Alle Charaktere und sämtliche Rechte an ‚NCIS: Los Angeles' gehören CBS und Shane Brennan Productions. Die folgende Geschichte dient keinerlei kommerziellen Zwecken, sondern wurde nur zum Vergnügen für Fans geschrieben. Eine Verletzung des Copyrights ist nicht beabsichtigt. Alle weiteren Personen gehören der Autorin.
Viel Spaß beim Lesen und ich freue mich auf Eure Rückmeldungen.
Kapitel 4 - Erste Hinweise
„Okay, wir haben zwar Fisher aus dem Verkehr gezogen, aber trotzdem sind wir mit den Morden noch nicht weiter. Was unternehmen wir jetzt?" Tatendurstig sah Ray am nächsten Morgen seine Kollegen an.
„Was haben wir bisher?" Sam beantworte seine Frage selber. „Neun Tote, alle ehemalige Navy-Angehörige, die sich untereinander nicht kannten und auch keine Gemeinsamkeiten hatten. Alle Opfer wurden vor ihrem Tod gefoltert und verstümmelt. Die Leichen wurden an abgeschiedenen Plätzen abgelegt. Dabei wurde die Auswahl der Orte von Mord zu Mord präziser: Die Zufahrt wurde schwieriger und ab dem vierten Mord hatten alle Ablageorte einen Punkt, von dem aus man das ganze Gebiet übersehen konnte. Die Verstümmelungen deuten darauf hin, dass die Opfer nicht unschuldig sind. Wir haben einen Toten mit abgeschnittenen Händen, der bekanntermaßen seine Frau verprügelt hat. Und ein Opfer mit ausgestochenen Augen, dass möglicherweise ein Spanner war." Sam sah seine Kollegen fragend an.
„Die Gemeinsamkeit, nach der wir suchen, sind vielleicht die Taten der Opfer. Häusliche Gewalt und Voyeurismus, die beide nicht zur Anzeige kamen. Wahrscheinlich finden wir bei den anderen Opfern Ähnliches." Kensi runzelte die Stirn. „Wenn auch die anderen Opfer in ihrem Leben mal Täter waren, finden wir vielleicht auch heraus, wer davon wusste."
Deeks nickte langsam. „Unsere Opfer sind vor ihrem Tod gefoltert worden. Der oder die Täter wollten sie leiden lassen, so wie die Toten ihre Opfer haben leiden lassen. Das war eine Bestrafung."
„Selbstjustiz." Callen sah nachdenklich vor sich hin. „Das klingt nach einer guten Erklärung. Und wie sollen wir das beweisen?"
„Nell und ich werden uns die Vergangenheit der Opfer noch mal gründlich vornehmen. Wenn Eure Vermutungen stimmen, müssen alle irgendwann mal bei den Behörden auffällig geworden sein, auch wenn es vielleicht nie zu einer Anzeige kam."
Callen nickte zustimmend. „Lasst die Jugendakten nicht außer Acht, Eric. Drei der Opfer waren jünger als fünfundzwanzig."
„Jugendstrafakten sind versiegelt, Callen.", warf Nell ein.
„Hat Euch so etwas jemals aufgehalten?" Callen sah sie mit leicht hochgezogener Augenbraue an, woraufhin Nell ein wenig verlegen den Blick senkte.
„Wir sollten auch noch mal die Frauen wegen des Spanners befragen. Fisher hat zwar gesagt, dass sie bei keiner eine Verbindung zur Navy feststellen konnte, aber das würde ich gerne überprüfen."
„Sie hat ziemlich gründlich gearbeitet, Joann, glaubst Du, dass bringt uns wirklich weiter?" Ray sah seine Partnerin zweifelnd an.
„Fisher hat vielleicht nicht die richtigen Fragen gestellt. Wir haben Informationen, die ihr nicht vorlagen." Joann runzelte die Stirn. „Dies ist nicht der erste Fall von Selbstjustiz, den ich bearbeite. Irgendetwas hat Opfer und Täter immer miteinander verbunden. Es ist doch auffällig, dass alle Opfer bei der Navy waren. Ich denke,…" Joann zögerte kurz. „Ich denke, dass sich dadurch vielleicht der Kreis der Verdächtigen verkleinert."
„Inwiefern?" Sam sah Joann fragend an.
„Die Täter sind zivile oder militärische Beschäftigte der Navy mit Zugang zu Akten oder Informationen der Militärpolizei. Von außerhalb der Navy ist der Zugang zu diesen Informationen beschränkt und schwierig."
Sam nickte zustimmend. Aber Joann war noch nicht fertig.
„Außerdem bin ich ziemlich sicher, dass wir es wahrscheinlich mit drei oder mehr Tätern zu tun haben."
„Einer, der vom Aussichtspunkt aus die Gegend überwacht, zwei, welche die Leiche entsorgen."
„Genau, Marty. Da ist aber noch etwas. Die ersten drei Fundorte hatten keine Überwachungsmöglichkeit. Eventuell waren es da auch nur zwei Täter und später ist ein dritter hinzugekommen."
„Oder sie sind bei der Ablage des dritten Opfers gestört worden, Joann. Daraufhin haben sie sich die Orte nach anderen Gesichtspunkten ausgesucht und den dritten Täter mitgenommen."
„Ja, auch möglich, Marty." Joann zuckte mit den Schultern. „Das war nur ein Versuch von mir, eine mögliche Erklärung für die Änderung der Ablageorte zu finden."
„Okay, hier kommen wir erst mal nicht weiter. Jo, Du und Ray, Ihr befragt noch mal die Frauen. Deeks und Kensi, Ihr sprecht mit den Ermittlern der anderen Mordfälle. Vielleicht fällt denen irgendetwas ein, auf Grund der Informationen, die uns jetzt vorliegen. Sam und ich fahren nach Camp Pendleton. Eines der Opfer war dort eingesetzt, sein letzter Einsatzort vor seinem Ausscheiden bei der Navy. Vielleicht bekommen wir dort ein paar zusätzliche Informationen."
Verblüfft sah Kensi Callen an. „Hetty hat mir nur Innendienst erlaubt, Callen."
„Ich weiß, aber ich sehe kein Risiko für Deine Gesundheit, wenn Du mit Deeks von Revier zu Revier fährst und ein paar Detectives Fragen stellst."
„Ach, und für meine Gesundheit siehst Du darin kein Risiko?" Mit großen, treuen Hundeaugen sah Deeks Callen an.
„Verschwinde, bevor ich es mir anders überlege und ich Dich wieder den ganzen Tag an den Schreibtisch setzte." Mit einem breiten Schmunzeln im Gesicht sah Callen seinem Kollegen hinterher, der beinahe mit Lichtgeschwindigkeit das Hauptquartier verließ.
…
Joann stöhnte leise vor sich hin. Das war die elfte Frau auf ihrer Liste und sie waren keinen Schritt weiter gekommen. Vierundzwanzig weitere mussten sie noch befragen. Klinken putzen war ein wesentlicher Teil der Ermittlungsarbeit, aber auch ein sehr mühseliger. In diesem Fall kam noch dazu, dass ein Großteil der bisher befragten Frauen anscheinend begeistert über die Unterbrechung ihrer Alltagsroutine war. Ray und sie bekamen von den Frauen Kaffee und selbstgebackene Plätzchen oder Kuchen vorgesetzt, in der Hoffnung, im Austausch dafür Informationen zu erhalten, die sich zum Tratsch mit den Nachbarinnen eigneten.
„Ich kann nicht mehr. Wenn ich noch einen Kaffee und Plätzchen bekomme, platze ich." Ray stöhnte ebenfalls. „Ich dachte eigentlich, dass diese Sorte Frau ausgestorben sei."
„Welche Sorte Frau?" Joann drückte ihr schmerzendes Kreuz durch.
„Die Sorte, die den ganzen Tag zu Hause ist, für ihre Familie selber kocht und backt und aus Langeweile über ihren eintönigen Alltag ständig mit den Nachbarinnen tratscht." Ray schüttelte in gespielter Verzweiflung den Kopf. „Ich dachte, dass in unseren modernen Zeiten die Frauen alle arbeiten gehen, ihren Familien Fertiggerichte und gekaufte Kekse vorsetzen und keine Zeit für ihre Nachbarinnen haben."
Joann musste lachen. „Wir sind hier in einer typischen Vorstadt. Mit Sicherheit gibt es hier auch die von Dir beschriebene berufstätige Frau, aber die sind viel zu beschäftigt, um einen Voyeur zu bemerken. Das schaffen nur die gelangweilten Hausfrauen."
Ray grinste. „Ich glaube, da gibt es noch eine dritte Sorte."
„Ach ja, und welche?"
„Die der berufstätigen Frau, die nach Hause kommt, den Voyeur sieht und ihm so lange in den Hintern tritt, bis er am nächsten Polizeirevier angekommen ist!" Aus Rays Augen blitzte der Schalk.
Joann prustete los. Die Anspielung auf sie und Kensi war natürlich klar, aber auch ziemlich zutreffend. Das Bild, was vor ihrem inneren Auge entstand, war einfach zu komisch. Schließlich beruhigte sich Joann wieder. „Na los, lass uns weitermachen, sonst müssen wir morgen noch mal herkommen."
…
„Das hat bisher nicht wirklich viel gebracht." Deeks war enttäuscht. Keiner der Detectives, mit denen sie bisher gesprochen hatten, konnte ihnen weiterhelfen. Die Meisten, weil sie nicht wollten, der Rest, weil sie nicht konnten.
„Hast Du ein Wunder erwartet? Die sind doch alle froh, dass wir die Fälle übernehmen. So haben sie weniger Arbeit und auf ihrer Bilanz steht ein ungelöster Fall weniger." Kensi klang verbittert. Sie hatte nicht unbedingt damit gerechnet, dass einer der Detectives ihnen die Lösung auf einem Silbertablett servieren würde. Aber das ihnen eine so massive Ablehnung entgegenschlagen würde, hatte Kensi nicht erwartet. „Wie hast Du es eigentlich geschafft, alle gegen Dich aufzubringen?" Kensi winkte ab, als Deeks antworten wollte. „Das war eine rhetorische Frage. Ich weiß genau, wie Du das geschafft hast." Missmutig stieg sie in den Wagen und ignorierte Deeks' flapsige Entgegnung. „Wohin als nächstes?"
…
Callen überließ das Gespräch mit dem Militärpolizisten Sam.
„Nein, Agent Hanna, wir wurden nie zum ihm nach Hause gerufen. Wir haben immer wieder mit häuslicher Gewalt zu tun, aber nicht bei Patty Officer Loomer. Er ist nie auffällig geworden." Der Mann zögerte.
„Was dann, Sergeant?" Sam hatte seine gewohnt kühle Miene aufgesetzt, doch der Mann ließ sich davon nicht einschüchtern.
„Es gab Gerüchte. Mehr nicht." Der Sergeant wollte nicht mehr sagen.
Sam ließ Ungeduld aufblitzen. „Sergeant, wir ermitteln hier in einem Mordfall. Um genau zu sein, in einer Mordserie. Patty Officer Charles Loomer wurde gefoltert, verstümmelt, getötet und wie ein Sack Müll weggeworfen. Ein ‚mehr nicht' werde ich daher nicht akzeptieren."
Der Mann seufzte und gab nach. „Patty Officer Loomer hatte eine Stieftochter. Seine Frau hat sie mit in die Ehe gebracht. Eine Weile schien alles in Ordnung zu sein, dann begannen die Gerüchte. Loomer soll das Mädchen missbraucht haben. Alle Familienmitglieder wurden befragt, ebenso wie Lehrer, Betreuer, Freunde. Es gab eine medizinische Untersuchung und nichts bestätigte die Gerüchte. Wir haben damals angenommen, dass es sich um üble Nachrede handelt. Leider konnten wir nie den Ursprung feststellen."
„Das war nicht alles." Callen stellte keine Frage.
„Nein, Sir." Wieder seufzte der Sergeant. „Ein paar Jahre nach diesem Vorfall hat das Mädchen versucht, sich umzubringen. Nachdem sie aus dem Krankenhaus heraus war, sind sie und ihre Mutter verschwunden. Die Gerüchte von damals kamen wieder hoch. Nicht lange danach hat Loomer seinen Abschied eingereicht."
Sam und Callen tauschten einen kurzen Blick aus. „Sergeant, warum haben Sie das nicht dem Detective gesagt, der ursprünglich diesen Mordfall bearbeitet hat?"
„Weil er nicht danach gefragt hat, Sir. Er hat hier angerufen und sich nur bestätigen lassen, dass es keine Strafakte über Patty Officer Loomer gibt."
„Danke, Sergeant, Sie haben uns sehr geholfen."
…
„Es tut mir wirklich leid, dass ich Ihnen nicht weiterhelfen konnte." Betrübt sah die Frau Joann an. „Der Spanner ist inzwischen nicht mehr aufgetaucht, wie ich gehört habe. Wissen Sie, ich habe ihn auch nur dieses eine Mal gesehen." Die Frau stockte. „Na ja, gesehen hat ihn eigentlich meine Freundin. Sie hat mich nur auf ihn aufmerksam gemacht."
Joann warf einen kurzen Blick in die Akte auf ihrem Smartphone. „Sie haben bei der Befragung durch Detective Fisher angegeben, dass Sie den Voyeur entdeckt haben. Von einer Freundin haben Sie nichts erwähnt, Mrs. Powell."
Verwirrt runzelte die Frau ihre Stirn. „Nicht? Ich war sicher, das erwähnt zu haben." Sie schüttelte den Kopf. „Ich weiß es nicht mehr. Vielleicht habe ich es auch vergessen. Jedenfalls war es so. Wissen Sie, Agent MacKenzie, meine Freundin Natty war hier. Sie hatte beim Essen zu viel getrunken und konnte nicht mehr nach Hause fahren. Da mein Mann auf Geschäftsreise war, habe ich ihr angeboten, hier zu schlafen." Versonnen lächelte Mrs. Powell vor sich hin. „Wissen Sie, Agent MacKenzie, Natty und ich kennen uns schon seit der Schule. An dem Abend war es wie damals, wir haben im Schlafzimmer eine kleine Pyjamaparty veranstaltet. Ich war kurz im Bad verschwunden, als sie mich gerufen hat." Jetzt musste Mrs. Powell lachen. „Wissen Sie, Agent MacKenzie, Natty ist, im Gegensatz zu mir, ziemlich mutig. Sie hat ihr Pfefferspray aus der Handtasche geholt, die Terrassentür geöffnet und ist schreiend auf den Mann zugelaufen. Ich glaube nicht, dass sie ihn mit dem Pfefferspray getroffen hat, aber er ist ganz schnell verschwunden." Sie schüttelte, immer noch lachend, den Kopf. „Wissen Sie, Agent MacKenzie, wir haben das als kleines Abenteuer betrachtet und es gar nicht gemeldet. Der Mann war noch jung. Wir haben gedacht, er wollte vielleicht zu seiner Freundin und hätte sich im Garten geirrt. Daran erinnert habe ich mich erst wieder, als Detective Fisher danach gefragt hat. Ich glaube, sie ist hier im Viertel von Tür zu Tür gegangen." Mrs. Powell schüttelte immer noch den Kopf. „Und ich habe Detective Fisher wirklich nicht von Natty erzählt?"
„Nein, Mrs. Powell, wirklich nicht. Würden Sie mir bitte den vollständigen Namen, die Anschrift und Telefonnummer Ihrer Freundin nennen?"
„Aber natürlich, sie heißt Natalia Melnikow. Aber ich nenne sie immer Natty. Wissen Sie, Agent MacKenzie, das dürfen nur ihre wirklich guten Freunde." Dann nannte sie noch den Rest der gewünschten Daten.
„Vielen Dank, Mrs. Powell. Sie haben uns sehr geholfen." Das Lächeln in Joanns Gesicht war ein wenig verkrampft.
Draußen auf der Straße atmeten beide tief durch. Joann sah Ray an und schüttelte den Kopf. „Die Frau hat ja gar nicht mehr aufgehört zu reden."
Mit tief ernstem Gesicht erwiderte Ray den Blick. „Wissen Sie, Agent MacKenzie, Mrs. Powell hat wohl nicht viel Abwechslung in ihrem Leben. Uff!" Er schnappte nach Luft, nachdem ihm Joann einen zielsicheren, aber leichten, Schlag gegen den Solarplexus verpasst hatte.
Joann grinste. „Wissen Sie, Agent Wingate, kleine Sünden werden sofort bestraft!"
Gemeinsam lachend machten sie sich auf zum nächsten Haus.
…
„Detective Peterson?" Kensi sah den älteren, fülligen Polizisten an und stöhnte innerlich auf. Er machte nicht den Eindruck eines Mannes, der ihnen weiterhelfen konnte oder wollte. Dies würde mit Sicherheit wieder eine Sackgasse werden.
„Ja." Der Detective musterte Kensi und Deeks aus müden Augen. „Sie sind vom NCIS?"
Kensi reichte ihm ihre Hand. „Agent Blye." Dann deutete sie auf Deeks. „Unser Verbindungsoffizier zum L.A.P.D., Detective Deeks."
Detective Peterson schmunzelte. „Von Ihnen habe ich ja schon so einiges gehört, junger Mann. Ein hervorragender Cop, dem die sozialen Kompetenzen fehlen, um mit seinen Kollegen auszukommen." Dann sah er zwischen Deeks und Kensi hin und her. Seine Augen wirkten auf einmal nicht mehr müde, sondern sehr klug, fast weise. „Sieh einer an, so ist das." Dann räusperte er sich. „Was kann ich für Sie beide tun?"
„Es geht um den noch ungeklärten Fall Reginald Roberts." Kensi revidierte ihren ersten Eindruck ein wenig. In diesem Polizisten steckte mehr, als auf den ersten Blick zu sehen war.
Peterson nickte. „Eine hässliche Geschichte. Gefoltert, lebendig verstümmelt und dann ermordet. Keine Spuren am Fundort der Leiche, der nicht der Tatort war. Keine Hinweise auf den Tatort, auf die Täter oder den Grund für den Mord. Roberts scheint ein unbescholtener Bürger zu sein, der seinem Land gedient hat."
„Sie wirken nicht überzeugt, Detective Peterson." Kensi wurde immer neugieriger. Hinter diesem alten, müden Mann steckte mehr, als sie ursprünglich vermutet hatte.
„Nein, Agent Blye. Das war ein Mord aus sehr persönlichen Gründen. Die Art der Folterung, dann die Verstümmelung. Man schneidet einem Mann nicht sein bestes Stück ab, wenn man nicht einen persönlichen Groll gegen ihn hegt."
„Sie sagten ‚die Täter', Detective."
Peterson lachte. „Sie sind eine gute Beobachterin, Agent Blye. Ja, ich gehe von mehreren Tätern aus, mindestens drei. Dort, wo die Leiche gefunden wurde, kann man nicht mit einem Auto hin. Der Tote musste getragen werden. Roberts war groß und schwer. Um ihn zu tragen, muss man noch kräftiger sein oder zu zweit. Und da war etwas, was mich stutzig gemacht hat." Peterson runzelte kurz die Stirn, bevor er weitersprach. „In der Nähe des Fundortes war dieses leerstehende Lagerhaus. Vom Dach hat man einen guten Blick über die ganze Gegend. Die Spurensicherung konnte nichts finden, aber ich bin sicher, dass dort ein Wachtposten stand. Deswegen meine Vermutung, dass es mehrere Täter sind."
„Unsere Ermittlungen sind zu dem selben Ergebnis gekommen, Detective Peterson. Es sind insgesamt neun Opfer, alle gefoltert und verstümmelt. Wir hatten gehofft, das Sie während Ihrer Ermittlungen noch irgendetwas erfahren haben, was uns weiterhelfen kann, was nicht in Ihren Berichten steht."
„Neun Opfer?" Peterson schüttelte den Kopf. „Ich habe eine landesweite Anfrage nach ähnlichen Morden gestellt, aber nur negative Antworten bekommen."
Jetzt war Kensi wirklich verblüfft. „Das verstehe ich nicht. Wir wurden eingeschaltet, weil ein anderer Detective auf eben diese Anfrage Antworten erhalten hat. Alle Opfer wurden im Großraum Los Angeles getötet und alle waren ehemalige Navy-Angehörige. So sind wir ins Spiel gekommen."
Deeks hatte sich bisher zurückgehalten. Die Erfahrungen aus den voran gegangenen Gesprächen hatten ihm gezeigt, dass es besser war, im Hintergrund zu bleiben. Kensi gegenüber waren die Detectives deutlich freundlicher und kooperativer gewesen. „Was hat Sie auf die Idee gebracht, diese Anfrage zu stellen?"
Peterson lächelte. „Ich bin schon lange dabei, junger Mann, beinahe vierzig Jahre. Da lernt man eine Menge. In acht Monaten gehe ich in Rente, aber ich wollte keinen ungelösten Fall zurücklassen. Deswegen habe ich alle Register gezogen. Trotzdem verstehe ich nicht, warum ein Kollege von einem anderen Revier auf die gleiche Anfrage eine andere Antwort bekommen hat."
„Ich habe so eine Ahnung, was passiert sein könnte." Deeks sah Kensi an. „Ich glaube, Fisher hat die Anfrage gesehen und einen Weg gefunden, dass alle Antworten umgeleitet wurden, während hierher nur Absagen kamen. Dann wurden wir eingeschaltet."
Kensi nickte. „Das klingt nach einer ziemlich guten Erklärung. Wir sollten Eric mal darauf ansetzten. Gleichgültig, wie gut Fisher ist, Eric ist besser. Er wird Spuren finden."
Aufmerksam war Detective Peterson dem Wortwechsel gefolgt. „Dann stimmen die Gerüchte also. Der NCIS hat einen L.A.P.D.-Detective verhaftet, weil er in verbotenen Gefilden geschnüffelt hat."
„Sie." Kensi korrigierte ihn.
„Wie bitte?" Peterson verstand nicht sofort.
„Sie hat ‚in verbotenen Gefilden geschnüffelt', nicht er."
„Ach so." Peterson runzelte wieder die Stirn, dachte nach. „Doch nicht etwa dieser Jungspund, die angeblich durch Sex und Erpressung nach oben gekommen ist? Von der wird schon seit geraumer Zeit in allen Revieren gemunkelt." Er schüttelte den Kopf. „Wenn nur die Hälfte von den Gerüchten stimmt, leidet diese Frau entschieden unter zuviel Ehrgeiz und unter zuwenig Bereitschaft, zu lernen."
Kensi schmunzelte. Dieser Mann wurde ihr immer sympathischer. Er war ein schlauer, alter Fuchs, in der Lage, hinter die Dinge zu sehen. Es war eindeutig ein Verlust für das L.A.P.D., wenn Peterson in Rente ging. Es wurde jedoch Zeit, zum Grund ihres Besuches zurückzukommen.
„Ich kenne die Gerüchte nicht, aber ich würde Ihnen trotzdem zustimmen." Kensi grinste, als sie an Joanns Beurteilung von Tamy Fisher dachte. „Aber deswegen sind wir nicht hier."
„Natürlich nicht, Agent Blye." Peterson öffnete seinen Schreibtisch und wühlte darin herum. „Ah, hier ist es." Er hatte ein Notizbuch gefunden und begann, es durchzusehen. „Mmh, vielleicht ist das hier etwas für Sie. Um ein Mordmotiv zu finden, habe ich ziemlich tief gegraben. Ich bin bis zu seiner Schulzeit zurückgegangen. Roberts war in der Schule Quaterback und wohl ein ziemlich erfolgreicher. Seine Mitschüler stellen ihn als Mädchenheld da, während die Mitschülerinnen sich extrem zurückhaltend über ihn geäußert haben. Eine von ihnen erzählte, dass Roberts Probleme mit einem ‚Nein' hatte. Mehr war sie nicht bereit zu sagen. Er ging dann an der Ostküste aufs College. Ich habe dort mit jemandem von der Campussicherheit gesprochen. Der Mann war auch nur inoffiziell zu einer Antwort bereit. Demnach ist Roberts unangenehm aufgefallen, wenn es um seinen Umgang mit Frauen ging. Es gab aber nie eine Anzeige. Dann ging er zur Navy und in der Zeit hat er sich wohl nichts zu Schulden kommen lassen. Seine Akte war sauber. Nach seinem Dienst bei der Navy ist er auch nicht auffällig geworden. Hin und wieder ein Strafzettel für Falschparken, das war alles." Peterson sah auf. „Die Aussagen der Mitschülerinnen und der Campussicherheit konnte ich nicht in meinen offiziellen Bericht aufnehmen, da ich sie nur inoffiziell bekommen habe. Der Rest dürfte Ihnen bekannt sein."
Kensi nickte langsam. „Ich glaube nicht, dass er plötzlich aufgehört hat, Frauen schlecht zu behandeln. Ich vermute, er ist einfach besser darin geworden, es zu verstecken."
„Was denken Sie, Agent Blye?"
„Wir könnten es hier mit einem Vergewaltiger zu tun haben."
Peterson nickte. „Zu diesem Schluss bin ich ebenfalls gekommen. Aber da es nie eine Anzeige oder Beschwerde gegen Roberts gegeben hat, stand ich mit dieser Meinung ziemlich alleine da."
„Danke, Detective Peterson, Sie haben uns wirklich geholfen." Kensi stand auf. „Wenn ich noch weitere Fragen habe, darf ich Sie dann anrufen?"
„Natürlich, jederzeit." Peterson lächelte sie an. „Detective Deeks?"
Verblüfft drehte dieser sich um. „Ja, Sir?"
„Ich denke, dass Sie ein verdammt guter Cop sind, sonst hätte der NCIS Sie nicht angefordert. Und was Ihre fehlenden sozialen Kompetenzen betrifft…" Peterson stand auf und ging auf Deeks zu. „Sie brauchen Kollegen, die Höchstleistungen von Ihnen verlangen und die mit gewissen…", hier konnte sich Peterson ein Grinsen nicht verkneifen, „…Eigenheiten von Ihnen locker und entspannt umgehen können." Peterson sah Kensi an. „Ich glaube, die haben Sie gefunden, Detective Deeks. Also vergessen Sie alles andere und seien Sie weiterhin ein verdammt guter Cop." Er hielt Deeks seine Hand hin, der sie verblüfft schüttelte.
„Danke, Sir." Ungewöhnlich schweigsam folgte Deeks Kensi hinaus.
…
Erleichtert aufseufzend ließ sich Ray auf seinen Stuhl fallen. „Ich glaube, ich werde nie wieder Kekse essen!"
Joann lachte. „Zum Glück haben wir alle Frauen erreicht. Morgen musst Du keinerlei Gebäck essen."
„Was ist mit Natalia Melnikow?"
Joann griff nach ihrem Handy. „Ich habe keine Lust, morgen vergebens einmal quer durch Los Angeles zu fahren." Sie lauschte. „Guten Tag, hier ist Agent MacKenzie vom NCIS. Spreche ich mit Mrs. Melnikow? … Mrs. Powell hat uns Ihre Telefonnummer gegeben. Ich würde mich gerne mit Ihnen über den Voyeur unterhalten. Können wir uns morgen treffen? … Ja, sicher, ich weiß, wo das ist. Dann sehen wir uns morgen um zehn. Schönen Abend Ihnen noch."
„Und, wo müssen wir morgen hin?" Ray befürchtete Schlimmes.
Joann schwankte zwischen einem Grinsen und einem Stirnrunzeln. „Zum JAG. Mrs. Melnikow ist dort zivile Mitarbeiterin."
Inzwischen waren auch Callen und Sam eingetroffen.
„Klingt, als hättet Ihr Erfolg gehabt?" Neugierig sah Callen die beiden an.
Joann nickte. „Wir haben eine weitere Zeugin gefunden. Wie ich gerade erfahren habe, ist sie beim JAG beschäftigt. Wir treffen uns morgen mit ihr dort. Mal sehen, ob sie uns weiterhelfen kann. Und wie sieht es bei Euch aus?"
Callen gab das Gespräch mit dem Marine-Sergeant wieder. „Wir haben da eindeutig etwas gefunden. Wir können inzwischen drei Opfer mit Straftaten in Verbindung bringen, die nicht angezeigt oder verfolgt wurden."
„Mach vier draus. Einer der Detectives hat ebenfalls entsprechende Hinweise gefunden, konnte sie aber nicht belegen." Kensi ließ sich auf ihren Stuhl fallen und packte einen Burrito aus.
Ray bekam Kulleraugen. Nach all dem süßen Gebäck ließ ihm der Anblick das Wasser im Munde zusammen laufen. „Hast Du noch einen für mich?"
Kensi erstarrte, den Burrito kurz vor ihrem Mund. „Wie bitte?"
„Wir sind heute den ganzen Tag mit selbstgebackenem Kuchen und Plätzchen gefüttert worden. Ich brauche dringend etwas Deftiges."
„Du hattest selbstgemachten Kuchen und Kekse und willst jetzt meinen Burrito?" Kensis Augen funkelten.
„Schon gut, schon gut, vergiss, dass ich gefragt habe." Vorsichtshalber wich Ray ein Stück zurück.
Alle anderen lachten.
„Du müsstest es doch besser wissen, Ray. Versuch nie, Kensi ihr Essen wegzunehmen. Das ist gefährlich!" Deeks grinste seinen Kollegen an.
„Dann erzählt mal, was haben Euch die Detectives erzählt." Callen brachte seine Kollegen wieder in die Spur.
Da Kensi kräftig am Kauen war, übernahm Deeks das Reden. Als er bei Detective Peterson landete, ließ Deeks jedoch dessen persönliche Bemerkungen aus. Über ihren Burrito sah Kensi ihren Partner nachdenklich an. Eric und Nell gesellten sich auch dazu.
„Was habt Ihr zwei über unsere Opfer heraus bekommen?" Callen drehte sich zu den beiden um.
„Wir waren bei zwei der Opfer erfolgreich. Allan Spinotti, eines der Opfer mit ausgestochenen Augen." Nell ließ ein Foto auf dem Monitor erscheinen. „In seiner Schulakte ist aufgeführt, dass er mehrmals erwischt wurde, wie er den Mädchen unter der Dusche zugesehen hat. Während seiner Zeit bei der Navy hat er sich entweder zusammengerissen oder ist nicht erwischt worden. Ich tippe auf Zweiteres. Das gilt auch für die Zeit nach der Navy. Er ist nicht mehr aufgefallen." Nell beendete ihren Vortrag.
Eric machte weiter, ein weiteres Foto erschien auf dem Monitor. „Bill Meddick, eines der Opfer mit herausgerissener Zunge. Ich habe ihn unter einem Pseudonym in einem der sozialen Netzwerke gefunden. Meddick macht dort die Leute fertig, indem er sie runter putzt und eine Menge hässlicher Lügen über sie erzählt." Eric zögerte einen Moment, dann verschwanden die Bilder der Männer, stattdessen erschien das Foto eines Teenagers auf dem Monitor. „Sie liegt nach einem Selbstmordversuch im Koma. Meddick hat sie so lange gemobbt, bis sie Tabletten geschluckt hat."
Schweigend sah das Team auf das Foto.
„Sie war bestimmt nicht sein erstes Opfer." Joanns Stimme war kalt und hart. „Ich wette, er hat damit schon zu Schulzeiten angefangen." Sie sah Eric und Nell an. „Das war gute Arbeit."
„Wir sind aber noch nicht fertig." Sam stand auf. „Wir haben noch vier weitere Opfer, bei denen uns der entsprechende Hintergrund fehlt. Außerdem wissen wir immer noch nicht, wer außer uns an diese Informationen gekommen ist. Und was ihn oder sie dazu veranlasst hat, diese Männer zu töten."
Einen Moment sahen alle schweigend vor sich hin.
Ray sprach als erster wieder. „Sehr Ihr das Muster? Alle Opfer waren selber Täter. Sie haben Verbrechen gegen Frauen begangen und sind nie dafür bestraft worden." Er zögerte kurz. „Ich weiß, laut Statistik sind Frauen selten Serienmörder. Aber hier scheint es mir ziemlich wahrscheinlich. Meiner Meinung nach haben wir es hier mit drei oder mehr Frauen zu tun, die Männer für Verbrechen an Frauen bestrafen. Es ist sicher auch nicht abwegig zu vermuten, dass diese Frauen selbst mal Opfer von Männern waren. Oder dass sie Frauen in ihrer engeren Umgebung haben, denen etwas entsprechendes passiert ist."
Callen sah ihn an. „Da ist was dran. Vielleicht bekommt Ihr morgen von Natalia Melnikow die fehlenden Hinweise. Für heute machen wir Schluss."
…
„Worüber denkst Du nach, Jo?" Callen sah seine Freundin fragend an. Sie saß auf dem Sofa, ein Buch in der Hand, einen Becher Tee vor sich, aber sie las kein Wort. Joann starrte nur vor sich hin.
„Die Theorie von Ray. G, ich glaube, er hat den Nagel auf den Kopf getroffen. Wir suchen Frauen, die Rache üben."
„Sie machen das ganz schön professionell. Zu professionell. Sie lassen sich nicht von der Rache beherrschen. Ihr Vorgehen ist durchstrukturiert und gut geplant." Jetzt wurde Callen nachdenklich. „Durchaus militärisch. Mindestens eine von ihnen ist Soldatin. Oder war es."
„Es muss ihnen etwas Schreckliches geschehen sein, sonst würden sie die Männer nicht so quälen…"
„Jo, das ist kein Grund für Mord." Einen Moment zögerte Callen. Es gab Themen, über die Joann nicht gerne sprach. „Dir ist auch Schlimmes geschehen, aber Du hast keinen Mord begangen."
„Aber gerächt habe ich mich auch, G." Joann dachte daran, wie Davenport vor ihr kniete, mit eingenässter Hose, vor Angst zitternd.
Callen wusste genau, an welchen Moment sie gerade dachte. „Dafür bist Du auch bestraft worden."
„Ja, mit einer vierwöchigen Suspendierung." Joann lächelte ihn schwach an. „Mit einer anderen Vorgesetzten als Hetty wäre das sicher übler ausgegangen."
„Wahrscheinlich. Trotzdem solltest Du Dich nicht mit diesen Frauen vergleichen. Jemanden zu bedrohen und ihm Angst einzujagen ist nicht gleichzusetzen mit Folter und Mord."
Jetzt wurde Joanns Lächeln tief und überzeugend. „Das mache ich auch nicht. Keine Sorge. Dieser Fall macht mich nur etwas nachdenklich, das ist alles."
Callen erwiderte das Lächeln. „Gut."
…
„Da hat der Kleine eine interessante Theorie aufgestellt. Was denkst Du darüber?" Kensi sah zu Deeks hinüber. Der war ungewöhnlich schweigsam. „Marty? Alles in Ordnung?"
„Hm?" Deeks sah auf. „Entschuldigung, was ist los?"
„Wo bist Du mit Deinen Gedanken, Marty?"
„Nirgendwo. Was wolltest Du von mir?" Deeks zog sich zurück.
Normalerweise respektierte Kensi das, aber ihr Instinkt sagte ihr, dass dies heute keine gute Idee wäre. „Denkst Du über das nach, was Peterson gesagt hat?" Kensi wartete einen Moment, aber sie erhielt keine Reaktion von Deeks. „Er hat Recht mit dem, was er gesagt hat, Marty. Du bist ein verdammt guter Cop. Und Du machst es niemandem leicht, mit Dir zusammenzuarbeiten. Deine große Klappe kann ganz schön nervig sein."
„Ach ja? Und wieso arbeitet Ihr dann mit mir, wenn ich so unausstehlich bin?" Deeks wollte sich nicht anmerken lassen, dass er verletzt war. Aber leider fiel ihm diesmal keine wirklich flapsige Antwort ein.
Kensi funkelte ihn an. „Weil Du nicht unausstehlich bist, nur nervig. Wir haben gelernt, damit zu leben, weil Du echt gut bist. Wir haben alle unsere Macken und Du akzeptierst unsere genauso wie wir Deine. Deswegen sind wir ein gutes Team und vor allen Dingen ein erfolgreiches." Kensi seufzte. „Marty, das L.A.P.D. hat Deine speziellen Fähigkeiten nicht erkannt, aber Hetty hat es. Und genau das hat Peterson gemeint." Kensi sah ihn nachdenklich an. „Für mich klang es, als würde er aus eigener Erfahrung sprechen." Ungewöhnlich sanft fuhr sie fort. „Du solltest stolz auf das sein, was Du erreicht hast: Du bist als Cop sehr erfolgreich gewesen, Du arbeitest ebenso erfolgreich mit der besten Einheit vom NCIS und Du hast in uns gute Freunde gewonnen." Dann grinste Kensi Deeks an. „Und Du hast es geschafft, dass ich Deine Freundin wurde!"
Diese Bemerkung riss Deeks aus seiner trüben Stimmung. Er grinste zurück. „Es war wohl eher so, dass ich mich herabgelassen habe, Dein Freund zu werden! Autsch!" Lachend rieb er sich den Arm.
