Kapitel vier: Erste Erkenntnisse

Janet aß Steak Pie mit Gemüse und Kartoffelbrei. Das Essen war erstaunlich schmackhaft und so reichlich, dass sie den Gedanken an Nachtisch bedauernd aufgeben musste. Mit einer Tasse Kaffee und dem festen Vorsatz, schon mal gesprächsweise das Terrain zu sondieren, begab sie sich nach nebenan in die Bar. Hier war es mittlerweile wesentlich voller geworden. Neben vier weiteren Hausgästen, die sich nach dem Essen noch einen abschließenden Drink genehmigten, wurde der niedrige Raum vor allem von ortsansässigen Männern bevölkert, die sich offenbar alle kannten und die Ankunft einer attraktiven, alleinreisenden Frau mit großem Interesse zur Kenntnis nahmen. Bald war sie in ein Gespräch mit zwei älteren Männern vertieft, die als Angestellte der Forstverwaltung ihr ganzes Leben in Glen Drole verbracht hatten.

„Aye, unser Schutzengel," meinte der ältere der beiden nachdenklich, nachdem Janet den Grund ihres Aufenthalts verraten hatte und kaute auf seiner kalten Pfeife herum. Sein Nachbar nickte vielsagend.

Beredtes Schweigen.

„Das ist jetzt vielleicht komisch," fing der Pfeifenraucher schließlich wieder an.

„Was ist komisch?" fragte Janet. Diesen Leuten musste man aber auch jedes Wort aus der Nase ziehen.

„Sie sind heute schon die zweite, die nach der Sache fragt."

Janet wurde hellhörig. Das war ja interessant. War die Konkurrenz etwa auch an der Story dran?

„Wieso die zweite?"

„Ach, heute morgen war schon einmal eine junge Frau hier, die alles darüber wissen wollte. Ich weiß gar nicht, wo sie dann hin ist."

„Wollte raus in die Berge," fiel Jim hinter der Bar ein.

„Och, aye, raus in die Berge," wiederholte der Pfeifenraucher.

„Müsste längst wieder hier sein," sagte Jim.

„Och, aye, ist ja schon dunkel," kam die Bestätigung.

Nachdenkliches Schweigen.

„Wissen Sie denn näheres über den Schutzengel?" brachte Janet die Unterhaltung wieder zum eigentlichen Thema zurück. Über die Dame von der Konkurrenz würde sie sich später Gedanken machen.

Langsam nahm der Mann die Pfeife aus dem Mund und beschrieb damit eine ausladende Geste.

„Nicht mehr und nicht weniger als jeder hier. Der alte Hamish hat seine Geschichte ja oft genug und ausgiebig erzählt, zuletzt heute morgen. Nicht wahr, Hamish?" rief er quer durch den Raum einem noch älteren, knorrigen Mann mit langem weißem Bart zu. Der Angesprochene erhob sich mühsam und hinkte zu ihnen herüber. Sein Glas war fast leer, nachdrücklich stellte er es auf den Tresen. Janet erkannte die Geste als die Aufforderung, die sie war und orderte eine Runde.

„Die junge Dame ist aus London, von der Zeitung und interessiert sich für deine Rettung," erklärte der Pfeifenraucher, „du wirst noch berühmt auf deine alten Tage, erzähl mal."

Und Hamish erzählte. In durch die fehlenden Zähne noch unverständlicherem Schottisch berichtete er, wie bei einer Wanderung in den Bergen plötzlich Nebel aufgekommen war und er völlig die Orientierung verloren hatte. Wie er da draußen bei Temperaturen nahe dem Gefrierpunkt fast erfroren wäre, schon beinahe mit seinem Leben abgeschlossen hatte. Doch dann war plötzlich eine Gestalt aufgetaucht, hatte ihn bei den Armen gepackt. Vor Schreck war ihm ganz komisch geworden, schwindlig, übel war ihm gewesen, er war sogar – was er nie im Leben für möglich gehalten hätte - in Ohnmacht gefallen und dann in seinem eigenen Vorgarten wieder aufgewacht, frierend, durchnässt, aber sonst unversehrt.

„Wie sah die Gestalt denn aus?" wollte Janet wissen.

Hamish verzog das Gesicht.

„Kann ich nicht sagen, Miss. Es war so neblig, dass man auf die Entfernung von hier nach da, wo Sie jetzt sitzen, nur noch eine weiße Wand sehen konnte. Hab nur nen großen schwarzen Schatten gesehen, wie wenn jemand so eine Art Umhang an hat."

„Schwarz? Weiß wäre für einen Engel sicher angebrachter," warf Janet ein.

„Nein, Miss, es war schwarz, da bin ich mir ganz sicher." Er beugte sich näher zu ihr und Janet wich unwillkürlich ein Stück zurück, als ihr sein Bieratem ins Gesicht schlug.

„Weiß hätte ich bei dem Nebel doch gar nicht gesehen, Miss."

Er schüttelte den Kopf über so viel Unkenntnis. Seine beiden Freunde stimmten ein.

Nachdenkliches Schweigen. Janet überlegte verzweifelt, wie sie noch mehr Informationen aus dem Alten herauskitzeln könnte.

„Was ich schon immer mal wissen wollte, Hamish," mischte sich der Freund des Pfeifenrauchers ein, „warum warst du an dem Tag überhaupt da draußen? Du kennst dich doch aus, du weißt doch, dass man bei so einem Wetter vorsichtig sein muss."

Hamish grinste verlegen und druckste herum. Offenbar hatte er diesen Teil der Geschichte bisher immer verschwiegen.

Alle sahen ihn erwartungsvoll an. Schließlich gab er nach.

„Och aye, weißt du, John, du kennst doch meine Frau..."

John nickte vielsagend.

„Hausdrachen," meinte er erklärend zu Janet.

Hamish bestätigte dieses Urteil mit einem verlegenen, zahnlückigen Grinsen.

„Meine Frau hatte ihren Putztag, da ist sie unausstehlich und ich bin nur im Weg. Ich hab es zuhause nicht mehr ausgehalten und bin raus, das Wetter war ja noch gut und ich wollte so lange gar nicht bleiben. Aber dann bin ich oben am Gedenkstein eingeschlafen und habe den Weg zurück zur Straße nicht mehr gefunden. Das war's dann."

Die beiden Männer nickten verständnisvoll. Janet versuchte noch einmal, das Gespräch zurück zu der Identität des geheimnisvollen Retters zu lenken, aber ohne Erfolg. Alles, was Hamish noch in aller Ausführlichkeit darlegte, war das seltsame Gefühl, das ihn beim Kontakt mit der schwarzen Gestalt überkommen hatte.

„Die anderen Leute, die gerettet wurden, wohnen die auch hier in der Gegend?"

„Nein, nur die drei Kinder, Alex, Ben und Charly. Die anderen waren Touristen," antwortete der Pfeifenraucher.

„Und die verrückte Malerin aus Glasgow," ergänzte John und sein Freund wedelte bestätigend mit der Pfeife.

„Aye, genau, die hat dann unser Professor gefunden."

„Professor?" fragte Janet.

„Na ja, wir nennen ihn so, weil er so viele Bücher hat und einen gelehrten Eindruck macht, Sie wissen schon. Septimus Spane, ihm gehört das Cottage oben am Ende der Straße."

„Er hat sie vor seinem Haus gefunden und in die Notaufnahme nach Kilmarnock gebracht. Der Polizei hat sie eine ähnliche Geschichte erzählt wie Hamish."

Janet nickte geistesabwesend und klinkte sich aus dem weiteren Gespräch der drei Männer, das sich jetzt der Wettervorhersage für den kommenden Tag zuwandte, aus. Warum nur hatte der Mann ihr nichts davon erzählt? Er hatte sich doch wohl denken können, dass sie Interesse an seinen Erlebnissen hatte. Falsche Bescheidenheit? Scheu vor der Presse? Sie musste ihn morgen unbedingt noch einmal fragen.

Grübelnd starrte sie in ihre leere Kaffeetasse, war so in Gedanken versunken, dass sie gar nicht merkte, wie die Tür aufging. Plötzlich tauchte neben ihr eine junge Frau mit braunen Locken auf. Sie roch nach frischer, feuchter Luft, ihre Wangen waren gerötet.

„Ah, Miss Granger, da sind Sie ja wieder!" rief Jim McCleod. „War Ihr Ausflug erfolgreich?"

Miss Granger zuckte die Achseln.

„Wie man's nimmt," antwortete sie unverbindlich. „Kann ich noch etwas zu essen bekommen?"

„Ein Sandwich vielleicht?"

„Ja, gerne und ein Glas Orangensaft."

Jim machte die Bestellung fertig und schob alles über den Tresen.

„Das ist übrigens Ms Muir, sie interessiert sich auch für unseren Schutzengel," informierte er Miss Granger. Diese machte große Augen.

„Ja, ich recherchiere für einen Artikel für die Times," erklärte Janet und entschloss sich, den Stier bei den Hörnern zu packen. „Sind Sie auch von der schreibenden Zunft?"

Miss Granger zögerte kurz. „Nein, ich arbeite für ein Regierungsinstitut, das sich mit dem Auftreten übersinnlicher Phänomene beschäftigt."

Jetzt war es an Janet, große Augen zu machen.

„Glauben Sie denn, dass dieser Schutzengel übersinnliche Kräfte besitzt? Vielleicht zaubern kann?"

Miss Granger zuckte die Achseln und meinte kühl: „Was ich glaube, tut überhaupt nichts zur Sache. Die Vorkommnisse sind zweifelsohne mysteriös und deshalb untersuchen wir sie."

„Gibt es schon Ergebnisse?" fragte Janet unbeirrt weiter, ohne jedoch wirklich mit einer zufriedenstellenden Antwort zu rechnen.

Er kam auch keine.

„Und wenn es welche gäbe, würde ich sie Ihnen bestimmt nicht hier in aller Öffentlichkeit mitteilen. Unsere Untersuchungen stehen noch ganz am Anfang, wir können keine voreiligen Meldungen in der Presse brauchen.."

Die Frau schob ihre wirren Locken aus dem Gesicht und leerte ihr Glas.

„Ich bin müde, ich gehe nach oben. Gute Nacht."

„Gute Nacht," antwortete Janet automatisch und beschloss, es ihr gleich zu tun.

Wie immer bedanke ich mich ganz herzlich bei J.K.Rowling für das Ausleihen von Personen und Plot.