen hoch.

„Es ist ein altes Muggelhaus, da kann man so etwas nicht erwarten."

„Entschuldige, ich wollte dich nicht beleidigen. Tatsächlich gefällt mir das ausgesprochen gut." Septima strich mit der Hand über die nächstgelegene Wand und lächelte.

„Es hat so einen altmodischen Charme, findest du nicht?"

„Deswegen wohne ich hier", gab Minerva zurück. „Hier ist mein Arbeitszimmer."

Sie führte Vector in einen niedrigen, schmalen, dafür aber sehr lang gestreckten Raum mit dunkler Holzverkleidung an den Wänden.

Septima sah sich um und beschloss, dass sich das Arbeiten hier drin anfühlen musste, wie in einer Straßenbahn. Nach einer weiteren Minute hingegen entschied sie, dass sie der lange schmale Raum eher an ein Schiff und die sanften Hügel vor dem Sprossenfenster an erstarrte Wellen erinnerten.

„Hübsch", bemerkte sie.

Direkt nebenan lag die Küche, mit einem riesigen altmodischen Kohleherd und einer niedlichen Anrichte. Eine niedrige Tür führte in einen kleinen dunklen Flur, von dem aus man in das Badezimmer gelangte. Die gusseiserne Badewanne mit den klauenartigen Löwenfüßen entzückte Vector besonders.

„Das ist so richtig schön", schwärmte sie begeistert.

„Vertu dich da mal nicht, im Winter ist das Ding eiskalt, wenn man den Wärmezauber vor dem Baden vergisst", warnte Minerva.

„Warum hast du sie dann nicht ersetzt?"

„Weil sie schön aussieht", gab Minerva zu und ein kleines Lächeln zuckte um ihren Mund.

„Willst du den ersten Stock auch noch sehen?"

„Aber sicher."

Minerva führte sie zurück durch die Küche und in die Diele und von dort aus eine steile Holztreppe hinauf, die in einen hellen Flur mit zwei Sprossenfenstern mündete. Sie stieß die Tür gegenüber der Treppe auf und winkte Septima, ihr zu folgen.

Der Raum war nur spärlich möbliert, aber dafür waren die Wände über und über mit Bücherregalen bedeckt, die Vector ein anerkennendes Pfeifen ausstoßen ließen. Sie durchquerten den Raum und Minerva stieß eine weitere Tür auf.

„Hier ist das Gästezimmer, in dem du schlafen wirst."

„Das ist hübsch!", rief Septima begeistert aus und ließ sich probeweise auf das wuchtige breite Bett sinken. Zärtlich strich sie mit der Hand über das massige geschnitzte Kopfende des Bettes und sah sich um.

Auf den ausgetretenen Dielen vor dem Bett lag ein Wollläufer, vor den Sprossenfenstern hingen duftige Gardinen, ein wuchtiger Holzschrank stand bereit, um Septimas Sachen aufzunehmen und ein alter Lehnstuhl mit dazu passendem Tisch in einer Ecke lud zum Sitzen und Schmökern ein.

„Und die Bibliothek direkt in Reichweite, das nenne ich Luxus." Sie wippte fröhlich auf dem Bett auf und ab.

„Dein Zuhause gefällt mir sehr, Minerva. Und es passt ausgesprochen gut zu dir."

Ein feines Lächeln stahl sich auf Minervas Gesicht.

„Freut mich, dass es dir hier gefällt. Willst du mein Schlafzimmer auch noch sehen?"

„Aber unbedingt!", rief Vector und sprang auf.

„Wir schlafen quasi Wand an Wand."

„Hoffentlich schnarchst du nicht!"

„Ich glaube nicht. Komm!"

Sie führte Septima durch die Bibliothek zurück in den Flur und zu einer kleinen schmalen Tür am anderen Ende.

„Pass auf deinen Kopf auf, die Tür ist ziemlich niedrig."

Die Tür öffnete sich mit einem leisen Knarren und gab den Blick auf Minervas Schlafzimmer frei.

Ein Bett, Septimas Gästebett nicht unähnlich, stand mitten in dem niedrigen Raum, ein Kleiderschrank beherrschte die linke Wand und der Tür gegenüber befanden sich ebenfalls zwei weißlackierte Sprossenfenster. Auf beiden Seiten des Bettes lagen Schaffelle auf den alten Dielenbrettern, in einer Ecke stand ein Schaukelstuhl und darüber war ein Regalbrett angebracht, in dem sich Bücher aneinander reihten.

Minerva ließ sich auf die Bettkante sinken und sah Septima an.

„Und? Was sagst du?"

Septima setzte sich in den Schaukelstuhl und wippte sanft auf und ab.
„Ich finde es absolut großartig, Minerva! Ich fürchte, ich werde es sehr bedauern, wenn wir wieder nach Hogwarts zurückkehren müssen.

Minerva nickte und erhob sich wieder von ihrem Bett.

„Ich werde jetzt erst mal das Haus etwas Entstauben und den Garten auf Vordermann bringen. Du willst sicher auspacken."

„Das ist doch schnell erledigt. Ich helfe dir beim Entstauben, das bekomme sogar ich noch hin."

„Wenn du das möchtest. Aber du bist nicht zum Arbeiten hier."

„Ich weiß. Aber zu zweit geht es doch schneller und wir haben mehr Zeit für sinnvollere Dinge, oder?" Septima sprang temperamentvoll aus ihrem Schaukelstuhl auf, lief leichtfüßig in ihr Zimmer und acciote ihre Reisetasche herbei.

Minerva sah ihr nach und seufzte leise. Im Vergleich zu der lebhaften und agilen Vector fühlte sie sich manchmal ein wenig alt, auch wenn sie tatsächlich nur zehn Jahre auseinander waren.

Sie erhob sich etwas gemessener als ihre Freundin, rief ebenfalls ihre Reisetasche heran und machte sich daran, die wenigen enthaltenen Dinge auszupacken. Binnen Minuten hatte sie ihre Sachen verstaut und verließ ihr Schlafzimmer, um auf der Treppe beinahe in Septima zu laufen, die in der Krümmung stand und ihren Zauberstab mit weitgreifenden Bewegungen dirigierte.

„Was machst du da?"

„Staub wischen. Ich bin beinahe fertig."

„Von hier aus?"

„Ja. Von hier aus kann ich alle Räume gleichzeitig erreichen. Wenigstens ein nützlicher Zauber, den ich perfekt beherrsche."
Sie ließ den Zauberstab sinken und sah zu Minerva auf, die eine Stufe höher stand als sie.

„Ich hasse Hausarbeit und je schneller ich damit durch bin, desto besser", erklärte sie und strich sich den Pony aus den Augen. „Ich denke allerdings, dass du mir in Punkto Gartenarbeit noch etwas vormachen wirst. Ich bin ein Stadtkind."

„Tatsächlich?"

„Ja, geboren und aufgewachsen in London. Alles, was ich über Pflanzen weiß, habe ich in Hogwarts gelernt. Allerdings hat Professor Tofty sich damals auf die magischen Pflanzen beschränkt. Ich meine gesehen zu haben, dass du auch normale nichtmagische Pflanzen im Garten hast?"

„Ja, ich habe ein paar Rosenstöcke, Stockmalven und Clematis. Ich habe wenig Verwendung für magische Pflanzen, von daher habe ich mich auf die einfacheren Sachen beschränkt, zumal ich auch nur selten hier bin."

Septima hatte ihre Zauberei inzwischen erfolgreich beendet.

„So, das Haus ist sauber. Und nun hätte ich gerne gewusst, wie man einen Garten wieder in Ordnung bringt."

Sie strahlte Minerva von unten hinauf an und lief die restlichen Stufen hinunter. Minerva folgte ihr vors Haus.

Inmitten des verwilderten Gartens stand eine verwitterte Holzbank, auf der sie beide Platz nahmen. Minerva erklärte Septima die elementarsten Grundbewegungen und Sprüche, mit denen sie das Unkraut loswerden konnte, während sie sich an die etwas anspruchvolleren Zauber machte.

„Nur die Rosen muss ich nachher von Hand beschneiden", fügte sie hinzu.

Unter dem gekonnten Schwung ihres Zauberstabes wurden die größeren, akut vom Umfallen bedrohten Pflanzen an Stäben fixiert, die wildwuchernde Clematis rankte sich anmutig an dem für sie gedachten Spalier hinauf und sie dirigierte die Sense, die die ins Kraut geschossene Wiese um das Haus herum mähte.

Währenddessen konzentrierte sich Septima auf ihr magisches Unkrautzupfen.

Nach einer ganzen Weile nickte Minerva zufrieden und ließ den entstandenen Gartenabfall mit einem ‚Evanesco' verschwinden.

„Sieht doch schon wieder ganz ordentlich aus hier", fand sie, lehnte sich zurück und betrachtete den nun wieder wesentlich übersichtlichen Garten.

„Und deine Rosen?"

„Gemach, die kommen auch noch dran. Es kann nicht jeder so vor Elan und Energie strotzen wie du."

Sie lächelte Septima zu, die das Lächeln fröhlich erwiderte, sich zurücklehnte, die Augen schloss und genüsslich das Gesicht in die Sonne reckte. Das sah so verlockend aus, dass Minerva es ihr nachtat und für eine Weile saßen sie einfach in einträchtigem Schweigen in der Sonne, zufrieden mit sich und der Welt und geborgen in ihrer stillen Zweisamkeit.

Irgendwann öffnete Minerva seufzend die Augen und erhob sich, um sich ihrer Rosen anzunehmen. Septima blinzelte träge und richtete sich etwas auf.

„Kann ich dir helfen?"

„Nein, dabei nicht. Aber du könntest inzwischen hineingehen und uns einen Tee machen. Du findest dich sicher zurecht."

Septima verschwand in Richtung Küche und Minerva trat an ihre so schmählich vernachlässigten Rosenstöcke heran, um sich den Schaden genauer anzusehen.

So fand Septima sie, als sie aus der Küche zurückkehrte. Für einen Moment blieb sie unbemerkt an der Haustür stehen und beobachtete Minerva, die sich über ihre Rosen beugte, hier und da einen Trieb zurück schnitt oder ein Blatt entfernte. Ihr strenger Haarknoten hatte sich etwas gelockert und ein paar lose Strähnen fielen ihr in die Stirn oder umrahmten weich ihr Gesicht.

Septima fand diese, für sie so neue Minerva, ungeheuer weich und anziehend und ein sanftes Lächeln schlich sich um ihre Mundwinkel.

Nach einer Weile bemerkte Minerva sie, richtete sich auf und klemmte sich die gelösten Haarsträhnen hinter die Ohren.

„Wie lange siehst du mir denn schon zu?", fragte sie und ging langsam auf Septima zu.

„Lange genug, um zu erkennen, dass das ein wirklich ungewöhnlicher Anblick ist. Die strenge und unnachgiebige Professor McGonagall, die sich liebevoll um ihre Rosen kümmert. So weich und verletzlich erlebt man dich ausgesprochen selten."

Minerva zuckte die Achseln.

„Ich hoffe, du bist dir bewusst, welches Privileg du hast", entgegnete sie in ihrer gewohnt strengen Art.

Vector weigerte sich, beleidigt zu sein.
„Der Tee ist fertig, wollte ich dir nur sagen."

„Ich komme."

Septima hatte den kleinen Tisch im Wohnzimmer gedeckt.

„Ich hoffe, das ist dir recht? Ich fand es hier gemütlicher als im Esszimmer."

„Wunderbar", entgegnete Minerva, streifte die erdigen Schuhe an der Haustür ab und folgte Septima ins Wohnzimmer.

„Ich habe gedacht, ich richte gleich eine Kleinigkeit zu essen an. Ich weiß ja nicht, wie es dir geht, aber ich habe Hunger."

„Wann hättest du den nicht?", murmelte Minerva und ließ sich in einem Sessel nieder, mit Blick auf das Portrait ihrer Ahnherrin.

Septima setzte sich ihr gegenüber und lächelte sie an.

„Lass es dir schmecken."

Sie aßen in zufriedenem Schweigen und nach dem Essen verkündete Minerva, dass sie sich für einen Moment hinlegen wollte.

„Irgendwie bin ich ziemlich müde. Das war vermutlich doch noch etwas zuviel auf einmal" meinte sie und verschwand in ihrem Schlafzimmer.

Septima bemühte sich unterdessen, möglichst leise das Geschirr zu spülen und die Küche wieder aufzuräumen, dann schlich auch sie nach oben und durchstöberte Minervas Bibliothek nach interessantem Lesestoff. Schließlich wurde sie fündig und verkrümelte sich mit ihrem Buch in den gemütlichen Lehnstuhl in ihrem Zimmer.

Eine friedvolle Stille lag über dem alten Haus, nur unterbrochen durch das Ticken einer Uhr, dem gelegentlichen Papierrascheln, wenn Septima eine Seite umlegte und dem Knacken des alten Holzes, das sich in der Mittagssonne ausgedehnt hatte.

Nach den ersten paar Kapiteln ihres Buches sah Septima auf die Uhr und bemerkte, dass schon weit über eine Stunde verstrichen war, seit sie sich mit dem Buch zurückgezogen hatte. Sie hob den Kopf und lauschte, doch die Stille des Hauses war absolut. Aus Minervas Schlafzimmer drang kein Laut.

„Zumindest schnarcht sie nicht", murmelte sie mit einem kleinen Lächeln, horchte aber weiter, ob sie nicht doch etwas hörte.

„Sie wird sich doch nicht zuviel zugemutet haben und einen Rückfall haben", fragte sie sich.

Wieder lauschte sie und die Stille summte ihr in den Ohren. Sie beschloss, sich zu vergewissern, dass es Minerva gut ginge und schlich leise bis zu ihrem Schlafzimmer. Vorsichtig drückte sie die Klinke hinunter und erstarrte, als diese laut hörbar quietschte. Mit angehaltenem Atem drückte sie leise die Tür auf und schlüpfte durch den Türspalt.

Minerva hatte ihre Robe ordentlich zusammengelegt über die Lehne des Schaukelstuhls gehangen und lag auf dem Bett und schlief. Ihr schlichtes Unterkleid fiel weich um ihre schlanke Gestalt, das graumelierte Haar floss gelöst auf ihr Kopfkissen, ihr Gesicht wirkte entspannt, die Falten weniger tief und ein kleines Lächeln umspielte ihre Lippen.

Durch den Anblick dieser entspannt und friedlich schlafenden Minerva beruhigt, wollte Septima leise den Rückzug antreten, vergaß aber, an den niedrigen Türrahmen zu denken und stieß sich gehörig den Kopf.

Ein „Verdammt" entschlüpfte ihr, leise zwar, aber es genügte, um Minerva aufzuwecken. Mit einer einzigen Bewegung saß sie kerzengerade im Bett und starrte Septima an.

„Was machst du hier? Du hast mich fast zu Tode erschreckt!"

„Tut mir Leid, ich wollte dich nicht wecken", besänftigte Septima die aufgebrachte Freundin und rieb sich die Stirn.
„Ich wollte nur kurz sehen, ob mit dir alles in Ordnung ist und habe mir den Kopf am Türrahmen angeschlagen. Ich wollte dich wirklich nicht erschrecken."

„Ist schon gut", winkte Minerva ungeduldig ab. „Lass mich mal deinen Kopf sehen, das hat ja ganz schön geknallt."

Sie stieg aus dem Bett und ging auf Septima zu.

Septima fühlte, wie Minerva ihr sanft das Haar aus der Stirn strich und schauderte unwillkürlich.

„Was ist mit dir?", erkundigte Minerva sich besorgt.

„Nichts, alles bestens", versicherte Septima ihr hastig und war versucht, Minerva ihren Kopf zu entziehen, widerstand diesem Impuls aber. Erneut fühlte sie, wie Minervas Hand ihr zart über die Stirn strich und ihr wurden die Knie weich. Sie schloss die Augen und lehnte sich haltsuchend mit dem Rücken an den Türrahmen, während Minerva ihre Verletzung untersuchte.

„Das wird eine wunderbare Beule geben", murmelte diese und legte sanft ihre wunderbar kühle Hand auf die verletzte Stelle.

„Ich könnte versuchen, das Schlimmste zu verhindern, aber ich weiß nicht, ob ich im Heilzaubern so gut bin wie Poppy."

„Riskier es einfach", bat Vector und öffnete die Augen wieder.

Das erste, was sie sah, waren Minervas besorgte blaue Augen, die sich dicht über ihrem Gesicht befanden.

„Du legst dich besser hin", beschloss Minerva und bugsierte die sich sträubende Vector auf ihr Bett.

„Ich muss mich nicht hinlegen, mir geht es gut!", protestierte diese.

„Das mag sein, aber ich weiß ehrlich gesagt nicht, wie du dich fühlen wirst, wenn ich mit dir fertig bin. Und ich möchte lieber kein Risiko eingehen. Ich habe nicht das Bedürfnis, dich hinterher vom Boden aufzusammeln. Also, auf das Bett mit dir!", befahl Minerva in ihrem strengsten Tonfall, den sie sich gewöhnlich für aufmüpfige Schüler aufsparte. Septima, die diesen Tonfall genau kannte, beschloss, sich lieber auf keine Diskussion einzulassen, zumal ihr Kopf zum Zerspringen pochte.

Gehorsam streckte sie sich auf dem Bett aus und Minerva hantierte geschickt mit ihrem Zauberstab an Septimas Stirn herum.

Septimas Kopfschmerz verschwand genauso plötzlich, wie er aufgetreten war und der ziehende Schmerz an ihrer Stirn ließ merklich nach.

„Ist schon viel besser, danke", sagte sie und wollte sich aufsetzen.

„Nichts da, du bleibst jetzt mindestens für eine halbe Stunde hier liegen", ordnete Minerva an und drückte sie vorsichtig wieder in die Kissen zurück.

„Aber mir geht es gut!", protestierte Vector.

„Poppy würde dich auch noch nicht aufstehen lassen und sie beherrscht dieses Metier eine Ecke besser als ich", erwiderte Minerva bestimmt und setzte sich neben sie auf die Bettkante.

„Ist das jetzt die Rache dafür, dass wir dich wochenlang geschont haben?"

Minerva lächelte.

„Ich gebe zu, dieser Gedanke spielt ein klein wenig mit hinein. Aber hauptsächlich geht es um deine Gesundheit, dieser Spruch kann die merkwürdigsten Sachen mit dem Kreislauf anstellen, wie Poppy mir einmal erklärt hat. Ich möchte nicht, dass du mir urplötzlich umfällst."

„Na schön", seufzte Septima und ergab sich ihrem Schicksal. Mit großen Augen sah sie zu Minerva auf und lächelte schief. Sie betrachtete Minerva angelegentlich und bemerkte:
„Ich verstehe gar nicht, warum du dich immer in deinen weiten Roben versteckst."

„Wie bitte?" Minerva sah sie verständnislos an.

Septima hob eine Hand und zupfte sachte an Minervas Unterkleid.

„Wie man – oder ich im Moment – gerade feststellen kann, hast du eine wirklich niedliche Figur. Warum versteckst du die immer?"

Minerva sah flüchtig an sich herab und gewahrte ihre Bekleidung respektive den auffälligen Mangel an dieser.

„Ich fühle mich wohl in meinen Roben. Und ich sehe wirklich keinen Grund, meinen Stil zu ändern und in meinem Alter noch in tief ausgeschnitten und figurbetonten Kleidern herumzulaufen. Außerdem will ich dir keine Konkurrenz machen", fügte sie lächelnd hinzu, „es reicht durchaus, wenn eine Lehrkraft in den Phantasien mancher Schüler herumspukt."

„Einerseits ist das schon ganz interessant."

„Interessant? Wie meinst du das?", fragte Minerva.

„Na, schau mal, ich bin eine Frau von über 60 Jahren, da mache ich mir nichts vor. Ich habe Falten im Gesicht, graues Haar und gewisse Körperpartien beugen sich so langsam dem Gesetz der Schwerkraft. Aber mein Image ist in gewisser Hinsicht immer noch relativ, wie soll ich sagen..." Sie dachte kurz nach.

Minerva soufflierte:

„ ...erotisch aufgeladen?"

„ Ja, anscheinend. Oder?"

„Und worin besteht das Problem?"

„Das Problem trage ich immer mit mir herum - und zwar hier, auf Brusthöhe. Was du hier erahnen kannst und auch schon selber recht genau gesehen hast: Ein Paar immer noch recht eindrucksvolle Brüste! Heute habe ich ja nun eine recht schlichte Robe an, nichts, was den Sexappeal unterstreichen würde. Aber ich konnte meinen Busen nie verstecken, auch nicht unter Roben wie dieser. Einerseits mochte ich ihn auch immer gerne..."

„Das klingt nach einer Einschränkung", hakte Minerva interessiert nach.

Septima lachte.

„Da ist aber jemand ziemlich neugierig geworden! Aber das macht nichts. Andererseits ist es mitunter auch recht lästig, wenn man mir permanent auf den Busen starrt anstatt mir zuzuhören. Besonders pubertierende Schüler. Oder Männer, mit denen ich ausgegangen bin und die den ganzen Abend damit verbracht haben, mein Dekolletee zu fixieren anstatt sich mit mir zu unterhalten."
Sie warf Minerva einen amüsierten Blick zu.

„Und du bemühst dich jetzt, meinen Busen bewusst nicht anzustarren - und das, obwohl ich von ihm rede. Du willst dich keinem Verdacht aussetzen. Das finde ich irgendwie süß. Mit der Zeit lernt man, damit umzugehen und ich kann und konnte mit erotischen Avancen und Projektionen auch immer ganz gut leben."

Sie warf Minerva einen interessierten Blick zu.

„Ich hoffe, ich habe dich jetzt nicht allzu sehr schockiert."

„Schockiert? Nein. Aber das ist ein Aspekt, unter dem ich das noch nie betrachtet habe. Und mich fasziniert deine Einstellung dazu."

Septima zuckte versuchsweise die Achseln, was sich in ihrer derzeitigen Position zugegebenermaßen recht schwierig gestaltete.

„Der Trick im Leben ist einfach lernen, damit umzugehen. Das müsstest du doch auch wissen."

„Sicher, das ist gar keine Frage. Nur, dass wir auf relativ unterschiedliche Weise damit umgehen. Aber gerade das macht unsere Freundschaft auch so interessant, die Gegensätze zwischen uns."

Minerva sah auf die Uhr und lächelte.

„Du hast es gleich geschafft, die halbe Stunde ist beinahe um und du darfst wieder aufstehen."

„Zumindest hatten wir in der Zeit ein faszinierendes Gesprächsthema", grinste Vector, bevor sie die Augen aufriss und anklagend mit dem Finger auf McGonagall zeigte.
„Das hast du absichtlich provoziert, oder? Damit ich liegen bleibe!"

„Nein, nicht ganz. Angefangen hast du damit, ich habe dich dann nur am Reden gehalten."

Sie gab Septima einen leichten Klaps auf die Schulter und erhob sich.

„Ich schätze, du kannst jetzt wieder aufstehen."

Septima setzte sich auf und drehte versuchsweise den Kopf.

„Wie fühlst du dich?"

„Wie neu." Sie schwang die Beine von der Bettkante.

„Langsam, nicht so hastig", mahnte Minerva, als Septima einfach so aufspringen wollte. Gehorsam erhob diese sich nun langsamer.

„Was macht dein Kopf? Keine Kopfschmerzen mehr? Kein Schwindel?"

„Nein."

„Gut, dann darfst du jetzt das Zimmer wieder verlassen und tun, was auch immer du tun wolltest, bevor du mit dem Türrahmen kollidiert bist."

Minerva ging zum Schaukelstuhl hinüber und schlüpfte in ihre Robe.

„Eigentlich wollte ich nichts Bestimmtes tun. Ich hatte mir eines deiner Bücher geliehen und ein bisschen gelesen."

„Nun, dafür sind sie da, oder? Welches hast du dir ausgesucht?"

„'Quell der Einsamkeit'. Ich wusste gar nicht, dass du dich auch für Muggelliteratur interessierst."

„Doch doch, es gibt da so einige faszinierende Bücher. Warum hast du gerade dieses ausgesucht?"

„Ich weiß nicht. Zufall, nehme ich an." Septima hob die Schultern und breitete die Hände aus. „Ein glücklicher Zufall, es ist gut geschrieben."

Minerva nickte zustimmend.

„Ich weiß, ich habe es selbst auch schon gelesen."

„Und nicht nur einmal, schätze ich, so zerlesen wie das Buch schon ist."

„Wie du gesagt hast, es ist gut geschrieben. Was hältst du davon, wenn wir unsere Lektüre mit nach draußen nehmen und in der Sonne weiter lesen?"

„Das ist das beste Angebot, das ich heute hatte. Geh ruhig schon mal vor, ich komme sofort nach."

Septima eilte in ihr Zimmer zurück, vertauschte ihre langärmlige Robe gegen eine dünnere, ergriff ihr Buch und eilte Minerva hinterher.

Diese hob die Augenbrauen beim Anblick von Vector.

„Willst du jetzt doch den Sexappeal unterstreichen?"

Vector grinste.
„Möglicherweise?"

Sie nahm neben Minerva auf der Bank Platz, schlug ihr Buch wieder auf und vertiefte sich für den restlichen Nachmittag darin.

Gegen Abend zogen Wolken heran, der Wind frischte auf und zerrte an den Kleidern der Frauen.

Minerva klappte ihr Buch zu und spähte zum Himmel hinauf.

„Ich gehe hinein, es sieht aus, als würden wir ein ganz schönes Gewitter bekommen."

„Ja, es wird langsam ungemütlich. Es kühlt sich ziemlich ab."

Septima folgte Minerva ins Haus. Vom Fenster aus beobachtete sie, wie sich am Horizont dunkle Wolken drohend zusammenballten und hoch auftürmten. Kurz darauf zuckten Blitze über den Himmel, Donner grollte und der Himmel öffnete seine Schleusen, um die Landschaft in sintflutartigen Regengüssen zu ertränken.

„Was für ein Mistwetter!"

„Allerdings", stimmte Minerva zu und zog fröstelnd die Schulter hoch.

„Vor allem wird es ziemlich kühl, vielleicht machen wir uns dann doch ein Feuer an?"

„Keine üble Idee. Das hat so etwas Gemütliches."

Minerva entfachte ein Feuer im Wohnzimmerkamin und die beiden Frauen machten es sich davor gemütlich.