Trip verfiel in eine Art Starre.
Er wandte den Blick nicht von Malcolm, beobachtete, wie dessen Brust sich sachte mit jedem Atemzug hob, viel zu schwach. Vielleicht, wenn er den Blick nicht abwandte, vielleicht würde Malcolm dann die Nacht über weiteratmen, immer weiter. Vielleicht würde er vier Tage lang weiteratmen und am Ende würde die Enterprise sie retten, wie immer und alles würde gut.
Trip atmete tief durch und rieb sich mit einer Hand über das Gesicht. Er versuchte, ein wenig von seiner Benommenheit abzuschütteln, trank einen Schluck Wasser, sah nach Malcolms Verletzungen, fühlte nach seinem Puls. Schwach und zu schnell, aber Malcolm hielt durch. Bis jetzt.
Ein leichtes Beben fuhr durch das Gebäude. Die Wände zitterten, Putz oder Staub rieselte von der Decke, das ohnehin schwache Licht flackerte. Trip hielt den Atem an und lauschte. Da war es wieder: ein schwaches, weit entferntes Geräusch, ein dumpfes Grollen, dann eine Erschütterung, Sekunden später spürbar. Eine Druckwelle, vermutlich von einer Explosion.
Er schloss die Augen und versuchte, andere Geräusche auszumachen, Rufe oder Motorengeräusche, jemanden, der eine Evakuierung vornahm, die Geräusche von Ärzten, die Patienten verlegten.
Nichts.
Trip öffnete die Augen und sah sich um, genauer, als er es in den letzten Stunden getan hatte. Der Raum war fast dunkel, die wenigen Lampen der Notbeleuchtung schafften es kaum, den Raum notdürftig zu beleuchten. Es gab etwa zwanzig Betten hier, nicht viel mehr als Pritschen, am schmalen Ende des Raumes einen Behandlungstisch und mehrere Schränke, aber alles wirkte verlassen. Trip griff zu der Campinglampe, die er neben Malcolms Bett aufgestellt hatte, erhob sich mühsam. Die Kälte war ihm in die Knochen gestiegen, trotzdem ging er einmal längs durch den Raum und zählte die belegten Betten. Es gab nur noch drei, alle anderen waren leer. Zwei der Patienten waren tot. Trip schluckte und zog die dünnen Decken über ihre Gesichter, damit er nicht mehr in ihre toten Augen starren musste. Der dritte Patient war noch am Leben, aber wie Malcolm bewusstlos und atmete nur schwach. Er sah nicht aus wie ein Caluscaner und plötzlich wurde Trip etwas klar: hier unten im Kellergeschoß hatte man die Aliens untergebracht, die schweren Fälle, Patienten, die so schlimm dran waren, dass niemand mehr Medikamente oder Behandlungszeit an sie verschwenden wollte. Das ohnehin völlig überforderte Krankenhauspersonal hatte eine Triage vorgenommen und die Patienten aussortiert, deren Chancen schlecht standen.
Wut überkam Trip wie eine Welle, aber dann hörte er erneut das Geräusch einer Explosion und versuchte, sich zusammenzureißen. Malcolms Überleben hing nun von ihm ab, denn so wie die Situation aussah, hatte das Personal das Krankenhaus schon vor Stunden aufgegeben. Die Kampfhandlungen kamen näher und niemand hatte sich um die Patienten im Kellergeschoß gekümmert. Sie waren zum Sterben zurückgelassen worden.
Trip sah sich den Bewusstlosen näher an, ließ den Tricorder über ihn fahren und studierte die Resultate. Die fremde Physiologie schien das Gerät etwas zu verwirren, aber es war sich sicher, dass der fremde Patient massive innere Blutungen erlitt, darunter eine Hirnblutung. Trip seufzte tief. Wahrscheinlich war der arme Kerl seit Stunden hirntot. Trip drückte ein paar Tasten, aber erhielt keine weiteren Ratschläge außer operativen Eingriffen, deren Niveau so hoch war, dass Trip allein die Terminologie kaum verstand. Es fiel ihm schwer, aber er wandte sich vom Bett ab und ließ den Fremden zurück. Er konnte ihm nicht helfen.
Er musste sich auf Malcolm konzentrieren.
Die Kopfschmerzen bauten sich langsam auf, aber irgendwann waren sie plötzlich da und störten ihre Konzentration. Hoshi saß seit einer Stunde am Funkgerät und sandte ihren Notruf auf allen Frequenzen: Nichts. Die Enterprise war offenbar zu weit entfernt oder aber Störsender verhinderten, dass ihr Ruf durchkam. Sie rieb sich die Stirn und versuchte, den Kopfschmerz zu ignorieren.
Ihre Gedanken schweiften ab, zu völlig irrelevanten Situationen. Sie erinnerte sich plötzlich an einen Abend in der Messe, nicht länger als zwei Wochen her, an dem Travis sie mit Anekdoten aus seiner Kindheit unterhalten hatte. Der Captain auf der Brücke, seine ruhige Präsenz, seine Kompetenz in jeder Situation. Sie atmete tief durch. Was würde sie nun darum geben, mit Captain Archer sprechen zu können, seine Stimme allein würde sie beruhigen, er wüsste genau, was zu tun war. Ohne ihr Zutun schluchzte sie plötzlich auf. Erschrocken von diesem Ausrutscher schlug sie sich eine Hand vor den Mund. Nur einen Moment später lag eine Hand auf ihrer Schulter.
„Sind sie okay?"
Hoshi sah auf. Ein Caluscaner stand neben ihr und sah sie neugierig an.
„Ja", sagte Hoshi. „Ich... bekomme nur keine Antwort."
Der Caluscaner nickte.
„Die Rebellen haben den Raum um den Planeten mit Störsendern bestückt. Nachts lenken sie volle Kraft auf die Sender. Da kommen Sie kaum durch, auch, wenn Ihr Schiff im Orbit wäre."
Entmutigt ließ Hoshi die Hände sinken, die bisher auf der Computertastatur lagen.
„Das heißt, ich habe keine Chance, mein Schiff zu erreichen?"
Der Caluscaner zeigte das Äquivalent eines Kopfschüttelns.
„Die Rebellen verfügen nicht gerade über eine verlässliche Infrastruktur oder Energieversorgung. Sie haben immer wieder Ausfälle, die Stunden dauern können. Sie haben eine Chance." Er nickte. „Eine kleine. Aber Sie haben sie. Geben Sie nicht auf."
Hoshi nickte. Gerade, als sie sich für die tröstenden Worte bei dem Caluscaner bedanken wollte, gab es eine Explosion.
Trip spürte die Erschütterung deutlich; das ganze Gebäude wackelte so sehr, dass er sich mit einer Hand an der Wand abstützen musste.
Eilig machte er seinen Weg zurück zu Malcolms Pritsche, neben der er sich niederließ. Zu seiner Überraschung war Malcolm bei Bewusstsein, wenn auch nur gerade eben.
„Ar-...tillerie", wisperte Malcolm schwach. „Sie... kommen... näher."
Trip überlegte kurz, es abzustreiten, Malcolm in Sicherheit zu wiegen, aber es hatte keinen Zweck, den Waffenoffizier täuschen zu wollen, Fieber hin oder her, also sagte er schlicht:
„Ja. Nicht mehr weit."
„Sie müssen... hier weg… Commander."
Trip schnaubte kurz auf.
„Ich gehe nirgendwohin."
Malcolm schloss die Augen und atmete schwer, offenbar sammelte er Kraft für das, was er zu sagen beabsichtigte.
„Sie müssen... Hoshi suchen..."
„Ich gehe hier nicht weg", wiederholte Trip fest. „Hoshi weiß, wo sie uns finden kann. Wenn wir jetzt diesen Standort verlassen, finden wir uns in diesem Wahnsinn da draußen nie wieder."
Malcolms Hand schoss vor und griff ihn am Ärmel, so heftig, dass Trip zusammenzuckte. Malcolm fixierte seinen Freund und atmete tief durch.
„Das Gebäude ist instabil", presste er hervor. „Du musst hier raus."
Dann sank er wieder zurück auf die Pritsche, mit schmerzverzerrtem Gesicht.
„Lass mich hier."
Trip schüttelte den Kopf.
„Niemals."
„Trip..."
Eine weitere Explosion erschütterte das Gebäude, näher nun. Das schwache Licht flackerte, dann fiel es aus. Teile der Decke stürzten ein. Trip schirmte Malcolm so gut es ging ab, bis die Erschütterungen nachließen.
Fieberhaft dachte Trip nach, dann kam er zu einer Entscheidung. Einer verzweifelten, aber die Umstände ließen ihm keine andere Wahl.
TBC
