Just Not Good Enough

Kapitel 4

Das Sammeln von Eindrücken

Nachdem ich das erfahren habe, weiß ich nicht, auf wen ich schlechter zu sprechen bin. Der Gedanke, dass Harry genauso wie ich die Utensilien in Snapes Büro auf dem Gewissen hat, liegt mir beinahe so schwer im Magen wie der Professor mitsamt seinen Eigenarten selbst.

"Snape hat dir gesagt, dass ich seine Sachen demoliert habe?", fragt Harry vorwurfsvoll, als ich ihn am nächsten Morgen beiseite nehme und zur Rede stelle. "Und du hast es ihm geglaubt, ohne auch nur einen Moment daran zu zweifeln?"

"Das ist bei eurer Vorgeschichte gar nicht so abwegig", entgegne ich schnell.

"Kann schon sein. Trotzdem hätte dir in den Sinn kommen können, dass da was faul dran ist. Immerhin sind wir jetzt schon zu zweit."

Ich werde stutzig und spitze die Ohren, doch Harry lässt sich nicht dazu herab, mir seine Gedankengänge zu erklären, was meine ohnehin schon bedenkliche Ungeduld nur noch steigert.

"Nun sag schon! Wie meinst du das?"

Er schnaubt abfällig vor sich hin. "Sag bloß, du findest es nicht eigenartig, dass irgendwie jeder das Bedürfnis hat, es ihm mal so richtig heimzuzahlen."

"Na ja, stimmt schon. Es ist was dran an ihm, das es einem schwer macht, ihn zu mögen. Du hättest mich ruhig vorwarnen können, dass mir das passieren könnte. Du wusstest, dass ich an ihm dranbleibe und es unangenehm werden könnte."

Er runzelt die Stirn. "Willst du etwa behaupten, es ist meine Schuld, dass du die Kontrolle über dich verloren hast?"

"Das habe ich nicht gesagt. Aber langsam begreife ich, warum du so besonnen reagiert hast, als ich ihn das erste Mal angegriffen habe. Du wusstest genau, dass es Hexen und Zauberern in bestimmten Situationen möglich ist, übernatürliche Fähigkeiten zu entwickeln, wohingegen ich bisher davon verschont geblieben bin, derartige Erfahrungen am eigenen Leib zu machen."

Harry wirft mir einen geknickten Blick zu. "Soll ich ehrlich sein? Ich war zu froh, dass ich damit nicht alleine bin. Tut mir leid, Mione, aber dich dabei zu erleben, wie du über Snape herfällst, hatte eine gewisse Genugtuung an sich."

"Na super!", sage ich ironisch, woraufhin er lediglich mit den Achseln zuckt. "Erzählst du mir jetzt bitte endlich, was da noch zwischen euch in den Okklumentikstunden vorgefallen ist?"

Harry legt entschuldigend den Arm um mich, was er wirklich nur dann tut, wenn er ein extrem schlechtes Gewissen hat.

"Du weißt doch, wie er ist. Er liebt es, jemanden herauszufordern und bis an die Grenzen zu reizen."

Und wie ich das weiß. Mir ging es andersherum sogar ähnlich, als ich mit Snape alleine war. Ich wollte genau dasselbe erreichen.

"Er hat mich immer wieder fertig gemacht und Sirius und meinen Dad schlecht gemacht, bis ich eines Tages erkennen musste, dass er mit allem Recht hatte."

Die Geschichte kenne ich. Harry hat mir heimlich anvertraut, was er im Denkarium gesehen hat. Wenn Snape je dahinterkommen sollte, dass ich den ganzen Vorfall kenne, bin ich erledigt, denn streng genommen hätte Harry es mir nie erzählen sollen. Dass er es trotzdem getan hat, beweist, wie sehr es ihn damals mitgenommen hat, die Gründe zu erfahren, weshalb Snape James und Sirius so hasst.

"Aber es muss doch davor schon zu einigen Zusammenstößen zwischen euch gekommen sein, oder? Wie hat sich deine Wut gegen ihn denn geäußert?"

"Es war mehr als nur Wut, Hermine. Ich hatte das Gefühl, zu platzen, wenn ich ihn nicht endlich zum Schweigen bringen kann. Alles, was er gesagt hat, habe ich für eine Lüge gehalten. Die Anschuldigungen, das abfällige Gerede ... Du kennst Snape. Du weißt, wie das ist, von ihm fertiggemacht zu werden. Wie es sich anfühlt, wenn er die Oberhand über alles hat und man selbst keine Chance hat, sich gegen ihn zu wehren."

Ich nicke hilflos. Schon oft habe ich mich gefragt, was Snape dabei empfindet, wenn er das tut. Er ist dabei wie in einem Rauschzustand gefangen, der es ihm für einen Moment erlaubt, Herr über etwas zu sein, was er niemals sein dürfte. Er hat nicht das Recht, sich über uns zu stellen, um eine Entschädigung für die Entbehrungen zu erhalten, die Voldemort und Dumbledore ihm abverlangen. Oder vielleicht auch, damit er sich für kurze Zeit besser fühlt, wenn er sieht, wie verwirkt sein Leben im Gegensatz zu dem seiner Schüler ist, die noch alles vor sich haben.

Bis zuletzt habe ich nie einen bedeutsamen Menschen in ihm gesehen. Er ist ein überwiegend stiller und zurückhaltender Zeitgenosse, sofern er nicht gerade ein Opfer gefunden hat, dem er das Leben zur Hölle machen kann. Er kann kalt und unberechenbar sein, wenn er das will, was es einem zusätzlich erschwert, mit ihm klarzukommen. Er war gemein, ungerecht und fies zu uns. Trotz allem weiß ich es inzwischen besser. Snape ist, so paradox es auch klingt, sehr wohl dazu in der Lage, Gefühle zu empfinden. Der Unterschied zu uns ist jedoch der, dass er sie meistens unterdrückt.

Als ich an diesem Abend in die Kerker gehe und ihn in seinem Büro aufsuche, fängt er mich gleich an der Tür ab und zerrt mich ins Innere. Fast glaube ich, dass es erneut ein Fehler war, zu ihm zu gehen, da presst er sich an mich und drückt seine warmen weichen Lippen auf meinen Mund. Mindestens ebenso schnell lässt er wieder von mir ab und dreht mir den Rücken zu. Sein ganzer Körper bebt, als er zu mir spricht.

"Sie hätten nicht herkommen sollen, Granger."

Ohne mich weiter zu beachten geht er auf seinen Schreibtisch zu und sackt in seinen Stuhl nieder, die Beine wie ein langes Elend von sich gestreckt.

"Ich weiß", sage ich leise.

Meine Knie sind noch ganz weich aufgrund des Kusses. Trotzdem folge ich ihm und setze mich ihm gegenüber auf den freien Stuhl.

Snape reckt den Kopf empor und sieht mich unbehaglich zwischen seinen ungepflegten Strähnen hindurch an.

"Ich muss Sie unverzüglich auffordern, wieder zu gehen."

Nach Worten suchend schüttle ich den Kopf. Seine Stimme so rau und unbeständig zu hören, nimmt mich verdammt stark mit.

"Ich werde erst dann gehen, wenn Sie mir den Grund dafür nennen. Sie können mich nicht einfach so küssen und dann von mir erwarten, dass ich das ungeahndet hinnehme."

"Manche Dinge lassen sich nur schwer erklären, Granger", sagt er streng. "Vor allem dann, wenn sie mit Zauberei und tiefgreifender Magie zu tun haben."

"Magie?"

Er kneift die Brauen zusammen.

"Wundert Sie das? Sie sind eine Hexe ..."

"Das weiß ich durchaus, Professor."

"Dann wäre es an der Zeit, Vorsicht walten zu lassen. Ich kann für nichts garantieren, wenn Sie ungeladen vor meiner Tür stehen und -"

"Und was? Wenn ich Sie sehen und mit Ihnen reden will, weil es so viele Ungereimtheiten zwischen uns gibt?"

"Allerdings", murmelt er steif. "Jetzt, wo Sie wissen, wozu Menschen wie wir fähig sind, ist es nicht klug, mich herauszufordern."

"Und das sagen ausgerechnet Sie? Das kaufe ich Ihnen nicht ab."

In Snapes Augen blitzt es gefährlich auf, doch ich bin noch nicht soweit, mich von ihm einschüchtern zu lassen, bis die Fronten zwischen uns geklärt sind.

"Mal ehrlich, Professor, Sie haben mir von vornherein das Gefühl gegeben, Ihnen unterlegen zu sein. Es mag ja einen Vorteil haben, das zu tun, wenn Sie bei Voldemort sind. Aber ich begreife nicht, wieso sie mich oder meine Freunde deshalb immer wieder so verletzen mussten."

"Ich hatte nicht erwartet, dass Sie das verstehen, Granger", antwortet er erhaben. "Sie wissen gar nichts über mich."

Ich muss mich stark zusammen nehmen, um nicht damit herauszuplatzen, wie gewaltig er sich darin irrt. Auch dann, wenn ich nicht gerade behaupten kann, stolz darauf zu sein, was ich von Harry erfahren habe, versetzt mich dieses Wissen in die Lage, mir ein Bild von Snapes Vergangenheit zu machen. Es ist vielleicht nur ein an der Oberfläche kratzender Fingernagel und nichts, was wirklich tiefer dringt, genügt aber durchaus, mir hinsichtlich des Lebenswandels meines Professors einen Vorteil zu verschaffen, der den meisten anderen Menschen auf ewig verwehrt bleiben wird.

Snape achtet zum Glück nicht auf mein Zögern und fährt fort.

"Machen Sie nicht den Fehler, zu glauben, Sie würden mich kennen, Miss Granger", sagt er zwischen eng aufeinanderliegenden Kiefern hindurch. "Jemanden dazu zu verführen, körperlichen Schwächen nachzugeben, ist noch lange nicht ausreichend, um ihn sich zu eigen zu machen."

Seine Worte, so verletzend er sie auch sagt, treffen mich nicht halb so viel wie er es beabsichtigt hat. Ich weiß, dass ich mir keine Illusionen machen muss, was seine Person anbelangt. Er ist viel zu komplex dafür, was unweigerlich dazu führt, dass es an ihm immer Dinge geben wird, die rätselhaft bleiben.

"Ich hatte niemals vor, Sie mir zu eigen zu machen, bis Sie angefangen haben, mich auf die Probe zu stellen", wende ich vorsichtig ein. "Sie waren es, der meine Persönlichkeit einer Prüfung unterziehen wollte, nicht umgekehrt. Sie wollten, dass ich scheitere und aufgebe."

Er schnaubt verächtlich. "Was für eine Ironie, nicht wahr? Wir beide scheinen immer genau das Gegenteil von dem zu tun, was der andere von ihm erwartet."

"Das ist mir nicht entgangen", schnappe ich zurück. "Ihre Fähigkeit, in das Innerste eines Menschen hineinzusehen, beschränkt sich darauf, ihm Informationen zu entlocken, seien Sie nun brauchbar oder nicht. Das ist einfach nur bedauerlich, Professor. Sie wissen gar nicht, was Ihnen alles entgeht."

Kaum habe ich geendet, kräuseln sich seine Lippen zu einem süffisanten Grinsen, das ich unmöglich ignorieren kann.

„Sie finden das komisch?"

Offenbar liege ich richtig, denn Snape erhebt sich aus seinem Stuhl. Langsam und mit einem irren Funkeln in den Augen kommt er auf mich zu. Bei mir angelangt baut er sich zu voller Grüße auf.

„Kommen Sie mit, Granger. Ich möchte Ihnen etwas zeigen."

In meinem Kopf überschlägt sich alles, von den anfänglichen Auseinandersetzungen zwischen uns bis hin zu seinem letzten fordernden Kuss. Was hat er nur vor?

Total überrumpelt besehe ich mir die Knöpfe auf seiner Brust, da streckt er mir zu allem Überfluss auch noch die Hand entgegen, eine überaus rare Geste seinerseits, wie mir bewusst wird.

„Wo – wo gehen wir hin?"

„Nach nebenan."

Shit. Es ist nicht so, dass ich Angst davor habe, dass er mir etwas antun könnte, na ja, nicht gänzlich jedenfalls. Irgendwie kommt es mir trotzdem beunruhigend vor, in seine Privaträume einzudringen. Ich bin nicht bereit dazu, diesen Schritt zu wagen, ob wir nun Sex hatten oder nicht. Ein Einblick in sein unmittelbares Leben ist nicht das, was ich mir auf meinem Weg in die Kerker erwartet habe.

„Ich weiß nicht, ob das eine gute Idee ist, Professor."

Unbeeindruckt von meinem Einwand geht er vor mir in die Hocke und sieht mir ins Gesicht.

„Vielleicht haben Sie Recht und es geziemt sich nicht, dem Monster in sein unterirdisches Reich zu folgen", höre ich ihn sagen, die für gewöhnlich eindrucksvolle Stimme zu einem verruchten Flüstern gesenkt. „Es wäre aber auch möglich, dass ich falsch liege und es genau das ist, was Sie sich insgeheim ersehnt haben."

Er umfasst meine Arme, stemmt sich hoch und zieht mich mit sich auf die Füße. Ehe ich so recht weiß, wie mir geschieht, befinden wir uns auf dem Weg zu einer Tür, die ich in meinem ganzen Leben noch nie durchschritten habe.

„Was haben Sie vor, Snape?", frage ich ahnungslos.

Wieder einmal bin ich soweit, dass sich mein Puls aufgrund der Ungewissheit überschlägt. Und wieder ist mein Professor dafür verantwortlich.

Snape entgegnet nichts darauf und ich fühle mich in meinen Bedenken bestätigt.

„Nur weil wir miteinander geschlafen haben, heißt das noch lange nicht, dass Sie frei über mich verfügen können, wie Ihnen gerade zumute ist. Haben Sie gehört?"

„Kommen Sie, Granger", zieht er mich gelassen auf, „so schlimm wird es schon nicht werden."

Nachdem Snape mit dem Ellenbogen die Klinke gedrückt hat, stößt er gewaltsam mit dem Rücken die Tür auf und schubst mich ins Innere eines Raumes. Ein gutes Dutzend Kerzen flammt an den Wänden ringsherum auf.

„Wir sind da", sagt er kühl.

Er lässt so abrupt von mir ab, dass ich gute zwei Meter nach vorne stolpere. Nur im allerletzten Moment gelingt es mir, mein Gleichgewicht zu halten, ehe ich zu Boden falle.

Was ich vor mir sehe, als ich mich wieder gefangen habe, ist erschreckend. Ich fühle mich wie in einer einsamen, beklemmenden Gruft, obwohl ich weiß, dass das, was sich vor mir auftut, alles andere als das ist. Es ist eines der schlichtesten Zimmer, die ich in meinem ganzen Leben zu Gesicht bekommen habe, lediglich mit einem Bett und einem Sessel bestückt. Fast nichts, einmal abgesehen von den Rändern der abblätternden Farbe, schmückt die kahlen ergrauten Wände, die uns umgeben. Es gibt keine lebhaften Portraits, wie sie überall im Schloss zu finden sind, keine Bilder, nur Leere und Trostlosigkeit. Einziger Lichtblick sind zwei zum Bersten gefüllte Bücherregale, doch auch sie tragen nicht dazu bei, dem Raum das abzugewinnen, was er, wie ich ahne, sein sollte.

„Wo sind wir hier?", bringe ich leise hervor.

Obwohl nur zu offensichtlich ist, dass Snape hier sein Dasein fristet, sofern er nicht gerade in seinem Klassenzimmer oder bei Voldemort ist, steckt mir der Schreck über die traurige Gewissheit, die mit dem Schicksal meines Professors einhergeht, in den Knochen.

Snape geht zu dem Sessel hinüber, nimmt seinen Umhang ab und legt ihn gewissenhaft zusammengefaltet über die Lehne. Ich kann nicht sehen, was in ihm vorgeht, da er mir den Rücken zugewandt hat. Insgeheim aber bin ich mir fast sicher, dass es ihn all seine Überwindung gekostet hat, mich durch diese Tür in sein Schlafzimmer zu führen.

Als er damit fertig ist, presst er seine Arme an die Seiten und reckt den Kopf in die Luft.

„Ist Ihnen nie in den Sinn gekommen, dass ich sehr wohl weiß, was mir entgeht?", fragt er, das Gesicht immer noch von mir abgewandt. „Es hat Gründe, wenn man sich für ein Leben wie dieses entscheidet. Sie haben Recht, Miss Granger. Es ist einsam hier. Beten Sie, dass Sie nie in ein ähnlich tiefes Loch fallen, aus dem es keinen Ausweg gibt."

Den Tränen nahe beiße ich mir auf die Lippe und kämpfe dagegen an, ihn mit verbalen Vorwürfen zu überhäufen, die mir auf der Zunge liegen. Ganz verhindern kann ich es trotzdem nicht.

„Warum haben Sie mich hergebracht?", entfährt es mir ungestüm. „Was beabsichtigen Sie damit, indem Sie so etwas tun? Haben Sie vor, mir ein schlechtes Gewissen zu machen?"

Er dreht sich um und sieht mich an.

„Nein. Sie sollen nur nicht anfangen, sich irgendwelche Hoffnungen zu machen, dass das mit uns zu etwas wird, was Sie sich insgeheim erträumen."

„Das ist absurd!", rufe ich empört aus und schlinge die Arme um den Körper. „Sie haben kein Recht, so zu reden! Sie wissen genauso wenig etwas über meine Träume, wie ich über Ihr Leben, Professor."

„Meinen Sie? Ich habe die Fähigkeit, in Ihre Gedankenwelt einzudringen, was mir Ihnen gegenüber ehrlich gesagt einen großen Vorteil verschafft. Noch dazu, zumal Sie sich mir dermaßen geöffnet haben. Doch es gibt noch mehr, Granger. Und wenn Sie ehrlich sind, wissen Sie, wovon ich rede."

Das halte ich im Augenblick eher für unwahrscheinlich. Ich bin so durcheinander, dass ich überhaupt nichts mehr begreife und nur den Kopf darüber schütteln kann.

„Ihre Beharrlichkeit, mich in meinem Büro aufzusuchen, ist bemerkenswert", fährt Snape wütend fort. „Normalerweise wagt niemand es, das zu tun, wenn er nicht zum Nachsitzen herbestellt wurde."

„Wie bitte? Ich dachte, die Sache sei klar! Sagten Sie nicht ausdrücklich, Dumbledore zählt auf meine Kooperation?"

„Ja, das sagte ich. Mir war nur nicht bewusst, dass Sie das als Einladung ansehen würden, immer dann zu mir zu kommen, wenn es Sie in meine Nähe zieht."

„Nun machen Sie aber mal einen Punkt!"

„Keine Sorge, das werde ich. Doch zuerst werden Sie sich setzen und mir zuhören. Und keine Ausflüchte, sonst werden Sie mir dafür einen Monat lang mit Nachsitzen büßen."

Ich sehe mich fragend um, was Snape keinesfalls entgeht. Er verdreht die Augen.

„Stellen Sie sich nicht so an und nehmen Sie den Sessel. Er wird Sie schon nicht angreifen."

Da ich nicht weiter weiß, gehorche ich, quetsche mich an ihm vorbei und lasse mich in seinem Sessel nieder.

„Zufrieden?", frage ich gehässig.

Er nickt, wobei wie so oft ein eigenartiges Grinsen seine Mundwinkel ziert.

„War doch gar nicht so schwer, Granger, nicht?"

Ich schieße ihm einen finsteren Blick zu und verschränke aus Protest die Arme vor der Brust.

„Würden Sie bitte zur Sache kommen?"

Snape neigt galant den Kopf zur Seite und deutet eine Verbeugung an. Unmittelbar darauf ist er ganz der Alte und fängt an, mit langen Schritten im Raum auf und ab zu gehen; ich bin also bestimmt nicht die Einzige, die beunruhigt ist.

„Sie wissen mit Sicherheit, dass es mir streng genommen nicht gestattet ist, Sie hier herzubringen. Trotzdem habe ich es getan, damit Sie sehen, wovon ich rede. Meine Zeit ist kostbar und ich kann es mir nicht leisten, sie damit zu verbringen, Ihrer ungezügelten Neugier nachzugeben, etwas über mich und mein Dasein herauszufinden."

„Sie übertreiben wieder einmal, Professor", werfe ich skeptisch ein. „Wir haben beide angefangen, ein gegenseitiges Interesse aneinander zu entwickeln, sonst wäre ich jetzt mit ziemlicher Gewissheit nicht mit Ihnen in Ihrem Schlafzimmer."

Snapes Nasenflügel blähen sich. Er hält in unmittelbarer Nähe zu mir inne und atmet tief ein und wieder aus. „Denken Sie wirklich immer noch, ich sei so oberflächlich? Mein Interesse an Ihnen ist rein geschäftlicher Natur. Sehen Sie in mir, was Sie wollen. Ich habe schon einmal versucht, Ihnen zu verdeutlichen, dass es keine Rolle für mich spielt, was Sie von mir halten."

Ich schüttle den Kopf. Es ist zwecklos, ihn dazu zu bringen, mir nicht immer nur das aufzutischen, was seiner Meinung nach am wenigsten verfänglich ist.

„Voldemort ist nicht hier", sage ich aufmerksam. „Sie können offen zu mir sein. Bitte tun Sie mir den Gefallen und erzählen Sie mir die Wahrheit über das, was wirklich in Ihnen vorgeht. Ich werde versuchen, damit klarzukommen, egal wie Sie sich dazu äußern. Niemand wird davon erfahren, wenn Sie wollen. Niemand. Nicht einmal Harry."

„Sie irren sich schon wieder, Granger. Was ich sage und tue, hat auf jeden Fall einen Einfluss auf Sie."

„Na gut, vermutlich ist das sogar so. Ich denke, es könnte nicht schaden, den Hindernissen zu trotzen, um herauszufinden, was es damit auf sich hat, dass Sie und ich in diese peinliche Lage geraten sind."

Über Snapes Gesicht huscht ein kaum ersichtliches Lächeln.

„Wie es den Anschein hat, haben Sie keine Scheu davor, die Dinge beim Namen zu nennen, Granger. Gut. Wenn Sie darauf bestehen, werde ich Ihnen meine Meinung sagen. Aber Vorsicht, ich werde kein Blatt vor den Mund nehmen."

„Das hatte ich auch gar nicht erwartet."

Snape geht auf das Bett zu und setzt sich an die Kante.

„Sie scheinen Gefallen daran gefunden zu haben, sich mit mir zu messen", sagt er nachdenklich, die langen Füße weit von sich gestreckt. „Darüber hinaus könnte man durchaus soweit gehen, zu behaupten, dass Sie angefangen haben, die Nähe zu mir als etwas Vertrautes zu sehen."

Ich muss schlucken.

„Glauben Sie denn, dass das realistisch ist?"

„Sie haben nicht gezögert, sich auf mich zuzubewegen."

„Aber Sie haben doch behauptet, dass Sie mich auf etwas vorbereiten wollten -"

„Dazu kommen wir noch. Bleiben Sie bitte beim Thema, Miss Granger."

Er sieht mich mit strenger Miene an und ich nicke ihm zu, damit er fortfahren kann.

„Nach allem, was sich in den vergangenen Tagen ereignet hat, gehe ich davon aus, dass Sie sogar etwaige Konfrontationen mit mir herbeisehnen, um Ihren Gefühlen nachzugeben. Lassen Sie uns jedoch nicht vergessen, dass das, was Sie sich herbeisehnen, keine Zukunft haben kann. Nicht mit mir."

„Ich habe keine Ahnung, wovon Sie reden Professor. Aber so wie Sie sich anhören, klingt das ganz danach, als würden Sie davon ausgehen, dass ich, ähm, für Sie schwärme."

„Das wäre eine der Möglichkeiten, die ich in Betracht gezogen habe. Sie haben Ihr Bestes getan, um mich darauf aufmerksam zu machen."

„Habe ich nicht!"

„Haben Sie nicht? Miss Granger, meine Geduld bezüglich dieser Unterhaltung ist ausgeschöpft. Ich weiß zwar nicht, wie es dazu kommen konnte, dass Sie es geschafft haben, mich dazu zu bringen, Sie nicht umgehend vor die Tür zu setzen, aber ich werde Ihnen beweisen, dass Sie sich irren."

„Dass ich mich irre? Professor, wären Sie so freundlich, mir zu erklären, wieso ich so empfinden sollte? Sie sind nicht gerade jemand, mit dem man sich einlassen sollte beziehungsweise jemand, in den man sich verknallen könnte."

Er grinst verschlagen. Fast glaube ich, seine Wangen sind ebenso rot angelaufen wie meine. Ich für meinen Teil finde seine Anschuldigung keinesfalls lustig. Bisher war mir nicht einmal bewusst, dass ich Gefahr laufe, so zudringlich zu werden, wie es sich aus seinem Munde anhört.

„Das ist der zweite Punkt, über den ich mir Gedanken gemacht habe", sagt er gekonnt ruhig. Ich mag es nicht, wenn er das tut, weil ich weiß, dass er darin geübt ist, so zu reagieren, muss aber zugeben, dass es eine beneidenswerte Eigenschaft ist, die ich nur zu gern selbst gegen ihn verwenden würde. „Als ich anfing, Sie im Auge zu behalten, weil mir aufgefallen war, dass Sie und Potter Ähnlichkeiten in Ihren Fähigkeiten entwickelt hatten, war mir noch nicht bewusst, wie sich Ihr Verhalten mit der Zeit auswirken würde."

„Von welchem Verhalten sprechen Sie nun wieder?", frage ich giftig. „Meinen nur schwer zu kontrollierenden magischen Eigenarten oder meinem Verhalten Ihnen gegenüber?"

„Beides. Ihre in den vergangenen Monaten hinzugewonnen Kräfte beruhen unter anderem auf Ihrer intensiven Freundschaft zu Potter. Sie haben gezeigt, dass Sie bereit sind, seinetwegen viel weiter zu gehen, als wir annehmen konnten."

„Wir?"

„Der Schulleiter und ich, Miss Granger. Miss Granger, es ist eine sehr zähe Arbeit, die wir hier leisten. Wenn Sie mich ständig unterbrechen, werden wir unmöglich vorankommen."

Wieder einmal nicke ich und Snape schiebt seine Finger durch die Haare. Ob er ebenso nervös ist, wie ich es bin?

„Vielleicht wäre es hilfreich, wenn Sie sich auf das Wesentliche beschränken, Professor."

Mich würde nach diesen ganzen Anschuldigungen auf meine Person brennend interessieren, wie er selbst zu der Sache mit den Gefühlen steht, insbesondere seinen eigenen, vor denen er sich bisher immer erfolgreich gedrückt hat.

Er wirft einen finsteren Blick in meine Richtung.

„Ich weiß, ich weiß." Beschwichtigend hebe ich die Hände, damit er da weitermachen kann, wo ich ihn unterbrochen habe.

„Sie sollten aufhören, sich etwas vorzumachen", sagt er knapp. „Es steht Ihnen nicht zu, irgendetwas über mich zu wissen."

„Warum haben Sie mich dann hergebracht?"

„Damit Sie sehen, dass Sie nicht hierher gehören."

„Ist das der einzige Grund?"

„Es ist der entscheidende Grund. Mehr brauchen Sie nicht zu wissen."

Ich stöhne leise auf. Es ist zermürbend, sich mit ihm im Kreis zu drehen.

„Es wird Ihnen nicht mehr so leicht gelingen, etwas vor mir zu verbergen wie zuvor, Professor. Dafür ist es zu spät. Ich weiß längst, dass Sie die Gelegenheit, mit meiner Hilfe Ihrem Alltag zu entfliehen, willkommen heißen. Sie haben es gebraucht, der Realität zu entfliehen, als Sie mit mir geschlafen haben. Geben Sie es ein für alle Mal zu."

Snape hebt eine seiner Brauen an.

„Tatsächlich? Und wieder liegen Sie falsch, Miss Granger. Ich bin nicht so krank, wie Sie vielleicht glauben, dass ich es darauf angelegt hätte, Ihnen aufzulauern. Ich streife nicht in der Nacht durch das Schloss, weil ich jemanden suche, den ich ficken kann."

Ich ringe nach Luft, als er das sagt. Seine Wortwahl war nicht gerade das, was ich erwartet habe, bringt aber eine gewisse Erleichterung in mir zum Vorschein. Prüfend lasse ich meinen Blick über sein Gesicht gleiten, die blasse Haut, die markante Hakennase. Es stimmt, was er gesagt hat. Ich sehe etwas seltsam Vertrautes in ihm. Aber reicht das aus, um etwas für ihn zu empfinden, was ich nicht empfinden sollte?

"Ja, wer hätte das gedacht, Granger. Ich weiß, was man über mich erzählt. Aber es macht keinen Unterschied mehr. Mein Leben ist auch so schon ein einziger Albtraum. Er hält mich wach und raubt mir den Schlaf."

"Dann tun Sie etwas dagegen. Versuchen Sie, es zu ändern."

Er lacht bitter auf und verbirgt den Kopf in seinen Händen, als hätte ich etwas furchtbar Dummes gesagt.

"Es liegt an Ihnen, ob die Menschen Sie meiden oder nicht", verteidige ich meinen Standpunkt. "Gehen Sie aus sich heraus und zeigen Sie ihnen ein anderes Gesicht ... im übertragenen Sinn natürlich."

In der aufkommenden Stille starre ich hilflos seine langen Finger an. Ich möchte nicht, dass er meine Bemerkung als Beleidigung auffasst, denn wie ich von Harry weiß, reagiert Snape zuweilen ganz schön empfindlich, wenn man sein Aussehen kritisiert.

"Sie sind naiv, wenn Sie so denken", sagt er dann und sieht mich wieder an. Der Blick in seinen Augen hat entgegen meiner Hoffnungen etwas Hartes angenommen. "Sie wollen immer nur das Beste in einem sehen."

"Nicht bei Voldemort", platzt es umgehend aus mir hervor.

"Sagen Sie nicht immerzu diesen Namen, Granger."

"Warum nicht? Dumbledore tut es auch."

Snape rollt die Mundwinkel zurück. "Der Schulleiter mag durchaus in der Lage sein, sich gegen den Dunklen Lord zu behaupten, wohingegen Sie ihm nicht gewachsen sind."

"So wie Sie über ihn reden, könnte man glatt meinen, Sie haben Angst vor ihm."

"Hätte ich das nicht, wäre ich nicht mehr am Leben."

"Wirklich? Ich dachte immer, Sie spielen ihn aus, wie Sie es üblicherweise mit uns allen tun."

"Nichts leichter als das, nicht wahr? Ich sage nicht, dass ich mir vor ihm ins Hemd mache, Granger. Aber es kann nicht schaden, etwas vorsichtiger zu sein. Ganz besonders in Ihrem Fall."

"Wie Sie meinen", entgegne ich matt.

Die Wahrheit ist, ich möchte nicht mehr an Voldemort denken. Meine Aufmerksamkeit gilt im Moment etwas anderem. Erneut schweift mein Blick durch das unwirkliche Zimmer. Es fällt mir schwer, zu begreifen, wie er nur hier leben kann.

"Warum machen Sie nicht etwas aus diesem Raum? Manchmal genügt schon eine kleine Veränderung, um alles freundlicher wirken zu lassen, etwas Farbe zum Beispiel."

"Wozu? Damit Leute wie Sie und Potter aus allen Wolken fallen, wenn sich die Gerüchte über mich nicht bestätigen?"

"Niemand kommt hier her, oder? Sie könnten alles Mögliche hier unten anstellen und kein Mensch würde es je erfahren."

Snape gibt ein unfreundliches Zischeln von sich.

"Exakt. Wozu also etwas verändern? Dieser Ort ist genau richtig, um alles Vergangene darin zu begraben."

Seine Ausdrucksweise lässt mich schaudern. Wie viele Jahre hat er eigentlich hier in Hogwarts zugebracht? Zweifelsohne zu viele.

"Wollen Sie damit sagen, Sie lassen lieber alles, wie es ist?"

"Albus ist derselben Ansicht wie Sie, Miss Granger. Dennoch bevorzuge ich es anders. Schlicht und beschaulich, fernab dessen, was andere Luxus nennen."

Ich glaube, ich verstehe, was er meint, obwohl es mir absurd vorkommt, dass jemand, der so klug und wissbegierig ist wie Snape, nicht ein bisschen mehr aus sich macht.

"Ich kann Ihnen helfen, wenn Sie wollen", schlage ich vor. Als ich jedoch seinen abfälligen Gesichtsausdruck sehe, beiße ich mir schnell auf die Zunge. "Ganz unverbindlich natürlich. Kommen Sie, das könnte lustig werden!"

Snape schüttelt den Kopf. "Wie gesagt, machen Sie sich keine Hoffnungen, etwas in mir zum Vorschein zu bringen, was ich nicht bin und nicht sein kann. Wenn ich gewollt hätte, hätte ich mich im Laufe der Jahre mühelos selbst darum kümmern können."

Ihn so zu hören, macht mich unweigerlich noch trauriger, als ich es aufgrund der neuesten Entdeckungen und Erkenntnisse über meinen Professor ohnehin schon bin.

Zögerlich komme ich auf die Beine. Im nächsten Augenblick sitze ich neben ihm an der Bettkante, mir voll und ganz dessen bewusst, dass ich von Kopf bis Fuß unter seiner unablässigen Beobachtung stehe.

Ich wage nicht, ihm ins Gesicht zu sehen und begnüge mich stattdessen mit seiner vor mir aufragenden Brust und den Knöpfen darauf. Die Distanz zwischen uns umfasst nur etwa eine Handbreit Luft. Bestimmt bin ich feuerrot auf den Wangen.

"Sagte ich nicht, Sie sollten vorsichtiger sein, Granger?", knurrt Snape leise.

Er nimmt die Hand hoch und streicht mir eine meiner widerspenstigen Locken zurück.

Mein Atem geht unweigerlich schneller, als er wie zufällig mit dem Daumen meine Lippe berührt. Ich sehe auf und werde mit seinen schwarzen Augen konfrontiert. Wie neulich auch spiegeln sich Gier und Lust darin, eine gefährliche Mischung, wie ich erfahren musste.

"Sie sagten auch, Sie würden mir nicht auflauern."

Er geht nicht darauf ein, drängt mich zielstrebig zurück und drückt mich unter sich auf das Bett nieder. Das Gefühl, als er der Länge nach auf mir liegt, ist eindeutig ein anderes, als damals auf dem Schreibtisch in seinem Büro. Unnachgiebig und hart presst sich sein Penis gegen meinen Bauch. Sein ganzer Körper lechzt förmlich danach, es mit mir zu tun. Langsam knöpft er mir meine Strickjacke und die Bluse auf.

Ich schließe die Augen. Seine sanften Berührungen sind ebenso unwirklich wie die gesamte Atmosphäre um uns herum. Alles ist wie neu für mich, obwohl ich noch zu gut weiß, was sich am Ende des Ganzen verbirgt. Snape wird niemals jemand Gewöhnliches sein. Seine Warnungen waren deutlich und machen es mir schwer, sie weiterhin zu ignorieren. Er wird nicht aufhören, mich mit unzähligen Rätseln zurückzulassen, nur weil wir ein weiteres Mal miteinander geschlafen haben.