Ich bin keine Fachfrau in Bereichen wie Medizin, Drogen, Flugzeugtechnik, Waffen oder Undercoverarbeit. Sollten Euch also Fehler auffallen, lasse ich mich gerne korrigieren.
Kapitel 4 - Erwachen
Es war eine harte Zeit für G. Soweit wie möglich fuhr er Morgens und Abends ins Krankenhaus und saß so lange an Joanns Bett, wie die Schwestern ihn ließen. Er erzählte ihr von seinem Tag, amüsante Geschichten von seinen Kollegen und manchmal etwas ganz persönliches. Aber es gab auch Tage, da saß er einfach nur schweigend neben ihr und hing seinen Gedanken nach. G hielt immer ihre Hand und küsste Joann zum Abschied auf die Stirn oder Wange.
G fühlte sich total hilflos, weil er nicht wusste, ob sie ihn überhaupt wahrnahm.
Sam hielt Wort. Alle aus dem Team, selbst Hetty, besuchten Joann regelmäßig. Schließlich kam der Tag, als die Ärzte sie aus dem künstlichen Koma holten. Alle warteten gespannt darauf, dass Joann wach wurde, aber nichts geschah. „Wir müssen abwarten." Niemand erwähnte möglichen Hirnschäden durch die Sauerstoffunterversorgung, aber alle dachten daran. „Sprechen Sie die Patientin weiter an, lesen Sie ihr ein bekanntes Buch vor oder lassen Sie ihre Lieblingsmusik laufen. Manche Komapatienten sagen, dass sie diese Dinge mitbekommen haben." Damit gingen die Ärzte wieder.
„Wir sollten in MacKenzies Wohnung gehen und nach Büchern und CDs schauen." Kensi wandte sich an Hetty. „Müssen wir uns dazu an das FBI wenden?" Hetty schmunzelte. „Ich glaube nicht, dass das notwendig sein wird, Miss Blye. Ich fürchte, ich habe bei der ganzen Aufregung vollständig vergessen, dem FBI die privaten Sachen von Agent MacKenzie zu übergeben." Sam zog sachte eine Augenbraue hoch. „Sie haben etwas ‚vergessen', Hetty?" „Nun, falls Sie sich erinnern, Mr. Hanna, haben sich die Damen bei uns im Bootshaus für den Empfang umgezogen. Miss MacKenzie hat dabei ihre private Kleidung und ihre Tasche dort gelassen, in der Annahme, sich nach dem Einsatz auch dort wieder umkleiden zu können. Ich habe die Sachen an mich genommen, um sie dem FBI zu schicken, aber bei dem ganzen Durcheinander, dass diesem Einsatz folgte, muss es mir entfallen sein." Das Lächeln verschwand aus Hettys Augen und machte absoluter Härte platz. „Bisher hat sich auch niemand nach Miss MacKenzies Eigentum erkundigt und soweit mir bekannt ist, hat das FBI sich auch nur telefonisch über ihren Gesundheitszustand auf dem Laufenden gehalten. Sie werden wohl kaum etwas dagegen haben, wenn wir uns jetzt darum kümmern." Sam schüttelte den Kopf. „Wir wissen ja aus anderen Einsätzen, dass das FBI sich manchmal seltsam verhält. Aber das sich nicht mal die direkten Kollegen von diesem Einsatz oder aus MacKenzies Abteilung nach ihr erkundigen, ist doch selbst für die ungewöhnlich." Er zögerte kurz. „Hat das etwas mit der versiegelten Akte zu tun?" „Dazu kann ich leider nichts sagen, Mr. Hanna." Hetty sah ihn regungslos an. „Aber was auch immer die Ursache für das fehlende Interesse ist, es wird uns nicht davon abhalten, das Richtige zu tun." Ihr Blick wanderte über das Team.
Kensi und Callen betraten Joanns Appartement und sahen sich neugierig um. „Es ist ziemlich…bunt." Kensi lachte. „Sie mag eindeutig farbige Räume. Und Bücher!" Ein wenig fassungslos betrachteten die beiden die vielen Regale, alle bis zum Bersten mit Krimis, Fantasy, Science Fiction, Liebes- und historischen Romanen gefüllt waren. „Wie sollen wir da eines finden, dass Joann besonders gerne mag?" G entdeckte im Wohnzimmer auch noch Bücherstapel auf dem Fußboden. „Nun, dafür haben wir es bei den CDs einfacher." Zwischen den Bücherregalen stand ein einsames CD-Regal, das jedoch noch nicht mal voll war. „Musik scheint nicht Joanns Ding zu sein." Kensi musterte die Covers. „Da irrst Du Dich." Callen deutete auf eine Schale mit durchnummerierten USB-Sticks und handgeschriebenen Notizzetteln. „Hardrock, Rock 'n Roll, 80er Jahre, Filmmusik und eine Menge gemischtes. Das einzige, was ich nicht entdecken kann, ist Klassik." „Das erklärt dann auch die fehlende Stereoanlage."
Während Callens Blick über die Bücher glitt, ging Kensi ins Schlafzimmer. Sie kam mit einer kleinen Reisetasche und einem Buch wieder. „Ich glaube nicht, dass wir für ein Buch und ein paar USB-Sticks eine Reisetasche brauchen, Kens." „Ich habe gedacht, dass Joann vielleicht ihre eigenen Sachen haben möchte, wenn sie aufwacht. Also habe ich etwas Wäsche und ein paar Toilettenartikel zusammengepackt. Das ist ihr sicher lieber als rückenfreie Krankenhausnachthemden und Einwegslips." „Ich weiß nicht, ob ich das so genau wissen wollte." Callen war ein wenig verlegen. „Was ist mit dem Buch?" „Es lag auf dem Nachttisch, mit einem Lesezeichen drin. Wahrscheinlich das letzte Buch, in dem sie gelesen hat." „Das hier habe ich auf dem Küchentisch gefunden, ebenfalls mit Lesezeichen." Callen wedelte mit einem weiteren Buch von Kensis Nase herum. „Und auf der Couch liegt noch eines." „Sie liest drei Bücher gleichzeitig?" Kensi war vollkommen verblüfft. „Außerdem sieht sie gerne Science Fiction, Tanz- und Martial-Arts-Filme. Ach ja, wir sollten den Kühlschrank ausräumen. Da wächst etwas drin." „Mit ‚wir' meinst Du doch nicht etwa mich, Callen?" Sie legte die Bücher und USB-Sticks in die Reisetasche. „Das mach mal schön selbst."
G betrachtete Joann. Nach seinem Besuch in ihrer Wohnung war ihm klar geworden, dass er nicht wirklich etwas über sie wusste. Bei ihrem Buchgeschmack war Joann anscheinend für alles offen, auch wenn es, wie bei Musik und Filmen, Schwerpunkte gab. Er hatte eine Frau kennen gelernt, die analytisch denken konnte, eine überaus aufmerksame Beobachterin war, umwerfend aussah und kämpfen konnte wie eine Elitesoldatin. Joann hatte aber auch eine sanfte Seite. Ihre Wohnung war liebevoll eingerichtet, ein richtiges Zuhause, in dem man sich wohl fühlen konnte. An den Wänden hatten Fotos gehangen, nach ihrer Art wahrscheinlich Urlaubsfotos. Landschaftsaufnahmen, keine Personenfotos. G konnte sich nicht vorstellen, dass eine Frau wie Joann keine Freunde oder Familie hatte. Auch ihr Verhalten war ambivalent. Auf der einen Seite hatte Joann sich extrem kühl und abweisend verhalten. Aber während ihres gemeinsamen Tanzes war sie sanft und anschmiegsam gewesen. Sie hatte sich in seinen Armen wohl gefühlt, dass hatte G spüren können. Alles in allem war sie ein komplettes Rätsel. Ob er es jemals lösen würde?
Die Stimme, sie kannte sie. Aber woher? Es wollte ihr einfach nicht einfallen. Sie schlug die Augen auf und wusste nicht, wo sie war. Aber die Stimme war noch da. Langsam drehte sie den Kopf.
„Hy, Kleine, schön, dass Du endlich wach bist." Callens Stimme zitterte leicht. „Du hast Dir wirklich viel Zeit gelassen."
Diese blauen Augen! Sie hätte darin versinken können. Der Gedanke verwirrte sie.
„Jo?" Sie zeigte keine Reaktionen, weder auf ihren Namen, noch auf ihn. Aber sie hielt seinen Blick fest.
Der Kopf tat ihr weh und sie war müde. Leise seufzend schloss sie ihre Augen und schlief wieder ein.
Callen war wie vor den Kopf geschlagen. Endlich wurde Joann wach und sie erkannte ihn nicht!
Als er Sam davon berichtete, versuchte dieser, ihn zu beruhigen. „G, Du hast doch gehört, was der Arzt gesagt hat. Es ist nicht ungewöhnlich für Komapatienten, dass sie beim ersten Erwachen Gedächtnislücken haben. Gib die Hoffnung nicht auf, Kumpel."
Da war sie wieder, diese Stimme. Sie schlug die Augen auf und blickte sich um. Ein Krankenhauszimmer. Dann drehte sie den Kopf in Richtung der Stimme. Ein Mann, der aus einem Buch vorlas. Er hob den Kopf und da waren sie wieder, diese unglaublichen blauen Augen. Sie lächelte. „Hallo, Callen."
Die Sonne ging auf. Die Frau, der er sein Herz geschenkt hatte, war wach, lächelte ihn an und erkannte ihn. G konnte sein Glück kaum fassen.
„Hy, Kleine, endlich ausgeschlafen?" Joann runzelte verwirrt die Stirn. „Wie lange bin ich schon hier?" „Zu lange. Sie mussten Dich ins künstliche Koma legen, aber als die Ärzte Dich aufwecken wollten, bist Du nicht wach geworden. Du hast uns einen großen Schrecken eingejagt." G nahm ihre Hand und lächelte. „Ich sag mal den Schwestern, dass Du wach bist." Auf dem Weg zur Tür drehte er sich noch mal um. „Aber nicht wieder einschlafen, okay?" Er war schon fast auf dem Flur, als er sie rufen hörte. „Callen?" „Ja?" „Nenn mich nie wieder ‚Kleine'!" Vor Erleichterung laut lachend ging er zum Schwesternzimmer.
Das Team stöhnte gerade über Papierkram, als Hetty auf sie zutrat. „Mr. Callen hat soeben angerufen. Miss MacKenzie ist aufgewacht und hat ihn erkannt. Die Ärzte untersuchen sie gerade, aber es scheint ihr gut zu gehen." „Wow, das sind gute Neuigkeiten!" Kensi strahlte. Sam lächelte vor sich hin. Er dachte an den Tag, als die Ärzte sicher waren, dass G wieder gesund werden würde. Heute fühlte sich sein Freund so wie er damals, und das war ein gutes Gefühl. „Wurde ja auch Zeit. Jetzt kann Callen seinen Papierkram wieder selber machen." Marty grinste breit und musste dann auf Tauchstation gehen, weil ihm von allen Seiten etwas an den Kopf geworfen wurde. „Ich mein ja nur…"
Endlich hatte Joann alle Untersuchungen hinter sich. Sie fühlte sich schon wieder schläfrig, aber das war laut den Ärzten normal. „Ich komme dann morgen wieder. Du ruhst Dich jetzt besser aus, damit Du schnell hier raus kannst." Callen war die ganze Zeit in ihrer Nähe geblieben. Zum Abschied beugte er sich über sie und gab ihr einen Kuss auf die Wange. Erschrocken zuckte sie zurück. Joanns Reaktion verblüffte G. „Tut mir leid, ich wollte Dich nicht erschrecken… Wir sehen uns dann morgen." Verwirrt ging er.
„Das hat er jedes Mal gemacht, wenn er gegangen ist." Joann hatte nicht mal gemerkt, dass die Schwester das Zimmer betreten hatte. „Wer hat was gemacht?" Verständnislos sah sie die Frau an. „Ihr Besucher. Mr. Wolinski. Er war in den vergangenen Wochen praktisch täglich hier, oft mehrmals. Er hat an ihrem Bett gesessen und Ihnen etwas erzählt oder vorgelesen. Dabei hat er Ihre Hand gehalten und zum Abschied haben Sie einen Kuss auf die Wange oder die Stirn bekommen. Sie müssen ihm viel bedeuten, Miss MacKenzie. Auch Ihren anderen Freunden. Sie hatten wirklich ständig Besuch." Wieso nannte die Schwester Callen ‚Mr. Wolinski'? Und welche Freunde hatten sie besucht? Diese Neuigkeiten musste Joann erst einmal verarbeiten.
Es gab eindeutig eine Anziehung zwischen ihr und Callen, dass war ihr auf dem Empfang bewusst geworden. Aber zumindest für Callen schien da mehr zu sein. Hatte sie doch Gedächtnislücken? Über diese Gedanken schlief sie ein.
„Ich habe mich wie immer von ihr verabschiedet und sie ist zusammengezuckt, als wollte ich sie schlagen." Callen war immer noch durcheinander von Joanns Reaktion. „Du vergisst dabei etwas, Callen: MacKenzie hat das nie mitbekommen. Du hast die letzten Wochen an ihrem Bett verbracht und Dir in Ruhe Gedanken über Deine Gefühle machen können. Sie kennt Dich gerade mal zwei Tage und muss erst verarbeiten, was alles geschehen ist. Für MacKenzie bist Du praktisch ein Fremder. Ein Abschiedskuss auf die Wange ist eine Vertraulichkeit, die Frauen nur von Männern akzeptieren, die sie gut kennen." Nate sah Callen ernst an. „Und wenn Du ehrlich zu Dir selber bist, kennst Du sie auch nicht wirklich." „Man erfährt eine Menge über einen Menschen, wenn man seine Wohnung sieht, Nate. Ihre Wohnung ist…", G suchte nach der passenden Beschreibung. „Sie ist warm und freundlich, ein bisschen chaotisch und irgendwie sehr weiblich. Der Gegenpol zu ihrer Arbeit." Er zuckte mit den Achseln, konnte seine Gefühle nicht besser in Worte kleiden. „Unser Job zwingt uns dazu, Menschen und Umgebungen schnell zu erfassen und einzuordnen. Ich denke nicht, dass ich mich da irre." „Das mag sein, Callen. Halte Dich einfach ein wenig zurück und lass sie Dich in Ruhe kennen lernen. Gib Euch beiden dazu Zeit."
Als Callen am nächsten Tag ins Krankenhaus ging, war Joann wach. Sie saß in ihrem Bett, das mit Zeitungen und Zeitschriften übersäht war. Joann las so konzentriert, dass sie sein Eintreten nicht mal bemerkte. „Hy, MacKenzie. Schon wieder bei der Arbeit?" Erschrocken sah Joann von ihrer Lektüre auf. „Oh, hallo, Callen. Ich muss einiges nachholen, um wieder auf dem Laufenden zu sein." Die Distanz in ihrer Stimme tat weh, aber er war entschlossen, Nates Rat zu beherzigen. „Ich wusste nicht, was Ihre Lieblingsblumen sind, aber ich dachte, ein bisschen Farbe tut diesem Raum hier gut." Callen reichte ihr etwas verlegen den bunten Strauß. „Meine Lieblingsfarben!" Erstaunt betrachtete sie die pink- und lilafarbenen Blüten. Sie sah G an. „Sie sind wunderschön. Woher wussten Sie das?" „Kensi und ich waren in ihrer Wohnung. Die beiden Farben haben vorgeherrscht." Sofort wurde Joann misstrauisch. „Wieso waren Sie und Agent Blye in meiner Wohnung? Woher wussten Sie, wo ich wohne und wer hat Ihnen meine Schlüssel gegen?" Der Eingriff in ihre Privatsphäre machte Joann wirklich wütend und ihre Stimme war eiskalt. Callen fiel es unfassbar schwer, bei diesem Ton weiterhin ruhig zu bleiben. „Die Ärzte waren der Meinung, wir sollten Ihnen bekannte Musik vorspielen und Ihnen etwas vorlesen. Da sich weder Ihre Kollegen um Sie gekümmert haben, noch sonst jemand vom FBI, Agent MacKenzie, haben wir das übernommen. Ihr Schlüssel war bei den Sachen, die Sie im Bootshaus gelassen hatten, und Ihre Adresse steht auf Ihrem Führerschein. Kensi hat Ihnen eigene Kleidung und Toilettenartikel zusammengepackt. Sie war der Meinung, dass Ihnen das lieber sei, Agent MacKenzie, als die Krankenhausausstattung." Sein Ton war hart. „Wir hatten nicht die Absicht, Ihnen zu nahe zu treten." Callen holte tief Luft. „Ich werde die Schwester bitten, Ihnen eine Vase für die Blumen zu bringen." Dann war er weg.
„Er muss Sie sehr mögen, Miss MacKenzie." Die Schwester kam mit einer Vase herein. „Wie bitte?" „Mr. Wolinski." „Wie kommen Sie darauf?" Joann war ehrlich erstaunt. „Warum sollte er sonst jeden Tag hier bei Ihnen sitzen? Dazu dieser Strauß. Keine abgepackte Massenware, sondern speziell für Sie zusammen gestellt. Das kann gar nicht so einfach gewesen sein, bei diesen Farben. Trotzdem hat sich Mr. Wolinski die Mühe gemacht. Sie haben wirklich Glück, so einen Freund zu haben." Sie lachte leise vor sich hin. „Ich bin achtzehn Jahre verheiratet und mein Mann weiß immer noch nicht, welche Blumen ich mag oder was meine Lieblingsfarben sind." Joann sah schweigend zu, wie die Schwester den Strauß arrangierte. Bevor sie ging drehte sie sich noch mal zu ihr um. „Er ist ein gute Mann, glaube Sie mir."
Mit wuchtigen Schlägen wurde der Sandsack malträtiert. Immer und immer wieder. Trotzdem fühlte er sich nicht besser. Warum war sie so abweisend und kalt? Er und Kensi hatten ihrer Privatsphäre respektiert und nichts Unangebrachtes getan. Verdammte Frauen!
„Soll ich raten oder sagst Du mir, was los ist? Vielleicht hat der Sandsack ja dann eine Chance, zu überleben." Sam betrachtete seinen Freund. „Verdammte Frauen! Die spinnen doch alle!" Jetzt konnte sich Sam ein Grinsen nicht mehr verkneifen. „Welch weltbewegende Entdeckung, G. Das haben wir anderen drei Milliarden Männer auf dieser Erde ja noch gar nicht bemerkt." Sam unterdrückte sein Lachen nicht mehr. Schließlich riss er sich zusammen. „Okay, Kumpel, sag mir, was sie angestellt hat." G stoppte seinen Angriff auf den Sandsack. „Mich angemacht, weil Kensi und ich in ihrer Wohnung waren. Sie war stinksauer." „Na und? Was hast Du denn erwartet, G? Da waren zwei Fremde in ihrem Haus. Wie hättest Du in so einer Situation reagiert?" Callen murmelte etwas unverständliches und schlug wieder auf den Sandsack ein.
Als es klopfte, sah Joann hoch. „Darf ich herein kommen?" Kensi stand im Türrahmen. „Natürlich, Agent Blye, gerne." „Sagen Sie doch bitte ‚Kensi', Agent MacKenzie." „Joann." Die beiden Frauen musterten sich. Dann entdeckte Kensi die Blumenstrauß. „Ist der von Callen? Der sieht ja toll aus. Das sind doch Ihre Lieblingsfarben, oder?" „Ja, aber ich fürchte, ich habe mich nicht ganz …". Joann zögerte, „angemessen verhalten." „Wegen unseres Besuchs in Ihrem Appartement?" „Ja. Es könnte sein, dass ich darauf ein bisschen extrem reagiert habe." „Sie mögen keine Fremden in Ihrer Wohnung.", stellte Kensi sachlich fest. „Nein, ich bin da ein wenig empfindlich." „Wir haben nicht geschnüffelt. Und Callen war auch nicht an Ihrer Wäsche. Die habe ich zusammengesucht." Kensi musste lächeln. „Das ist eine Aufgabe, die sollte man nie einen Mann machen lassen, ob man ihn nun kennt oder nicht." Die Bemerkung brachte auch Joann zum Lächeln. Das Eis zwischen den beiden Frauen war gebrochen. „Kensi, warum sagt die Schwester immer ‚Mr. Wolinski' zu Callen?" „Das ist sein Alias, unter dem er zur Zeit lebt." „Ach so, ich verstehe." Und das tat sie tatsächlich.
Callen stand im Krankenhausflur und hörte das Lachen aus Joanns Zimmer. Sie war erst drei Tage wieder wach, hatte sich aber unglaublich schnell erholt. Als er in den Türrahmen trat, sah er Kensi an Joanns Bett sitzen. Sie erzählte etwas über ein Auto und redete dabei mit Händen und Füßen. Joann lauschte ihr gebannt und hatte eindeutig Spaß an der lebhaften Schilderung. Callen blieb, wo er war, und sah den beiden zu. Das war die Frau aus der Wohnung, nicht die kühle Agentin. Die Frau, die er kennen lernen wollte.
„Wie lange willst Du da noch stehen, Callen?" Kensi hatte ihn als erste bemerkt. Verlegen sah Joann ihn an, eine zarte Röte auf den Wangen. „Guten Tag, Agent Callen." Er nickte ihr zu. „Agent MacKenzie. Wie ich sehe, geht es Ihnen schon besser." „Ja, danke." Schweigen breitete sich aus. „Ich gehe mir mal einen Kaffee holen. Bis gleich." Beide sahen Kensi hinterher. Joann fasste sich als erste. „Es tut mir leid, Agent Callen, dass ich gestern so unhöflich war. Ich bin ein wenig…". sie stockte. „Ich bin ein wenig speziell, wenn es darum geht, wen ich in meine Wohnung lasse und wen nicht. Deswegen habe ich überreagiert. Bitte verzeihen Sie mir." Er betrachtete sie prüfend. „Nur, wenn Sie aufhören, mich ‚Agent Callen' zu nennen. Einfach nur ‚Callen' oder ‚G'." Er sah Joann voller Wärme an. Nach kurzem Zögern erwiderte sie seinen Blick. Dann hielt sie ihm ihre Hand hin. „Joann."
Als Kensi zurück kam, unterhielten die beiden sich friedlich.
