A/N: Was lange währt wird zwar nicht gut, geht aber endlich weiter.
Na dann, ich hoffe es gefällt. Und ich wage jetzt schon zu versprechen, dass das nachfolgende Chapter 04 endlich etwas mehr Action haben wird. Aber vorher erst noch einmal ein ruhiges Kapitel.
Bis dahin,

Sam

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Chapter 03 – Illness

Die fünfzehnjährige Integral unterschied sich sehr von allen ihren Altergenossen. Sie war ruhiger, disziplinierter, scharfsinniger als jeder andere Teenager den er jemals kennengelernt hatte; da der Generationenunterschied bei ihr offenbar keine Rolle spielte konnte er sie ohne weiteres auch mit ihren Ahnen vergleichen, wobei sie in der Regel weitaus besser abschnitt. Und, ja die junge Integral hatte einige Hobbys die andere vielleicht zu Tode erschreckt hätten, nicht zu vergessen, dass sie anders als ihre Altersgenossen, die vielleicht eine Spielkonsole, Computer, Stereoanlagen oder vergleichbare Dinge um sich die Zeit zu vertreiben besaßen, keineswegs über derartige Dinge verfügte. Stattdessen besaß sie eine sehr ansehnliche Sammlung an Degen, Floretten, Säbeln, Kurz- und Langschwertern, Dolchen und anderen teilweise noch mittelalterlichen Hieb- und Stichwaffen, ja zusätzlich sogar einzelnen Armbrüsten und Langbogen, mit denen sie mittlerweile auch sehr trefflich umzugehen wusste.

Sie war zudem ein Ass auf dem Schießstand, von dem sich so mancher ihrer eigenen Soldaten eine Scheibe abschneiden konnte und die Präzision mit der sie alle Kugeln eines Magazins genau in das gleiche Loch, direkt in das Herz der Zielscheibe hinein, versenken konnte, schien selbst Walter etwas zu ängstigen, der über ihre Entwicklung sicherlich mit gemischten Gefühlen wachte. Zum Einen musste er den Fakt zwangsläufig begrüßen, dass sie sich nicht hatte hängen lassen, obwohl sie als Vollwaise, als Letzte ihrer Familie, sicherlich allen Grund dazu gehabt hätte einfach aufzugeben und in Verzweiflung und Resignation zu versinken, zum Anderen war er bestimmt darüber entsetzt, dass sie sich seit kurzem so unnahbar und emotional unterkühlt gab und augenscheinlich dabei war dieses Verhalten als ständige Konstante aufzubauen. Ein regungsloses Pokerface, das keine Emotionen preisgab, eine ruhige Sprechweise und ein gestrenges und kontrolliertes Auftreten gehörten zu ihren letzten Erwerbungen an Verhaltensweisen und sie war offenbar bestrebt dies beizubehalten und sich dauerhaft anzueignen, ganz einfach weil sie bemerkt hatte, dass sie damit erwachsener wirkte und damit, jedenfalls in ihrer Vorstellung, leichter von den Leuten akzeptiert wurde mit denen sie sich wegen ihrer aufgebürdeten Aufgabe und Verantwortung tagtäglich herumschlagen musste.

Man akzeptierte sie nur schwer am round table, besonders da sie als Sir Hellsing eigentlich diesen Rat anführte. Immerhin war sie eine Frau, offenbar ein absolutes Tabu in dieser Männerdomäne und nun ja, auch wenn jemand der enger mit ihre zusammenarbeitete nicht diesen Eindruck gewann, nach außen hin war sie nun einmal noch ein kleines Mädchen. In den Augen der alten verstockten, bornierten Männern des round table war sie damit mehr als nur in einer Hinsicht ungeeignet für den Posten den sie bekleidete und sie ließen keine Gelegenheit aus sie immer und imme wieder darauf hinzuweisen.

Dabei war sie längst kein wirkliches Kind mehr, hatte viel zu viel innerhalb der letzten zwei Jahre die sie nun schon die Leiterin des königlich protestantischen Ritterordens war, erlebt. In Wahrheit war sie es vielleicht auch nie so richtig gewesen, da ihre Ausbildung ja begonnen hatte sobald sie in der Lage war zu laufen und zu reden, und spätestens seit ihr Vater gestorben war, hatte sie sich stets bemüht alles kindliche abzulegen, was ihr, so wie er im Laufe der Zeit feststellte, sehr gut gelang, sodass sie mittlerweile längst wie ein perfekter kleiner Erwachsener erschien.

„Meister?" sie saß nicht wie erwartet an ihrem Schreibtisch, auf ihrem angestammten Platz, auf dem sie weitaus mehr Zeit verbrachte als wohl in ihrem Bett, als er im Büro auftauchte um sich seine Befehle und Missionen für die kommende Nacht abzuholen. Das Licht der beiden Schreibtischlampen war noch angeschaltet, eine Akte lag aufgeschlagen da, aber von Integral fehlte jede Spur. Nun, so stimmte das natürlich nicht, denn die Tür zum Balkon stand offen und die kühle Brise der Dämmerung, der hereinbrechenden Nacht strömte herein, ließ die langen weißen Gardinen flattern und war doch nicht stark genug um die schweren Vorhänge, die während des Tages einen Großteil des Sonnenlichts aus dem Raum verbannten, zu bewegen; der Wind trug ihren angenehmen und berauschenden Geruch mit sich herein.

Er trat auf den Balkon und war für einen Moment von dem Anblick, der sich ihm bot, gefesselt. Die Untergehende Sonne versank gerade hinter dem Horizont, aus seiner Sichtweise also direkt hinter dem Wald, der das Hellsinganwesen auf dieser Seite des Herrenhauses bewuchs, und tauchte damit noch einmal das Land, die Baumkronen, die Gemäuer, einfach das komplette Spektrum des für ihn Sichtbaren in blut- und orangerote Strahlen, die alles wie ein Feuer gebadet erscheinen ließen. Außerdem sorgten jene Strahlen auch dafür, dass Integrals zierliche Gestalt sich als recht scharf umrissene tiefschwarze Silhouette vor ihm abzeichnete und von einer Korona aus lodernden Flammen umgeben schien, während sie regungslos am Balkongeländer stand und augenscheinlich in die Ferne, in den Sonnenuntergang hineinblickte und in ihre Gedanken versunken schien.

„Meister?"

Er hatte eigentlich erwartet gehabt, dass sie ihn längst bemerkt hätte, da sie das sonst immer tat, wenn er sich ihr näherte, zumal er sich dieses Mal nicht einmal die Mühe gemacht hatte, seine Präsenz vor ihr zu verbergen, aber sie schrak sosehr zusammen als er sie ansprach, dass sie seine Anwesenheit wohl nicht realisiert gehabt hatte. „Alucard." Sie blinzelte etwas erschrocken aus fast beängstigend verträumt wirkenden Augen und schien daher ein wenig so als wäre sie über alle Maßen über sein Auftauchen verblüfft. Irgendetwas an dieser Reaktion und an der seltsamen Art und Weise wie sie ihn ansah gefiel ihm nicht, erweckte in ihm den Eindruck als würde etwas nicht stimmen, als wäre etwas schrecklich falsch an dieser gesamten Situation, vor allen Dingen an ihrer regelrecht hektischen Reaktion. Schon seit Tagen hatte er das unleugbare Gefühl, dass sie irgendwie seltsam, ja anders roch als gewöhnlich, auch wenn er es nicht hätte genauer beschreiben oder gar sich darauf festlegen können. Er hatte sich mittlerweile ja daran gewöhnt, dass ihr Geruch sich, entsprechend ihrer körperlichen Entwicklung, im Laufe der Zeit etwas veränderte, aber da war stets etwas ganz charakteristisches, dass es ihm ermöglicht hätte sie unter Tausenden von anderen Menschen zielsicher zu finden und dass er ungemein anziehend fand und es vermochte ihn regelrecht zu berauschen. Heute war dies nicht so… obwohl da noch immer dieser Geruch war, der ihn nach ihr verlangen ließ, so roch sie doch… krank und erweckte, bei genauerem Hinsehen jedenfalls, auch genau diesen Eindruck.

Sie wirkte erschöpft, über alle Maßen erschöpft und er meinte sogar leichte Augenringe bei ihr festzustellen, während ihr Gesicht insgesamt etwas fahl wirkte, was angesichts ihres eigentlich dunklen Teints durchaus beunruhigend war. Ihre Finger hielten sich am Geländer fest, und ein feiner Schweißfilm benetzte ihre Stirn, wie er besorgt feststellen musste, als sie sich zu ihm umwandte. Vom warmen Sonnenlicht so angestrahlt schien ihre Haut regelrecht golden zu glühen und vom Schweiß benetzt glänzte sie auch überaus verführerisch, wäre da nicht dieses eigenartige beunruhigende Gefühl in ihm gewesen, weshalb er sich momentan nicht auf diese aufwallenden, von leichtem Begehren geprägten Regungen einlassen konnte. „Was kann ich für dich tun?" fragte sie schließlich und wieder wurde ihm bewusst, dass ihre Stimme sich langsam von ihrem kindlichen Klang zum weichen und dunkleren Ton einer erwachsenen Frau wandelte, auch wenn diese Entwicklung wirklich nur sehr langsam, ja eher fast unmerklich vonstatten ging.

Im ersten Moment erschien es ihm besser ihr darauf nicht zu antworten – sie hätte sich nur unnötig aufgeregt. „Ich wollte fragen was für Missionen es heute Nacht gibt."

Ein Seufzen entrang sich ihr und schien, weil es so gequält und schwer klang, wirklich aus tiefstem Herzen zu kommen, bevor sie auf die Uhr blickte und scharf die Luft einsog. „Es ist schon so spät… tut mir leid, ich habe gar nicht mitbekommen wie die Zeit vergeht… aber ich brauchte unbedingt ein wenig frische Luft, es war so stickig im Zimmer." Erklärte sie regelrecht traumwandlerisch.

„Integral, fühlst du dich nicht wohl?"

Wieder blinzelte sie irritiert und ihre Finger klammerten sich noch fester um die Metallstange des Geländers. „Ich fühle mich gut." Er konnte hören, dass sie log, er nahm es an den feinen Nuancen ihrer Tonlage, an dem leichten Stocken mit dem sie sprach und an der Art und Weise wie sich die Pupillen ihrer Augen während sie sprach veränderten ablesen. Es ging ihr nicht gut; ja, es schien ihr sogar noch schlechter zu gehen als er angenommen hatte, nur war sie offenbar viel zu stolz oder zu stur, obwohl es zumindest in diesem Fall wohl im Endeffekt auf das Gleiche herauskam, um das offen auszusprechen.

Selbst auf die Entfernung in der er von ihr entfernt stand spürte er jetzt auch die unnatürliche Hitze die von ihrem zarten Körper abstrahlte und, obwohl er das kaum jemals für möglich gehalten hätte, er war darüber besorgt, ernsthaft besorgt. Wer hätte je gedacht, dass er, der mächtige Vampir, sich um den Zustand eines fünfzehnjährigen Mädchens sorgen würde, besonders weil er eigentlich mit Menschen in diesem Alter, im allgemeinen und mit Mädchen dieses eigentlich als recht schwierig bezeichneten Alters, im Besonderen, überhaupt nichts am Hut hatte?

„Dann werde ich mich mal wieder an die Arbeit machen." Sie wandte sich der Tür zu und wollte wieder hineingehen, aber er hielt sie am Arm zurück. Ihre erste Reaktion, nämlich sich wütend aus seinem Griff befreien zu wollen, erfolgte augenblicklich und war sicherlich längst zu einem antrainierten Reflex geworden, zumal sie ihn aus so gefährlich aufblitzenden Augen anfunkelte, dass er ihren aufwallenden Ärger regelrecht körperlich meinte spüren zu können. „Was soll das?! Lass mich sofort los!" kommandierte sie, mit bereits sehr befehlsgewohntem Tonfall, der ihn normalerweise auch dazu gebracht hätte letztlich nachzugeben und seine Spielchen – er liebte es einfach sie mit kleineren Machtproben so richtig auf die Palme zu bringen – wenigstens für den Moment zu beenden. Aber diesmal spielte er nicht.

„Ich denke du bist krank Integral." Sie setzte an sofort zu wiedersprechen, aber er ließ sie gar nicht erst zu Wort kommen. „Ich denke auch, dass du Fieber hast, Integral, und, dass du dich ausruhen und ins Bett legen solltest."

„Du bist wohl verrückt geworden. Mir geht es sehr gut, ich bin völlig gesund! Was fällt dir überhaupt ein!" fauchte sie mit ziemlich trotzigem Ton und zerrte an ihrem Arm um ihn aus seinem Griff zu winden. Ihre Reaktion rief ihm wieder ins Gedächtnis, dass sie tief in sich drin wohl wirklich noch ein Kind war, weshalb sie, jedenfalls manchmal, zu heftigen Trotzreaktionen neigte, Trotzreaktionen die, gepaart mit ihrem Stolz, eventuell zu unangenehmen Konsequenzen für sie führen konnten; er glaubte nicht, dass Integral sich auch nur einen Moment lang über derartige Dinge Gedanken machte.

„Deine Haut ist ganz heiß. Ich nenne das Fieber und dein Trotz wird dir auch nicht helfen." Erklärte er, mit fast väterlicher Besorgnis und bemerkte viel zu spät, dass er damit wohl einen ganz entscheidenden Fehler gemacht hatte, da er es erst realisierte, als ihr Gesichtsausdruck sich extrem verfinsterte, sodass er jedem anderen vermutlich zgeradezu Angst eingejagt hätte.

„Wie kannst du es wagen so mit mir zu reden! Du solltest wissen wo deine Grenzen sind, Alucard." erklärte sie mit eisiger Stimme – wieder ganz die kühle und kontrollierte Leiterin. Einzig die glänzenden Schweißperlen auf ihrer Stirn wollten sich offenbar einfach nicht ihrem Willen, auf gar keinen Fall krank zu werden oder gar schon zu sein, unterwerfen.

„Du riechst krank." Ein weiterer Fehler – fast befürchtete er der jetzt enorm aufgebrachte Teenager würde ihn ohrfeigen, nicht dass er sich sonderlich vor der Ohrfeige einer fünfzehnjährigen gefürchtet hätte…

„Verschwinde!" Er dachte gar nicht daran, auch wenn er einem direkten Befehl hätte gehorchen müssen; manchmal musste man sie einfach vor sich selbst beschützen, denn sie nahm ihre Aufgabe so ernst, dass sie daran vermutlich eines Tages zu Grunde gehen würde, wenn man sie nicht hin und wieder in ihrem Tun stoppte oder hinderte, da sie sich sonst jeden Tag ohne weiteres bis zu Erschöpfung verausgabte.

„Nein. Sei doch vernünftig. Du bist krank, du musst dich ein wenig schonen, geh ins Bett."

„Ich bin überhaupt nicht krank!" Sie hatte ihre Stimme soweit angehoben, dass sie fast ein wenig schrill schien und leicht unangenehm in seinen empfindlichen Ohren klang.

In der Tat verhielt sie sich ausgerechnet in diesem Moment sehr wie ein bockiges, trotziges, überaus dickköpfiges Kind und er wusste einfach nicht was er mit ihr machen sollte, zumal er jetzt auch noch bemerkte, wie schnell ihr Herzschlag eigentlich war; definitiv zu schnell. Er seufzte. „Integral… hör zu, sosehr jeder deine Arbeit schätzt, es nützt niemandem wenn du krank bist…" weiter kam er nicht, denn sie fiel ihm heftig ins Wort.

„Ich bin nicht krank! Und wenn du mich jetzt nicht sofort loslässt, dann…" Sie kam mit ihrer – vermutlich leeren – Drohung nicht viel weiter, sodass er niemals erfahren würde, was sie ihm eigentlich angedroht hätte (irgendwie schade…), da sie plötzlich einfach in sich zusammensackte. Alucard verdankte es seinen guten Reflexen, dass er sie ohne weiteres auffangen konnte, bevor sie auf den Boden schlug. Vorsichtig drückte er ihren regungslosen, zierlichen Körper gegen sich, wobei ihm der angenehme Geruch ihrer Haare in die Nase stieg. Sie war erstaunlich, ja eher unerwartet leicht, als er sie so festhielt; zärtlich streichelte er ihr durch das seidige Haar. Einen Moment lang stand er so völlig regungslos da; die Sonne versank langsam weiter hinter dem Horizont, und das warme orangerot wurde immer mehr vom leicht abgedunkelt wirkenden dunkelblau der Nacht abgelöst.

„Warum muss es immer die harte Tour sein?" er seufzte und spürte wie sie begann in seinen Armen ein wenig zu zittern; es war definitiv besser sie hineinzubringen und Walter von Integrals Krankheit in Kenntnis zu setzen da er sich… nun, er gab es ja nicht gern zu, aber er fühlte sich von der Situation, von einem kranken Teenager in seinen Armen, ein wenig überfordert, denn er hatte keine Ahnung was genau er tun sollte und musste, wenn er ihr helfen wollte.

„Walter, ich glaube Integral ist krank." Erstaunlicherweise fuhr Walter nicht einmal zusammen, als er einfach direkt hinter ihm, die bewusstlos Integral noch immer auf dem Arm, aus den Schatten heraus auftauchte.

„Wie kommst du denn dar…" Walter wandte sich beim Sprechen um und verstummte augenblicklich als er die regungslose Gestalt von Integral in Alucards Armen liegen sah. „Oh mein… Sie gehört ins Bett… ich werde einen Arzt rufen…" Während der alte Shinigami zum Telefon griff, trug er Integral herauf in ihr Zimmer und bettete sie behutsam auf ihr Bett. Dort, wo sie in seinen Armen gelegen hatte, fühlte es sich noch immer ganz warm an, ein wunderbares Gefühl und wieder realisierte er, wie sehr er sich wünschte, wie sehr sein Körper danach verlangte, sie in seinen Armen liegen zu fühlen und das nicht nur, wenn sie bewusstlos war. Natürlich waren solche Gedanken, zumindest in diesem Moment, nun gut, eigentlich immer, wenn er seinem fünfzehnjährigen Meister gegenüberstand, völlig unangebracht, aber er konnte nichts gegen die Bestie in seinem Innern tun. Diese Bestie wurde so von ihren Trieben kontrolliert und bestimmt, dass so etwas wie die für ihn ohnehin überholt und reichlich belanglos erscheinenden Moralvorstellungen der Menschen, ohnehin nichts galten und er sich dadurch keinesfalls davon abhalten ließ sie zu begehren.

Walter kam herein und starrte ihn an; vermutlich mussten sich einige seiner Gedanken sie betreffend in seinem Gesicht wiederspiegeln, denn in den Blick des Butlers mischte sich so etwas wie leichte Besorgnis, sowie eventuell etwas, dass Abscheu wohl am nächsten gekommen wäre. Abscheu war es aber auch nicht direkt..., dann vielleicht eher schon eine Art gewisse Faszination an der ganzen Sache und natürlich unübersehbarer Tadel. Der alte Mann kannte ihn einfach viel zu gut.

Geschäftig beugte Walter sich über Integral, fühlte ihren Puls, lauschte einen Moment lang äußerst angestrengt ihren ruhigen Atemzügen, die darauf schließen ließen, dass sich ihre anfängliche Bewusstlosigkeit in einen tiefen Erschöpfungsschlaf gewandelt hatte, legte ihr eine Hand auf die Stirn und seufzte resignierend, als auch er die glühende Hitze spürte, die von der Haut seines Schützlings ausging. Vorsichtig und behutsam, um sie bloß nicht aufzuwecken, begann er dann sie langsam auszuziehen, zog ihr zuerst einmal die schweren Boots aus, befreite sie von ihrer Anzugjacke, dann ihrer Krawatte und machte sich als nächstes daran ihr Hemd aus dem Hosenbund zu ziehen, hielt aber plötzlich mitten in der Bewegung inne und wandte sich zu ihm um.

„Möchtest du nicht gehen, Alucard?"

„Nein, wieso?"

„Weil… weil es unpassend wäre zu bleiben, Alucard." Erwiderte Walter ruhig, aber mit Nachdruck; Alucard ließ sich davon keinesfalls beirren.

„Denk nicht ich hätte noch nie eine nackte Frau, oder besser gesagt ein nacktes Kind gesehen."

Walter schüttelte den Kopf. „Darum geht es nicht. Du hast hier nichts verloren, überhaupt nichts, weder wenn sie angezogen und wach, noch wenn sie bewusstlos ist. Sie würde es nicht wollen."

„Du bist schließlich auch hier und ich kann mir nicht vorstellen, dass sie es sonderlich mögen würde, zu wissen, dass du sie umziehst."

Wiederholt seufzte Walter. „Das ist doch etwas völlig anderes. Ich könnte leicht ihr Vater sein, wenn ich es vom Alter her betrachte und…"

Alucard fiel ihm mitten ins Wort und grinste bei diesem Gedanken wie ein Honigkuchenpferd, oder besser gesagt wie die Katze, die gerade einen Vogel gefressen hat und der noch immer ein paar Federn aus dem Maul schauten. „Ich auch, Walter, ich auch."

„Du hast ihrem Vater aber nicht geschworen auf sie aufzupassen."

„Aber ich habe es ihr geschworen." Wieder zeichnete sich dieses unmögliche Grinsen, dass seine junge und hin und wieder äußerst heißblütige Herrin so leicht reizen konnte, auf seinem Gesicht ab, als Walter schließlich resignierend den Kopf schüttelte und sich ohne ein weiteres Wort daran machte, sie zu entkleiden und ihr dann ein weißes Nachthemd anzuziehen.