Seize the Night – Chapter 4: Verwandlung
Es war kurz nach Mitternacht, als sie ein surrendes Geräusch aus ihren wirren Träumen riss. Ihr Blick schoss unruhig durch die Dunkelheit und fixierte die lila-weißen Striemen, die der Rollo frei ließ. Seine fast schon weißen Haare erregten für einen Moment ihre Aufmerksamkeit und für einige, wenige Sekunden verlor sie sich in den Erinnerungen daran, wie weich sie sich doch angefühlt hatten. Tief ausatmend schüttelte sie ihren Kopf und strich sich einige schweißnasse Strähnen aus dem Gesicht.
Verwirrt starrte sie auf ihre Hände. Sie zitterten stark und sie konnte sie selbst mit der größten Konzentration nicht davon abhalten. Ihr Mund fühlte sich seltsam pelzig und trocken an und als sie aufstehen wollte, versagten ihre Füße in diesem Moment so endgültig, dass sie mit einem lautstarken Knall auf die Holzlatten fiel.
Mit zusammengepressten Lippen robbte sie auf den Lichtschalter zu und als sie diesen letztendlich umknipste, kniff sie die Augen zusammen, da das Licht in ihren Augen einen unangenehmen Schmerz hinterließ.
Sie grub ihre Finger in den Sessel neben der Tür und suchte Halt, als das Bild vor ihr endgültig verschwamm. Sie umschlang ihre Beine mit ihren Armen und presste ihren Rücken gegen die Wand, während sie ihre Augen immer wieder kurz aufriss, um zumindest Umrisse wahrnehmen zu können. Ihre Haut begann an ihren Knien und Ellenbogen heftig zu brennen und ihr Herz schlug so schnell, dass sie nach Luft schnappte. Sie presste ihre Lider wieder zusammen, um all diesen Gefühlen so schnell wie möglich Einhalt zu gebieten. Doch sie schaffte es nicht.
Das Brennen auf ihren Gelenken breitete sich auf ihre Arme und Beine aus und mit einem schmerzerfüllten Stöhnen griff sie nach der Türklinke.
Doch wider Erwarten fiel die Tür dadurch nicht aus dem Schloss, sondern wurde stattdessen noch mehr in den Rahmen gedrückt. Kalte Finger legten sich auf ihre und in der nebligen Umrandung ihres Blickfeldes konnte sie sein Gesicht schemenartig erkennen.
„Wo willst du hin?", hörte sie ihn fragen und seine Stimme klang dabei so besorgt, dass sie am liebsten schreien wollte. Sie konnte seine Fürsorge nicht ertragen. Schon gar nicht jetzt, wo ihr ganzer Körper von innen heraus zu verbrennen schien. Ihre Augen fixierten ihn voller Wut und sie gab ihm keine Möglichkeit zu reagieren, als sie ihn mit beiden Handflächen zurückstieß.
„Verzieh dich endlich", fauchte sie und für eine Sekunde zuckte sie zusammen, bei dem Geräusch, das ihre Stimme dabei verursachte. Doch sie konnte nicht lange bei diesem Gedanken verweilen, als der Schmerz sich von ihrem Bein in ihre Zehen ausbreitete. Sie versuchte es zu mindern, indem sie ihre Zehen zusammenzog, doch es wurde dadurch eher schlimmer.
Blind griff sie auf die Sitzfläche des Sessels und umfasste den Stoff eines schwarzen Pullovers der darauf lag. Wieder umfasste sie den Türgriff und dieses Mal öffnete sie sich. Keuchend zog sie sich den langen Rollkragenpullover über und warf sich gegen das Treppengeländer, als sie aus ihrem Zimmer herausgelaufen war.
Völlig losgelöst von jeglichen vernünftigen Überlegungen stolperte sie die Stufen hinab und riss mit einem Zug die Haustüre auf. Die kalte Nachtluft strömte in ihr Gesicht und linderte den Schmerz. Zumindest für eine Sekunde. Dann schien er mit verstärkter Intensität zurückzukehren und sie stieß einen Schrei aus, der jedoch nur als krächzendes Würgen über ihre Lippen kam.
Ihre Hände umschlossen ihren Oberkörper, als sie den Gehweg entlang rannte, kurz an der nächsten Straße innehielt und einen Blick in beide Richtungen warf. Ihre Füße trieben sie in die linke Richtung und je mehr Häuser an ihr vorüber zogen, desto schneller wurde sie. Sie stoppte erst, als sie merkte, dass keine Gebäude mehr in ihrer Nähe waren und stattdessen Bäume sich zu ihrer Linken und zu ihrer Rechten auftaten. Sie war wieder im Wald.
Ihr Herz pochte und sie sank auf den Boden herab. Ihre Hände stützte sie zitternd auf dem Boden ab, während ihre Augen weit aufgerissen auf die dunkelbraune Erde starrten.
„Bitte...nicht...", bewegten sich ihre Lippen zu Worten, die niemand hören würde und als ihr Körper sich in jeder erdenklichen Art verkrampfte, schrie sie so laut, wie ihre Stimmbänder es ihr ermöglichten.
Ihre Augenlider pressten sich stark zusammen und sie versuchte mit aller Macht den Schmerz auszublenden. So viele Jahre hatte sie es mit Giles trainiert. Schmerz. Nur eine Empfindung wie jede andere. Schmerz. Welch ein triviales Wort. Qual war vielleicht besser. Im Normalfall bezeichnete man eine lebendige Häutung nicht als schmerzhaft.
Mit aller Kraft versuchte sie auf allen Vieren zu bleiben, doch im nächsten Moment schien sie eine gewaltige Energie auf den Boden zu drücken und sie fiel mit ausgestreckten Armen auf den kalten Waldboden. Sie konnte fühlen, wie sich jeder einzelne Muskel in ihr zusammenzog und in hektischen kurzen Stößen wieder auseinander dehnte.
Ihre Fingernägel krallten sich in den erdigen Untergrund und füllten den Zwischenraum mit schwarzem Dreck. Lautstark schnappte sie nach Luft und doch schien der nötige Sauerstoff es nicht zu schaffen in ihre Lunge vorzudringen.
Ihr Kopf dröhnte so laut, dass das Geräusch von außerhalb kommen musste, doch dem war nicht so. Es war ein hoher, surrender Ton und er hallte und hallte immer wieder in ihrem Gehörgang, wurde lauter, höher, stechender.
Langsam wurden ihre Hände kraftlos, sie spürte den Boden nicht mehr, konnte nicht atmen, nicht sehen, alles war verschwommen, verworren, vor ihr lag ein einziges Feld unerkennbarer wässriger Punkte aus kaltem Schweiß und Tränen, bis sie schließlich endlich in sich zusammensackte.
Sie regte sich keinen Millimeter mehr, konnte es auch nicht. Ihre Augen waren wieder geöffnet und sie spürte wie die wässrigen Punkte nach und nach verschwanden und sich in einem riesigen, alles einnehmenden schwarzen Schleier wieder zusammensetzten, der ihr den Schmerz der Verwandlung ersparte, indem er ihr langsam aber schließlich doch ihr Augenlicht und letztendlich ihr Bewusstsein nahm.
