IV.

Das Manor war wie durch ein Wunder still, als Draco und Narzissa am Apparierpunkt erschienen. Es machte sie beide nervös.

„Es muss einen weiteren Überfall gegeben haben", murmelte Narzissa stirnrunzelnd. „Ich habe davon nichts mitbekommen. Seltsam."

„Du hast nach mir gesucht", sagte Draco. „Es war wahrscheinlich einfach nur unerwartet."

„Hmm." Narzissa war offensichtlich nicht davon überzeugt. Sie wandte sich Draco zu und drückte seinen Arm. „Ich muss zur täglichen Besprechung mit dem dunklen Lord. Draco, denk daran: Nicht ein Wort zu niemandem über das, was dir wirklich passiert ist. Wir müssen das Thema vorsichtig behandeln."

„Natürlich."

Sie küsste ihn auf die Wange und drehte sich um, um zu gehen.

„Mutter, warte." Draco streckte seinen Arm aus und zupfte etwas von ihrer Schulter. Er hielt es gegens Licht – es war eine schwarze Feder.

„Sie muss wohl in diesem dreckigen Muggeldiner auf mich gefallen sein", sagte Narzissa und nahm sie von Draco mit einem abstoßenden Blick entgegen. „Die könnten dort einen Hauself gebrauchen."

Die Feder auf den Boden fallen lassend, lächelte sie ihm zu und ging gemächlich davon. Mit einer kleinen Korrektur ihrer Haltung verwandelte sich Narzissa Malfoy von einer fürsorglichen Mutter zu einer hochrangigen Todesserstrategin. Draco beobachtete, wie sie verschwand und fragte sich, ob er jemals aufhören würde davon beeindruckt zu sein, wie sie Ehrfurcht mit nichts weiter als einer missbilligenden, gehobenen Augenbraue und einem bedrohlichen Blick befahl.

Was würde das Treffen mit dem dunklen Lord wohl bringen, fragte er sich. Ihre Besprechungen mussten sehr merkwürdig sein. Der dunkle Lord war normalerweise aktiver am Kriegsgeschehen beteiligt – er hielt regelmäßige Treffen mit den hochrangigen Todessern ab und tauchte sogar bei den größeren Kämpfen auf, flößte dem Widerstand Angst mit seiner bloßen Anwesenheit ein. Seine Mutter hatte trotzdem recht... der dunkle Lord war still geworden. Draco konnte sich nicht einmal daran erinnern, wann er das letzte Mal das Manor terrorisiert hatte – er blieb im Ostflügel des Gebäudes verschanzt und verbreitete draußen selten Schrecken.

Vielleicht hatte er aufgegeben.

Man konnte ja hoffen.

Die Todesser schien es nicht zu stören, dass der dunkle Lord verhaltener war – es bedeutete, dass weniger von ihnen gefoltert wurden, wenn Dinge schief liefen. Nur Tante Bella war beunruhigt. Draco hatte mitbekommen, wie sie seine Mutter mehrmals gefragt hatte, ob sie in Betracht zog, dass etwas ernsthaft Schlimmes mit ihm war. Es ist schwer zu sagen, ob es an dieser Stelle Paranoia oder Realismus war.

Narzissa hatte es immer als nichtig abgetan. Wenn er die Toddeser nichts wissen lassen wollte, dann würden sie einfach abwarten müssen, bis er sich dazu entschied, alles zu erklären, sagte seine Mutter. Draco tendierte dazu, dem zuzustimmen. Der dunkle Lord konnte auf der Schwelle zum Tod stehen und sie würden kein Stück schlauer sein, außer er würde es selbst erzählen.

Nicht, dass er tatsächlich sterben könnte. Draco wusste alles über Horkruxe – es war etwas gewesen, das sein Vater ihm im Vertrauen gesagt hatte. Es war beängstigend zu wissen, dass sie ihn niemals wirklich loswerden würden.

Gott, was war das nur für ein Desaster.

Die Feder lag auf dem Boden und Draco zertrat sie mit seinem Schuhabsatz. Da war etwas, das an ihm nagte, etwas, an das er sich erinnern sollte.

Ihm würde es schon einfallen. Er biss die Zähne zusammen und begab sich auf den langen Weg zu seinem Zimmer. Er versuchte das Chaos in seinem Kopf zu sortieren.

Nach dem Baden und Anziehen von ordentlicher Kleidung fühlte sich Draco deutlich erfrischt und er entließ ein Seufzen, massierte seinen Nasenrücken. Es gab immer noch so viel, was er nicht wusste; so viel, was er nicht verstand. Granger mochte zwar als Superhirn in der Schule bekannt gewesen sein, aber Draco wusste, er war kein Versager. Er hatte immer zügig Verbindungen erkannt, schnell Rätsel gelöst. Und trotzdem verstand er dieses spezielle Thema nicht. Es war ein heiloses Durcheinander und er kannte einfach nicht genügend Fakten.

Vor seinen Spiegel tretend, betrachtete er den Schaden an seiner Brust. Seine Narbe war ein hässliches Ding – der Fluch, der sein Fleisch aufgefressen hatte, hatte eine wilde, verrunzelte und gerötete, kreisrunde Narbe an seinem Brustbein hinterlassen. Es sah in etwa aus wie eine Zielscheibe. Schien irgendwie passend. Trotzdem wusste er, dass es so viel schlimmer hätte sein können. Wenn Granger ihn nicht gefunden hätte... na ja. Es machte keinen Sinn, jetzt noch darüber nachzudenken. Er war hin- und hergerissen, ob er nun sauer sein sollte, einfach weil sie existierte, oder unerträglich dankbar, weil sie ihre eindeutige Abgneigung gegen ihn beiseite gelegt hatte um sein Leben zu retten. Diese Tat war bewundernswert, sogar er konnte das zugeben. Sie war sehr viel besser darin ihre Rivalität zu ignorieren, wenn es darauf ankam. Er war immer recht nachtragend gewesen und hatte schon zu Schulzeiten seinen Groll nicht ablegen können. Wären ihre Plätze vertauscht, dann hätte er sie sterben lassen – ganz einfach.

Auf ihre Aufeinandersetzung zurückblickend, bereute er immer noch, dass er die Kontrolle verloren hatte. Es war sinnlos gewesen, sie so zu provozieren – es war so offentsichtlich, dass sie nicht über Potter oder Weasley reden wollte. Er hätte das Thema fallen lassen und sich darauf fokussieren sollen, mehr Informationen aus ihr heraus zu bekommen. Immerhin gab es so viele Dinge, die er sie hätte fragen können; so viele Dinge, die er herausfinden wollte. Er hätte niemals erwartet, dass er überhaupt die Möglichkeit erhalten würde mit einem Ordensmitglied zu reden, ohne dass er in einer Befragung steckte. Was für eine verschwendete Gelegenheit.

Und ehrlich gesagt wünschte er sich, er hätte nicht seine einzige wirkliche Gesellschaft vergrault. Stattdessen hatte er eine ziemlich unbequeme Genesung erfahren. Die Drogen, die ihm Madam Pomfrey gegeben hatte, fühlten sich an wie Matsch in seinen Venen – mal ganz abgesehen von den Schmerzen der Wunde an sich. Selbst eine schnippische Granger wäre besser gewesen, als die Wände anzustarren und sich zu fragen, ob man jemals gefunden werden würde, während man schwitzend diese Höllenqual ertrug. Madam Pomfrey hatte mit ihm nur über medizinische Dinge geredet und es eindeutig nicht gemocht, dass er überhaupt da war.

Bei diesem Gedanken erinnerte sich Draco an etwas, über das er sich bereits Gedanken machte, bevor dieses ganze Debakel überhaupt begonnen hatte: Er war zur U-Bahn gegangen, weil Luna gesagt hatte, dass es dort Hilfe für ihn geben würde. Sie hatte Recht damit gehabt.

Aber wo war Luna?

Sie hatte diese ganze Sache mit ihren diffusen Warnungen ins Rollen gebracht. Jetzt befand er sich in irgendeinem unergründlichen Zwischending – auf der einen Seite seine Realität als ein Todesser und auf der anderen seine merkwürdige Verpflichtung dem Orden gegenüber. Er hatte einen Weg da raus finden wollen. Er vermutete, dass Luna es wusste. War dies seine Chance? Was war Lunas Rolle dabei? Im Gegensatz zu Granger war Luna eine Art träumerische, feengleiche Kreatur, die gelegentlich einen Moment der Klarheit besaß. Granger war zumindest direkt. Entweder würde sie dir etwas erzählen oder eben nicht. Keine Spielchen. Luna würde dir etwas in Französisch vorsingen und dir dann sagen, dass dies alles erklären würde. Vielen Dank auch...

Vertraue darauf, dass ihn das Universum zwischen eine wütende, hassende Gryffindor und eine verrückte Ravenclaw stellt.

Trotzdem übersah er offensichtlich bedeutsame Informationen. Wenn er von Nutzen sein wollte, dann brauchte er diese Prophezeiung. Es war eindeutig der Grund, weshalb sich der Orden darum gekümmert hatte ihn zu heilen. Und etwas, das sie zu solch einer drastischen Tat überzeugte, musste ernste Konsequenzen im Krieg nach sich ziehen.

Draco beschloss, dass er am nächsten Morgen versuchen würde Luna zu finden. Es musste etwas geben, das er tun konnte, um sie zu überzeugen, ihm die Prophezeiung zu mitzuteilen. Vor nicht allzu langer Zeit hätte er sie dafür ohne zu zögern gefoltert. Seine Mutter hatte ihm so viel vorgeschlagen. Trotzdem hatten sich Dinge für ihn verändert, er konnte es nicht mehr leugnen.

Die Morde, die Folter – sie waren eine Last auf seiner Seele, zogen ihn in eine Welt, die er überhaupt nicht mehr kannte.


Er musste eingedöst sein, denn er wachte durch ein Pochen an seiner Tür auf.

„Draco! Kumpel! Mach auf!"

Draco schlüpfte aus dem Bett und tapste wackelig zur Tür, sein Kopf fühlte sich immer noch aufgrund der Medikamente etwas schummrig.

„Blaise?"

Sein Freund zerquetschte ihn in einer starken Umarmung, klopfte ihm auf den Rücken.

„Vorsichtig, Kumpel... ich bin noch nicht komplett geheilt", stöhnte er.

„Sorry, sorry", sagte Blaise grinsend. „Ich habe deine Mutter getroffen. Sie sagte mir, sie hat dich gefunden – dass du es geschafft hast, dich selbst aufzupäppeln. Von welchem Fluch wurdest du getroffen? Wir dachten, du wärst gestorben!"

„Eine Art Brandzauber", log er. „Er traf mich mitten in der Brust, deswegen war er so gefährlich. Ich war zu desorientiert, um direkt zurückzukommen. Ich musste mich erstmal wieder ordnen, eh ich zurückkommen konnte."

„Nun gut, ich bin verdammt froh, dass du es nach Hause geschafft hast", sagte er. „Ich war nicht scharf drauf, einen anderen Kämpfer, der so gut ist wie du, zu suchen."

Draco lächelte schwach. Blaise war schon immer neidisch auf Dracos Erfolge in den Kämpfen gewesen, hatte darüber gejammert, dass er an seinen Fähigkeiten arbeiten musste, damit er seine Treffer verbessern könnte. Als ob es eine Art Spiel wäre.

„Wo wir gerade davon sprechen", aus Blaise brach ein Grinsen aus, das Draco überhaupt nicht mochte. „Wir sind gerade eben von einem Überfall zurückgekommen und wir sind fündig geworden. Haben uns einen echten Gewinn verschafft. Du kennst sie. Wir haben gerade ein bisschen Spaß mit ihr in den Kerkern, ich bin nur kurz zu dir gekommen, damit du über den weiteren Verlauf entscheidest. Ich werde dir trotzdem nicht den Namen verraten... ich will, dass es eine Überraschung für dich ist."

Draco spürte, wie sich sein Herz verkrampfte, ein kaltes Gefühl machte sich in seinem Magen breit. Haben sie Granger gefangen genommen? Haben sie sie verletzt? Unabhängig von ihrer unbedeutenden Rivalität, er konnte nicht zulassen, dass sie von den Tieren, die er seine Kollegen nannte, auseinandergerissen wurde. Jesus, er wusste, was in diesen Kerkern passieren konnte.

„Wie lange habt ihr mit ihr gespielt?", fragte er hoffend, dass Blaise nicht das Entsetzen in seiner Stimme erkennen würde und fürchtete die Antwort.

„Nur ein paar Stunden. Sie hat trotzdem noch einigen Kampfgeist in sich, wenn du auch mal ran willst."

Es musste Granger sein. Wenn jemand ein Kämpfer war, dann war sie es. Scheiße, wie hatte sie es zulassen können, dass sie geschnappt wurdw? Ausgerechnet jetzt... jetzt, wo es darauf ankam, dass sie versteckt blieb. Der Gedanke von ihr in diesen dreckigen Kerkern machte ihn krank.

„Ich kann nicht gehen, mein Zauberstab ist weg", sagte er.

„Er ist direkt hier", gluckste Blaise, zeigte zum Fensterbrett. Tatsächlich lag Dracos Zauberstab dort, als ob er erst einen Moment zuvor dort abgelegt worden wäre. War das Fenster offen, als er hereingekommen war? Ganz sicher nicht.

Draco ging herüber und nahm ihn stirnrunzelnd in die Hand. Es war definitiv sein Zauberstab – er kannte jeden Riss, jede Windung, jede Kerbe.

Aber wie war er hierher gekommen?

„Sieh mal, ich weiß, dein Kopf ist wahrscheinlich von dem Fluch immer noch Matsch und so, aber du musst wirklich in die Kerker kommen", jammerte Blaise. „Ich kann nicht garantieren, dass sie das noch viel länger überleben wird. Ich will nicht, dass du es verpasst."

Draco fühlte sich plötzlich sehr bedrückt.

„Bring mich hin", sagte er, schlüpfte in seine Rolle. Wenn er Granger unter solchen Bedingungen sehen sollte, dann konnte er sich nichts anmerken lassen. Er musste kalt und verschlossen sein, sodass er entscheiden konnte, was zu tun war. Eine schreckliche Traurigkeit übermannte ihn. Egal wie sehr er versuchte seinem Leben zu entfliehen, es erwischte ihn immer wieder.

Der Gang zu den Kerkern fühlte sich wie ein Todesurteil an. Blaise pfiff neben ihm vor Freude. Draco stellte sich vor, wie er ihn auf verschiedene kreative Arten umbrachte. Der Gedanke bedrückte ihn nicht – vielleicht war seine Aversion gegen das Töten nur selektiver als sonst. Er würde Blaise im Moment gerne seine eigene Zunge zum Füttern geben und diese Vorstellung war das Einzige, was seine Beine noch aufrecht hielt.

Es war beunruhigend, wie schnell er sich von dem Wunsch, Granger zu töten, zu dem Wunsch bewegte, ihr den Terror, den sie fühlen musste, irgendwie zu ersparen. Er mochte sie nicht, aber es war das Mindeste, das er tun konnte. Er wäre nicht am Leben, wenn sie nicht gewesen wäre. Sie hasste ihn und trotzdem hatte sie ihn gerettet.

Der muffige Geruch der Kerker erreichte mittlerweile seine Nase – Schimmel und altes Blut, Exkremente, alte Gemäuer. Es wäre zu schön, müsste er diesen Gestank in seinem Leben nie wieder riechen. Er versuchte sich Grangers Gesicht vorzustellen, wie sie aussehen würde, wenn er sie einmal gefunden hätte. Wäre sie wütend oder gebrochen? Würde sie ihm überhaupt in die Augen schauen?

Seine schweren Schritte tapsten Blaise die Wendeltreppe hinterher. Er strengte sich an, seinen Würgereiz zu unterdrücken, als der Geruch stärker wurde. Er umrundete die Ecke, jeder Instinkt seines Körpers schrie ihn an wegzurennen.

Er schaute auf.

Luna saß zusammengekauert in der Ecke, sie war bedeckt mit Blut.

„Oh gut", flüsterte sie. „Ich fragte mich, wann du kommen würdest."


„Du erinnerst dich an diese hier, stimmt's Draco?", sagte Blaise grinsend. „Es ist Loony Lovegood! In der Schule war sie verrückt, jetzt ist sie noch schlimmer. Redet nur Unsinn. Am Anfang war es lustig, doch jetzt ist es nervig. Sie erzählt mir andauernd, dass ich einen schrecklichen Tod sterben werde. Ich glaube, sie ist ein bisschen verrückt." Er ließ seine Fingerknöchel knacken, sein Grinsen wurde breiter.

Draco nickte wie betäubt, versuchte den Schaden einzuschätzen, ohne zu nah an sie heranzugehen. Sie war schrecklich geschlagen worden. Ihr Kleid war einmal crémefarben gewesen, jetzt war es matschig rot und zerrissen. Ihre Knie waren zerkratzt. Er war verschämt dankbar, dass das Kleid ihre Oberschenkel bedeckte... er wollte nicht wissen, was ihr angetan worden war.

Luna redete mit sich selbst, wiegte sich vor und zurück. Die Prellungen in ihrem Gesicht begannen sich bereits zu zeigen und er bemerkte, dass sie zitterte. Ihr gesamter Körper erschauderte, als sie hin- und herschaukelte.

„Cruciatus?", fragte Draco, die Symptome erkennend. Seine Stimme blieb ruhig. Er würde Blaise' Kehle herausreißen, das würde er.

„Das war am Anfang", sagte Blaise stolz.

„Hast du sie überhaupt befragt?", sagte Draco, seine Wut machte sich langsam bemerkbar. „Was ist, wenn sie Informationen hat?"

„Draco, sie sang das Lied des sprechendes Hutes für eine Stunde. Sie wird keine Fragen beantworten. Die ist bekloppt. Du wirst nichts Nützliches aus ihr herausbekommen. Davon mal abgesehen ist sie mittlerweile gebrochen."

„Nun gut, ich werde es verdammt noch mal versuchen. Immerhin ist das unser derzeitiger Job", schnappte er.

Draco ging zu Lunas Ecke, versuchte mutig zu erscheinen. Innerlich fiel er auseinander. Luna, welche freundlich mit ihm gesprochen hatte, als er es am wenigsten verdiente. Luna, diejenige, die ihn so herzhaft angelächelt hatte. Draco bildete sich ein, traurigerweise, dass er sie als eine Freundin betrachtete. Oh, das war wirklich armselig. Zwei merkwürdige Unterhaltungen und sie war trotzdem netter zu ihm, als sonst irgendjemand anderes.

Und was noch schlimmer war, er hatte nicht mal an Luna gedacht, als Blaise sagte, sie hätten einen Gefangenen. Er war so sehr auf Hermine fixiert gewesen, dass er nicht bemerkt hatte, dass Luna ebenso ein Ziel darstellte.

Er verdiente keine Freunde wie sie.

Sich niederkniend, setzte er eine zornige Maske auf, hoffte, dass er die anderen mit diesem Gesichtsausdruck hereinlegen konnte.

„Es tut mir so leid", murmelte er.

Sie sah ihm ins Gesicht, ihr Blick war überraschenderweise klar.

„Ich bin nicht dazu bestimmt, dies zu überleben", sagte sie ruhig. „Das war ich niemals."

„Sprich nicht so", zischte er. „Ich bringe dich hier raus."

„Draco, selbst wenn du das tust, ich werde nicht überleben, was sie mir angetan haben. Du erinnerst dich an das, was ich dir gesagt habe?"

Er runzelte die Stirn, ging ihre Unterhaltungen im Kopf durch.

„Du meinst doch nicht..."

„Doch."

„Als du sagtest ‚mach es schnell'... da meintest du..."

„Ja."

Sie begann sich wieder hin- und her zu wiegen und Draco wusste nicht, ob sie das ausgrund des Cruciatus machte oder um seine Fassade aufrecht zu erhalten.

„Bitte lass mich das nicht tun müssen", flehte er leise.

„Ich will dich das nicht machen lassen", murmelte sie. „Ich frage dich als eine Freundin."

Er schluckte, doch der Kloß in seinem Hals blieb. „Freunde tun nicht... Freunde tun nicht..."

„Draco, ich will mir nicht vorstellen, wie das Leben wäre, wenn ich dies überleben würde. Es ist okay." Sie lispelte und er bemerkte erst jetzt, dass sie ihre Zähne zertrümmert hatten.

Er würde sie alle umbringen.

„Du musst danach zu ihr gehen."

„Zu wem?"

„Hermine", sagte sie geduldig.

„Können wir im Moment nicht über Granger reden? Sie ist unerträglich... Sie ist..."

„Sie ist ganz allein, wie du. Sie ist nicht so stark, wie es scheint. Du musst ihr helfen."

„Luna..."

„Bitte."

„Oi, Draco, quatschst du mit ihr über das Wetter oder so?", rief Blaise. Die Dummköpfe um ihn herum glucksten.

Etwas in Draco gab nach. Er hasste, hasste, dass sie ihn danach fragte. Ihn nach seinem Erbarmen zu fragen, wo er es dafür am Wenigsten geben wollte.

Er hasste es, dass sie außerdem Recht hatte. Sie würde dies höchstwahrscheinlich nicht überleben und ihr einen weiteren Tag Folter aufzuhalsen, bis ihr Körper endlich nachgeben würde, wäre unvorstellbar grausam.

„Du warst sehr nett zu mir", sagte er, lächelte traurig.

„So wie du es zu mir sein wirst", sagte sie.

„Mach mich wütend auf dich", flüsterte Draco.

Luna lächelte, ein strahlendes, süßes Lächeln – genauso wie damals im Zug.

„Danke dir, Draco", sagte sie.

Und dann spuckte sie ihn an, wässriges Blut traf sein Gesicht.

Es war wirklich perfekt. Er war tief bestürzt darüber, dies zuzugeben.

„Du respektloses Schwein!", brüllte er. Er hob seinen Zauberstab, erinnerte sich an die nützliche Stunde, die seine Tante ihm all die Jahre zuvor gelehrt hatte.

Manchmal war es gütiger, schnell zu töten.

„Avada Kedavra." Das grüne Licht umgab Luna, welche komisch friedlich aussah, selbst als sich ihre Augen schlossen.

„Du hattest Recht", spottete er, als die Trottel anfingen zu klatschen und zu jubeln. „Komplett verrückt."

„Du bist legendär, Kumpel", sagte Blaise.

Draco wischte sich mit einem Achselzucken sein Gesicht an seinem Ärmel ab. „Ich gehe zurück ins Bett. Weck mich nicht, außer es ist wichtig. Ich will nicht gestört werden."

Er gab sich Mühe, nicht auf Lunas Körper zurückzublicken, als er die Kerker verließ. Er war dabei nicht wirklich erfolgreich.


Draco hatte nicht vor, tatsächlich ins Bett zurück zu gehen. Er wusste nicht mal, ob er jemals wieder dazu in der Lage wäre zu schlafen.

Dieses Mal würde er dem Rat, den er erhalten hatte, folgen. Er musste Hermine finden. Er musste sich verdammt noch mal Mühe geben ruhig zu bleiben. Er musste dies herauskriegen.

Er schlang seinen Umhang enger um seine Schultern und trat hinaus in die Nacht, nutzte dafür einen der vielen Gänge, die nur – so wie es sein sollte – von Mitgliedern der Malfoy-Familie bekannt waren. Der Gedanke an all diese Todesser, wie sie in seinem ererbten Haus herumstolzierten, machte ihn fuchsteufelswild. Es hätte niemals dazu auserwählt werden sollen, das Hauptquartier zu sein. Sogar sein Vater hatte es gehasst, als er noch lebte. Er verfluchte den dunklen Lord und seinen bescheuerten Krieg.

Es dauerte nicht lange, bis Draco auf dem Bahnsteig der Untergrundbahn stand und nach dem Spatz suchte. Schließlich sah er ihn, wie er sich auf einem Strahler niedergelassen hatte und ihn anblinzelte. Dieses Mal zwitscherte er nicht. Komisch. Er war sonst immer so unerträglich aufgeweckt.

Er vermutete, dass es relativ egal war. Die gesamte Erde fühlte sich stumm für ihn an. Vielleicht verstand das der Vogel. Der Kloß in seinem Hals weigerte sich zu verschwinden und er wischte wütend die brennende Nässe aus seinen Augen. Draco hatte nicht mehr seit Hogwarts geweint, kurz bevor Potter ihn erwischt und verflucht hatte. Weinen war ein Zeichen der Schwäche.

Nun gut, so sei es. Es ließ ihn nicht stark fühlen, an Lunas gebrochenen Mund oder ihren geschundenen Körper zu denken.

Warum er? Warum musste er es sein? Zu wissen, dass er für das Beenden von Lunas Leben verantwortlich war – eine tatsächliche Freundin, wenn das, was sie gesagt hatte, wahr war – zerstörte ihn.

Ein Windstoß kündigte das Eintreffen des Zuges an. Er stieg ein, drängte sich seinen Weg zum Eckplatz frei. Er schloss seine Augen. Hermine würde ihn finden, er hatte keine Zweifel.

Schwer schluckend lehnte Draco seinen Kopf gegen das Fenster, als der Zug die Station verließ.

Er würde auf sie warten.

Er würde warten und dann würde er sich erklären.


...


Ihr Lieben,

ENDLICH ist hier das neue Kapitel. Ich habe es genauso sehnsüchtig erwartet wie ihr xD Am Sonntagabend habe ich meiner lieben Beta sunandstars123 das Kapitel geschickt und schon Dienstagabend kam es in mein Postfach geflattert – meine liebe, fleißige Beta :) Danke!

Aber kommen wir zum Kapitel an sich... Luna ist von uns gegangen :( das finde ich sehr traurig, dabei ist Dracos Mut, ihr den Tod zu erleichtern, nur ein kleiner Trost. Und endlich hat Draco erkannt, dass er etwas aktiv unternehmen muss... was denkt ihr, wird jetzt kommen? Was wird er tun? Wird sich Hermine zeigen? Ist sie wirklich so einsam?

Habt noch einen schönen Abend,

Eure Ivy