Die Intuition einer Priesterin

Waida Boswata war keine gebildete Frau im klassischen Sinne. Sie war die älteste Tochter eines Medizinmannes und einer Häuptlingstochter, geboren in einer Zeit, in der Westafrika durch Bürgerkriege und Stammesfehden gebeutelt war. Schreiben und Lesen erlernte sie auf einer Missionsschule, dann nahm ihr Vater sie mit in den Urwald, als sie gerade zehn Jahre alt war. Er unterwies sie in den Geheimnissen der Heilpflanzen und Kräuter, offenbarte ihr die Seelen der Bäume und Gesteine und führte sie in die ersten Voodoo-Rituale ein.

Mit den Jahren erfuhr Waida auf diese Art eine Bildung, die man nicht beschreiben oder bewerten konnte. Diese Art der Bildung war zu speziell und dennoch machte diese sie zu einer Meisterin der Zauberkünste.

Gina Nicemeadows jedoch nicht gerettet zu haben, trotz all ihrer Bildung an der Essenz zu versagen und sich ihrer eigenen Unvollkommenheit stellen zu müssen, hatte Waida einen Gutteil ihrer herzlichen Fröhlichkeit gekostet und es verging nicht ein Tag, an dem sie nicht mindestens eine Stunde grübelnd am Ufer eines abgelegenen Armes des Gambia-Flusses saß und voller Unzufriedenheit mit sich haderte. Sie hatte Gina geliebt wie eine Tochter von dem Tage an, an dem sie sie als ihr Mündel und als ihre Schülerin bei sich aufgenommen hatte.

Eine verstockte pubertierende Sechzehnjährige war sie gewesen und doch mit einer gewaltigen kraftvollen Aura umgeben, wie Waida sie nur selten bei einer solch jungen Frau gefühlt hatte. Dabei war Gina so verschlossen und in einer tiefen Traurigkeit gefangen die es Waida lange nicht möglich gemacht hatte, zu ihr vorzudringen. Doch sie hatte nicht aufgegeben und letztlich hatte sich Gina Waidas Offenheit nicht dauerhaft verschließen können und war zu einer selbstbewussten und fröhlichen jungen Frau herangewachsen, die sie damals wirklich ungern zurück nach England hatte gehen lassen. Waida war immer der Ansicht gewesen, dass Ginas Existenz nicht zufällig war und das Schicksal eine besondere Aufgabe für sie bereit hielt. Umso fassungsloser hatte sie Ginas sinnloser Tod gemacht.

Je länger und intensiver Waida über Gina und ihr Schicksal brütete, umso sicherer wurde sie, dass dies nicht das Ende sein konnte.

Sie hatte etwas übersehen, einen Fehler gemacht, dabei machte sie niemals Fehler. Doch was war es? Die Essenz hatte Ginas Blut zersetzt und ihre Organe letztlich zur Aufgabe gezwungen. Sie war nicht rechtzeitig da gewesen, um sie mit einem Ritual zurück ins Leben zu holen. Als sie Ginas Körper antraf, war die Leichenstarre schon eingetreten, Leichenflecken zeichneten bereits ihren Körper, doch etwas an ihrem Tod war anders gewesen. Doch was?

Tag für Tag war sie grübelnd jede Einzelheit durchgegangen, die sie noch in ihrem Gedächtnis hatte. Sie aß Berge von Schokolade, während sie ihren Geist zermarterte.

Wieder und wieder rief sie sich das Bild ihres aufgebarten Mündels vor die Augen.

Ginas Körper war von Snape gewaschen, angezogen und mit sauberen Laken bedeckt gewesen. Er hatte Räucherstäbchen entzündet um eventuellen Verwesungsgeruch zu überdecken. Schließlich war es Hochsommer gewesen.

Waidas schwarze Augen glitten über die Wasseroberfläche, verfolgten die Insekten, die einen verspielten Tanz aufführten.

Etwas in ihr, zwang sie, den Mücken und Fliegen zuzusehen.

Ginas Tod, die Insekten, Verwesung, Fliegen... Da fiel es ihr ein, was sie all die Wochen gestört hatte, was ihr die Gewissheit von der Unumkehrbarkeit von Ginas Tod verwehrt hatte. Es war die eine profane Schmeißfliege gewesen, die laut summend durch das halb geöffnete Fenster geflogen kam und sich hartnäckig auf ihrem Oberschenkel niederlassen wollte. Mit ärgerlichen Handbewegungen hatte sie das Geziefer verscheucht und es war aufgeflogen, hatte einige Kreise über Ginas Leichnam gezogen und war dann aus dem Fenster wieder hinaus, ohne auch nur den Versuch zu starten, sich auf dem toten Körper niederzulassen. Ein winziger Hinweis, aber Waida hatte genügend Tote gesehen um zu wissen, dass sie die Fliegen anzogen wie es nun einmal jedes andere gewöhnliche Stück Aas auch tat.

Warum also nicht Ginas sterblichen Überreste?

Waida sprang auf. In ihren Augen blitze das Weiße und so schnell sie ihre fleischigen Füße trugen, rannte sie die steile Uferböschung hinauf und rief lauthals nach den führenden Mitgliedern ihrer Voodoogemeinde.