Kapitel 3

Gedankenverloren blickte Liv auf das letzte kleine Fleckchen Land, welches schließlich auch noch hinter dem dichten, weißen Schleier aus Nebel verschwand.

Jetzt war es also offiziell. Es gab kein Zurück mehr.

*Nur keine Panik, Liv. Du schaffst das!*, flüsterte sie sich selbst im Gedanken zu, während sie tief Luft holte. Das erste Mal so weit von ihrer Familie entfernt zu sein machte sie doch leicht nervös. Doch es war eine Chance, für ein neues Kapitel in ihrem Leben.

Entschlossen nickte Liv und zog ihren Koffer mit sich, um sich von der Reling zu entfernen, an der noch die anderen Erstklässler standen. Es wurde immer enger in den Fluren und da die meisten anderen Schüler um einiges größer waren, als sie, da sie aus höheren Klassen kamen, fühlte sie sich wie ein Zwerg in einem Wald aus Riesen. Demütig senkte sie den Blick und versuchte sich und ihren Koffer möglichst unversehrt hindurch zu bringen.

Schließlich schaffte sie es, sich in ein Abteil zu quetschen, das fast leer war.

Lediglich eine weitere Erstklässlerin war anwesend.

Ihr Koffer war auf gegangen und sie hockte am Boden, um die verlorenen Gegenstände wieder zusammen zu sammeln.

Dabei hingen ihre schwarzen Haare ein wenig zerzaust bis zu ihrem Rücken. Wahrscheinlich war sie hier hinein geschupst wurden, denn das Abteil wirkte sehr zerschlissen. Die Poster der Bänke hatten schon Löcher und auch der Ausblick war alles andere, als gut. Wahrscheinlich das Abteil, das man als letztes wählte.

Ohne zu zögern ließ Liv ihren Koffer an der Seite stehen, drehte ihre blonden Haare zusammen, um sich zu ihr hinab zu beugen und ihr zu helfen.

„Alles okay? Ist was passiert?", fragte sie besorgt mit ihrer hellen Stimme und hielt der Schwarzhaarigen ein Buch entgegen, das wohl ihr gehören musste. Diese zuckte kurz zusammen und drehte den Kopf zu ihr, ohne sie anzublicken.

„Ja mir geht's gut", murmelte sie leise und sammelte weiter ihre Sachen auf, ohne das Buch entgegen zu nehmen.

Liv runzelte verunsichert die Stirn und schielte auf das Buch in ihrer Hand, als ihr auffiel das statt einem Titel, nur Punkte darauf eingeprägt waren.

„Hier dein Buch", sagte Liv leise und die junge Frau hob die Hand und tastete kurz durch die Luft, ehe sie an das Buch stieß.

„Danke", lächelte sie und Liv war damit in ihrer Annahme bestätigt, dass diese wohl blind sein musste.

Die Arme.

Sie musterte noch eine Weile die grau-blauen Augen des Mädchens, deren Pupille kaum sichtbar zu sein schien. Schnell half sie ihr noch die letzten Kleinigkeiten in ihren Koffer zu räumen, ehe sie die Schwarzhaarige erfreut musterte.

„Ich bin übrigens Liv Mørk", stellte sie sich höflich, mit einem erfreuten Unterton, vor, wobei sie ihr die Hand entgegen hielt.

*Dummkopf! Sie sieht die Hand doch gar nicht!*, wies sie sich selbst augenkneifend zurecht und senkte die Hand schnell wieder. Welche blöde Geste, die man bei einer Blinden machen konnte!

Das blinde Mädchen lächelte zaghaft, geradezu zerbrechlich.

„Schön dich kennen zu lernen", erwiderte sie leise und erhob sich gemeinsam mit ihren Koffer, um sich auf die Bank zu setzen.

Dabei wirkte sie selbstsicherer, als Liv es ihr zugetraut hätte.

Das Mädchen setzte sich und lächelte weiter, als wäre nie etwas gewesen. Dabei sah sie allerdings ziemlich schüchtern aus und Liv fragte sich, warum sie schwieg. Sollte sie noch einmal nach ihrem Namen fragen?

Aber was, wenn sie zu aufdringlich wirkte? Sie wollte ungern als das klettenhafte Mädchen bekannt werden, welches verzweifelt versucht Freunde zu finden. Ein wenig nervös schluckte Liv, ehe sie sich auf die gegenüberliegende Bank setzte und das unbekannte Mädchen eindringlich musterte. Sie würde es schließlich nicht mal sehen, würde sie eine Grimasse ziehen.

Allerdings schien sich die Unbekannte nicht ganz wohl zu fühlen, denn sie rutschte ein wenig auf ihrem Sitz hin und her und rieb ihre Hände. Liv konnte sogar beobachten, wie sie eine Hand an den Mund hob und an den Fingernägeln herum kaute, sich aber dazu zwang, damit auf zu hören und stattdessen die Hände im Schoß zu verstecken.

„Du bist auch in der ersten oder?", fragte Liv nach einer Weile^, als das Schweigen allmählich unangenehm wurde.

Das Mädchen blickte überrascht auf und nickte langsam.

„Ja, das ist mein erstes Mal auf der Chrysalis", antwortete sie leise.

Liv lächelte schüchtern und begann mit einer Haarsträhne zu spielen, während sie ihre in der Luft hängenden Füße hin und her schwang.

„Chrysis oder Salis?", fragte sie neugierig, da sie das Mädchen nicht direkt nach ihrem Blutstatus fragen wollte. Womöglich fand sie es ja unhöflich.

„Chrysis", murmelte sie ganz leise und schien nicht sonderlich begeistert über die Frage.

„Ich bin im Haus Salis", erklärte Liv, als wäre das überhaupt kein Problem. War es auch nicht. Zumindest in ihren Augen.

Auch wenn sie gehört hatte, dass die Rivalität zwischen den Blutstaten, auf der Chrysalis sehr rückschrittlich war. Ein Fakt, der Liv als Halbblut sehr missfiel. Immerhin lebten sie im zwanzigstem Jahrhundert. Da könnte man wohl ein wenig mehr Toleranz erwarten! Doch man merkte es dort alleine bei der Quote. Es gab erschreckend wenige Muggelstämmige, welche ihren Weg meistens bei den Salis fanden.

Und auch das nur recht unerwünscht, wie sie aus Geschichten wusste. Doch sie konnte nicht sagen, ob das wirklich alles so stimmte. Davon musste sie sich erst ein eigenes Bild machen.

„Kennst du die Schule bereits?", fragte das Mädchen nun und runzelte nachdenklich die Stirn. Vermutlich dachte sie, weil Liv ihr gleich die Frage nach dem Haus gestellt hatte, sie kenne diese Schule. Doch alles was sie darüber wusste, kannte sie nur vom Hören, Sagen und Recherchen.

Sie schüttelte leicht den Kopf, ehe sie sich erneut innerlich eine Ohrfeige verpasste.

Als würde sie jetzt plötzlich sehen können!

„Ähm... nein. Nein leider nicht. Aber ich hab mich viel erkundigt. Man muss ja schließlich wissen wo die Eltern einen hinschicken", antwortete sie eilig mit einem nervösem Lachen.

Das Mädchen runzelte die Stirn. „Ich habe mich nicht so sehr erkundigt", erklärte sie. „Ich möchte mich gern überraschen lassen", fügte sie leise hinzu, als müsste sie sich deshalb erklären.

Liv lachte leise bei dem blöden Gedanken den sie hatte. Ja eine Blinde erlebte vermutlich Tag für Tag Überraschungen! Sie verkniff sich das Auflachen mühsam und schluckte es runter.

„Ich war leider viel zu neugierig", erklärte sie lachend und legte den Kopf ein wenig schief. „Ich hab auch gehört, dass Paten für die Erstklässler aus den sechsten Klassen gewählt werden", fügte sie mit nervös lachender Stimme hinzu. „Interessantes System für eine Zauberer Schule", sie lachte erneut nervös, ehe sie merkte, dass das Mädchen keinen Muskel regte und es fast so wirkte, als würde sie auf Liv Schuhe blicken.

„Du hast Angst. Wieso?", fragte sie plötzlich mit dieser zerbrechlichen, leisen Stimme.

Liv zuckte zusammen, als hätte man sie durchschaut.

Wie sollte sie denn jetzt erklären warum sie Angst hatte? Sie war nervös, weil sie nicht wusste, was die anderen Schüler von ihr hielten und sie wusste auch nicht, wie sie mit den älteren Schülern umgehen sollte.

Was, wenn diese unfreundlich waren, oder sie seltsam fanden?

Und dann sollte sie auch noch jemanden aus der sechsten Klasse als Paten bekommen und diese Person würde sie in die Schule einführen und ihr alles zeigen. Was, wenn diese Person unfreundlich war und sie einfach ignorieren würde... sie würde immer zu spät zum Unterricht kommen, weil ihr niemand die Wege zeigte!

Das blonde Mädchen schluckte und merkte gar nicht wie sich ihre Augen immer weiter aufrissen, als ihr immer mehr bewusst wurde, wie nervös sie doch war.

Sie räusperte sich leise und überschlug die Füße in der Luft.

„Ich denke das ist normal für den ersten Schultag, bist du denn gar nicht nervös?", fragte sie, um sich selbst abzulenken und musterte die Blinde wieder genauer. Sie regte wirklich keinen einzigen Muskeln. Als wäre sie bloß ein Porzellanpüppchen im Schaufenster.

„Sollte ich denn Grund dazu haben?", war die leise Gegenfrage die sie bekam, welche sie leicht stutzig machte.

„Ja natürlich", meinte Liv und klang über diese Frage wirklich entsetzt und verwirrt. „Was, wenn niemand mit dir redet, oder du zu spät zum Unterricht kommst, weil du die Wege nicht findest?", fragte sie aufgebracht und mit Angst in der Stimme.

Noch immer schien die Unbekannte recht unbeteiligt.

Stattdessen lehnte sie sich nun nach hinten und strich den Rock ihrer Uniform glatt, um die Hände darauf zu falten.

„Man findet immer einen Weg", sagte diese mit einem zaghaften Lächeln lei, welches überraschend echt wirkte im Gegensatz zu ihren vorigen.

Liv hielt inne und blinzelte. Dieses Mädchen war wirklich sonderbar, aber dennoch hatte sie irgendwas an sich. Auch wenn Liv nicht wusste was es war.

Die Blondine lächelte schief und senkte den Blick.

„Ja, da hast du wohl recht", erwiderte sie leise und baumelte wieder mit ihren Füßen.

Liv emiliefornow

Keira Harleyqiunn 666