Gibbs POV:

Da ich Jennys Geheimnis immer noch nicht rausgefunden habe und die anderen alle ebenso wenig wissen wie ich, beschließe ich, ihr noch mal einen Besuch abzustatten. Außerdem möchte ich mich bei ihr erkundigen wie es ihr geht, ich habe sie heute erst einmal gesehen und da sah sie gar nicht gut aus. Ich schwinge mich die Treppen hoch zu ihrem Büro, mit 2 Bechern Kaffee in den Händen.

Als ich den Vorraum betrete, versucht Cynthia mich – mal wieder – aufzuhalten.

„Nein, Agent Gibbs, Director Shepard steht im Moment nicht für Sie zur Verfügung! Sie können da jetzt nicht rein!", mahnt sie mich, aber ihr Protest ist zwecklos, ich gehe geschwind in Jennys Büro rein.

Ich schaue zuerst nach rechts, zum Schreibtisch, der leer ist. Dann fällt mir auf, dass es ganz still hier ist. Bis auf ein leises Schluchzen aus der anderen Ecke. Jenny liegt auf ihrer Couch, sie schläft und dreht sich unruhig hin und her, sie hat wohl einen Albtraum. Ich stelle den Kaffee auf ihrem Schreibtisch ab und knie mich vor die Couch. „Nein, Jethro, nein, nein, ich will nicht sterben…ich möchte noch nicht gehen….", wispert sie in ihrem Traum und es klingt verzweifelt. Der Streit, den wir eigentlich haben, ist vollkommen vergessen für mich in diesem Augenblick und sie tut mir Leid, wie sie so zusammengerollt auf der Couch liegt und schläft. Sie sieht so zerbrechlich und fragil aus, ihre Fassade der starken Direktorin ist verschwunden und sie wirkt so verletzlich. Ich wünschte ich könnte ihr helfen. Ich streiche sanft eine rote Haarsträhne aus ihrem Gesicht, ihre Stirn ist feucht und kalt. Auf meinem Handrücken fühle ich für einen kurzen Moment ihren warmen Atem.

Unter ihren Augenlidern bewegen sich ihre Augen hektisch hin und her, und schließlich rollt eine einzige Träne ihre Wange hinunter.

Ich nehme ihr Hand sanft in meine und drücke und streichle sie.

„Pschhhht, Jen, alles wird gut, keine Angst, dir wird nichts passieren, ich bin ja hier, bei dir.", flüstere ich ihr zu.

Ihre Atmung wird ruhiger.

Dann zucken ihre Augenlider noch einmal kurz, und sie ist wach und öffnet die Augen.

Jenny POV:

Müde öffne ich meine Augen, und nach diesem schrecklichen Traum fühle ich mich noch ausgelaugter, als vorhin, bevor ich geschlafen habe.

Das erste was ich sehe, ist Jethro, wie er mit besorgtem und liebevollem Blick vor mir hockt.

Ich versuche mich aufzusetzen, und dabei fällt mir auf, dass er die ganze Zeit meine Hand gehalten hat. Meine Wange ist ist es peinlich, dass Jethro mich beim Schlafen im Büro erwischt hat und wie ich im Traum weine, hoffentlich habe ich wenigstens meinen Mund gehalten. Ich rutsche ein wenig von ihm weg, und muss erst ein paar Mal blinzeln, bevor ich richtig wach bin und streiche mir ein paar verirrte Strähnen aus dem Gesicht. Jethro sieht mich an und lächelt, dann steht er auf, geht zu meinem Schreibtisch und kommt mit einem Kaffeebecher für mich wieder. Er bleibt vor mir stehen und bestimmt sagt er gleich „Wie geht es dir, Jen?" oder „Du arbeitest zu viel. Du solltest lieber nachhause gehen und dort schlafen anstatt auf der Couch im Büro.", stattdessen sagt er: "Du hast im Schlaf geredet. Hattest du einen Albtraum?" Jetzt schäme ich mich wirklich. Hoffentlich habe ich nichts zu eindeutiges gesagt. Doch dann sagt er „Du hast meinen Namen gesagt. Und dass du nicht sterben willst."

„Das war doch nur ein Traum, Jethro, nur ein Albtraum.", versuche ich ihn abzuwimmeln.

Er setzt sich neben mich auf die Couch und ist so nah, dass ich seinen warmen Kaffeeatem riechen und jede einzelne Wimper sehen kann. Der Blick seiner klaren blauen Augen durchbohrt mich so, als würde er mich röntgen.

Er nimmt mit seiner freien Hand mein Gesicht in seine Hände. Dann sagt er zu meiner Verblüffung „Alles wird wieder gut, Jen, es war ja nur ein Traum."

Bei diesen Worten kann ich nicht anders, ich breche in Tränen aus. Alles wird wieder gut. Es war nicht nur ein Traum, aus dem man aufwacht und feststellt, dass in Wirklichkeit alles in bester Ordnung ist!

„Nein, nichts ist in Ordnung!", sage ich schluchzend.

Er schaut mich bloß fragend an und sagt nichts. Dann streichelt er beruhigend mit seinem Finger über meine Wange.

Sein Blick sagt mir, dass er darauf wartet, dass ich mehr sage.

„Jethro! Ich sterbe!", kommt es aus mir herausgeschluchzt.

Seine Hand stoppt. Ich kann förmlich sehen wie er die Luft anhält und seine Augen weiten sich vor Schreck.

Hilflos ringt er um Worte, aber er bringt nur ein „Jen...?" heraus.

„Ja, Jethro, ich sterbe. Ich habe einen Hirntumor, der leider unheilbar ist. Meine Zeit ist langsam gekommen."

„Nein…nein…aber…doch…", sagt er und in seinem Kopf fügt sich wahrscheinlich gerade alles zu einem vollständigen Puzzle zusammen. „Wie lange weißt du es schon? Wer weiß es alles? Wie lange…hast du noch?", fragt er traurig.

„Ich weiß es seit gut 3 Monaten. Nur Ducky weiß davon, ihm konnte ich es als Mediziner nicht verheimlichen und…ich habe noch maximal 3 Wochen. Eher gesagt 17 Tage."

„17 Tage…!", stößt er erschrocken hervor. Dann sagt er eine Weile lang nichts mehr. Ich denke, dass er das erstmal verarbeiten muss.

„Jethro…", will ich anfangen aber er legt mir eine Hand in den Nacken und zieht mich zu sich heran. Und dann küssen wir uns. Seine Lippen sind weich und bringen meine zum Kribbeln. Ich schließe die Augen und in der Dunkelheit hinter meinen Lidern sehe ich wunderschöne blühende Dinge, Blumen, die wie Schneeflocken umherwirbeln, Sonnenuntergänge vom Balkon des Hotels in Paris, wie wir zusammengekuschelt da sitzen und die freie Zeit und die Ruhe genießen, und Kolibris, die im gleichen Rhythmus mit den Flügeln schlagen wie mein Herz. Ich verschwinde, trudele ins Nichts wie in einem Traum, aber es fühlt sich gut an – wie ein Schweben, wie grenzenlose Freiheit. Seine andere Hand streicht mir eine Haarsträhne meines Ponys aus dem Gesicht und ich spüre den Abdruck seiner Finger an den Stellen, die sie berühren, und ich muss an Sterne denken, die über den Himmel flitzen und in diesem Augenblick – wie lange er auch dauern mag, Sekunden, Minuten, Tage – während unsere Lippen sich liebkosen und unsere Zungen tanzen, wird mir bewusst, dass das hier, das erste und einzige Mal seit Paris ist, dass ich wirklich geküsst worden bin. Dass ich, seit ich Gibbs verlassen habe, keinen anderen Mann jemals wirklich lieben konnte so wie ich Jethro liebe und geliebt habe.


Ich hoffe, dass euch das Kapitel gefallen hat :) und würde mich sehr über Reviews freuen.