The best of me

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So wie sich die Dunkelheit vor ihm verneigt hatte, verneigte er sich nun vor ihr, demütig sein Spiegelbild in einer Pfütze betrachtend. Die Zeit schien stillzustehen. Er konnte beim besten Willen nicht glauben, dass sie das getan hatte. Wie oft hatten sie sich verloren und wieder gefunden? Diesmal schien es endgültig, aber das konnte unmöglich sein. Seine Pupillen, die vor Entsetzen stark geweitet waren, verschluckten das kalte Regenwasser wie ein endlos tiefes Loch. In dem Schleier seiner getrübten Augen verblasste Belles Antlitz, und er erinnerte sich daran, wie es gewesen war, als Milah ihn verlassen hatte, um mit Hook durchzubrennen. Damals hatte er geglaubt, es könnte nicht mehr schlimmer kommen. Er hatte sich geirrt. Das hier war eine tausendfache Steigerung: Milah hatte er wenigstens nicht geliebt, Belle dafür schon. Sie war jetzt seine Welt, der Anfang und das Ende seiner Existenz.

Als ihm das klar wurde, rappelte er sich auf. Niemand würde zu seiner Rettung kommen, dafür war er nicht beliebt genug. Auch dass Belle dort drüben auf der anderen Seite der Grenze auf ihn wartete, bezweifelte er. Die Wahrheit war unbequem, es gab kein Zurück für ihn und er konnte nirgends sonst hin. Seine Sinne waren wie benebelt, alles drehte sich und das steife Bein schmerzte wie seit Jahren nicht. Er hatte keinen Stock, auf den er sich stützen konnte, aber es würde schon gehen. Er war noch nicht bereit, hier und jetzt zu sterben. Er hatte immer den Willen zum Überleben gehabt, auch wenn es aussichtslos gewesen war. Aber diesmal war es das nicht: Belle liebte ihn. Warum sonst hätte sie ihn fortjagen sollen?

Es war diese Gewissheit, die ihn antrieb, ein Funke der Hoffnung, dass noch nicht alles verloren war. Hand in Hand ließen sie neue Pläne in seinem Kopf reifen und ihn einen Fuß vor den anderen setzen. Damit er zurückfinden konnte, nahm er seine Krawatte ab und band sie an einen Zweig am Straßenrand, ehe er der magischen Grenze endgültig den Rücken kehrte.

Der Weg von Storybrooke weg war schier endlos und einsam. Er führte ihn die in der Dunkelheit verlassene Teerstraße entlang, wo er sich unermüdlich vorwärts schleppte, indem er sich sagte, dass er so nicht enden wollte. Mit jedem Schritt den er tat, wurde ihm schmerzhaft bewusst, was er verloren hatte. Der seelische Schmerz aber reichte noch viel tiefer. Es musste eine Möglichkeit geben, zurückzukehren, noch einmal mit ihr zu reden, oder gar, sie umzustimmen.

Nach einer Weile gewöhnte er sich an das wechselnd auftretende Stechen und Ziehen in seinen beanspruchten Gliedern. Es war ja nicht so, dass er zum ersten Mal mit der Demütigung umgehen musste, ein Krüppel zu sein. Er allein wusste, wie es war, machtlos zu sein, Not und Elend als einzige Gefährten in den Händen haltend zu versagen.

Mittlerweile graute der Morgen und er erlaubte sich, an einen Baum gelehnt, eine kleine Rast. Erschöpft schloss er die Augen und dachte nach. So weit, wie er gegangen war, war er seit Jahrhunderten nicht gelaufen. Obgleich der kühlen Luft war das feine Seidenhemd auf seiner Brust aufgrund der Anstrengung von seinem Schweiß durchtränkt. Die Haare hingen ihm wirr ins Gesicht – kurzum, er wirkte draußen in der Natur so fehl am Platz, dass er selbst mit verdrecktem Anzug ein jämmerlich verwahrlostes Bild abgeben musste.

Als er zu Frösteln anfing, zwang er sich zum Weitergehen. Bald mischten sich die ersten Vogelstimmen zwischen seine dumpfen Schritte und die Stille des neuen Tages und boten seinem Gehör etwas Abwechslung. Nicht lange darauf ließ ihn das Schnauben eines herannahenden Fahrzeugs innehalten. Er hob die Hand, um die müden Augen vor den blendenden Scheinwerfern zu schützen, und erkannte einen Lastwagen, der sich ihm mit rasanter Fahrt näherte. Erst unmittelbar neben ihm kam er geräuschvoll zum Stehen.

„Wollen Sie ein Stück mitfahren?", dröhnte die rauchige Stimme des Fahrers über den surrenden Motor hinweg durch die geöffnete Scheibe.

„Ja, nur zu gern", antwortete Gold erzwungen, „das ist sehr freundlich von Ihnen."

„Sie sehen aus, als hätten Sie Hilfe nötig."

Von einer Wolke aus Zigarettenqualm und Abgasen umgeben spürte Gold für einen Moment, wie das Leben in ihn zurückkehrte. Ein süffisantes Lächeln kreuzte seine Lippen, während der Fahrer von innen die große Tür aufdrückte. Wärme schlug ihm entgegen; auf dem breiten Beifahrersitz stand ein prall gefüllter Picknickkorb und das Radio spielte einen kratzigen Achtzigerjahre-Hit.

„Nichts für ungut. Bedienen Sie sich ruhig, ist ein Geburtstagsgeschenk von meiner Frau."

„Gratuliere, wie es aussieht, ist heute unser beider Glückstag", murmelte Gold zwischen den Zähnen hindurch. Er fühlte sich wie ein Idiot, und konnte sich seinen aufkeimenden bitteren Sarkasmus darüber, dass seine eigene Frau ihn fortgejagt hatte, kaum verkneifen.

„Mein Name ist Greg, Willkommen an Bord."

„Freut mich, Greg", antwortete Gold kurz angebunden, denn es hatte echt keinen Sinn, sich dem Mann vorzustellen. Viele Worte würden alles nur kompliziert machen, was er unbedingt verhindern musste; in seinem Leben gab es bestimmt an die tausend Dinge, die man besser mal nicht vertiefte …

Aber das war im Moment sowieso nicht wichtig. Es zählte nur, endlich von dort wegzukommen, um woanders von vorn anfangen zu können. Der Plan, den er in seinem Hinterkopf zurechtgelegt hatte, reifte eifrig weiter. Jetzt, wo er endlich eine Mitfahrgelegenheit gefunden hatte, würde er sich nicht in den Straßengraben legen und von Panik überrennen lassen. Er würde einen Weg finden, nach Storybrooke zurückzukehren, und dann alles in Ordnung bringen, was er falsch gemacht hatte. Mit letzter Kraft packte er die dargebotene Hand des freundlichen Fahrers und wuchtete sich zu ihm hoch auf den abgewetzten Beifahrersitz.

„Probieren Sie den Kuchen, der ist 'ne Wucht", flötete Greg hellauf begeistert.

„Danke, aber ich glaube, ich werde einfach nur hier sitzen und eine Runde schlafen."

Fast hatte er vergessen, wie es war, jemandem zu begegnen, der ihm unvoreingenommen gegenübertrat, weil er ihn nicht kannte. Das Lächeln des fremden Mannes war strahlend, obwohl er bestimmt den ganzen Tag am Steuer sitzen musste und Abends nicht nach Hause zu seiner Familie konnte. Er schien zufrieden mit sich und seinem Leben, was in Golds Augen etwas Unwirkliches an sich hatte. Sofort wurde er von einer inneren Unruhe erfasst, die ihm gar nicht gefiel. Was, wenn er sein Glück mit Belle für immer verspielt hatte? Selbst wenn es ihm gelänge, seine Pläne zu verwirklichen, würde sie ihn nicht so ohne Weiteres zurückhaben wollen. Gründe dafür gab es genug, auch seine Verbannung war nicht unberechtigt gewesen.

Während Greg frisch und munter den Lastwagen steuerte, erlaubte Gold es sich, eine Flasche Wasser aus dem Korb zu nehmen und davon zu trinken. Die Musik im Hintergrund dröhnte weiter, aber wenigstens hatte Greg verstanden, dass seinem Beifahrer nicht nach einem Gespräch zumute war. Gold schloss die Augen und dachte noch einmal über alles nach. Er verspürte keinen Hunger und selbst der Schmerz in seinem Bein pochte weniger stark. Sein Körper fühlte sich erschöpft und ausgebrannt an, doch Belle ging ihm einfach nicht aus dem Kopf. Er hatte nie so richtig verstanden, was sie in seine Arme getrieben hatte. Wahrscheinlich zerriss sich bald jeder in Storybrooke das Maul über ihn und seine gescheiterte Ehe. Aber das machte nichts, denn seine magische Welt, die er nach seinen Wünschen und Vorstellungen kreiert hatte, hatte schon lange davor einen Riss bekommen. Sie fiel in sich zusammen und er konnte nichts dagegen tun. Er hatte es verbockt, hatte alles durch seine Lüge verloren. Es war so unglaublich verrückt, dass er am liebsten geschrien hätte. Die Vorstellung, sie vielleicht nie wieder zu sehen, nagte schwer an seinem Verstand. Sie gehörten zusammen, oder etwa nicht? Einer der Hauptgründe, warum sie immer wieder zu ihm gekommen war, war der gewesen, dass sie verhindern wollte, dass er sich der Dunkelheit hingab. Leider war er an sie ebenso gebunden wie an seine Macht. Wäre das Ganze also nicht so furchtbar verfahren gewesen, dann hätte er diese Zweifel, dass sie ihn nicht genug lieben könnte, gar nicht gehabt.

Je angestrengter er versuchte, für eine Weile nicht an sie zu denken, umso mehr krampfte sich seine Brust zusammen. Noch nie hatte er, abgesehen von der Liebe zu Baelfire. so für jemanden empfunden. Daran hatte sich nichts geändert. Er würde sie sogar weiterhin über alles lieben, wenn sie ihm nicht verzeihen würde.


Vor Belle tauchte eine Hand auf, die einen Teller mit einem Hamburger auf dem Tisch abstellte. Sie hatte eigentlich keinen Hunger, aber Will hatte darauf bestanden, etwas zu Essen zu bestellen.

Was machte sie bloß hier?

Es war ein beklemmendes Gefühl, wieder unter Menschen zu gehen, die sie kannten und vermutlich über ihre Beziehung zu Rumpel urteilten. Die Bewunderung, die sie für ihn hegte, war ungebrochen. Komisch, wie alte Gewohnheiten einen im Griff hatten. Es machte ihr Angst, so abhängig von ihm zu sein, als wäre er noch immer ihr Herr und sie sein Hausmädchen, das brav sein Schloss in Ordnung hielt.

„Du musst nicht bei mir sitzen bleiben, wenn du nicht willst", sagte Will, als hätte er ihren Zwist verstanden, nachdem sie kaum ein Wort mit ihm geredet hatte. Er lächelte sie an, während sie unsicher an ihrem Eistee nippte und darüber nachdachte, wie es dazu kommen konnte, dass sie mit ihm in Granny's Diner saß. Es war kein Date; er war einfach da gewesen und hatte sie eiskalt mit einer Einladung zum Essen überrascht. Er war so … anders. Locker und entspannt.

Sie vermisste Rumpel, aber irgendwie musste das Leben weitergehen. Sie hatte um ihn geweint, als wäre er gestorben. Das dunkelste Kapitel in ihrer schwierigen Beziehung, das hatte sie selbst aufgeschlagen. Manchmal tat es so weh, dass ihr einfach die Tränen kamen. Auch jetzt kämpfte sie verbissen dagegen an, und so senkte sie den Blick auf die Tischplatte.

„Nein, nein – ich sitze gern hier."

„Du lügst. Ich weiß doch, was los ist. Du hast Angst davor, allein zu sein. Aber hier mit mir ist es nicht besser, oder?"

Hilflos musste Belle ihn ansehen. Seine Augen waren verständnisvoll und sanft. Er hatte nichts von dem abgekämpften Ausdruck, den Rumpel sich im Laufe seines Lebens angeeignet hatte. Er war jung und unbeschwert und lebte sorglos in den Tag hinein.

„Tja, wenn es dir nichts ausmacht, würde ich gern noch etwas hier sitzen. Mit dir."

Wills Mund verzog sich zu einem warmherzigen Lächeln. Warum sie das gesagt hatte, wusste sie selbst nicht. Sie hatte einfach das Gefühl, etwas sagen zu müssen, oder zu handeln, um herauszufinden, wer sie eigentlich war. Vielleicht hatte sie es aber auch gesagt, weil er nicht ganz unrecht hatte. Das Haus war so leer ohne Rumpel. Es war unmöglich, ihn aus dem Kopf zu bekommen, wenn jedes Stück darin an ihn erinnerte. Draußen, ohne ihn ständig vor sich zu sehen, war ihr alles egal, es wusste sowieso jeder in Storybrooke, was vorgefallen war. Neuigkeiten verbreiteten sich schnell in einer kleinen Stadt. In ihren Herzen freuten sie sich, aber außer Killian (und neuerdings auch Will) redete niemand offen vor ihr über Rumpelstilzchen. Sie waren froh, dass sie ihn losgeworden waren, ohne sich die Finger schmutzig machen zu müssen.

Die nächsten Tage verbrachte sie damit, die Bibliothek gründlich zu entstauben, außerdem hatte sie sich vorgenommen, nach Kräften Rumpels Laden für Besucher zugänglich zu machen, damit das Geschäft mit der Pfandleihe nicht zum Erliegen kam und alle ihren gewohnten Tätigkeiten nachgehen konnten. Die langen, arbeitsreichen Nächte zwischen den Besitztümern ihres aus der Stadt verbannten Ehemannes zu verbringen, machte ihr nichts aus, zumal sie dabei nicht alleine war. Belle hatte in Will einen liebevollen Freund gefunden, der sie mit seiner Unbefangenheit von ihrem Kummer ablenkte. Vermutlich war er das Beste, was ihr in Anbetracht der Umstände passieren konnte. Manchmal schmerzte es aber auch. Sie mochte den Geruch, den die alten Dinge verströmten, das Aroma des mit Poliermittel getränkten Holzes, die Atmosphäre, die sie an die glücklichen Tage mit Rumpel erinnerte. Sie hatte nicht vor, einfach über ihn hinwegzusehen oder sich in eine neue Beziehung zu stürzen. Will war für sie da, wenn sie ihn brauchte, und egal, was alle anderen denken mochten, mehr steckte nicht dahinter. Er spendete ihr Trost und sorgte für einen Hauch Normalität. Aber jede Nacht, wenn sie alleine in ihrem Ehebett lag, kehrten die Erinnerungen an die durchlebten Enttäuschungen zurück. Sie schlichen sich ein wie Diebe und stahlen das Wenige, was von ihren gemeinsamen glücklichen Tagen mit Rumpel übriggeblieben war. Wie er sie ansah, wie sie ihm mit der Hand die Haare aus der Stirn strich, wie sie sich küssten, wie er immer wieder beteuerte, dass es ihm leidtat … dann zog sie sich wieder in ihre Welt zurück und es machte sie schier wahnsinnig, dass sie keinen anderen Ausweg gefunden hatte, als ihn fortzuschicken, wie auch er es einst mit ihr getan hatte. Und endlich begriff sie: Nicht einmal mehr das war wie früher. Warum hatte er sie auch belügen müssen?