Teil 4
House hatte gerade die Station verlassen und machte sich auf die Suche nach einem ruhigen Zimmer mit Fernseher, als eine wütende Cuddy auf ihn zukam. Großartig. Das ist genau das was mir jetzt noch fehlt."House!" rief sie. Ihre zornig zusammen zusammengekniffenen Mundwinkel verhießen nichts Gutes.
"Cuddy, was für eine wundervolle Überraschung. Womit habe ich es verdient, dass sie mir ihre kostbare Zeit widmen?"
"Ich habe gerade Dr. Chase in der Klinik gesehen. Nur dass auf seinem Namensschild 'Dr. House' stand."
"Habe ich wirklich vergessen es ihnen zu erzählen? Ich habe Chase adoptiert. Der arme Junge ist doch jetzt Vollwaise und es war schon immer mein sehnlichster Wunsch eine Familie zu haben. Ein Prachtjunge, nicht wahr? Und er kann sogar schon alleine essen und sauber ist er auch schon."
House war der Meinung, dass er für diese kreative Ausrede mindestens einen Nachmittag ohne Klinikdienst verdiente. Unglücklicherweise sah Cuddy das anders.
"Sie werden jetzt sofort in die Ambulanz gehen und ihren Klinikdienst erledigen. Aber vorher bringen sie ihre Tasche zurück in ihr Büro. Ich weiß genau, dass sie darin einen tragbaren Fernseher und ihren Gameboy verstecken."
House entschloss sich der Anweisung zur Abwechslung mal Folge zu leisten. Wenn Cuddy richtig wütend war war es besser ihr das Gefühl zu gäben sie hätte den Laden im Griff. Anderenfalls würde sie wirklich ungehalten werden und das bedeutete gewöhnlich Ärger. House stellte die Aktentasche neben seinem Schreibtisch ab und verschloss die Tür zu seinem Büro. Das Notizbuch, das er in die Tasche gesteckt hatte war zu groß um in seine Hosentasche zu passen, also lies er es einfach wo es war. Nur Cameron hatte einen Zweitschlüssel zu seinem Büro, damit sie morgens seine Post bearbeiten konnte. Und sie würde - im Gegensatz zu ihren pubertären Kollegen - bestimmt nicht freiwillig etwas über die Vorlieben von Angelas Freiern lesen. Sie wurde wahrscheinlich schon rot wenn sie nur daran dachte. Also würde sie ganz bestimmt nicht danach suchen. Zum Glück wusste Cameron nicht, dass auch ihr Boss zu Angelas Kundenstamm zählte, das würde ihr Interesse an dem Buch schlagartig steigern. Angela hatte zwar nicht die vollständigen Namen ihrer Kunden eingetragen, aber sie hatte die Adressen festgehalten, da sie Hausbesuche zu machen pflegte. Und Cameron hatte ihn schon zu Hause besucht. Wenn sie seine Adresse in dem Buch sehen würde wüsste sie dass auch er Angelas Dienste in Anspruch nahm. Das allein störte House noch nicht besonders. Aber die Notizen, die Angela gemacht hatte, würden sie stutzig machen. Vielleicht würde sie den richtigen Schluss ziehen. Und wenn nicht würden die Eintragungen sie zumindest neugierig genug machen um mit Angela zu reden. Und House war keineswegs überzeugt von der Verschwiegenheit der Prostituierten.
Eine Stunde nach ihrer Besprechung im Konferenzraum hatte Cameron die Labortests beendet und machte sich wieder auf den Weg zum Konferenzraum. Wie sie erwartet hatte fand sie Foreman, der inzwischen aus der Apotheke zurück war, dort vor. Nur die Tatsache, dass auch Chase da war überraschte sie, nachdem House ihm vier Stunden Klinikdienst aufgebrummt hatte.
"Was machst du denn hier?" fragte sie überrascht. "Ich dachte du wärst in der Klinik."
"War ich auch. Aber zu meinem Glück und House' Pech hat Cuddy dort vorbei geschaut und mich mit House' Namensschild gesehen. Jetzt muss er seine Arbeit zur Abwechslung mal selbst machen. Was heißt dass er für eine Weile beschäftigt ist. Und weißt du was: Seine Aktentasche steht in seinem Büro, ich habe sie durch die Scheibe gesehen."
"Und?" fragte Cameron. Sie wusste genau worauf ihr Kollege hinaus wollte, weigerte sich aber darauf einzugehen.
"Er hat das Notizbuch vorhin in die Tasche gelegt," warf Foreman ein. "Sag mal Cameron, du hast doch einen Schlüssel zu dem Büro, oder?" Foreman schaute sie erwartungsvoll an.
"Ja, das habe ich, damit ich meine Arbeit machen kann. Und das solltest du auch mal tun. Ich habe das Blut der Patientin getestet. Die Granulozytenzahl ist erhöht. Der Test der Stuhlprobe auf Bilharziose Erreger war negativ, aber das muss nichts heißen. Der Nachweis ist manchmal erst 10 Wochen nach der Infektion möglich. Ich denke wir sollten das Praziquantel verabreichen."
"In Ordnung, das erledige ich. In der Zwischenzeit könntest du dich ja mal in dem Büro umsehen," drängte Chase.
"Das werde ich tun." Ihre Kollegen sahen Cameron überrascht an. "Ich werde mir die Post und die E-Mails ansehen und sortieren. Dazu bin ich heute Morgen nicht gekommen." Cameron konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen als sie in die enttäuschten Gesichter ihrer Kollegen sah. Ohne ein weiteres Wort schloss sie die Tür zu House Büro auf und schloss hinter sich wieder ab, bevor ihre Kollegen ihr folgen konnten. Sie setzte sich an House' Schreibtisch und beachtete Chase und Foreman demonstrativ nicht weiter. Nach wenigen Minuten gaben sie die Hoffnung auf, Camerons Aufmerksamkeit zu gewinnen und sie zur Suche nach dem geheimnisvollen Buch zu bewegen. Stattdessen suchten sie nach Alternativstrategien.
"Du könntest Angela auch einfach fragen, wenn du ihr das Medikament gibst," schlug Foreman vor.
"Du meinst ich soll sie fragen ob mein Boss ein Freier von ihr ist? Was ist wenn sie House davon erzählt? Er macht mich einen Kopf kürzer."
"Komm schon, hast du wirklich solche Angst vor House?"
"Ich habe keine Angst vor House," antwortete Chase beleidigt. "Ich habe nur keine Lust den Rest meiner Assistenzarztzeit damit zu verbringen Lexika auswendig zu lernen." Chase erinnerte sich noch zu gut daran wie House nach Voglers Weggang gewesen war.
"Na schön, ich frage sie," erklärte Foreman selbstbewusst.
"Das will ich sehen."
"Guten Tag Miss Moore," begrüßte Foreman Angela höflich, während Chase abwechselnd ihn und sie interessiert beobachtete. "Ich habe gute Nachrichten für sie. Sie leiden vermutlich unter Bilharziose. Das ist eine von Parasiten übertragene Infektionskrankheit. Bilharziose ist sehr gut behandelbar." Foreman reichte ihr zwei Tabletten. "Wenn sie die nehmen dürfte es ihnen in ein paar Tagen besser gehen."
Foreman wartete, bis Angela die Tabletten geschluckt hatte und versuchte dabei Chase bohrenden Blick zu ignorieren.
"Ohne die gründliche Anamnese von Dr. House hätten wir wohl länger gebraucht um die richtige Diagnose zu stellen. Er ist sehr engagiert in ihrem Fall. Ungewöhnlich engagiert für seine Verhältnisse. Es ist normalerweise nicht seine Art Anamnesegespräche selbst durchzuführen. Kennen sie beide sich vielleicht von früher?" fragte Foreman möglichst beiläufig.
"Muss ein Arzt denn eine persönliche Beziehung zu seinen Patienten haben um sich zu engagieren?" Angela hob amüsiert die Augenbraue und Foreman konnte sich des Gedankens nicht erwehren, dass sie sich über ihn lustig machte.
"Wenn der Arzt House heißt, ja," antwortete er.
"Vielleicht kennen sie ihren Boss ja nicht so gut wie sie glauben." Angela grinste
"Wir hatten auf jeden Fall Recht," stellte Chase auf dem Weg in die Kantine fest.
"Wir hätten uns dieses Buch schon in der Wohnung näher ansehen sollen," fügte er grimmig hinzu.
Währenddessen saß Cameron immer noch an House' Schreibtisch. Sie war gerade damit fertig geworden House' Post zu sortieren und nun gab es nichts mehr was sie von dem Gedanken an das Notizbuch ablenken konnte. Auch wenn sie es nie zugeben würde, war Cameron genauso neugierig wie ihre Kollegen, nur hatte ihre Neugier andere Gründe. Sie war an dem Buch aus den gleichen Gründen interessiert aus denen sie damals gerne House' Eltern kennen lernen wollte. Sie hoffte immer noch, etwas über das zu erfahren was in dem Mann, den sie liebte, vorging. Sie wollte wissen was er hinter seiner zynischen Fassade verbarg. Aber sie konnte doch nicht einfach in seinen intimsten Geheimnissen schnüffeln, oder? Wenn ihre Kollegen Recht hatten, dann standen in diesem Buch höchstwahrscheinlich sehr private Dinge über House. Sie an seiner Stelle würde auch nicht wollen, dass jemand in ihrem Privatleben herum schnüffelt. Das hat House aber noch nie davon abgehalten das zu tun. Cameron dachte daran wie House sich ihre Krankenakte angesehen hatte und daran, dass er einfach den Brief mit dem Ergebnis ihres HIV Tests geöffnet hatte. Vielleicht wurde es Zeit, dass House endlich mal etwas von seiner eigenen Medizin bekam.
