3: Game Over
„remember all the things we went through Nothing will take your remembrance
The laughing and the fights
We were one
We were all
Lately I cried alone
No one could make em at home
Lately I realized
How fragile was your life
No one is going to replace you
Amazon - We Were AllI
„Nein, mein Hübscher. Du musst hier klicken."
Derek Morgan griff über Penelope Garcias Schulter und legte seine Hand auf ihre, die die Maus festhielt. Die Technikerin zeigte ihm ein neues Computerspiel und verzweifelte gerade an dem Versuch es ihm zu erklären. Er hatte es schon wieder nicht geschafft, die Figur ruhig zu bewegen und hatte wütend aufgegeben.
„Siehst du, so…"
Gemeinsam bewegten sie die Maus und halfen der Spielfigur ins nächste Level. Sie lachten. Der Tag war gerade angebrochen und Morgan konnte einfach keinen Schlaf finden. Stattdessen hatte er beschlossen ins Büro zu fahren und die Berge von Akten, die sich auf seinem Schreibtisch stapelten, durchzugehen. Eine müßige Arbeit, die er nicht ewig aufschieben konnte.
„Oh, meine Cyberqueen, was du alles kannst."
Sie quittierte das mit einem herzlichen Lachen und klickte sich schnell in der Ebene Vorwärts. Die Spielfigur rannte über den Bildschirm und Derek starrte beeindruckt auf den Monitor.
Penelope erging es ähnlich, auch sie konnte einfach keinen Schlaf finden und so war sie ebenfalls zu dieser unchristlichen Zeit ins Büro gefahren. Sie war überrascht gewesen, Derek dort bereits anzutreffen und hatte sich gefreut. Für Morgan war das die willkommene Ablenkung, den hohen Stapel unbearbeitete Akten einfach weiter auf seinem Tisch zu lassen und auf einen neuen Fall zu warten. Das war nun einmal die beste Ausrede, die Akten einem der unerfahrenen Mitarbeiter aufzwängen zu können, sobald es einen Fall geben sollte, würde der Schriftverkehr in den Hintergrund gedrängt werden. Sie hatten mehrere Becher Kaffee und eine offene Kiste Donuts neben Garcias Computer Equipment stehen und sie regte sich gerade darüber auf, dass Derek alles mit seinem Donut voll schmierte, der mit Marmelade gefüllt war. Die rote Flüssigkeit quoll bei jedem Biss auf der anderen Seite heraus und war schon mehrere Male fast auf ihrer Tastatur gelandet. Sie hob ihren privaten Laptop mit dem Spiel in die Höhe, um ihn vor der klebrigen Masse zu schützen.
„Süßer, kannst du dich nicht benehmen…"
Herrschte sie ihn an, dann lachte sie herzlich, als er den Donut nahm und ihr die Seite - an der die Marmelade raus quoll - nahe an die Nase hielt, um ihr einen Tropfen darauf zu geben.
„Na, komm Zuckerschnecke… sei mein Himbeermund…"
Er kam näher und sie fuhr lachend mit ihrem Drehstuhl nach hinten. Sie kämpften scherzhaft miteinander. Sie hielt in der einen Hand den Laptop und versuchte Derek mit der anderen Hand auf Abstand zu halten.
„Derek du machst alles dreckig… Nein!"
Wehrte sie sich und drehte den Laptop von ihm weg, die Marmelade tropfte auf den Boden und bildete einen großen, roten Fleck. Penelopes Lachen erfüllt das Büro.
Derek leckte sich die Finger, als er das letzte Stück in den Mund geschoben hatte.
Dann ging die Tür in einem lauten Ruck auf - ohne, dass jemand vorher angeklopft hatte und sie verstummte sofort.
„Garcia, Sie müssen eine Adresse für mich herausfinden!"
Die beiden zuckten erschreckt zusammen und Derek warf einen Becher Kaffee um, als Agent Hotchner mit seiner Reisetasche in ihr Büro stürmte.
„Sir? Es ist fünf Uhr Morgens… ich äh…"
Versuchte sie sich eine Entschuldigung einfallen zu lassen, und schwang ihre Füße in einer schnellen Bewegung vom Tisch. Hotch schnitt ihr das Wort ab.
„Garcia, es ist mir egal, dass Sie private Spiele im Büro spielen und Derek von dem riesigen Stapel unbearbeiteter Akten auf seinem Schreibtisch abhalten. Es ist mir auch egal, dass es hier aussieht wie in einem Saustall mit all dem Kuchen und Kaffee an den Computern…Ich muss meinen Flug kriegen und brauche die Adresse. Sofort!"
Derek ging zur Seite und musterte seinen Vorgesetzten. Er entschied sich augenblicklich, besser nichts zu sagen. Hotch wirkte angespannt und nervös, ein seltener Anblick, also begann Derek damit, den Karton und die Becher unauffällig einzusammeln. Er warf die leeren Becher in den Mülleimer und brachte ihn raus.
„Ja, sicher Sir… entschuldigen Sie."
Sagte Penelope schließlich und sah Derek nach, der die Unordnung beseitigte. schlüpfte schnell in ihre Schuhe unter dem Tisch und hoffte, dass Hotchner nicht bemerkt hatte, dass sie sie ausgezogen hatte, als wäre sie zu Hause vor dem Fernseher und nicht im Hauptquartier des FBIs.
„Was darf ich denn für Sie suchen, Sir?"
Sagte sie ernst, strich sich die pinkfarbenen Haarsträhnen, die ihr ins Gesicht gefallen waren, hinter die Ohren und ließ ihre Finger bereit über das Keyboard verharren. Ihr Ton war wieder professionell.
„Ich brauche den Aufenthaltsort von… Dr. Spencer Reid in Las Vegas. Am besten wo ich ihn morgens finden kann... wo er arbeitet,"
Hotch seufzte und senkte die Stimme etwas. Jetzt klang er beinahe so ruhig wie sonst auch, aber nur beinahe.
„egal, ich brauche irgendetwas."
Als er den Namen ausgesprochen hatte drehte Garcia sich verwundert zu ihm um, ihre langen Ohrringe klimperten laut wie ein Windspiel als sie durch die schnelle Bewegung wackelten. Ihr Mund öffnete und schloss sich und der Name lag schwer im Raum. Wie ein unsichtbares Gewicht. Es war das erste Mal seit zwei Jahren, dass Hotch ihn im Büro laut ausgesprochen hatte. Es war als hätte er einen Geist heraufbeschworen, von jemandem der nicht länger existierte. Und das tat er ja auch nicht, jedenfalls nicht mehr hier.
„Was…?"
Sie sah schnell zu Derek Morgan, der zurück in ihr Büro gekommen war. Er rieb sich über den Bart, und blieb kurz im Türrahmen stehen, die Augen fragend erst auf Hotch gerichtet und schließlich begegnete er Garcias Blick und er hatte genau so einen überraschten Ausdruck im Gesicht wie sie.
„Garcia, die Adresse!"
Drängelte Hotch ohne den Blick von Derek abzuwenden und tippte sie an, um sie aus der Erstarrung zu lösen. Derek hatte eine Hand zur Faust geballt und schüttelte Gedanken versunken den Kopf. Wut, Enttäuschung und Bilder einer grausamen Erinnerung tauchten in seinem Kopf auf.
Garcia öffnete die erforderliche Suchmaschine und tippte die gewünschte Information ein.
„Hey, Hotch… was soll das. Was ist los… du hast seinen Namen nicht mehr ausgesprochen seid er damals… einfach weggegangen ist."
stellte Derek jetzt misstrauisch fest, es gefiel ihm nicht, wie er Penelope angeherrschte. Und es gefiel ihm nicht, dass alte Wunden geöffnet wurden, zu schmerzlich waren die Erinnerungen. Das hatten sie doch alles hinter sich, es war mit der Zeit leichter geworden und doch nicht vergangen.
„Derek,"
Begann Hotch ruhig, ihre Augen begegneten sich und Dereks Wut kühlte sich unter Hotch ernsten Ausdruck sofort ab. Für so etwas war jetzt einfach keine Zeit.
„wir haben den Täter, die Polizei in Boston hat ihn verhaftet… er hat einen Polizisten ermordet."
Derek schwieg und ließ die Information auf sich wirken. Er stemmte die Hände in die Hüften und sah auf den Boden, die Erde schien sich plötzlich zu schnell um ihn herum zu bewegen, er fixierte seinen Blick auf den Marmeladen Fleck auf dem Boden. Er erinnerte ihn plötzlich an Blut. Das Blut des unschuldigen jungen Dr. Reid, das Blut das an ihm geklebt hatte, das hell auf dem Bett gefunkelt hatte, als das Licht darauf traf und sie ihn schließlich gefunden hatten.
„Du meinst sie haben den Hurensohn… einfach so?"
Fragte er schließlich und dachte an Reid, an ihren Freund und so wie er war bevor das alles seinen Anfang genommen hatte. Sie waren Freunde gewesen doch war das lange her und vorbei. Er erinnerte sich wie schockiert er gewesen war, als er den leblosen Körper des Jungen gesehen hatte. Die Angst und Kälte, die er empfunden hatte… damals in diesem trostlosen Kellerraum.
„Ja, einfach so."
Hotch lachte jetzt amüsiert, es war fast schon zu einfach um wahr zu sein.
„Eine ganz normale Verkehrskontrolle… ein dummer Zufall und einer der gefährlichsten Serientäter des Landes ging ins Netz."
„Was wirst du tun?"
Fragte Derek und trat zu Garcia, er legte ihr seine warmen Hände auf die Schultern und streichelte sie sanft. Sie atmete laut aus, als hätte sie die ganze Zeit die Luft angehalten, auch ihre Gedanken waren bei Reid. Versuchten sich die dunklen Augen des Jungen ins Gedächtnis zu rufen, sie lächelte als sie ein Bild einfing, und sie den frechen, lebhaften Ausdruck vor sich sah. Sie hatte ihm nach dem Martyrium nicht wieder gesehen, sie hatte nur gehört, was mit ihm passiert war, ohne wirklich alles erfahren zu haben. Sie hatte ihn im Krankenhaus nicht besuchen dürfen… er hatte es nicht gewollt. Und auch das hatte ihr wehgetan.
„JJ, wird gegen Abend eine Pressekonferenz einberufen. Sie ist auf dem Weg hierher, Gideon auch. Ich habe die Akten angefordert. Wir fliegen nach Boston, wenn sie ihn nicht überstellen. Ich will es Reid selbst sagen."
Derek nickte verständnisvoll.
„Sir.."
Rief Garcia als sie wieder ganz in ihre eigentliche Arbeit vertieft war. Sie reichte ihm einen Ausdruck mit der Adresse unter der Reid tagsüber zu finden war.
„Danke, Penelope."
Er klopfte ihr im Vorbeigehen auf die Schulter und verließ beinahe fluchtartig das Büro.
„Derek, sag mir, dass es vorbei ist… dass der Junge zurückkommt."
Er wollte sie nicht enttäuschen, wusste aber, dass diese Option wohl nicht zur Wahl stand. Stattdessen nahm er sie in die Arme und hielt sie fest. Derek wusste, dass Pen und Reid eine enge Freundschaft aufgebaut hatten, als sie gemeinsam am Fisher King Fall im Büro gearbeitet hatten. Seine eigenen Gedanken waren bei ihrem Freund, dem sie einfach nicht helfen konnten, obwohl sie es wollten. Aber er hatte es nicht einmal versucht, er hatte den einfachen Weg gewählt und war weggelaufen. Weg von ihnen.
„Süße, ich weiß es nicht. Vielleicht, wahrscheinlich aber nicht… es war seine Entscheidung."
Sie drückte ihn fest. Ließ ihren Tränen freien lauf.
„Ja, ich weiß… Oh, Derek, ich vermisse ihn so."
„Ich auch, Pen, ich auch… hey, keiner konnte so schnell liegen gebliebene Akten abarbeiten wie Reid."
Versuchte es Derek mit Humor und Garcia brachte ein Lächeln zustande, das die Tränen verscheuchen sollte. Sie schlug ihn tadelnd auf den Rücken. Derek hielt sie und sein Blick fiel auf ihren Laptop, das Spiel war beendet, die Worte Game Over standen in dicken Lettern auf der Mitte des Bildschirmes. Vielleicht war es das für sie alle. Vielleicht konnte es endlich vorbei sein. Derek war dankbar, dass Garcia Reid nicht so in Erinnerung haben musste, wie er es tat: blutend, schmutzig und gebrochen… Als Hotch und er den Jungen damals gefunden hatten, hatte Hotch ihn aus diesem Kellerraum geschickt. Hotch wollte ihm nie erzählen aus welchem Grund er es getan hatte. Morgan hatte auch nie erfahren was Reid wirklich zugestoßen war, aber wenn er ehrlich war, so wollte er es vielleicht auch nicht wissen. Nein, er wusste, dass er es nicht wissen wollte. Fest stand, dass dies das letzte Mal war, dass er Reid gesehen hatte, nach seiner Befreiung hatte er alle gemieden, nur Hotch und Gideon hatten ihn im Krankenhaus sehen dürfen. Und dann war er verschwunden wie ein Phantom. Er war weggelaufen. Und sie hatten mit Hochdruck gearbeitet und waren keinen Schritt näher an den Täter herangekommen.
„Game Over…"
Murmelte Derek und ging aus dem Büro. Penelope hob fragend die Augenbrauen, weil sie seine Worte nicht verstehen konnte. Sie sah ihn noch lange hinterher, seine Schritte hallten laut durch den leeren Flur.
TBC
