Kapitel 02 - 2015: Ankunft in Tokio-3
"Komm. Gendo."
Nur zwei Worte...
Nur neun Buchstaben...
Mehr enthielt der Brief von seinem Vater, das erste Lebenszeichen seit
über einem Jahr, nicht.
Nur zwei Worte...
Shinjis Hände begannen zu zittern, während seine Augen wieder und
wieder über das Papier huschten, vergeblich nach weiteren Worten
suchten. Nervös wendete er das Papier in seinen Händen.
Dann blickte er auf, sah die beiden älteren Leute an, die sich in den
letzten zehn Jahren um ihn gekümmert hatten, seine Pflegeeltern,
entfernte Verwandte seiner verstorbenen Mutter. - Allein der Gedanke
an seine Mutter versetzte ihm immer noch einen Stich mitten ins Herz.
In den Gesichtern seiner Pflegeeltern stand Erwartung zu lesen... und
Hoffnung...
Shinji wurde klar, daß sie den Inhalt des Briefes von seinem Vater
kannten... und daß sie hofften, er würde seinem Ruf folgen... Sie
wollten ihn loswerden...
Er preßte die Lippen zusammen, zerknüllte das Blatt Papier in der Hand,
drehte sich um und rannte aus dem Haus...
*** NGE ***
Zwei Tage später:
Shinji Ikari stand auf Bahnsteig Nummer 4 vom Hauptbahnhof in Tokio-3
in der warmen Frühlingssonne.
Vor fünf Minuten war der Zug, mit dem er gekommen war, abgefahren. Der
Bahnsteig war mittlerweile bis auf ihn menschenleer.
Nachdem er sich zum wiederholten Mal umgesehen hatte, holte er den
zerknitterten Umschlag aus der Tasche hervor, dessen Eintreffen vor
zwei Tagen sein Leben völlig aus der Bahn geworfen hatte, zog den
Inhalt heraus. Die zerknüllte und eingerissene Nachricht seines Vaters
stopfte er achtlos zurück in den Umschlag, ebenso das entwertete
Zugticket, besah sich stattdessen das Photo, welches sich ebenfalls in
dem Umschlag befunden hatte. Es zeigte eine junge recht gutaussehende
- jedenfalls nach den Maßstäben eines pubertierenden vierzehnjährigen
Jungen - Frau mit purpurnen Haar. Sie trug Shorts und eine ärmellose
tiefausgeschnittene Bluse, aufgrund ihrer vorgebeugten Körperhaltung
war der Ansatz ihres Busens zu erkennen, was noch durch einen Pfeil
mit den Worten: ´Sieh dir das an!´ untermalt wurde. Um den Hals trug
sie ein silbernes Kreuz.
Kurz zuckten Shinjis Mundwinkel. Dann drehte er das Photo um, las die
Nachricht auf der Rückseite: ´Anbei die Zugfahrkarte. Hole dich vom
Bahnhof ab. Misato Katsuragi.´
Natürlich kannte er die Worte inzwischen auswendig, während der
mehrstündigen Zugfahrt hatte er sie immer wieder gelesen und sich
darüber Gedanken gemacht, wer diese Misato Katsuragi mehr war, und in
welchem Verhältnis sie zu seinem Vater stand. Das letzte, was er
wollte, war zu erfahren, daß sein Vater vielleicht eine neue Frau oder
Lebensgefährtin hatte, daß er das Andenken an seine Mutter beschmutzen
könnte...
In der Ferne donnerte es.
Dann flog eine Staffel Kampfflugzeuge über ihn hinweg. Automatisch
folgte er ihnen mit den Augen. Und selbige weiteten sich bis zum
Anschlag, als er sah, daß die Kampfflieger Raketen auf einen schwarzen
Riesen abfeuerten, der gerade hinter den Hügeln in der Ferne
aufgetaucht war.
"Was...?" flüsterte Shinji.
Der Anblick eines riesigen Urzeit-Dinosauriers hätte ihn möglicherweise
nicht derart überrascht, wie das Erscheinen dieses dunklen
menschenähnlichen Wesens, selbst auf die Entfernung hin konnte er
erkennen, daß das Wesen lange affenartige Arme und keinen Kopf hatte,
dafür befand sich ein vogelartiges Gesicht mitten auf der Brust.
Ein schwaches Flimmern umgab den Giganten.
Im nächsten Moment explodierten mehrere der Flugzeuge in der Luft.
Zugleich erschien ein gutes Dutzend Panzer in Shinjis Sichtfeld und
schoß eine weitere Fliegerstaffel heran.
Der Junge stand nur da und starrte. Dann setzte der Fluchtreflex ein.
Er warf sich herum - und sah das Mädchen...
Es stand nur da, ein Mädchen in seinem Alter. Es hatte hellblaues Haar
und blasse Haut, seine Augen schienen einen gewissen Rotschimmer zu
haben, es trug eine Schuluniform aus weißer Bluse und dunkelblauer
Jacke und Rock, dazu weiße Socken und blaue Schuhe. Das Mädchen schien
ihn direkt anzusehen.
Shinji erstarrte in der Bewegung. Irgendetwas an dem Mädchen schien
ihm seltsam vertraut. Er öffnete den Mund, um etwas zu sagen, um der
anderen zuzurufen, was dort in der Ferne vor sich ging...
Ein Schwarm von Tauben flog durch sein Blickfeld, verbarg einen
Sekundenbruchteil lang das Mädchen vor seinen Augen. Als die Vögel
wieder verschwunden war, war auch das Mädchen fort.
Shinji blinzelte, sah sich rasch um, ohne das Mädchen wiederzufinden.
Dafür konnte er erkennen, daß der Riese sich langsam der Stadt näherte,
dabei weitere Kampfflieger zum Absturz oder zur Explosion brachte,
Panzerstellungen einfach zerstampfte.
Mit quietschenden Reifen kam ein blauer Sportwagen neben dem Bahnsteig
zum Stehen.
Die Fahrerin nahm ihre Sonnenbrille ab.
"Shinji Ikari, das bist doch du, oder?"
Der Junge drehte sich um, sah sie an.
Es war dieselbe Frau wie auf dem Photo, nur trug sie jetzt eine rote
Jacke und ein schwarzes Barett.
"J-ja." stammelte er. "Das bin ich."
Sie blickte an ihm vorbei zu dem Riesen in der Ferne.
"Schnell, spring rein, wir haben nicht viel Zeit!"
"Ich... ah..."
"Los!"
Im nächsten Moment hatte er seinen Koffer schon auf die Rückbank
geworfen und saß auf dem Beifahrersitz. Noch bevor er den Gurt angelegt
hatte, gab die Fahrerin bereits Gas und raste los. Glücklicherweise war
die Straße leer, inzwischen bemerkte Shinji die Alarmsirenen, die laut
heulten, fragte sich, weshalb sie ihm nicht vorher aufgefallen waren.
"Misato Katsuragi... Captain Misato Katsuragi." fand die Frau endlich
Zeit, sich vorzustellen.
"Ahm... sind Sie bei der Armee?"
"UN-Friedenstruppen. Ich arbeite für NERV..."
Dieser Begriff sagte ihm etwas, wenn auch nur wenig. Er wußte, daß sein
Vater damit in Verbindung stand. Im nächsten Moment bestätigte sie
seine Überlegungen.
"... für deinen Vater."
"Vater... so..."
Er fühlte Bitterkeit in sich aufsteigen. - Und Übelkeit, denn Misato
Katsuragi fuhr wie ein Henker...
Immer wieder warf er einen Blick zurück über die Schulter. Und jedesmal
mußte er feststellen, daß der schwarze Riese nähergekommen war.
"Was ist das?"
"Der Feind." antwortete die Frau mit zusammengebissenen Zähnen. Ihre
ganze Aufmerksamkeit war der Straße gewidmet, die zahlreiche
Schlaglöcher und Dellen aufwies; hätte Shinji Gelegenheit gehabt, diese
näher in Augenschein zu nehmen, wäre er möglicherweise zu der
Erkenntnis gelangt, daß auf dieser Straße zumindest ein Teil der
Panzerfahrzeuge, die er zuvor gesehen hatte, gegen den Riesen
ausgerückt waren.
"Er kommt näher!"
"Er will zum Hauptquartier."
Sie fuhr eine scharfe Kurve, die ihn fast aus dem Wagen schleuderte.
"Ah..."
Wieder riß er die Augen auf - eine zweite riesenhafte Gestalt erschien
zwischen den Hügeln am Stadtrand, menschenähnlicher als die andere,
ein Gigant in weiß und orange mit nur einem großen Auge auf der Stirn.
"Da... da ist noch einer!"
Katsuragi blickte nicht hinüber, sah nur auf die Straße vor ihnen, auf
welcher jetzt zahlreiche verlassene Pkws standen, fuhr Slaloms um die
Wagen herum.
"Der gehört zu uns."
"Ah... Ist das ein Roboter?" war alles, was Shinji zustandebrachte.
Der einäugige Riese näherte sich dem anderen mit hoher Geschwindigkeit,
holte dabei zum Schlag mit einem entsprechend proportionierten Messer
aus. Der andere bemerkte den Angriff, trat zur Seite, fing den Angriff
ab, schleuderte seinen Angriff lässig zur Seite.
Der weiß-orange landete auf allen vieren, kam schwankend wieder hoch,
griff erneut an, wurde wieder abgeblockt. Der schwarze Riese landete
mehrere Schläge in der Leibesmitte seines Kontrahenten, jeder Schlag
wurde von einer grellen Lichtexplosion begleitet.
"Ein EVANGELION..." Jetzt sah auch Misato Katsuragi zu den Kämpfenden
hinüber, der einäugige Riese war klar im Nachteil, steckte nur noch
ein, flog in diesem Augenblick nach einem gewaltigen Schwinger
rückwärts in einen Hügel hinein, wo er einen Ganzkörperabdruck in der
Topographie hinterließ.
"Mein Gott... Rei..." flüsterte Misato.
"W-Was?"
Der orange-weiße Riese rappelte sich wieder auf, bewegte sich dabei
wie ein Betrunkener, führte fahrige Schläge in die Luft, welche weit,
sehr weit, danebengingen. Mit einem fast lässigen Schlag mit der
flachen Hand gegen den Kopf schleuderte der dunkle Gigant ihn wieder
zurück.
"Er macht sie fertig... holt sie doch endlich zurück..." stieß
Katsuragi hervor.
In diesem Moment schossen erneut Kampfflugzeuge heran und nahmen den
schwarzen Riesen mit dem Vogelgesicht unter Beschuß, gaben seinem
besiegten Gegner Gelegenheit, sich zurückzuziehen. Torkelnd verschwand
der Gigant in weiß und orange zwischen den Hügeln.
Der schwarze beachtete die Flugzeuge nicht, die ihn wie Insekten
umschwirrten, sondern setzte seinen Weg in der ursprünglichen Richtung
- auf die Stadt zu - fort.
"Was ist das für ein Ding?" rief Shinji panisch.
"Ein Engel... man kann ihm mit konventionellen Mitteln nichts anhaben...
die Küstenverteidigungslinien der UN sind bereits durchbrochen - halt
dich fest!"
Wieder trat sie das Gaspedal bis zum Anschlag durch.
Raketen schossen über ihnen durch die Luft, explodierten kurz, bevor
sie den Giganten trafen, so als umgebe ihn eine unsichtbare
Schutzschicht. Eine vom Kurs abgekommene Rakete traf eines der Gebäude
in der Nähe, in der nächsten Sekunde raste Misato durch einen
Trümmerhagel. Immer wieder warf sie jetzt einen nervösen Blick nach
oben.
Dann sah sie, wonach sie Ausschau gehalten hatte.
"Sie wagen es tatsächlich... Runter, Shinji!"
Noch während sie in die Bremsen stieg, warf sie sich zur Seite und
über den Jungen.
Der Wagen war noch nicht ganz zum Stehen gekommen, da ging die Welt in
einem grellen Blitz, dem ein dumpfes Grollen und ein leichtes Beben
folgten, unter...
*** NGE ***
Es war noch nicht zu Ende, dies stellte Shinji jedenfalls fest, als er
die Augen wieder öffnete.
Der Sportwagen lag auf dem Dach, Misato Katsuragi kroch gerade durch
das Fenster ins Freie.
Shinji tat es ihr nach, nachdem er sich aus den Gurt befreit hatte.
"Mein schöner Wagen!" Misato schien den Tränen nah. "Mein Baby! Mein
armer Liebling! Dabei ist er noch ganz neu!"
Shinji blickte wieder in die Richtung hinüber, in welcher der Riese
sich befunden hatte.
Er war noch da! Allerdings bewegte er sich nicht mehr, sondern stand
nur da, steif wie eine Statue.
"Er... ah... er rührt sich nicht mehr!"
Misato blickte erst ihn an, dann zu dem Riesen hinüber, nahm langsam
die Sonnenbrille ab.
"Sie haben es tatsächlich getan..."
Der Riese stand mitten in einem großen Krater, in welchem sich auch der
Stadtrand befunden hatte. Die Erde um ihn herum war verbrannt, von den
Gebäuden am Stadtrand, die sich im Radius der von den Streitkräften
eingesetzten Waffe befunden hatten, standen nur noch die Grundmauern.
Auch weiter in die Stadt hinein hatten die Gebäude Schaden genommen.
"... sie haben tatsächlich eine N2-Bombe eingesetzt... Verdammt, ich
müßte jetzt in der Kommandozentrale sein..."
"Ist er... ist der Engel..."
"Tot? - Nein, nur vorläufig aufgehalten, aber der erholt sich wieder.
Wir sollten sehen, daß wir ins Hauptquartier kommen."
Sie besah sich den Wagen.
"Komm, faß mit an, den kriegen wir wieder hin."
"Uhm... ja, Misato-san."
Tatsächlich gelang es ihnen, den Wagen erst auf die Seite und dann auf
die Räder zu drehen, er war aufgrund seiner windschnittigen Bauweise
vergleichsweise leicht. Die Windschutzscheibe war gesplittert, die
Seite eingebeult und der Seitenspiegel abgerissen.
Mit mißmutigem Gesicht begutachtete Misato den Schaden, schlug kräftig
auf die verbeulte Motorhaube, um sie unten zu halten, woraufhin sich
die Stoßstange scheppernd löste und sie nur mit Mühe einen Wutschrei
unterdrückte.
"Uhm, Misato-san..." melde sich Shinji aus dem Wageninneren.
"Ja?"
"Hier piept etwas."
"Was?"
Sie lief um den Wagen herum und schwang sich ins Innere.
"Mein Handy..."
Der Verschluß des Handschuhfaches klemmte, was sie mit einem
Faustschlag behob. Zusammen mit dem Handy ergoß sich eine wahre Flut
aus Zetteln, Nagellackfläschchen, Lippenstiften, einer leeren Bierdose
und diversem anderen Zeug über Shinji.
Misato schnappte sich das immer noch piepende Handy.
"Ja? - Ja, wir sind noch unterwegs. Ich brauche einen Car-Train an
Eingang 4. - Ja, bis gleich."
Sie unterbrach die Verbindung und warf das Handy in den Fußraum zu dem
anderen Zeug.
"Und los geht´s!"
Beim dritten Versuch sprang der Motor an, es klapperte und schepperte
an verschiedenen Stellen des Wagens, als Misato anfuhr.
"Ah, schaffen wir es denn überhaupt?"
"Ja, sicher, der nächste Eingang ist ganz in der Nähe."
Sie steuerte den Wagen in einen Tunnel in eine Bahnstation, wo bereits
in Zug auf sie wartete, danach ging es auf dem Autozug weiter, der
Tunnel führte abwärts.
Und als sie den Tunnel wieder verließen, stand Shinjis Mund vor
Überraschung offen.
Vor ihnen erstreckte sich eine gewaltige Höhle, ein kuppelförmiger
Hohlraum unter der Erde, einer eigenen kleinen Welt mit eigenem Himmel
und Horizont nicht unähnlich. Durch verschiedene Schächte fiel von der
Oberfläche Licht in den Hohlraum. Von der Decke hingen zahlreiche
Gebäude.
Shinjis Blick richtete sich von der Decke auf den Boden des riesigen
Hohlraumes. Im Zentrum der Höhle erhob sich eine obsidianschwarze
Pyramide, vor welcher der Schienenstrang im Boden verschwand.
"Das... das ist die Geofront..." stieß er aufgeregt hervor.
Natürlich hatte er bereits von diesem Ort gehört, über welchem die
Stadt Tokio-3 errichtet worden war, so seltsam es in einer von Erdbeben
erschütterten Region wie Japan war, es handelte sich um einen
natürlichen Hohlraum von mehreren Kilometern Durchmesser.
"Ja, die letzte Schutzburg der Menschen, unsere Festung gegen die Engel.
Von hier aus beginnt der Wiederaufbau - wenn es uns gelingt, die Engel
aufzuhalten."
Wieder verschwand der Zug unter der Erde, nur um kurz darauf in einen
Endbahnhof einzufahren.
"Endstation." erklärte Misato und stieg aus, warf ihrem Wagen einen
letzten traurigen Blick zu, ehe sie sich dem Ausgang zuwandte. "Komm
mit, dein Vater wartet sicher schon."
Es ging durch scheinbar endlose Gänge und Flure, über lange Rolltreppen
und dann wieder durch ein Labyrinth von Gängen.
"Seltsam", murmelte Misato. "Eigentlich..."
"Haben Sie sich verlaufen, Captain Katsuragi?" erklang eine
Frauenstimme hinter ihnen.
Misato drehte sich um, vor den offenstehenden Türen einer Aufzugskabine
stand eine Frau ihres Alters mit wasserstoffblondem Haar, sie trug
einen knielangen Rock und etwas, das wie das Oberteil eines
Taucheranzuges wirkte, unter einem langen Laborkittel.
"Ah, Ritsuko, du kommst wie gerufen!"
"Der Kommandant wartet bereits auf dich und den Jungen - das ist er
doch, der dritte Kandidat, oder?"
"Ja, Ritsuko, das ist Shinji Ikari. - Shinji, Doktor Ritsuko Akagi,
unsere Chefwissenschaftlerin."
"Dritter Kandidat?" fragte Shinji.
"Der Kommandant wird es dir erklären." wich Misato ihm aus.
Sie traten in den Aufzug.
*** NGE ***
Rei sah nur verschwommen.
Alles war Schmerz...
Die Leuchtkörper unter der Decke jagten dahin, schienen zu einem
einzigen zu verschmelzen.
Dumpf erinnerte sie sich, daß sie sich auf einer Trage befand.
Undeutlich drangen die Stimmen der Sanitäter und Ärzte an ihr Ohr,
welches die Trage schoben, oder neben ihr herliefen.
"Vermutlich Milzriß." - "Mehrfach gebrochener Arm." -
"Gehirnerschütterung." - "Hoher Blutverlust..."
Jemand drückte ihr eine Sauerstoffmaske auf das zerschrammte Gesicht.
Das Atmen fiel ihr etwas leichter, schmerzte aber immer noch.
"Verdacht auf mehrere gebrochene Rippen." - "Die Kleine hat nur knapp
überlebt."
Die Trage rumpelte über eine Türschwelle, der eigentlich schwache Ruck
schickte eine Welle von Schmerz durch ihren Körper.
"OP ist bereit!" - "Blutkonserven..."
Abrupt wurde die Trage gestoppt.
Rei Ayanami stöhnte unterdrückt vor Schmerz auf.
"Pilotin Ayanami kann noch nicht in den OP gebracht werden." erklärte
die Stimme eines älteren Mannes. "Sie muß möglicherweise noch einmal
in den Einsatz."
"Sir, das..." setzte einer der Ärzte an. "Das ist unverantwortlich
- sie hätte gar nicht erst aus ihrem Krankenbett geholt werden dürfen!"
Das Gesicht eines grauhaarigen Mannes schob sich in Reis Blickfeld.
"Rei, das Third Children ist eingetroffen, aber der Kommandant ist
nicht sicher, ob es auch bereit ist. Du mußt vielleicht noch einmal
raus, verstehst du?"
Sie hob langsam den Arm, der weniger schmerzte, entfernte die
Sauerstoffmaske. Sofort glaubte sie wieder, flüssiges Feuer zu atmen.
"Ja, Subkommandant... verstehe..."
"Es tut mir leid, Rei."
"... ist... meine... Pflicht..."
Der ältere Mann nickte, wandte sich dann wieder den Medizinern zu.
"Geben Sie ihr etwas gegen die Schmerzen. Aber sie darf nicht
einschlafen."
"Ja, Subkommandant Fuyutsuki." murmelte einer der Umstehenden. Die Art,
wie er den Namen des Mannes betonte, wirkte, als meinte er in
Wirklichkeit den Leibhaftigen...
*** NGE ***
Mit wuchtigen Schlägen und Tritten bearbeitete Asuka Soryu Langley den
Sandsack vor ihr.
Das rothaarige Mädchen trug einen Trainingsanzug und Kickbox-Handschuhe
und -Fußbe-kleidung, der Anzug wies an Nacken und Achseln große
Schweißflecken auf, ihr ebenfalls verschwitztes Haar wurde von einem
Stirnband zurückgehalten.
Jeder ihrer Schläge war Ausdruck der Wut, die in ihr steckte.
Heute war der Todestag ihrer Mutter, sie war gerade vom Besuch am Grab
Kyoko Soryus zurückgekehrt, den sie in Begleitung ihres Vaters gemacht
hatte, so wie er darauf bestanden hatte. Und natürlich war seine zweite
Frau dabeigewesen, die es glücklicherweise längst aufgegeben hatte,
von Asuka ´Mutter´ genannt werden zu wollen, dabeigewesen.
Jetzt befand sie sich im Ausbildungszentrum des deutschen NERV-Zweiges
in der Arkologie von Wilhelmshaven und baute ihren Frust ab.
Selbst nach all den Jahren versuchte ihr Vater immer noch, wenn ihm
der Sinn danach stand, eine Verbindung zu seiner Tochter aufzubauen,
auch wenn er inzwischen Asukas Patentante die Vormundschaft über das
Mädchen übertragen hatte.
Mittlerweile schmerzten ihre Hände von den Schlägen, doch sie machte
mit zusammengebissenen Zähnen weiter.
An jenem Tag, an dem ihre Mutter sich erhängt hatte, war sie vom
MARDUK-Institut als Pilotin eines EVANGELIONs ausgewählt worden, das
Training war ihre Art gewesen, den Tod der Mutter zu verdrängen. Doch
unterschwellig waren all die Gefühle noch vorhanden, Wut, Enttäuschung,
Haß...
"Asuka."
Die Stimme riß sie aus ihrem tranceartigen Zustand.
Sie ließ die Fäuste sinken, drehte sich langsam um.
Ihre Augen leuchteten auf, als sie den hochgewachsenen dunkelhaarigen
Mann sah, der neben der Eingangstür stand, einen unrasierten Japaner
mit Drei-Tage-Bart. Er wirkte ungewohnt ernst.
"Kaji!" rief sie und wollte auf den ihr zugeteilten Sicherheitsexperten
zulaufen, stoppte aber, als sie seiner ernsten Miene gewahr wurde.
"Kaji, was ist?"
"Dein Onkel hat gerade angerufen - deine Tante wurde ins Krankenhaus
gebracht."
Asuka wurde blaß.
"Was ist mit Tante Ann?"
"Asuka, sie ist krank, sehr krank..."
*** NGE ***
Der Mann saß mit vorgebeugtem Oberkörper auf einem Plastikstuhl auf dem
Krankenhausflur, das Gesicht in den Händen verborgen. Er trug einfache
Jeans und ein kariertes Hemd, neben ihm lag achtlos hingeworfen eine
leichte Jacke. Er hatte schwarzes Haar und kantige Gesichtszüge.
Und er wünschte, imstande zu sein, weinen zu können...
Schritte kamen den Gang hinab.
Er sah auf, sah Kaji und Asuka auf ihn zukommen. Das Mädchen trug noch
immer den verschwitzten Trainingsanzug.
"Onkel Wolf, was ist geschehen?" rief Asuka und beschleunigte ihre
Schritte. "Wo ist Tante Ann?"
Er deutete auf die Tür, neben der er gewartet hatte.
"Sie untersuchen sie noch... Asuka, deine Tante liegt im Koma. Sie
hat... sie hat..."
Er preßte die Lippen zusammen.
"Es ist ein Gehirntumor..."
"Nein..."
"Sie wußte es schon seit einiger Zeit, aber..."
"Mein Mitgefühl, Commander Larsen." murmelte Ryoji Kaji.
"Danke, Major Kaji." erwiderte der Mann dumpf, ohne den anderen
anzusehen.
Schweigend warteten sie.
Das Erscheinen eines weiteren Mannes unterbrach die Stille, doch es war
keiner der Ärzte, niemand, der etwas über den Zustand Ann Larsens
aussagen konnte, sondern ein Mann in grauem Anzug, schütterem
ergrautem Haar und ungesund gelbstichiger Gesichtsfarbe, der einen
starken Nikotingeruch mit sich brachte.
"Commander Larsen, endlich finde ich Sie."
"Sir, kann das nicht..."
Der andere schüttelte den Kopf.
"Tut mir leid, das kann es nicht. In Tokio-3 ist ein Engel aufgetaucht."
"Oh, verdammt... und was tut NERV?"
"Die UN-Truppen sind weltweit in Alarmbereitschaft, das gleiche gilt
für sämtliche ODIN-Agenten. Wir haben versucht, Sie zu erreichen, aber
Ihr Handy..."
"Ich habe es abgestellt." antwortete Larsen ohne Gefühlsregung. "Es
beginnt also... was ist nun mit NERV?"
"Die UN hat NERV das Oberkommando über die Aktion zugewiesen, nachdem
auch der Einsatz einer N2-Miene keinen Erfolg gebracht hat. Der
EVANGELION-Prototyp ist im Nahkampf hoffnungslos unterlegen."
"Also werden sie EVA-01 einsetzen, das Testmodell... wissen Sie
inzwischen näheres?"
"Nein, noch nicht, keine Ahnung, weshalb unsere Freunde immer derart
unruhig werden, sobald sie über Einheit-01 sprechen."
"Und Asuka?"
"Man wird sie wahrscheinlich in Bälde anfordern."
Larsen senkte den Kopf.
"Ich will sie nicht auch noch verlieren..."
"Komm. Gendo."
Nur zwei Worte...
Nur neun Buchstaben...
Mehr enthielt der Brief von seinem Vater, das erste Lebenszeichen seit
über einem Jahr, nicht.
Nur zwei Worte...
Shinjis Hände begannen zu zittern, während seine Augen wieder und
wieder über das Papier huschten, vergeblich nach weiteren Worten
suchten. Nervös wendete er das Papier in seinen Händen.
Dann blickte er auf, sah die beiden älteren Leute an, die sich in den
letzten zehn Jahren um ihn gekümmert hatten, seine Pflegeeltern,
entfernte Verwandte seiner verstorbenen Mutter. - Allein der Gedanke
an seine Mutter versetzte ihm immer noch einen Stich mitten ins Herz.
In den Gesichtern seiner Pflegeeltern stand Erwartung zu lesen... und
Hoffnung...
Shinji wurde klar, daß sie den Inhalt des Briefes von seinem Vater
kannten... und daß sie hofften, er würde seinem Ruf folgen... Sie
wollten ihn loswerden...
Er preßte die Lippen zusammen, zerknüllte das Blatt Papier in der Hand,
drehte sich um und rannte aus dem Haus...
*** NGE ***
Zwei Tage später:
Shinji Ikari stand auf Bahnsteig Nummer 4 vom Hauptbahnhof in Tokio-3
in der warmen Frühlingssonne.
Vor fünf Minuten war der Zug, mit dem er gekommen war, abgefahren. Der
Bahnsteig war mittlerweile bis auf ihn menschenleer.
Nachdem er sich zum wiederholten Mal umgesehen hatte, holte er den
zerknitterten Umschlag aus der Tasche hervor, dessen Eintreffen vor
zwei Tagen sein Leben völlig aus der Bahn geworfen hatte, zog den
Inhalt heraus. Die zerknüllte und eingerissene Nachricht seines Vaters
stopfte er achtlos zurück in den Umschlag, ebenso das entwertete
Zugticket, besah sich stattdessen das Photo, welches sich ebenfalls in
dem Umschlag befunden hatte. Es zeigte eine junge recht gutaussehende
- jedenfalls nach den Maßstäben eines pubertierenden vierzehnjährigen
Jungen - Frau mit purpurnen Haar. Sie trug Shorts und eine ärmellose
tiefausgeschnittene Bluse, aufgrund ihrer vorgebeugten Körperhaltung
war der Ansatz ihres Busens zu erkennen, was noch durch einen Pfeil
mit den Worten: ´Sieh dir das an!´ untermalt wurde. Um den Hals trug
sie ein silbernes Kreuz.
Kurz zuckten Shinjis Mundwinkel. Dann drehte er das Photo um, las die
Nachricht auf der Rückseite: ´Anbei die Zugfahrkarte. Hole dich vom
Bahnhof ab. Misato Katsuragi.´
Natürlich kannte er die Worte inzwischen auswendig, während der
mehrstündigen Zugfahrt hatte er sie immer wieder gelesen und sich
darüber Gedanken gemacht, wer diese Misato Katsuragi mehr war, und in
welchem Verhältnis sie zu seinem Vater stand. Das letzte, was er
wollte, war zu erfahren, daß sein Vater vielleicht eine neue Frau oder
Lebensgefährtin hatte, daß er das Andenken an seine Mutter beschmutzen
könnte...
In der Ferne donnerte es.
Dann flog eine Staffel Kampfflugzeuge über ihn hinweg. Automatisch
folgte er ihnen mit den Augen. Und selbige weiteten sich bis zum
Anschlag, als er sah, daß die Kampfflieger Raketen auf einen schwarzen
Riesen abfeuerten, der gerade hinter den Hügeln in der Ferne
aufgetaucht war.
"Was...?" flüsterte Shinji.
Der Anblick eines riesigen Urzeit-Dinosauriers hätte ihn möglicherweise
nicht derart überrascht, wie das Erscheinen dieses dunklen
menschenähnlichen Wesens, selbst auf die Entfernung hin konnte er
erkennen, daß das Wesen lange affenartige Arme und keinen Kopf hatte,
dafür befand sich ein vogelartiges Gesicht mitten auf der Brust.
Ein schwaches Flimmern umgab den Giganten.
Im nächsten Moment explodierten mehrere der Flugzeuge in der Luft.
Zugleich erschien ein gutes Dutzend Panzer in Shinjis Sichtfeld und
schoß eine weitere Fliegerstaffel heran.
Der Junge stand nur da und starrte. Dann setzte der Fluchtreflex ein.
Er warf sich herum - und sah das Mädchen...
Es stand nur da, ein Mädchen in seinem Alter. Es hatte hellblaues Haar
und blasse Haut, seine Augen schienen einen gewissen Rotschimmer zu
haben, es trug eine Schuluniform aus weißer Bluse und dunkelblauer
Jacke und Rock, dazu weiße Socken und blaue Schuhe. Das Mädchen schien
ihn direkt anzusehen.
Shinji erstarrte in der Bewegung. Irgendetwas an dem Mädchen schien
ihm seltsam vertraut. Er öffnete den Mund, um etwas zu sagen, um der
anderen zuzurufen, was dort in der Ferne vor sich ging...
Ein Schwarm von Tauben flog durch sein Blickfeld, verbarg einen
Sekundenbruchteil lang das Mädchen vor seinen Augen. Als die Vögel
wieder verschwunden war, war auch das Mädchen fort.
Shinji blinzelte, sah sich rasch um, ohne das Mädchen wiederzufinden.
Dafür konnte er erkennen, daß der Riese sich langsam der Stadt näherte,
dabei weitere Kampfflieger zum Absturz oder zur Explosion brachte,
Panzerstellungen einfach zerstampfte.
Mit quietschenden Reifen kam ein blauer Sportwagen neben dem Bahnsteig
zum Stehen.
Die Fahrerin nahm ihre Sonnenbrille ab.
"Shinji Ikari, das bist doch du, oder?"
Der Junge drehte sich um, sah sie an.
Es war dieselbe Frau wie auf dem Photo, nur trug sie jetzt eine rote
Jacke und ein schwarzes Barett.
"J-ja." stammelte er. "Das bin ich."
Sie blickte an ihm vorbei zu dem Riesen in der Ferne.
"Schnell, spring rein, wir haben nicht viel Zeit!"
"Ich... ah..."
"Los!"
Im nächsten Moment hatte er seinen Koffer schon auf die Rückbank
geworfen und saß auf dem Beifahrersitz. Noch bevor er den Gurt angelegt
hatte, gab die Fahrerin bereits Gas und raste los. Glücklicherweise war
die Straße leer, inzwischen bemerkte Shinji die Alarmsirenen, die laut
heulten, fragte sich, weshalb sie ihm nicht vorher aufgefallen waren.
"Misato Katsuragi... Captain Misato Katsuragi." fand die Frau endlich
Zeit, sich vorzustellen.
"Ahm... sind Sie bei der Armee?"
"UN-Friedenstruppen. Ich arbeite für NERV..."
Dieser Begriff sagte ihm etwas, wenn auch nur wenig. Er wußte, daß sein
Vater damit in Verbindung stand. Im nächsten Moment bestätigte sie
seine Überlegungen.
"... für deinen Vater."
"Vater... so..."
Er fühlte Bitterkeit in sich aufsteigen. - Und Übelkeit, denn Misato
Katsuragi fuhr wie ein Henker...
Immer wieder warf er einen Blick zurück über die Schulter. Und jedesmal
mußte er feststellen, daß der schwarze Riese nähergekommen war.
"Was ist das?"
"Der Feind." antwortete die Frau mit zusammengebissenen Zähnen. Ihre
ganze Aufmerksamkeit war der Straße gewidmet, die zahlreiche
Schlaglöcher und Dellen aufwies; hätte Shinji Gelegenheit gehabt, diese
näher in Augenschein zu nehmen, wäre er möglicherweise zu der
Erkenntnis gelangt, daß auf dieser Straße zumindest ein Teil der
Panzerfahrzeuge, die er zuvor gesehen hatte, gegen den Riesen
ausgerückt waren.
"Er kommt näher!"
"Er will zum Hauptquartier."
Sie fuhr eine scharfe Kurve, die ihn fast aus dem Wagen schleuderte.
"Ah..."
Wieder riß er die Augen auf - eine zweite riesenhafte Gestalt erschien
zwischen den Hügeln am Stadtrand, menschenähnlicher als die andere,
ein Gigant in weiß und orange mit nur einem großen Auge auf der Stirn.
"Da... da ist noch einer!"
Katsuragi blickte nicht hinüber, sah nur auf die Straße vor ihnen, auf
welcher jetzt zahlreiche verlassene Pkws standen, fuhr Slaloms um die
Wagen herum.
"Der gehört zu uns."
"Ah... Ist das ein Roboter?" war alles, was Shinji zustandebrachte.
Der einäugige Riese näherte sich dem anderen mit hoher Geschwindigkeit,
holte dabei zum Schlag mit einem entsprechend proportionierten Messer
aus. Der andere bemerkte den Angriff, trat zur Seite, fing den Angriff
ab, schleuderte seinen Angriff lässig zur Seite.
Der weiß-orange landete auf allen vieren, kam schwankend wieder hoch,
griff erneut an, wurde wieder abgeblockt. Der schwarze Riese landete
mehrere Schläge in der Leibesmitte seines Kontrahenten, jeder Schlag
wurde von einer grellen Lichtexplosion begleitet.
"Ein EVANGELION..." Jetzt sah auch Misato Katsuragi zu den Kämpfenden
hinüber, der einäugige Riese war klar im Nachteil, steckte nur noch
ein, flog in diesem Augenblick nach einem gewaltigen Schwinger
rückwärts in einen Hügel hinein, wo er einen Ganzkörperabdruck in der
Topographie hinterließ.
"Mein Gott... Rei..." flüsterte Misato.
"W-Was?"
Der orange-weiße Riese rappelte sich wieder auf, bewegte sich dabei
wie ein Betrunkener, führte fahrige Schläge in die Luft, welche weit,
sehr weit, danebengingen. Mit einem fast lässigen Schlag mit der
flachen Hand gegen den Kopf schleuderte der dunkle Gigant ihn wieder
zurück.
"Er macht sie fertig... holt sie doch endlich zurück..." stieß
Katsuragi hervor.
In diesem Moment schossen erneut Kampfflugzeuge heran und nahmen den
schwarzen Riesen mit dem Vogelgesicht unter Beschuß, gaben seinem
besiegten Gegner Gelegenheit, sich zurückzuziehen. Torkelnd verschwand
der Gigant in weiß und orange zwischen den Hügeln.
Der schwarze beachtete die Flugzeuge nicht, die ihn wie Insekten
umschwirrten, sondern setzte seinen Weg in der ursprünglichen Richtung
- auf die Stadt zu - fort.
"Was ist das für ein Ding?" rief Shinji panisch.
"Ein Engel... man kann ihm mit konventionellen Mitteln nichts anhaben...
die Küstenverteidigungslinien der UN sind bereits durchbrochen - halt
dich fest!"
Wieder trat sie das Gaspedal bis zum Anschlag durch.
Raketen schossen über ihnen durch die Luft, explodierten kurz, bevor
sie den Giganten trafen, so als umgebe ihn eine unsichtbare
Schutzschicht. Eine vom Kurs abgekommene Rakete traf eines der Gebäude
in der Nähe, in der nächsten Sekunde raste Misato durch einen
Trümmerhagel. Immer wieder warf sie jetzt einen nervösen Blick nach
oben.
Dann sah sie, wonach sie Ausschau gehalten hatte.
"Sie wagen es tatsächlich... Runter, Shinji!"
Noch während sie in die Bremsen stieg, warf sie sich zur Seite und
über den Jungen.
Der Wagen war noch nicht ganz zum Stehen gekommen, da ging die Welt in
einem grellen Blitz, dem ein dumpfes Grollen und ein leichtes Beben
folgten, unter...
*** NGE ***
Es war noch nicht zu Ende, dies stellte Shinji jedenfalls fest, als er
die Augen wieder öffnete.
Der Sportwagen lag auf dem Dach, Misato Katsuragi kroch gerade durch
das Fenster ins Freie.
Shinji tat es ihr nach, nachdem er sich aus den Gurt befreit hatte.
"Mein schöner Wagen!" Misato schien den Tränen nah. "Mein Baby! Mein
armer Liebling! Dabei ist er noch ganz neu!"
Shinji blickte wieder in die Richtung hinüber, in welcher der Riese
sich befunden hatte.
Er war noch da! Allerdings bewegte er sich nicht mehr, sondern stand
nur da, steif wie eine Statue.
"Er... ah... er rührt sich nicht mehr!"
Misato blickte erst ihn an, dann zu dem Riesen hinüber, nahm langsam
die Sonnenbrille ab.
"Sie haben es tatsächlich getan..."
Der Riese stand mitten in einem großen Krater, in welchem sich auch der
Stadtrand befunden hatte. Die Erde um ihn herum war verbrannt, von den
Gebäuden am Stadtrand, die sich im Radius der von den Streitkräften
eingesetzten Waffe befunden hatten, standen nur noch die Grundmauern.
Auch weiter in die Stadt hinein hatten die Gebäude Schaden genommen.
"... sie haben tatsächlich eine N2-Bombe eingesetzt... Verdammt, ich
müßte jetzt in der Kommandozentrale sein..."
"Ist er... ist der Engel..."
"Tot? - Nein, nur vorläufig aufgehalten, aber der erholt sich wieder.
Wir sollten sehen, daß wir ins Hauptquartier kommen."
Sie besah sich den Wagen.
"Komm, faß mit an, den kriegen wir wieder hin."
"Uhm... ja, Misato-san."
Tatsächlich gelang es ihnen, den Wagen erst auf die Seite und dann auf
die Räder zu drehen, er war aufgrund seiner windschnittigen Bauweise
vergleichsweise leicht. Die Windschutzscheibe war gesplittert, die
Seite eingebeult und der Seitenspiegel abgerissen.
Mit mißmutigem Gesicht begutachtete Misato den Schaden, schlug kräftig
auf die verbeulte Motorhaube, um sie unten zu halten, woraufhin sich
die Stoßstange scheppernd löste und sie nur mit Mühe einen Wutschrei
unterdrückte.
"Uhm, Misato-san..." melde sich Shinji aus dem Wageninneren.
"Ja?"
"Hier piept etwas."
"Was?"
Sie lief um den Wagen herum und schwang sich ins Innere.
"Mein Handy..."
Der Verschluß des Handschuhfaches klemmte, was sie mit einem
Faustschlag behob. Zusammen mit dem Handy ergoß sich eine wahre Flut
aus Zetteln, Nagellackfläschchen, Lippenstiften, einer leeren Bierdose
und diversem anderen Zeug über Shinji.
Misato schnappte sich das immer noch piepende Handy.
"Ja? - Ja, wir sind noch unterwegs. Ich brauche einen Car-Train an
Eingang 4. - Ja, bis gleich."
Sie unterbrach die Verbindung und warf das Handy in den Fußraum zu dem
anderen Zeug.
"Und los geht´s!"
Beim dritten Versuch sprang der Motor an, es klapperte und schepperte
an verschiedenen Stellen des Wagens, als Misato anfuhr.
"Ah, schaffen wir es denn überhaupt?"
"Ja, sicher, der nächste Eingang ist ganz in der Nähe."
Sie steuerte den Wagen in einen Tunnel in eine Bahnstation, wo bereits
in Zug auf sie wartete, danach ging es auf dem Autozug weiter, der
Tunnel führte abwärts.
Und als sie den Tunnel wieder verließen, stand Shinjis Mund vor
Überraschung offen.
Vor ihnen erstreckte sich eine gewaltige Höhle, ein kuppelförmiger
Hohlraum unter der Erde, einer eigenen kleinen Welt mit eigenem Himmel
und Horizont nicht unähnlich. Durch verschiedene Schächte fiel von der
Oberfläche Licht in den Hohlraum. Von der Decke hingen zahlreiche
Gebäude.
Shinjis Blick richtete sich von der Decke auf den Boden des riesigen
Hohlraumes. Im Zentrum der Höhle erhob sich eine obsidianschwarze
Pyramide, vor welcher der Schienenstrang im Boden verschwand.
"Das... das ist die Geofront..." stieß er aufgeregt hervor.
Natürlich hatte er bereits von diesem Ort gehört, über welchem die
Stadt Tokio-3 errichtet worden war, so seltsam es in einer von Erdbeben
erschütterten Region wie Japan war, es handelte sich um einen
natürlichen Hohlraum von mehreren Kilometern Durchmesser.
"Ja, die letzte Schutzburg der Menschen, unsere Festung gegen die Engel.
Von hier aus beginnt der Wiederaufbau - wenn es uns gelingt, die Engel
aufzuhalten."
Wieder verschwand der Zug unter der Erde, nur um kurz darauf in einen
Endbahnhof einzufahren.
"Endstation." erklärte Misato und stieg aus, warf ihrem Wagen einen
letzten traurigen Blick zu, ehe sie sich dem Ausgang zuwandte. "Komm
mit, dein Vater wartet sicher schon."
Es ging durch scheinbar endlose Gänge und Flure, über lange Rolltreppen
und dann wieder durch ein Labyrinth von Gängen.
"Seltsam", murmelte Misato. "Eigentlich..."
"Haben Sie sich verlaufen, Captain Katsuragi?" erklang eine
Frauenstimme hinter ihnen.
Misato drehte sich um, vor den offenstehenden Türen einer Aufzugskabine
stand eine Frau ihres Alters mit wasserstoffblondem Haar, sie trug
einen knielangen Rock und etwas, das wie das Oberteil eines
Taucheranzuges wirkte, unter einem langen Laborkittel.
"Ah, Ritsuko, du kommst wie gerufen!"
"Der Kommandant wartet bereits auf dich und den Jungen - das ist er
doch, der dritte Kandidat, oder?"
"Ja, Ritsuko, das ist Shinji Ikari. - Shinji, Doktor Ritsuko Akagi,
unsere Chefwissenschaftlerin."
"Dritter Kandidat?" fragte Shinji.
"Der Kommandant wird es dir erklären." wich Misato ihm aus.
Sie traten in den Aufzug.
*** NGE ***
Rei sah nur verschwommen.
Alles war Schmerz...
Die Leuchtkörper unter der Decke jagten dahin, schienen zu einem
einzigen zu verschmelzen.
Dumpf erinnerte sie sich, daß sie sich auf einer Trage befand.
Undeutlich drangen die Stimmen der Sanitäter und Ärzte an ihr Ohr,
welches die Trage schoben, oder neben ihr herliefen.
"Vermutlich Milzriß." - "Mehrfach gebrochener Arm." -
"Gehirnerschütterung." - "Hoher Blutverlust..."
Jemand drückte ihr eine Sauerstoffmaske auf das zerschrammte Gesicht.
Das Atmen fiel ihr etwas leichter, schmerzte aber immer noch.
"Verdacht auf mehrere gebrochene Rippen." - "Die Kleine hat nur knapp
überlebt."
Die Trage rumpelte über eine Türschwelle, der eigentlich schwache Ruck
schickte eine Welle von Schmerz durch ihren Körper.
"OP ist bereit!" - "Blutkonserven..."
Abrupt wurde die Trage gestoppt.
Rei Ayanami stöhnte unterdrückt vor Schmerz auf.
"Pilotin Ayanami kann noch nicht in den OP gebracht werden." erklärte
die Stimme eines älteren Mannes. "Sie muß möglicherweise noch einmal
in den Einsatz."
"Sir, das..." setzte einer der Ärzte an. "Das ist unverantwortlich
- sie hätte gar nicht erst aus ihrem Krankenbett geholt werden dürfen!"
Das Gesicht eines grauhaarigen Mannes schob sich in Reis Blickfeld.
"Rei, das Third Children ist eingetroffen, aber der Kommandant ist
nicht sicher, ob es auch bereit ist. Du mußt vielleicht noch einmal
raus, verstehst du?"
Sie hob langsam den Arm, der weniger schmerzte, entfernte die
Sauerstoffmaske. Sofort glaubte sie wieder, flüssiges Feuer zu atmen.
"Ja, Subkommandant... verstehe..."
"Es tut mir leid, Rei."
"... ist... meine... Pflicht..."
Der ältere Mann nickte, wandte sich dann wieder den Medizinern zu.
"Geben Sie ihr etwas gegen die Schmerzen. Aber sie darf nicht
einschlafen."
"Ja, Subkommandant Fuyutsuki." murmelte einer der Umstehenden. Die Art,
wie er den Namen des Mannes betonte, wirkte, als meinte er in
Wirklichkeit den Leibhaftigen...
*** NGE ***
Mit wuchtigen Schlägen und Tritten bearbeitete Asuka Soryu Langley den
Sandsack vor ihr.
Das rothaarige Mädchen trug einen Trainingsanzug und Kickbox-Handschuhe
und -Fußbe-kleidung, der Anzug wies an Nacken und Achseln große
Schweißflecken auf, ihr ebenfalls verschwitztes Haar wurde von einem
Stirnband zurückgehalten.
Jeder ihrer Schläge war Ausdruck der Wut, die in ihr steckte.
Heute war der Todestag ihrer Mutter, sie war gerade vom Besuch am Grab
Kyoko Soryus zurückgekehrt, den sie in Begleitung ihres Vaters gemacht
hatte, so wie er darauf bestanden hatte. Und natürlich war seine zweite
Frau dabeigewesen, die es glücklicherweise längst aufgegeben hatte,
von Asuka ´Mutter´ genannt werden zu wollen, dabeigewesen.
Jetzt befand sie sich im Ausbildungszentrum des deutschen NERV-Zweiges
in der Arkologie von Wilhelmshaven und baute ihren Frust ab.
Selbst nach all den Jahren versuchte ihr Vater immer noch, wenn ihm
der Sinn danach stand, eine Verbindung zu seiner Tochter aufzubauen,
auch wenn er inzwischen Asukas Patentante die Vormundschaft über das
Mädchen übertragen hatte.
Mittlerweile schmerzten ihre Hände von den Schlägen, doch sie machte
mit zusammengebissenen Zähnen weiter.
An jenem Tag, an dem ihre Mutter sich erhängt hatte, war sie vom
MARDUK-Institut als Pilotin eines EVANGELIONs ausgewählt worden, das
Training war ihre Art gewesen, den Tod der Mutter zu verdrängen. Doch
unterschwellig waren all die Gefühle noch vorhanden, Wut, Enttäuschung,
Haß...
"Asuka."
Die Stimme riß sie aus ihrem tranceartigen Zustand.
Sie ließ die Fäuste sinken, drehte sich langsam um.
Ihre Augen leuchteten auf, als sie den hochgewachsenen dunkelhaarigen
Mann sah, der neben der Eingangstür stand, einen unrasierten Japaner
mit Drei-Tage-Bart. Er wirkte ungewohnt ernst.
"Kaji!" rief sie und wollte auf den ihr zugeteilten Sicherheitsexperten
zulaufen, stoppte aber, als sie seiner ernsten Miene gewahr wurde.
"Kaji, was ist?"
"Dein Onkel hat gerade angerufen - deine Tante wurde ins Krankenhaus
gebracht."
Asuka wurde blaß.
"Was ist mit Tante Ann?"
"Asuka, sie ist krank, sehr krank..."
*** NGE ***
Der Mann saß mit vorgebeugtem Oberkörper auf einem Plastikstuhl auf dem
Krankenhausflur, das Gesicht in den Händen verborgen. Er trug einfache
Jeans und ein kariertes Hemd, neben ihm lag achtlos hingeworfen eine
leichte Jacke. Er hatte schwarzes Haar und kantige Gesichtszüge.
Und er wünschte, imstande zu sein, weinen zu können...
Schritte kamen den Gang hinab.
Er sah auf, sah Kaji und Asuka auf ihn zukommen. Das Mädchen trug noch
immer den verschwitzten Trainingsanzug.
"Onkel Wolf, was ist geschehen?" rief Asuka und beschleunigte ihre
Schritte. "Wo ist Tante Ann?"
Er deutete auf die Tür, neben der er gewartet hatte.
"Sie untersuchen sie noch... Asuka, deine Tante liegt im Koma. Sie
hat... sie hat..."
Er preßte die Lippen zusammen.
"Es ist ein Gehirntumor..."
"Nein..."
"Sie wußte es schon seit einiger Zeit, aber..."
"Mein Mitgefühl, Commander Larsen." murmelte Ryoji Kaji.
"Danke, Major Kaji." erwiderte der Mann dumpf, ohne den anderen
anzusehen.
Schweigend warteten sie.
Das Erscheinen eines weiteren Mannes unterbrach die Stille, doch es war
keiner der Ärzte, niemand, der etwas über den Zustand Ann Larsens
aussagen konnte, sondern ein Mann in grauem Anzug, schütterem
ergrautem Haar und ungesund gelbstichiger Gesichtsfarbe, der einen
starken Nikotingeruch mit sich brachte.
"Commander Larsen, endlich finde ich Sie."
"Sir, kann das nicht..."
Der andere schüttelte den Kopf.
"Tut mir leid, das kann es nicht. In Tokio-3 ist ein Engel aufgetaucht."
"Oh, verdammt... und was tut NERV?"
"Die UN-Truppen sind weltweit in Alarmbereitschaft, das gleiche gilt
für sämtliche ODIN-Agenten. Wir haben versucht, Sie zu erreichen, aber
Ihr Handy..."
"Ich habe es abgestellt." antwortete Larsen ohne Gefühlsregung. "Es
beginnt also... was ist nun mit NERV?"
"Die UN hat NERV das Oberkommando über die Aktion zugewiesen, nachdem
auch der Einsatz einer N2-Miene keinen Erfolg gebracht hat. Der
EVANGELION-Prototyp ist im Nahkampf hoffnungslos unterlegen."
"Also werden sie EVA-01 einsetzen, das Testmodell... wissen Sie
inzwischen näheres?"
"Nein, noch nicht, keine Ahnung, weshalb unsere Freunde immer derart
unruhig werden, sobald sie über Einheit-01 sprechen."
"Und Asuka?"
"Man wird sie wahrscheinlich in Bälde anfordern."
Larsen senkte den Kopf.
"Ich will sie nicht auch noch verlieren..."
