„Okay. Du besorgst uns noch was zum Knabbern bei Doosie's, und ich erledige das mit den Drogerieartikeln. Wir treffen uns in zehn Minuten zu Hause, und du hilfst mir noch, ein Kleid herauszusuchen, bevor Dave auftaucht. Alles klar?"
Rory nickte.
„Uhrenvergleich?"
Sie hielten ihre Uhren nebeneinander, die natürlich alles andere als die gleiche Zeit zeigten. Lorelai zuckte mit den Schultern. „Egal. Zehn Minuten sind zehn Minuten. Du kennst die Mission. Alles Roger?"
„Roger Rabbit."
„Gut."
Mutter und Tochter trennten sich. Die letzte Stunde hatten sie damit verbracht, alles zu kaufen, was ihnen in letzter Minute noch eingefallen war. Viel zu viel natürlich für eine Rucksacktour durch Europa. Im Moment schien eine Karawane mit hundert Kameln durch die Wüste Gobi angebrachter. Sie waren einfach zu materialistisch, dachte Rory sich. Wie schafften das andere Leute, in Urlaub zu fahren mit nur einer Tasche?
Es fiel ihr schon schwer für eine Reise von drei Tagen zu packen. Aber zwei Monate in Europa, nur mit einem Rucksack!
Wenn sie beide zu Hause waren, würden sie erst einmal die Zeit damit verbringen, sich gegenseitig irgendwelche Utensilien auszureden.
Doosie's.
Kein Problem eigentlich. Es ging nur um Eis und Chips für einen gemütlichen Fernsehabend, während Rory darauf wartete, dass ihre Mutter zurückkehrte von ihrem Date. Und am nächsten Morgen würden sie durchstarten.
Rory musste grinsen. Eigentlich sollte es umgekehrt sein. War es nicht die Aufgabe der Mutter, auf die Heimkehr ihrer Tochter zu warten, ängstlich auf die Uhr linsend, ob auch der Zapfenstreich eingehalten wurde? Egal, ihre Mutter hatte es verdient. Sie war so glücklich mit Dave! Sie benahm sich wie ein verliebtes Schulmädchen, wobei das – zugegebenermaßen - auch ohne einen Dave des öfteren vorkam.
Normalerweise hätte sich Rory darüber endlos amüsieren können, aber im Moment war ihr letztendlich nicht danach. Ihr eigenes Pech in Liebesdingen beschäftigte sie noch immer, auch wenn sie das ihrer Mutter gegenüber immer abstritt.
Dean würde heiraten, kaum achtzehn Jahre alt.
Und Jess hatte sie einfach abserviert, nachdem sie sich geweigert hatte mit ihm zu schlafen. Er würdigte sie keines Blickes mehr, wenn sie sich begegneten. Nicht dass das oft vor kam. Sie gingen sich aus dem Weg.
Rory war verletzt. Sie hatte zumindest erwartet, dass er sich entschuldigen würde für sein Verhalten. Schließlich hatte er sich vor ihren Augen geprügelt und sie dann eiskalt abserviert, ohne ihr einen Grund zu nennen! Sie hatte eine Erklärung verdient. Er schuldete ihr eine Erklärung für sein Verhalten.
Aber offensichtlich sah er das nicht so.
Doosie's. Das Problem war, dass der Laden direkt neben dem Diner war. Es bestand die Gefahr, Jess in die Arme zu laufen. Und dann wieder diese schreckliche peinlich Stille zwischen ihnen, die giftigen Blicke, die sie aneinander vorbeiwarfen...
Es war frustrierend und fruchtlos. Keinen Sinn, Begegnungen herauszufordern.
Rory schlug einen weiten Bogen um Luke's und trat in das Lebensmittelgeschäft. Sie griff ihre Lieblingssorte Chips heraus, Essig und Zwiebeln, die ganz böse Mischung, und hing gerade über der Kühltruhe auf der Suche nach dem Schokoladeneis mit den extra großen Schokosplittern, als sie angesprochen wurde.
"Rory."
Sie fuhr herum.
Da stand Dean, die grüne Doosie's-Schürze um die Hüfte, sein Gewicht verlegen von einem Fuß auf den anderen verlagernd.
„Hi." Sie sah ihn erwartungsvoll an.
„Ich…" Er zögerte, fasste dann aber doch neuen Mut. „Ich wollte mich entschuldigen. Für die Geschichte bei der Party. Ich wollte keine Schlägerei anfangen. Er bringt mich nur immer so aus dem Konzept. Ich meine, du hast geweint, und er... er war einfach nur wieder das typische Arschloch, und … irgendwas ist bei mir in dem Moment ausgeklinkt."
„Ist schon okay." Rory lächelte gleichmütig. „Es war nicht deine Schuld. Also, eigentlich doch… Aber…" Sie lachte nervös, wurde dann aber schnell wieder still. „Wir sind nicht mehr zusammen." sagte sie schließlich, den Blick auf den Boden gerichtet.
„Ich weiß. Ich bin froh. Niemand sollte dich zum Weinen bringen."
Das kam so ehrlich und offen, dass Rory wieder aufsah, direkt in Deans blaue, traurige Augen.
„Du hast etwas besseres verdient."
„Ja." sagte Rory nur. Sie wusste nicht, was sie sonst noch sagen sollte. War da noch etwas anderes in Deans Blick? Mehr als die Besorgnis um eine gute, langjährige Freundin? Nein, er hatte vor zu heiraten. In etwas mehr als sechs Wochen war es soweit; er und Lindsay würden vor den Traurichter treten. Dean war mitfühlend, er war ein guter Freund, nichts weiter. Es wurde Zeit, dass sie in die Zukunft blickte.
Sie sah auf die Uhr, als könne sie ihre Zukunft dort ablesen. „Zehn Minuten."
„Was?"
„Ich wollte meine Mam zu Hause treffen. Wir haben uns zum Einkaufen zehn Minuten gegeben. Die Zeit ist fast um. Ich muss los. Wir fahren morgen nach Europa."
"Und danach geht es nach Yale?"
„Ja, wir kommen eine Woche vor Semesterbeginn zurück."
„Das ist schön."
Rory wandte sich zum gehen. Sie zahlte bei Ralph, dem Jungen an der Kasse und war schon fast zur Tür hinaus, als Dean sie noch einmal anrief.
„Rory?"
Sie wandte sich mit einem fragenden Blick um.
„Viel Spaß in Yale." Dean lächelte und winkte zum Abschied.
"Und dir viel Spaß bei deiner Hochzeit. Tut mir leid, dass ich nicht da sein kann."
„Du verpasst etwas."
„Ich weiß."
„Bye."
„Bye."
Rory, die Tüte im Arm, rauschte um die Ecke. Du verpasst etwas. Wieso hatte sie das Gefühl, dass Dean sich nicht nur auf die Hochzeitsvorbereitungen bezogen hatte?
Völlig in Gedanken versunken lief sie beinahe in die Gestalt, die direkt um die Ecke an der Wand lehnte, die Arme vor der Brust verschränkt, im Mundwinkel eine Zigarette. Jess. Natürlich. Dieser Nachmittag war der absolute Horror.
„Warum so in Eile?" fragte Jess. Er schaffte es, selbst diesen unscheinbaren Satz feindselig klingen zu lassen.
„Ich wüsste nicht, was dich das angeht."
„Wo sie recht hat, hat sie recht." philosophierte Jess sinnfrei an ihr vorbei. Dann nahm er die Zigarette zwischen Zeige- und Mittelfinger der rechten Hand und atmete Rauch aus, ihr direkt ins Gesicht. Angeekelt trat sie einen Schritt zurück.
„Weißt du was, du tust mir leid."
„Ach ja?" Ein provozierendes Grinsen.
„Ich weiß nicht, was du hier für eine Tour abziehst, aber sie ist armselig." Rory beschloss, aufs Ganze zu gehen. Heute konnte sie ihm alles ins Gesicht sagen. Morgen früh saß sie im Flieger nach Europa, und sie würde Zeit genug haben, alles zu bereuen, was ihr nun über die Lippen perlte. Aber jetzt musste sie einfach los werden, was ihr auf dem Herzen lag.
„Du tust mir leid, weil DU armselig bist. Tust so als würde dich nichts berühren. Vielleicht schaffst du es ja sogar, dir selber etwas vorzumachen. Vielleicht bist du ja sogar der gefühllose Kerl, den du immer gibst. Vielleicht hat meine Mam recht, und du hast mir die ganze Zeit unserer Beziehung über etwas vorgemacht. Aber ich weiß eines: Ich werde eines Tages glücklich werden. Ich habe Ziele und ich bin überzeugt, dass es sich eines Tages auszahlen wird, dass ich nicht alle meine Mitmenschen für Arschlöcher halte. Du dagegen wirst niemals glücklich werden. Vielleicht macht dich deine Tour unnahbar, mysteriös und sexy. Aber sie wird dich auch dein ganzes Leben lang verdammt einsam machen."
„Bist du fertig?" Jess Augen blickten direkt in die ihren, offensichtlich gänzlich unberührt. Seine Körperhaltung war die eines völlig Unbeteiligten.
Rory schüttelte in einer traurigen Geste der Resignation den Kopf, bevor sie ihn ein letztes Mal ansah. „Ich fliege morgen früh. Und wenn ich wiederkomme, glaube ich nicht, dass ich jemals wieder ein Wort mit dir wechseln werde. Ich wünsche dir ein schönes Leben."
Damit rauschte sie ab. Ein gewisses Triumphgefühl machte sich in ihr breit, während sich die nervösen Knoten noch nicht wieder gelöst hatten. Die Mischung machte sie fast schwindelig. Aber was gab es besseres als Essigzwiebelchips, um einen protestierenden Magen zu beruhigen?
