Samtpfoten und Saphiraugen
Stubenrein
Teil 04
Ich bekomme kaum mit wie ich von Joey in dessen Jacke gewickelt werde. Hmm, ist das schön warm und er drückt mich auch ganz vorsichtig an sich. Es dauert Sekunden, ehe ich merke, dass ich angefangen hab leise zu schnurren. Oh Gott...peinlich...aber es ist doch sooo schön. Seufzend ergeb ich mich in mein Schicksal, während Joey über mir irgendwelchen Nonsens flüstert und scheinbar von mir fasziniert ist. Ja, ja, das wusste ich schon immer: Seto Kaiba IST faszinierend, auf die eine oder andere Art.
Als Joey mit einem Mal wieder stehen bleibt, äuge ich vorsichtig aus der Jacke heraus und sehe, dass wir an der Bushaltestelle stehen und mein kleiner Bruder zwei Tickets zieht. Halt! Moment Mal! Mokuba, das hast du doch nicht nötig. Ruf einfach Roland an, der holt dich doch überall ab.
„Ich sollte mich langsam beeilen nach Hause zu kommen. Es ist schon spät und mein grosser Bruder wird sonst böse mit mir", meint der Kleine erklärend und tatscht noch einmal mit seiner Hand in die Jacke, um mich zu streicheln.
„Hmm...", kommt es scheinbar abfällig von Wheeler. „Der soll bloss keinen Terz machen, der ist sicher auch nicht immer pünktlich von seinen Meetings daheim, stimmt!"
„Ja, schon aber..."
‚...aber ich bin ja auch kein Kind mehr', murre ich leise, vorauf mich Joey seltsamerweise beginnt hin und her zu wiegen, bis mir fast übel wird.
So bekomm ich schliesslich auch gar nicht richtig mit, wie Mokuba in den Bus einsteigt und in der Ferne entschwindet.
Erst so nach und nach wird mir bewusst, was das eigentlich bedeutet und ich fange an mich unruhig zu bewegen. Ich soll mit dem Strassenköter mit? In dessen Bruchbude? Da fang ich mir ja weiss ich nicht was ein. Mir graut's jetzt schon.
Aber es hilft alles nichts. Joey trägt mich armes, hilfloses Kätzchen unbeirrt weiter und wir kommen durch Gegenden, wo ich nicht mal in der Sicherheit meiner Limousine sein möchte. Schliesslich betreten wir ein ziemlich klapprig wirkendes Wohnhaus und betreten kurz darauf eine Wohnung.
Ich spüre wie Joey zusammen zuckt und auch mir steigt der penetrant beissende Geruch von Alkohol und Zigarren in meine empfindliche Nase, so dass ich sogar leise niesen muss.
Entschuldigend rückt mich Joey enger an sich und murmelt etwas, was wie eine Entschuldigung klingt. Hey, hallo, dafür kannst du ja wohl nichts, oder? Oder säufst du auch schon wie ein Loch und betrinkst dich Nacht für Nacht und kommst deswegen am Morgen immer zu spät zur Schule? Hab ich's doch gewusst...
Mein Triumph währt nicht lange, denn du flüchtest in eines der Zimmer, was wohl deines sein muss, nach der Unordnung zu folgen
Behutsam werde ich von Joey aufs Bett gesetzt und aus der Jacke gewickelt. Verwirrt blicke ich zu dem grossen, blonden Jungen hoch und lege meinen Kopf etwas schief.
Joey scheint zu verstehen und setzt sich neben mich. „Mein Vater ist wohl schon zu Hause. Ich hoffe du bist leise, nicht dass er dich findet", beginnt er zu erklären. Aha, und was soll das nun heissen für mich? Dein Vater ein Katzenhasser oder so?
„Ich vermute er liegt schon wieder besoffen auf der Couch. Wenn wir Glück haben kriegt er gar nicht mit, dass ich einen neuen Mitbewohner hab." Joey lächelte mich an und seine Hand fährt über meinen Kopf, doch diesmal schüttle ich sie ab und sehe ihn weiter eindringlich an. Na los, raus mit der Sprache, was hat dein Alter denn für ein Problem? Droht uns hier Lebensgefahr? Sollten wir dann nicht lieber weg?
„Was ist? Du brauchst keine Angst haben Kleiner. Ich pass schon auf, dass er dir nichts tut..." Wieder lächelte Joey, doch es wirkt so anders, als das dämliche Grinsen dass ich sonst von ihm kenne. Es wirkt so...traurig. ‚Joey...', maunze ich leise und das Lächeln wird immerhin etwas breiter. Er hebt mich zu sich auf den Schoss und krault mir den Nacken. „Jetzt bin ich wenigstens nicht mehr allein. Jetzt hab ich ja dich..."
Ja auf Zeit...hoff ich doch. Ich hoffe nicht, dass das hier Dauerzustand bleibt. Aber vorerst werd ich wohl nichts dagegen tun können und wenn du dann glücklich bist...
Kritisch verziehen sich die Muskeln in meinem Gesicht, auch wenn ich keine Augenbrauen mehr hab, die ich zusammen ziehen kann, aber meine Gedanken fangen an mir Angst zu machen. Seit wann interessiert es mich, ob der Köter glücklich ist? Okay, er hat heute auf mich aufgepasst...na ja nicht mich selbst im Grunde, sondern auf ein kleines Kätzchen, aber hey...ich fand das irgendwie...beeindruckend. Ich hätte das wohl nie für irgend ein flohverseuchtes Fellknäuel getan. Also jetzt nicht, dass ich Flöhe hätte oder so...hab ich doch nicht, oder?
Ich guck an mir runter, aber es juckt nichts, also bin ich wohl sauber. Jawohl ein Kaiba ist immer sauber und rein, egal in welcher Lebenslage. Apropos rein...ich bin stubenrein, davon hatten wir es ja mal...
Mist! Wie sagt man bitte schön mit Gemaunze das man etwas zu erledigen hat? ‚Joey? Dringend! Ich müsste mal...verstehst du? Klein Kaiba muss Katzentoilette haben...waaah, nein, richtige Toilette, bitte...'
Wheeler sieht mich ob meiner lautstarken Äusserung verwirrt an. „Pssst...", macht er dann eindringlich. „Wenn Vater dich hört..."
Mir egal, ich muss mal...'Bitteeeeeee'
„Was hast du denn nur? Tut dir was weh? Hast du Hunger? Musst du...auuu...was soll das?"
Ja, diese Krallen sind doch ganz praktisch. Ich hoffe nur, ich hab sie nicht zu fest eingesetzt. Joey leckt sich scheinbar beleidigt über die Kratzer an der Hand.
„Man kann auch netter sagen, wenn man mal muss. Hmm...was mach ich denn jetzt mit dir? Ich hab kein Katzenklo. Am besten pack ich dich ins Bad, wenn du da auf den Boden machst, kann man es wenigstens problemlos wegwischen."
Auf.De.Boden? Bist du blöd Wheeler? Seh ich aus, als ob ich auf den Boden machen würde? Also jetzt bin ich übelst beleidigt. Da kannst du noch so vorsichtig sein beim Hochheben und ins Bad tragen...ich strafe dich mit Missachtung, du...Mensch! Pffft...
Iiieks, der Fliesenboden im Bad ist aber kalt, als Joey mich absetzt. Ausserdem...au...hey, du blödes Bein, du hast nicht weh zu tun! Wuoow, irgendwie...haut die Sache mit dem Gleichgewicht gerade nicht ganz so hin wie sie sollte und ich fang an zu wanken. In letzter Sekunde spüre ich zwei Hände, die sich um meinen Bauch legen und mich fest halten.
„Vorsicht Kleiner...", lächelt Joey. „Will wohl noch nicht ganz so wie es soll, was? Na komm...ganz vorsichtig." Er hat eine Hand unter meinem Bauch und hält mich quasi nur so fest, aber immerhin fall ich so nicht gleich auf die Nase und kann erst einmal die vier langen Undinger, die sich Beine schimpfen ordnen und versuche los zu tapsen. Joey ist immerhin so geistesgegenwärtig und robbt hinter her. Besonders schnell bin ich ja nicht gerade, aber mein Ziel hab ich fest im Auge.
Jawohl!
Die Toilette!
Ich komme...!
Joey macht hinter mir ein verwirrtes Geräusch. Was denn jetzt schon wieder? Ich guck über die Schulter zurück und könnte ich, würde ich die Augenbrauen anheben. Besonders intelligent schaut Wheeler ja gerade nicht aus.
„Du willst auf die richtige Toilette?", fragte er etwas dümmlich, aber meine leise Bestätigung scheint er ausnahmsweise richtig aufzufassen und klappt mit der freien Hand den Klodeckel hoch.
Guter Junge! Man du bist echt der perfekte Hund Joey, hat man dir das schon mal gesagt? Ach ja, das hab ich ja ständig, ich vergass. Und nun...? Wie komm ich da rauf? Vor allem, wie mach ich dass, dass ich da nicht reinfalle und wie mach ich Wheeler begreiflich, dass ich dazu doch gern allein sein möchte?
Problem Nummer eins löst Joey zum Glück für mich und hebt mich hoch und dass auch noch so praktisch, dass ich theoretisch könnte...aber nicht so lange der Kerl mir dabei zusieht. Angepisst, so gut das als Katze eben geht, guck ich ihn an, doch er blickt nur bedröpselt mit seinen Welpenaugen zurück. Bäääh, die Erniedrigungen nehmen heute aber auch gar kein Ende, aber schliesslich ist die Natur stärker als mein Stolz und danach bin ich mehr als erleichtert.
Doch kaum fertig reisst Joey mich hoch und vor sein Gesicht und strahlt mich an.
„Wow! Das war genial! Du bist stubenrein, das ist so geil. Da brauch ich nicht mal Geld für ein Katzenklo ausgeben. Alles was ich noch machen muss, wenn du wieder okay bist, ist dir beibringen wie man die Klospühlung drückt und..."
Blah, blah, blah...hat der Kerl irgendwo nen Schalter, damit man ihn aus- beziehungsweise leiser stellen kann? Wie kann man sich über SO was nur dermassen freuen? Das ist einfach...lächerlich.
Aber Ende gut, alles gut und jetzt bin ich fertig...lasst mich einfach schlafen. Braver Joey. Er scheint es gerafft zu haben und bringt mich zurück in sein Zimmer und platziert mich direkt auf dem Kopfkissen. Vielmehr krieg ich dann auch gar nicht mehr mit. Ich spüre zwar noch, wie er sich irgendwann ebenfalls hinlegt, aber danach ist erst mal Schluss und ich falle in einen tiefen, sehr traumreichen Schlaf.
Tja, scheinbar etwas zu traumreif, denn irgendwann mitten in der Nacht beginnt Wheeler mich penetrant anzustupsen. Ich bekomm meine Augen aber nur langsam auf, doch mit einem Mal zucke ich zurück. Ups...ja, meine Krallen an deiner Nase, nein das kann nicht wirklich angenehm sein. Man ist mir das peinlich, dabei hab ich doch sonst einen so ruhigen Schlaf.
Etwas pikiert reibst du deine zerkratzte Nase. Himmel, wie soll ich mich denn als Katze bei dir entschuldigen und dir erklären, dass das nicht Absicht war? Wie von selbst klappen meine Öhrchen runter und werden meine Augen scheinbar grösser, so dass du mich mit einem Mal erstaunt ansiehst und zu dir ziehst.
„Ist schon okay, Kleiner. Mach nicht so ein Gesicht, war ja keine Absicht."
Nein, ganz bestimmt nicht, ehrlich. Weißt du da war diese Maus und ich musste...hey, stopp, mal langsam Kaiba. Mist, nun träum ich jetzt schon von Mäusen und zwar keine gedruckten, mit denen man bezahlen kann...wie das wohl enden wird?
Joey sieht mich immer noch verschlafen, aber irgendwie niedlich lächelnd an und hält mich im Arm.
„Du hast aber grosse Auge, man könnte meinen ich würde dich auffressen wollen." Scheinbar soll seine Hand, die mein Brustfell krault beruhigend wirken, aber irgendwie bin ich grad vollkommen baff und guck ihn nur weiter an. Erst nach einer halben Ewigkeit blinzle ich das erste Mal und Joey beginnt zu kichern.
„Du bist witzig kleiner. Dein ernster Blick kannst du scheinbar noch weniger lang halten als der olle Kaiba. Weißt du, dass ist ein Klassenkamerad, seinen Bruder kennst du ja. Aber Mokuba ist in Ordnung, im Gegensatz zu Seto...aber ihr habt die gleichen Augen...genau so blau und...klar..." Joey scheint nachdenklich, wenn auch nur für kurze Zeit und mir beginn dunkles zu schwanen.
„Hmm...", grinst er plötzlich. „Warum eigentlich nicht. Ihr habt beide blaue Augen und braune Haare...ausserdem wird es ihn tierisch ärgern, wenn er erfährt, dass ich dich ‚Seto' nenne..."
Wie bitte? Du nennst mich ‚Seto'? Mal abgesehen davon, dass ich so heisse ja, aber du nennst deine Katze nach mir? Sonst geht's noch, oder? Das ist mal wieder eine denkerische Glanzleistung von unserem Spatzenhirn der Nation. Aber ändern kann ich es wohl kaum und Joey schnurrt jetzt schon immerzu meinen geheiligten Vornamen, den sonst nur Mokuba benutzen darf. Wenn's ihm denn Spass macht...
„Ne ‚Seto'...wollen wir noch etwas schlafen?"
Ja klar will ich das...aber bitte...nutz meinen Namen nicht zu sehr ab, ja? Ich weiss schon wie ich heisse. Einmal rufen reicht vollkommen aus.
„Komm schlafen Seto..." Schon wieder. Ich glaub das macht Wheeler extra. Da bin ich ganz sicher.
Endlich legt er mich wieder hin, diesmal aber weiter unten auf die Matratze, dafür werd ich mit zu gedeckt, worauf es schön mollig warm wird. Erst nach und nach wird mir klar, dass die Wärme hauptsächlich von Joeys Bauch aus geht, an den ich gekuschelt da liege. Aber das ist mir jetzt auch egal. Ich will einfach nur noch schlafen.
