A/N: Huch, ja es gibt doch noch ein neues Kapitel. Wer hätte das gedacht.
Sariel/Isrial
Der nächste Morgen bringt für Sariel einige unangenehme Entdeckungen mit sich. Zum Beispiel die, dass man nach übermäßigem Alkoholkonsum mit gewissen Folgen leben muss. Wäre sein Magen nicht bereits geradezu schmerzhaft leer würde er jetzt wahrscheinlich wieder auf dem schnellsten Weg zur Toilette sein. Ihm ist schlecht und er fühlt sich als hätte er auf einem Haufen scharfkantigem Metalls geschlafen statt nur auf dem dreckstarrenden, klebrigen Boden. Isrial ist bereits aufgestanden und er weiß nicht genau ob er diese Tatsache bedauern oder darüber erleichtert sein soll. Einerseits ist ihm jetzt unangenehm kalt, aber andererseits hat er auch nicht wirklich den brennenden Wunsch an einem Tag wie diesem als erstes das Gesicht eines Dämons zu erblicken sobald er die verquollenen Augen aufschlägt. Die Alternative, eine leere Bierdose, ist allerdings auch nicht sehr viel besser. Leise vor sich hinstöhnend und murrend erhebt er sich und macht sich, noch immer in die viel zu dünne Decke gewickelt, auf die Suche nach Isrial.
Der Dämon ist in der winzigen Küche, wo er eine morgendliche Zigarette genießt und unschlüssig hin und her überlegt was er jetzt mit dem Engel anfangen soll. Eigentlich sollte er sich schleunigst aus dem Staub machen bevor doch noch einer der mächtigeren Bewohner des Himmels aufkreuzt, aber nach der letzten Nacht ist er sich nicht mehr sicher ob er Sariel noch so einfach loswerden kann. Ob er der Versuchung der großäugigen, arglosen Unschuld widerstehen kann. Ihn langsam zu zerstören, ihn Schritt für Schritt näher an den klaffenden Abgrund führen bis er fällt. Ein wahres Meisterwerk wäre es sollte er dass schaffen.
„Hast du ein Glas Wasser für mich?"
Isrial schließt ergeben die Augen. Die Hilflosigkeit liegt sogar in der leicht kratzigen, alkoholbelegten Stimme. Wie kann er sich von diesem Leiden abwenden ohne es vorher zu genießen? Wer kann das von ihm verlangen? Er muss eben die Augen offen halten und sich rechtzeitig aus dem Staub machen wenn sich die Situation zu seinen Ungunsten verändert.
„Geh selbst an den Wasserhahn." Sagt er scheinbar gelangweilt und wedelt nachlässig mit einer Hand in die ungefähre Richtung der besagten Apparatur.
Sariel schaut entmutigt zu Boden und der Dämon erzittert fast vor Freude. Dies ist sogar besser als er sich erhofft hatte! Es ist so einfach den anderen zu verletzen und dennoch wird er bei ihm bleiben müssen, denn erstens würde Sariel, unwissend und schwach, alleine gar nicht zurechtkommen in dieser harten, ungewohnten Welt der Menschen und zweitens kann er ihn einfach zurückrufen sollte er es doch versuchen. Die Macht, die er durch den freiwillig ausgelieferten Namen des Engels ausüben kann, ist äußerst verlockend, doch auch ermüdend. Allzu oft kann er sie nicht gebrauchen ohne dabei seine eigenen Kräfte auszuzehren und sich selbst verletzbar zu machen. Er hofft dass diese Grenze dem Engel nicht bewusst ist, würde es ihn doch einiges an Autorität kosten wenn seine Limits bekannt wären.
Azrael
Eine Wohnung. Sie ist großzügig angelegt, aber leer und die Stille hallt ungebremst durch die vier geräumigen Zimmer. Schon seit Monaten hat sie niemand mehr betreten, aber nun wird sie seinen Zwecken dienen. Azrael schließt mit einem leisen Scharren die alte Holztür hinter sich und atmet einen Moment lang den eigentümlichen Geruch unbenutzter Räume ein. Dann wedelt er unwillig mit einer schmalen Hand, woraufhin sich der Duft taubedeckter, dunkler Kiefernwälder ausbreitet. Man meint beinahe das Moos unter den Füßen zu spüren, doch zu sehen ist rein gar nichts. Die sorgfältig abgeschliffenen Holzbohlen des Bodens bieten genau denselben Anblick wie noch vor ein paar Sekunden und auch das klinisch kalte Weiß der Wände hat sich in keinster Weise gewandelt.
Zufrieden mit dieser ersten Veränderung tritt er an eines der großen Fenster und schaut hinaus in das dunstige, herbstfarbene Morgengrauen. Diese Jahreszeit war ihm immer schon am liebsten, das letzte rotblättrige, süß modrig duftende Aufbäumen bevor nur noch der kleine Tod des Winters und dessen klirrende Kälte regieren. Die Stürme, die alles mit sich fortwirbeln geben ihm das Gefühl knisternder Energie. Im Moment jedoch ist alles recht still. Nur ein paar wenige Frühaufsteher hasten bereits die Straße am Kanal entlang, die er so bequem von hier oben überblicken kann.
Wie soll er nun anfangen? Isrial war unvorsichtig seine Anwesenheit so offensichtlich preiszugeben, denn er hat ganz eindeutig etwas mit diesem Vorkommnis zu tun. Isrial. Azrael erinnert sich noch sehr gut an ihn. Augen schwarz wie Teer, der Blick klebrig fesselnd, Haare die das Licht schlucken wenn er es zulässt und spitze, weiße Zähne, die sich kaum von der milchigen Haut abheben wenn er sie bleckt. Und am wichtigsten: Er hatte ihm vertraut. Jung war Isrial damals, hatte noch nicht die harten Lektionen des Lebens gelernt, dass man gewisse Dinge lieber für sich behält.
Das Vertrauen in Splitter zerfallen zu sehen als sein Betrug offenbar wurde war faszinierend. Es lenkte von den eigenen Verletzungen ab, davon wie sehr es schmerzte zurückgewiesen zu werden. Mit einer gefühllosen Maske konfrontiert zu werden wo zuvor Liebe oder zumindest Verlangen existiert hatten. Wie Zornig war er damals gewesen! Und diesen Zorn hat er rücksichtslos an Isrial ausgelassen, die weiße Haut durchbrochen um nicht alleine zu leiden, die Schreie aufgesogen die denen in seinem Inneren so sehr glichen. Wenn er schon nicht Liebe hervorrufen konnte dann wenigstens Hass, alles nur nicht diese Gleichgültigkeit die ihm entgegengeschlagen war. Isrial. Ein praktischer Sündenbock. Er hat ihn schon lange nicht mehr zu sich gerufen.
Heute ist der Tag an dem er das wieder tun wird, der Tag an dem er auch Raphael wieder gesehen hat und Isrial kann sich ihm nicht entziehen. Mit einem ironischen Lächeln auf den Lippen öffnet Azrael das Fenster. Kälte und der Geruch des ersten Frostes schlägt ihm entgegen, aber es kümmert ihn kaum.
„Isrial!"
Sein Mund formt die Worte und der unbarmherzige Wind trägt sie davon, unaufhaltsam bis an die Ohren dessen für den sie bestimmt sind.
„Isrial komm zu mir. Ich warte auf dich. Komm Dämonenkind!"
Es mag einige Zeit dauern bis der Dämon so erschöpft ist dass er sich dem machtvollen Ruf nicht mehr widersetzen kann, aber er wird erscheinen. Früher oder später. Und dann wird er preisgeben müssen was er weiß. Azrael kann warten.
Raphael
„Ein unwichtiger Dämon." Murmelt Raphael ärgerlich vor sich hin. „Das ich nicht lache!"
Die vollen Lippen zu einem wütenden Strich zusammengepresst stapft er mit hallenden Schritten einen Gang entlang, der in seiner kahlen weißen Eintönigkeit stark an ein Gebäude erinnert in dem sich nur der pedantischste aller Beamten wohlfühlen würde. Tatsächlich sind diejenigen die hier ihre Arbeit verrichten von ihrem Charakter her meist mit diesem irdischen Berufsstand vergleichbar.
Wenn Azrael entscheidet sich über Isrial auszuschweigen wird er kaum etwas aus ihm herausbekommen, dass weiß er nur zu gut, aber weil ihm auch klar ist, dass er für das abweisende Verhalten des Anderen teilweise mitverantwortlich ist kann er ihm nicht einmal einen allzu großen Vorwurf daraus machen. Der Zug um seinen Mund bekommt eine bittere Note. Diese kurze Begegnung hat ihn viel zu sehr aufgewühlt. Die kalte Fassade aufrechtzuerhalten ist mühsam und doch ist sie nötig.
Mit einem ärgerlichen und von ihm kommend außerdem sehr ungewöhnlichen Fluch entschließt er sich diese Grübeleien für den Moment zu vergessen. Andere Dinge sind im Augenblick wichtiger, wie zum Beispiel die Befragung des verstörten Mädchens, das eigentlich niemals hier sein sollte. Vielleicht ist sie mittlerweile so weit dass man mit ihr reden kann und wird es ihm ermöglichen ein wenig mehr Licht in diese ungewöhnliche Angelegenheit bringen.
Er muss herausfinden was mit Sariel geschehen ist, denn der junge Engel war, obwohl er den ganzen Tag nach ihm gesucht hat, nirgendwo aufzufinden. Dass offenbar ein Dämon seine Hände im Spiel hat macht ihm noch zusätzlich Sorgen, auch wenn wenigstens der Engel laut Azrael nicht den Platz des Mädchens in der Hölle eingenommen hat und nun für sie die Verdammnis erträgt. Etwas, dass ihm durchaus zuzutrauen wäre, mitfühlend und aufopfernd wie er nun mal ist.
Diese Aufgabe hätte jemandem wie Sariel nie übertragen werden dürfen, denkt Raphael missmutig, aber niemand sonst hatte sich dazu bereiterklärt. Aus naheliegenden Gründen. Wer will schon einen Schützling übernehmen der ohnehin fest entschlossen ist sich bei der ersten günstigen Gelegenheit umzubringen und damit jegliche in ihn investierte Zeit und Arbeit zunichte macht.
Mit einem unwilligen Seufzer kommt er vor einer der vielen identisch aussehenden, hellgrauen Türen zum stehen. Die glatte, makellose Oberfläche gibt keinerlei Aufschluss darüber was sich hinter ihr befindet, doch er kann den Weg zu seinem eigenen Büro, so selten er es auch betreten mag, mittlerweile finden ohne einen Gedanken daran zu verschwenden wohin seine Füße ihn tragen.
Der Anblick der sich Raphael bietet als er schließlich eintritt ist so trostlos dass er am liebsten sofort wieder kehrt machen würde. Lieber tagelang nutzlos die Menschenstadt nach Sariel durchkämmen als eine Stunde hier zu verweilen! Das kleine Zimmer ist fast völlig leer. Nur einen leeren, aber viel zu großen Schreibtisch aus dunklem Holz und zwei harte Stühle gibt es hier. Einer dieser Stühle ist momentan besetzt von dem Mädchen, das zusammengesunken dasitzt und hinter strähnigen Haaren teilnahmslos vor sich hinstarrt als würde sie geradewegs durch die weiße Wand hindurchblicken. Mit keiner Regung zeigt sie dass sie seine Anwesenheit wahrnimmt.
„Sarah?" Spricht er sie vorsichtig an. Keine Reaktion.
„Sarah, weißt du wo du bist? Kannst du mich hören?"
Nichts. Ihre blassblauen Augen blicken weiterhin starr durch ihn hindurch. Es ist so frustrierend! Bereits bevor er sich in die Ruine begeben hat, hatte er schon zwei Stunden mit dem vergeblichen Versuch verbracht sie zum Reden zu bringen. Es gibt so viele die für diese Krankenpflegerei besser geeignet sind denkt er frustriert. Er hatte noch nie übermäßig viel Geduld und diese Teilnahmslosigkeit zerrt an seinen Nerven. Es gibt jedoch sonst kaum jemanden der mächtig genug ist um die in diesem Fall nötigen, wiederholten Reisen zur Erde und wieder zurück zu machen ohne sich dabei bis an den Rand eines Zusammenbruchs zu bringen. Das heißt jedoch nicht dass er sich nicht Hilfe holen könnte, wird ihm abrupt klar. Mit diesem erfreulichen Gedanken stürmt er aus dem Raum, froh der bedrückenden Atmosphäre zu entkommen und macht sich auf den Weg in eine andere Abteilung. Wäre doch gelacht wenn er dort nicht jemanden finden würde der dieses stumme Wesen zurückholt in die Gegenwart! Bis es so weit ist muss er eben andere Wege finden um nach Sariel zu suchen.
