Kapitel 3: Drei Worte
Mit einem leisen Knack schloss Chris die Autotür des Taxis hinter sich und schulterte in der gleichen Bewegung seine Reisetasche. Still blickte er sich um. Die Elisabeth Street der Vorstadt lag etwas verschlafen für diese Stunde, wie gewohnt zwischen ihren hohen Alleebäumen, vor ihm. Das Brummen des wegfahrenden Taxis war neben dem Gesang der Vögel das einzige Geräusch, welches die Gegend erhellte. Dennoch fühlte es sich ein wenig so an, als ob er zu Hause ankommen würde. Eine Brise wehte durch die Straße und mit einem Mal hatte er den Geruch des Meeres in der Nase. Die alten Bäume bogen sich im Wind und die Blätter raschelten. Er atmete erleichtert aus. Ja das war sein Zuhause.
Langsam schritt er auf die Einfahrt seines Grundstücks zu, welche von großen Tannen gesäumt zu seiner Rechten lag. Die große Wiese des riesigen Vorgartens lag hinter einer Hecke, den Tannen und großen Rhododendren verborgen, drum blieb sein Blick an dem Briefkasten hängen, welcher neben dem Tor stand. Die Zeitung ragte eingerollt heraus zusammen mit ein paar Briefen, die ebenso im Kasten steckten. Fast schon unterbewusst nahm er die Post heraus, besah die Bemalung des Briefkastens mit einem warmen Lächeln und schloss die Klappe wieder. Deutlich prangte unter dem Familiennamen, Redfield, der dunkelblaue Abdruck einer winzigen Hand.
Als er die Einfahrt hinaufgeschritten war, seinen Range Rover in der offenen Garage betrachtete, viel ihm die Regenrinne an dem Garagendach auf, die er hatte reparieren wollen, sowie der Schnee des letzten Winters geschmolzen gewesen wäre. Er seufzte als das schlechte Gewissen ihn erneut überrollte. Gedankenverloren wandte er sich von der Garage ab und dem schönen alten weißgestrichenem Holzhaus zu. Die umlaufende Veranda lag von Blumen umrandet in der Morgensonne, zeugte mit Gartenmöbeln und ein paar Spielsachen bestückt von dem Familienleben, das er tief im Innern so sehr vermisste, das es ihn fast von den Füßen riss. Warum war er damals nur gegangen?
Schwerlich schritt er die drei Stufen der Holzveranda hinauf, stellte seine Tasche ab und angelte seinen Hausschlüssel aus seiner Hosentasche. Der bekannte alte Türgriff lag unangenehm in seiner Hand als er die große Eingangstür öffnete und danach mitten in dem großen Hausflur stand, schließlich wusste er, dass niemand auf ihn im Innern seines Hauses wartete.
In einem warmen Licht lag der Raum vor ihm, der rote Läufer in der kleinen Garderobe zu seiner rechten wurde unter seinen, Jills und Josephs Schuhen, sowie einen Ball und einem Laufrad fast begraben, die eichene Anrichte zu seiner linken trug die Post von den letzten drei Tagen sowie das Haustelefon und eine kleine Patronenkiste für die Schlüssel von Garage, Schuppen und Autos. Darüber hingen ein paar Familienbilder, dessen Anblick er vermied. Stattdessen schaute er kurz die eichene Treppe in den ersten Stock hinauf und betrat nachdem er seine Schuhe ausgezogen und seinen Hausschlüssel sowie die Post abgelegt hatte die Küche durch den offenen Durchgang zu seiner linken.
Diese sah, anders als der Flur, etwas wüster aus, als er diese in Erinnerung hatte. Zwar stand natürlich kein dreckiges Geschirr herum, doch lagen hier und dort Spielsachen seines Sohnes auf dem Boden, ein Malbuch lag auf dem Küchentisch neben einem bunten Trinkbecher, von dem Joseph bestimmt am Morgen getrunken hatte. Jills Becher stand daneben, sowie ein Kugelschreiber und ein Notizblock. Die paar wenigen Pflanzen vor den bodentiefen Fenstern ließen jedoch die Blätter hängen. Im Vergleich zu der Küche sah das Esszimmer jedoch regelrecht verlassen aus.
Chris seufzte, bemerkte die Notiz, die Jill an die Kühlschranktür gehängt hatte.
Deutlich lang erschien die Einkaufsliste und tatsächlich unterstrich die Leere im Kühlschrank, dass diese schnellstens abgearbeitet werden musste. Er steckte die Liste in seine Hosentasche, schenkte der Küche noch einen letzten Blick und trat wieder durch den Wandbogen in den Flur. Durch diesen hindurch durchschritt er das Wohnzimmer, welches ebenso wie die Küche etwas fremd wirkte.
Der Couchtisch trug ein paar Arbeitsunterlagen von Jill; Akten, Hefter und dergleichen, neben dem Kamin stand das Klavier, an dem Jill sonst so gerne spielte, doch der Deckel war heruntergeklappt und trug eine feine Staubschicht. Dann schlug er seine eigene Gitarre an, die daneben stand. Die Seiten waren grausam verstimmt und resigniert stellte er diese wieder auf den Ständer. Als er schließlich wieder im Flur die Treppe hinauflief, nach einem liebevollen Blick in Jos Kinderzimmer, Jills und sein Schlafzimmer betrat schluckte er schwer. Zögernd bedachte er das große ungemachte Bett und bemerkte, dass Jill wie immer in seiner Abwesenheit auf seiner Bettseite geschlafen hatte. Zögernd ging er an der Schrankwand entlang und um das Bett herum, setzte sich auf das selbige und ließ sich in die Kissen fallen. Er roch Jills Shampoo aus den Leinen heraus und seufzte. Wie er sie in den letzten Wochen vermisst hatte, wie er sie unterbewusst seit einem halben Jahr vermisst hatte, dieses Gefühl überwältigte ihn.
Er würde alles wieder gut machen müssen, all ihr Kummer und ihre Tränen nicht nur von ihr sondern auch von Joseph würde er ins Gegenteil verkehren, beide wieder glücklich machen und zum Lächeln bringen. Irgendwie musste er das schaffen.
Entschlossen richtete er sich auf und ließ seinen Blick zu seinem Nachttisch wandern. Dort lag sein Ehering, fast an derselben Stelle, wo dieser von ihm selbst vor sechs Monaten platziert worden war. Er ergriff diesen und blickte darauf, dann steckte er sich wie immer seinen goldenen Ring an den Ringfinger seiner linken Hand. Danach griff er sich in den Nacken zog seine goldene Marke über seinen Kopf und ließ diese anstelle des Ringes auf dem Nachtschrank liegen. So hatte er es immer getan, wenn er von einem Einsatz wiedergekommen war und er hatte nicht vor irgendetwas zu ändern.
Nachdem er geduscht, sich rasiert und seine frische Alltagskleidung aus seinem Schrank angezogen hatte, steckte er den Einkaufszettel wieder in die Hosentasche der knielangen khakifarbenen Shorts, griff sich den Autoschlüssel aus der Kiste im Flur, zog seine schwarzen Sneakers an und schloss beherzt die Haustür hinter sich. Erst einmal würde er zu Claire fahren, dann Joseph vom Kindergarten abholen und mit seinem Sohn zusammen Einkaufen fahren. Das war etwas was er immer mit Jo zusammen gemacht hatte und jetzt freute er sich fast selbst wie ein Kind darauf.
Als Chris nach einer halben Stunde Fahrt vor Claires Haus anhielt und sein Auto parkte, hörte er bereits durch die offenen Autoscheiben die Haustür zuschnappen. Claire war herausgetreten und stampfte wütend auf ihn zu, deutlich konnte er ihren teils wütend teils unergründlichen Gesichtsausdruck erkennen. Er stieg aus und sah sich um und bereits im nächsten Augenblick spürte er wie er von seiner Schwester in einer ersten wütenden Attacke gegen das Auto geschupst und dann nach einer Sekunde fest umarmt wurde. Er atmete aus, lehnte sich gegen die Autoseite und zog seine kleine Schwester fest an sich.
Claire seufzte, verdrückte deutlich ein paar Tränen und wischte sich diese mit zitternder Unterlippe aus den Augenwinkeln, als sie sich von ihrem großen Bruder löste. Der Schock war noch immer allgegenwärtig, schließlich hatte er vor zwei Stunden auf ihrem Handy angerufen und sich seit seinem Verschwinden zum ersten Mal damit gemeldet. Eine halbe Stunde danach hatte Jill sie ebenso kontaktiert, ihr teils aufgelöst, teils erleichtert berichtet, dass Chris aufgetaucht und zu Hause war.
Doch erst jetzt als sie ihn umarmte begriff Claire wirklich, dass er wieder bei ihnen allen war. Er erinnerte sich an alles und die Schuld an dem Leid seiner Familie lag schwer auf seinen Schultern, dass erkannte sie in dem Moment als sie ihm in die dunkelblauen Augen sah. In diesem Moment wichen all der Trotz und die Wut auf ihn aus Claires Gemüt. Sie wusste, dass wenn Chris eine andere Wahl gehabt hätte, dann hätte er ihnen Allen das erspart.
Sie seufzte als sie seine tiefe Stimme vernahm. „Claire-Bär…bitte weine nicht mehr um deinen Scheißkerl von großen Bruder."
Sie blickte auf, wischte sich die Tränen von den Wangen und verzog ihren Mund zu einem halben Lächeln. „Das klingt nach Jill…Schießkerl."
Chris lächelte traurig hielt ihrem Blick stand. „Sie hat ja auch Recht damit."
Seine kleine Schwester bedachte ihn mit einem besorgten Blick. „Allerdings." Sie konnte aus seiner Bemerkung erkennen, dass er sich mit Jill zerstritten hatte. Das war zu erwarten gewesen. Als sich Claire an das kurze Telefonat mit ihrer Schwägerin erinnerte, die zerstreuten teils wütenden Worte Jills, die auch unter Tränen gesprochen worden waren in ihr Gedächtnis holte, konnte sie sich den Streitverlauf fast denken.
Aufrichtig fasste sie nun ihren Bruder mit einem Lächeln mit beiden Händen am Arm. „Komm, wir setzen uns in den Garten und reden dort weiter."
Er nickte und schloss mit einem drücken auf den Autoschlüssel das Fahrzeug ab, um ihr dann durch den Vorgarten und um das Haus herum in den großen Garten zu folgen. „Wie geht es Patrick und meiner Nichte?"
Claire drehte ihren Kopf während sie gingen. „Gut, er ist gerade mit TerraSave in Alaska unterwegs. Nächsten Montag kommt er wieder. Die kleine schläft oben in ihrem Bettchen ganz brav und seelenruhig."
Chris nickte leicht. „Nicht mehr lang und Isabell wird ein Jahr alt. Kaum zu glauben."
Claire lächelte glücklich während sie sich neben Chris auf die Bank unter der Eiche setzte. „Wo wir gerade von den kleinen Füßchen sprechen…" fing sie an und wurde gleich von Chris unterbrochen.
„Ich weiß was du sagen willst…" Ein leises Lächeln zierte seine Lippen. „Jills.. Umstand ist wunderbar, ehrlich! Nur war ich in den letzten Monaten nicht gerade der Ehemann und Vater den sie verdient hätte. Ich muss so viel wieder gut machen." Er seufzte und stützte seine Arme auf seine Knie während er sich in der Bank vorlehnte.
Die Brünette neben ihm bedachte ihn kurz und lehnte sich zurück. „Jill hat täglich darum gekämpft den Kopf hoch zu halten. Nach außen hin wirkte sie stark, doch Rebecca und Ich haben gesehen wie schmerzlich sie dich vermisst hat, Chris. Wäre Jo nicht gewesen wäre sie nach Weihnachten in das nächste Flugzeug gestiegen und hätte nach dir gesucht. Ihre Sorgen haben sie innerlich aufgefressen. Sie hatte so schreckliche Angst ohne dich dazustehen. Die letzten zwei Wochen waren jedoch besonders hart für uns alle."
Ihr Bruder schluckte. „Ich habe während des Einsatzes in China meine Erinnerungen wiedererlangt, danach hat mich die BSAA noch mal nach Edonia geschickt um die Innenstadt unter Kontrolle zu bringen. Da drüben herrscht noch immer Chaos."
Claire seufzte. „Und warum hast du dich nicht nach dem Einsatz in Lanshiang gemeldet, uns wissen lassen, dass es dir gut geht, dass du wieder der alte bist?"
Der Angesprochene setzte sich wieder auf. „Das gleiche wirft mir Jill auch vor. Die Wahrheit ist: Ich war feige und stand auch zu einem Teil noch völlig neben mir. Kaum hatte ich China überlebt, befand ich mich wieder in Edonia, der Stadt, die ich niemals wiedersehen wollte. Zum Teil war Piers verantwortlich, dass ich dem Einsatz in Edonia ein zweites Mal zugestimmt hatte, sonst wäre ich direkt nach Hause gekommen. Zum anderen, wollte ich Jill und Euch persönlich gegenübertreten. Was soll ich sagen…Wenn man mit einem mal erfährt, dass man die Familie ein halbes Jahr lang im Stich gelassen hat, dass man damit der Mensch ist, der man nie sein wollte…" seine Stimme war leise und dennoch verbittert.
„Christopher…" Claire legte ihm eine Hand auf die Schulter. Sie konnte ihn in diesem Moment verstehen, obgleich sie noch zu einem gewissen Teil enttäuscht war.
„Ich hab geahnt… wie sehr ich Jill mit meinem Verschwinden zugesetzt haben muss und ich hatte Angst… ihren Schmerz in ihren Augen zu sehen oder in ihrer Stimme zu hören, Schmerz für den ich verantwortlich bin…"
Er sprach ruhig, dennoch konnte sie seine Schuld in seiner Stimme heraushören, deutlich schwer fiel es ihm die Worte über seine Lippen zu bringen.
„Ich verstehe." Sagte Claire knapp. Dann rutschte sie etwas näher zu ihrem großen Bruder. „Die Hauptsache ist doch, dass du wieder da bist."
Ein knappes Lächeln seinerseits entgegnete ihrem. „Das ist für Jill nicht genug."
Nun war es Claire, die zweifelnd zu ihm schaute. „War der Streit so schlimm?"
Chris verzog ein bitteres Lächeln und erklärte etwas rastlos. „Sie weiß nicht mal ob sie mich heute Abend nicht doch noch vor die Tür setzt."
Seine Schwester runzelte fragend die Stirn. „Meinst du sie geht so weit?"
Er lachte freudlos. „Ich kenne Jill besser als sonst jemand. Und gerade ich hab sie enttäuscht und verletzt, ich…weiß nicht was ich machen soll…Jill ist stark und sensibel zugleich…Sie hat mir nicht mal wirklich geglaubt, als ich ihr von Edonia und Serbien erzählte. Sie ist der Meinung ich hätte in jeder Sekunde des letzten halben Jahres die Möglichkeit und die Wahl gehabt, zu ihr und Jo zurückzukommen. Sie denkt ich hätte mich nicht an meine Familie erinnern wollen."
Claire schwieg für einen Moment, dann rief sie ihren Bruder fest an. „Wir haben beide den Bericht des Arztes aus dem Krankenhaus gelesen, der dich nach deinem Aufwachen in Edonia befragt hat. Er hatte schriftlich deine Post traumatische Amnesie festgestellt. Daran kann Jill nicht zweifeln…Wäre es denn vielleicht einfach nur möglich, dass sie schlicht nicht begreifen kann, dass das gerade dir passiert ist?"
Chris sah auf. „Wie meinst du das?"
Claire seufzte. „Du hast sie aus Afrika gerettet und warst derjenige, der ihr durch ihre eigene post-traumatische Belastungsstörung danach geholfen hat, du hast damals die Organisation hochgehen lassen, die sie verschleppt hatte, du hast Wesker getötet…" Claire versuchte das seufzen ihres Bruders zu überhören. Sie wusste, dass er es hasste wie ein Held behandelt oder beschrieben zu werden. „…versteh mich nicht falsch Chris, ich weiß wie, psychologisch gesprochen, du nach Jills Tod am Ende warst. Zu der Zeit bin ich selbst damit kaum klar gekommen, dich so zu sehen, weil ich es nicht gewohnt war, deine ‚Dämonen' so offen zu Gesicht zu kriegen. Normalerweise warst du für mich stets der Fels in der Brandung. Dich so zu erleben hat mich verängstigt. Ich hab es damals kaum begreifen können, warum es gerade dich so sehr zerbrechen musste…"
„Claire…" Chris sah zu ihr und dann wieder in die Schönheit des Gartens.
„Nach dem Vorfall in den Arklay Mountains hattet Du und Jill euch zunehmend auseinander gelebt, weil ihr beide Wesker und Umbrella aufhalten und vernichten wolltet. Sie hat mir mal erzählt, wie sie in dieser Zeit kaum mehr zu dir, ihren besten Freund hat durchdringen können und ich kann mich an ähnliche Situationen zwischen uns erinnern. Du hast damals schon den Tod deiner STARS-Kollegen besonders von Forrest und Richard persönlich genommen, hast dich selbst für ihren Tod verantwortlich gefühlt, weil du Weskers Verrat nicht hattest kommen sehen." Claire seufzte, legte ihren Kopf etwas auf der Schulter ihres Bruders ab. „Dieser Kampf gegen Bio Terrorismus war von Anfang an für dich mehr ein persönlicher Kampf, als alles andere. Nicht zuletzt auch weil Tricell und Wesker Jill so viel Schreckliches angetan haben."
Chris schluckte, sah in die Ferne und nickte leicht.
Claire fuhr fort. „Wir haben damals beide von Piers die Einzelheiten des Edonia-Vorfalls gehört. Wer dich kennt, und damit diesen Jahrelangen persönlichen Kampf gegen die B.O.W.s, weiß dass der erneute Tod deines gesamten Teams, gerade weil ihr ähnlich wie vor 15 Jahren erneut in eine Falle gelockt wurdet und deine Leute heimtückisch und sinnlos getötet wurden, nicht einfach spurlos an dir vorbeigehen kann." Claire richtete sich auf, adressierte ihren Bruder direkt mit der nachfolgenden Erklärung. „…Nur darfst du dir deshalb keine Vorwürfe machen. Du hättest gegen diesen tollkühnen Hass nichts aufbringen können, was das verhindert hätte." Claire beobachtete nun schweigend ihren Bruder, bemerkte, wie sich dieser etwas zitternd durch die Haare fuhr. Sie kannte diesen Zustand, wusste, dass er mit sich rang, Tränen der Trauer und der Wut zurückhielt.
„Dennoch…Ich hätte es wissen müssen, ich war für sie alle verantwortlich…schließlich wurde auch das Team in China meinetwegen zur Zielscheibe." leise sprach er, kämpfte noch immer mit seiner Fassung. Dann atmete er schwer aus und wieder ein und wieder aus. Erst dann beruhigte er sich langsam, ließ all den vergangenen Schmerz zu, um diesen schließlich still zu ertragen. Claire drückte sich derweil an ihn, ließ sich von ihrem Bruder in die Arme nehmen. Es tat ihr leid, dass sie seine Gefühle so offen gelegt hatte. Dennoch wusste sie, wenn sie nicht darüber gesprochen hätte, hätte er nur weiterhin so getan, als ob er Edonia und den weiteren Tod seiner Männer hinter sich gelassen hätte.
Wieder seufzte er schwer. „Was du noch nicht weißt…Piers hat's nicht geschafft. Er starb und rettete mir das Leben, nicht ohne mir noch das Versprechen abzunehmen, dass ich weiterhin für die BSAA gegen die Verbrechen von Neo-Umbrella kämpfen würde." Eine Stille zwischen dem Geschwisterpaar trat ein und nun war es Claire die schwer ausatmete. „Ich wollte meine Waffe abgeben nach China, ich hatte genug, ich habe genug. Mich kann dieser Kampf gegen den Bio-Terrorismus nicht ewig verfolgen. Jill und Ich haben beide genug getan und ich sollte anfangen das zu akzeptieren, bevor ich jeden meiner Freunde und Familie unter die Erde gebracht oder vergrault habe…doch…"
Claire lehnte sich zurück. „Deshalb bist du in den nächsten Einsatz, weil du Piers Andenken bewahren wolltest…"
Ihr Bruder sah kurz zu ihr. „..ich kann seine Bitte nicht einfach verdrängen, mich auf die Veranda setzen und Gitarre spielen und so tun als ob ich ein Zivilist wäre und nicht im Stande wäre gegen den Terror zu kämpfen."
Seine Schwester nickte erkennend. „Dennoch Chris…Dieses Mal hast du es wirklich nur noch um Haares breite geschafft aus der buchstäblichen Hölle zu uns zurückzukommen. Du hast Kinder und eine Frau, die dich liebt. Mehr als du dir gerade denken kannst. Wenn Jill dir verzeiht, wird sie dich nicht noch einmal in einen Einsatz fliegen lassen. Soviel ist klar." Die Rotbraunhaarige bedachte ihn mit einem traurigen Blick. „Und bei allem Respekt, das gleiche gilt für mich."
Erneut nickte ihr Bruder. „Das gleiche dachte ich mir auch schon. Und deshalb muss ich für mich eine Entscheidung treffen, wie ich weiter mache. Ich bin nicht nur ein BSAA Captain sondern vor allem Jills Ehemann und Vater für meine Kinder. Es muss einen Mittelweg geben."
Es war halb sechs Uhr abends als Jill müde und nervlich entkräftet in ihrem Auto vor der Garage parkte. Sie hatte nach der Arbeit noch den regulären Termin bei ihrem Gynäkologen war genommen und hatte schließlich im Behandlungszimmer einen halben Nervenzusammenbruch erlitten. Sie hatte ihrem Arzt zwar die eigentlichen erfreulichen Umstände, die der Rückkehr ihres Mannes, erklärt doch dieser hatte sie die ganze Zeit während des Gesprächs eher besorgt gemustert und sie schließlich von der Arbeit zwangsbefreit. Ihre Werte waren erhöht gewesen und das Baby hatte einen eher zu schnellen Herzrhythmus an den Tag gelegt. Letzteres war deutlich auf den Stress der ganzen letzten zwei Wochen zurückzuführen und am heutigen Tag hatte ihr Chris buchstäblich den Boden unter den Füßen weggerissen. Es war klar gewesen, dass der Streit mit Ihm für ihr Kind pures Gift gewesen war.
Sie fühlte sich schwach als sie aus dem Wagen stieg und sobald sie die Tür hinter sich geschlossen hatte musste sie gähnen und ihren schmerzenden Rücken mit einer streckenden Bewegung entlasten.
Mühevoll griff sie ihre Arbeitsmappe von der Rückbank und machte sich nachdem sie den Wagen verschlossen hatte auf den Weg um das Haus herum in Richtung Veranda.
Es war ein beklemmendes Gefühl Licht im Haus zu sehen und schon allein der Umstand, dass sie Jo nicht wie sonst auch an solch langen Arbeitstagen bei Claire abgeholt hatte, ließ eine Verunsicherung in ihr zurück. Sie wusste nicht mehr woher sie die Kraft nehmen sollte sich mit Chris auseinander zu setzen…
Sie wollte nicht wieder mit ihm streiten, doch sie wusste, dass es so vieles gab, was unausgesprochen zwischen ihnen lag. Sosehr sie sich wünschte, dass die Beziehung zwischen Ihnen beiden so werden würde wie früher, einfach an den Dezember anknüpfte, so sehr hatte sie auch Angst davor. Sie war schrecklich enttäuscht und sie konnte kaum abstreiten, dass er sie unendlich verletzt hatte und sie allein dies am meisten verunsicherte. Er hatte sie allein gelassen, sie zwei Wochen länger als gerechtfertigt in Unwissenheit gelassen, sich lieber in einen weiteren Einsatz gestürzt als nach Hause zu ihr zu kommen und hatte sich während des halben Jahres an sie und seinen Sohn genauso wenig erinnern können.
All das nährte diesen Zweifel in ihr, dass die Beziehung zu Ihm vielleicht nicht so makellos war, wie sie bisher über Jahre hinweg naiver weise gedacht hatte. Hatte sie sich in ihm getäuscht und war ihm sein Job wichtiger als seine Familie? Seine Aufgabe innerhalb der BSAA für ihn mehr von Bedeutung als der Vater ihrer Kinder zu sein? Liebte er sie vielleicht nicht mehr so sehr wie noch vor einem halben Jahr? Wollte er überhaupt noch das zweite Baby? Wollte und konnte sie ihm überhaupt verzeihen und hatte sie wirklich die Kraft, die diese Beziehung jetzt brauchte um gekittet zu werden?
Diese Gedanken kreisten in ihr und strapazierten ihre Nerven bis zum letzten. Sie atmete schwer als sie ihren Hausschlüssel ins Schloss schob und diesen herum drehte.
Doch sobald sie die Tür aufschob hörte sie das etwas gedämpfte und dennoch zuckersüße unbeschwerte Lachen ihres Sohnes aus dem Wohnzimmer und zum ersten Mal seit Stunden schob sich wieder ein Lächeln auf ihre Lippen.
Sie schloss die Haustür wieder geräuschlos hinter sich, schlüpfte im warmen Flur angekommen aus ihren Schuhen und legte ihren Autoschlüssel in die Patronenschachtel auf der Anrichte und stellte ihre Tasche an die Wand.
Wieder vernahm sie Jos Kichern gepaart mit einem „Du kriegst mich nicht, Daddy!" dem leisen Getrappel seiner Füßchen und ebenso das nachfolgende tiefe und aufrichtige Lachen ihres Mannes. Sie verharrte im Flur und lauschte. Sie hörte ein zwei schwere schnelle Schritte, das glucksende Kichern ihres Sohnes als Chris kurz gespielt lustig knurrte und nach einem „Ich hab dich!" in ein gemeinsames Lachen mit seinem Sohn verfiel.
Jill seufzte schwermütig und das Lächeln wich abrupt aus ihrem Gesicht um Tränen den Weg frei zu geben. In diesem Moment beneidete sie ihren Sohn um dessen Unbeschwertheit. Joseph hatte manchmal sogar mehrmals täglich nach Chris gefragt, manchmal sogar geweint und jetzt war der Junge einfach wieder so glücklich wie früher, schließlich hatte er seinen Papa endlich wiederbekommen.
Aber irgendwer musste schließlich für den Jungen stark sein, für seine Rechte und dessen vergangenen Schmerz eintreten.
Gedankenverloren betrat Jill die Küche, setzte sich zitternd auf einen Küchenstuhl und bemerkte während sie versuchte sich zu beruhigen, dass im Backofen das Licht brannte. Erst in diesem Moment nahm sie den leckeren Geruch war, der von der brutzelnden Auflaufform ausging, die darinnen stand. Erst danach fiel ihr wieder ein, dass sie eigentlich nichts mehr im Haus gehabt hätte um ein ordentliches Gericht an diesem Abend auf den Tisch zu bringen. Chris musste eingekauft haben.
Erneut traten die Tränen über ihre Wangen. Zeitgleich stieg in ihr auch die Wut auf ihn an. Sie bedauerte, den Einkaufszettel an der Kühlschranktür vergessen zu haben, weil dieser Umstand in ihren Augen ein schlechtes Bild von ihr als alleinerziehende Mutter produzierte. Zeitgleich bewies dass nur wieder, wie abhängig sie von Chris eigentlich war. Was brachte sie überhaupt noch allein zustande? Was war sie schon ohne ihn?
Sie seufzte und zog ihr Haarband aus ihren langen Haaren, welche ihr daraufhin ins Gesicht fielen. Wieder hörte sie das entfernte Lachen ihrer Männer aus dem Wohnzimmer und wieder stahl sich ein Lächeln auf ihre Lippen.
‚Diese scheiß Hormone' fluchte sie innerlich. ‚Und wenn schon, dann wärst du halt jetzt nochmal einkaufen gefahren oder hättest für dich und Joseph Pizza bestellt' Sie erhob sich, besah sich den Inhalt des Backofens genauer und stellte fest, dass Chris seinen berüchtigten Makkaroni-Käse-Auflauf gemacht hatte. Sie ging zum Kühlschrank, besah sich dessen Inhalt und bemerkte zufrieden, dass Chris ebenso alles mitgebracht hatte, was sie morgens aufgeschrieben hatte. Sogar ein von ihm geschnittener Salat, stand in einer Glasschüssel darin. Sachte atmete sie aus und lehnte sich Rücklings an die Küchenzeile.
Ein schrilles bekanntest Klingeln ließ sie zusammenschrecken. Der Backofen klingelte, der Auflauf musste fertig sein.
Wie gerufen hörte sie Schritte in Richtung Flur näher kommen und das Lachen von Chris und ihres Sohnes das augenblicklich lauter wurde. Sie hörte wie Chris ihn noch einmal packte und hochhob, nicht ohne seinem Sohn einen lauten Kuss aufs Bäuchlein zu drücken. Joseph quiekte vergnügt "Das kitzelt."
Dann hörte sie wie Chris in den Flur trat und dort kurz verweilte. „Schau mal Mama ist zu hause." Seine Stimme klang mit einem mal besorgter, dennoch froh. Joseph antwortete. „Wo denn?" Neugierig verklang auch die hohe Stimme ihres Sohnes.
Noch ein zwei Schritte folgten, dann trat Chris mit Joseph auf dem Arm in die Küche. Augenblicklich entdeckten beide die Gesuchte.
„Mama!" rief Jo glücklich und streckte den Arm nach seiner Mutter aus. „Schau, Daddy ist wieder da!"
Chris schluckte bei den Worten seines Sohnes schwer. Wieder einmal spürte er das Loch, das er in diesem halben Jahr in seine Familie gerissen hatte, schmerzlich. Sein Sohn hatte ihm am Nachmittag etwas scheu erzählt, dass er ihn vermisst hatte.
„Ich hab dich auch sehr vermisst, Joseph!" hatte Chris geantwortet und dabei seinen Sohn in seine Arme geschlossen.
Erst nach einem Augenblick, hatte Jo mit seinen kleinen Händchen an dem T-Shirt-Kragen seines Vaters herumgespielt und etwas niedergeschlagen berichtet. „Mama ist traurig. Sie vermisst dich auch."
Chris hatte genickt und ein unglückliches Lächeln verzogen. „Ich hab Mama auch sehr vermisst." Er hatte geschluckt. „Mama ist jetzt nur böse auf mich."
„Warum?" hatte Joseph gefragt.
„Weil…weil ich so lange weg war."
Chris sah auf in Jills Gesicht, bemerkte wie rot ihre Augenlieder waren und wie verletzt ihre Blauen in seine blickten. Erst dann wandte sie sich ihrem Sohn zu. „Hey kleiner Pilot. Habt ihr schön gespielt?" Ihre Stimme klang zitternd.
Der kleine braunhaarige Junge mit den blauen Augen und dem süßen Näschen nickte. „Wir waren einkaufen und haben gekocht. Freust du dich, Mama?"
Jill nickte und versuchte ihre Tränen wieder zu bändigen, die sich ihr aufdrängen wollten, versuchte ein zaghaftes Lächeln. Chris sah seiner Frau an, wie diese mit sich kämpfte, weil sie nicht vor ihrem Sohn weinen wollte. „Na komm Kumpel…" Er setzte seinen Sohn auf die Küchenzeile ab. „Ich hol mal das Essen raus. Schön festhalten!" Joseph nickte grinsend.
Jill verzog wieder ein glaubwürdigeres Lächeln. „Oh ich kenne den Gesichtsausruck. Nicht wieder herumturnen, junger Mann!" sie trat vor dem auf der Küchenzeile sitzenden Joseph.
Jo kicherte. „Nein!"
Nun lachte auch Jill leise und schniefte die letzten Tränen herunter. „Als ob. Du bist fast schlimmer als dein Vater!" Es war ein rein unbeschwerter Satz gewesen, den Jill im Affekt seit langem nicht mehr ausgesprochen hatte. Kurz danach bereute sie auch schon von der Freude ihres Sohnes beeinflusst worden zu sein.
Zögernd drehte sie ihren Kopf zu Chris, welcher ebenfalls in seiner Bewegung innegehalten hatte und scheu in ihre Augen blickte. Für einen Moment herrschte so viel Gefühl zwischen Ihnen, dass sie beide alles um sich herum vergaßen. Ein zaghaftes Lächeln stahl sich erst auf Jills Gesicht und wurde wie durch Geisterhand auf seinem reflektiert.
Im nächsten Augenblick wurde Chris von der dampfend heißen Auflaufform in seinen Händen dazu gebracht, seine Aufmerksamkeit von seiner Frau wieder dem Kochen zuzuwenden. Schnell und ungeschickt ließ er die Form auf die Untersetzer rutschen, die er über dem Ofen auf der Arbeitsplatte platziert hatte und warf in der gleichen Bewegung die Topflappen zur Seite und wedelte mit seinen verbrannten Händen. „Verda…verdampfte Form!" schimpfte er und versuchte angestrengt nicht vor seinem Sohn zu fluchen.
Jill hob erst skeptisch die Augenbrauen und verzog angrenzend ebenfalls ein Lächeln als sie wie ihr Sohn die Szenerie beobachtet hatte.
„Daddy ist lustig!" quickte der kleine Pilot und kicherte.
Jill lachte leise. „Daddy ist nicht lustig. Er kann nur nicht kochen, aber pschhht!" Sie zwinkerte ihrem Sohn zu, der daraufhin noch mehr kicherte.
Chris lächelte innerlich. „Das hab ich gehört." Einen gespielt ernsten Gesichtsausruck warf er über seine Schulter und Jill und Joseph lachten weiterhin leise.
Chris dankte im Stillen seinem Sohn. Es war ein wunder, wie der kleine Knirps es immer schaffte Jill zu beruhigen, ihr ein Lächeln auf das Gesicht zu zaubern, sie mit seinem Kichern anzustecken. Er lächelte selbst so unbefangen wenn der Kleine in der Nähe war. Vielleicht konnte der kleine diese familiäre Stimmung zwischen Ihm und Jill noch etwas länger aufrechterhalten und sie beide dazu bewegen, das Loch das zwischen ihnen klaffte zu überwinden, zumindest für heute Abend.
Wieder lächelte er hinüber zu Jill. Sah ihren zufriedenen Gesichtsausdruck, der ihm begegnete, erkannte dass es ihr genauso erging, sie den gleichen Wunsch hatte. Nachdenklich holte er das Geschirr aus dem Oberschrank und stellte dies neben der Auflaufform ab und hörte ihr Lachen, als sie mit seinem Sohn tuschelte.
Erneut bedachte er sie, wie sie da stand, seinen Sohn an den Füßchen festhielt, sein zweites Kind unter ihrem Herzen trug und so stark und zufrieden grinste wie die Jill Valentine, in die er seit 17 Jahren über alles verliebt war, dass es ihn fast von den Füßen holte. Erneut sah sie zu ihm auf, blickt ihm die Augen. Sein Mund wurde trocken als er sich nicht mehr von ihrem Anblick losreißen konnte, sein Herz raste. „Ich liebe dich."
Jill hielt merklich für einen Moment den Atem an. Das hatte er jetzt nicht gesagt? Immer noch sah sie ihm in die Augen, erkannte diesen Ausdruck von grenzenloser Sicherheit, der nur zu diesen und seinen Worten passte. Es war wieder wie damals vor vier Jahren, als er ihr genauso überraschend den Heiratsantrag im Flur gemacht hatte, als sie erkannt hatte dass er sich sicher war, sie zu lieben bis an sein Lebensende, ganz gleich wie ihre Antwort ausgesehen hätte.
Diese drei kleinen Worte hatte Chris in all den nachfolgenden Jahren nicht oft verwendet und doch hatte er sich und diese Worte in einem nicht geändert. Wenn er diese aussprach, dann meinte er sie mit seinem ganzen Herzen.
