Buster war der erste, der die Ohren anlegte und ein tiefes Schnaufen von sich gab.

Noch lag er auf seinem Platz, aber sein Kopf drehte sich zur Tür, sein Schwanz klopfte auf den Boden und sein kleiner Körper stand unter Anspannung, bereit, jeden Moment los zu sprinten.

Will blickte aus dem Fenster und sah, wie der schwarze Bentley in seine Einfahrt einbog.

18:58 Uhr, mehr als pünktlich.

Ein seltsames Aufflackern von Nervosität machte sich bei ihm breit. Es war nicht das erste Mal, dass Hannibal ihn zu Hause besuchte, aber es war das erste Mal, seit die Träume angefangen hatten.

Der Gedanke allein erzeugte eine Hitze, die ihm zu Kopf stieg, sich von seinem Magen aus bis unter die Gürtellinie ausbreitete, definitiv eine Reaktion auslöste, die er mit einem wütenden Knurren kommentierte.

„Reiß dich zusammen, Graham!"

Die Hunde drehten die Köpfe herum und musterten ihr Herrchen, das den letzten Rest des Whiskeys mit einem Schluck aus dem Glas verschwinden ließ, an das es sich klammerte, wie ein Schiffbrüchiger an einen Rettungsring.

Der Alkohol schoss durch seine Kehle wie warmes, flüssiges Gold, ein mildes Feuer entfachend, welches ein angenehmes Brennen auf dem Weg zu seinem Magen hinterließ.

Will fühlte sich gleich entspannter, mehr wie er selbst.

Als Winston bellte, stimmten die anderen mit ein und einen Herzschlag später drängten sich alle Hunde vor der Haustür, hechelnd und jaulend.

Will pfiff die Hunde zurück, aber der Erfolg hielt sich in Grenzen. Die Aufregung war zu groß, sie witterten den Neuankömmling und einen fremden Artgenossen.

Schritte auf seiner Veranda, schließlich ein Klopfen. Will atmete tief durch, er fühlte sich gewappnet, aber nichts hätte ihn auf den Anblick vorbereiten können, der sich ihm bot, als er schließlich die Haustür öffnete.

„Was ist das denn?"

Auf dem rechten Arm trug Hannibal den Einkauf fürs Abendessen, in der linken Hand hielt er eine Flasche Rotwein, aber viel interessanter an seiner Erscheinung war die Tragetasche, die er sich um die Körpermitte geschnallt hatte, aus welcher der Kopf und die Pfoten seines Hundes raus guckten.

Wie ein Kängurubaby.

„Der praktische Nutzen ist weitaus vorteilhafter als der optische Eindruck", sagte Hannibal mit ernster Miene.

Will kämpfte dagegen an, presste die Lippen zusammen, aber die Schlacht war nach wenigen Sekunden verloren und sein Lachen sprudelte ungefiltert hemmungslos aus ihm heraus, bevor er sich wieder unter Kontrolle hatte. Er hustete.

„Wo bekommt man so was her?"

Hannibal reckte sein Kinn in die Höhe. „The Posh Puppy Boutique, Downtown Baltimore."

Wills Nasenflügel flatterten, während er sich auf die Lippen biss.

„Sonderanfertigung", fügte Hannibal hinzu.

Will verstand, dass man die teuren Ledersitze eines Bentleys vor Krallen und Hundehaaren schützen muss, nur war er davon überzeugt, dass es eine einfache Hundedecke auch getan hätte. Oder ein Transportkorb.

Vor seinem inneren Auge sah er einen Dr. Lecter, der in einer Boutique für Hunde-Accessoires einer eingeschüchterten Verkäuferin genaue Anweisungen gab, bezüglich Form, Farbe und Material der Tragetasche, während der Terrier zu seinen Füßen saß und sich zwischen den Beinen leckte.

Aber erst die Vorstellung, wie Hannibal zufrieden mit dem Tier um den Bauch geschnallt den weiten Weg nach Wolf Trap fährt, als wäre er eine Mutter, die mit ihrem Baby vom Einkaufen kommt, beschwor Bilder herauf, die ein erneutes Glucksen in seiner Kehle auslösten.

Äußerlich unbeeindruckt fragte Hannibal: „Wie verfahren wir nun?"

Will räusperte sich. „Erstmal bring ich die Sachen rein."

Er nahm die Einkaufstüten und den Wein an sich. Sobald er aus der Tür getreten war, folgten ihm die Hunde ins Freie und umzingelten Hannibal.

Sie waren gut genug erzogen, um den Doktor nicht anzuspringen, bedrängten ihn aber so sehr, dass er einige Schritte zurückweichen musste.

Sieben Hundenasen reckten sich Hannibal entgegen, beschnupperten seine Hosenbeine und die Schuhe. Ruten peitschten übermütig durch die Luft, das eine oder andere Bellen löste sich. Auch der Jack Russell Terrier in der Tragetasche wurde zusehends unruhiger, zappelte, erwiderte die Rufe mit hohen, abgehackten Tönen, die Lefzen zu einem Grinsen verzogen.

Will warf einen Blick zurück über die Schulter und schmunzelte. „Der Hund muss runter!" Ihm entging der skeptische Gesichtsausdruck nicht, also fügte er hinzu: „Die werden das unter sich ausmachen."

Ohne eine Antwort abzuwarten, begab Will sich ins Haus und packte die Einkäufe in der Küche aus. Feldsalat, diverse Sorten von Körnern und Samen, mindestens sechs verschiedene Kräuter und Gewürze, sogar Öl und eine Flasche Himbeeressig, sowie eine Frucht, die Will letztlich als Granatapfel identifizierte.

Viel zu viel Aufwand für zwei Personen, dachte er, aber wann betrieb Hannibal keinen Aufwand, wenn es ums Essen ging?

Dann – natürlich – das Fleisch.

Er fand mehrere, kleine, durchsichtige Beutel, in denen etwas eingeschweißt war, was Wills bescheidener Meinung nach aussah, als hätte es bereits den Weg durch ein Magendarmsystem hinter sich gelassen.

„Pansen", sagte Hannibal hinter ihm.

Nah, sehr nah.

Der warme Atem, den Hannibal in seinen Nacken blies, öffnete den Weg für eine prickelnde Gänsehaut, die ihn zusammenzucken ließ. Normalerweise war er nicht so übermäßig sensibel, aber in letzter Zeit standen seine Nerven unter Strom.

Er wich einen Schritt zur Seite aus, um Hannibal Platz zu machen, in erster Linie aber, um seiner körperlichen Nähe zu entkommen, derer er sich äußerst bewusst war und mit jeder Sekunde zunehmend noch bewusster wurde.

„Kuhmagen?" fragte Will und versuchte ein Lächeln. „Hatte ich noch nicht."

„Der ist für die Hunde. Für uns habe ich Lammfilet mitgebracht, obwohl man durchaus sehr schmackhafte Suppen mit Pansen zubereiten kann."

Will zog die Augenbrauen zusammen, während die Worte in seinem Kopf nachhallten.

Für uns.

Es ärgerte ihn, dass es ihm gefiel, wie es klang und wegen allem, was es implizieren könnte. Er blickte zur Seite, nahm seinen Besucher unwillkürlich genauer in Augenschein.

Hannibal hatte sich seines Mantels und des Sakkos entledigt. Er trug eine dunkelbraune, karierte Weste, perfekt zugeschnitten, über einem blauen Hemd mit einer obligatorischen, deswegen aber nicht weniger geschmackvollen Krawatte. Formal, nicht zu leger.

Hannibal wirkte hier in seiner kleinen Küche, die mehr auf den praktischen Gebrauch ausgerichtet war und nichts von der opulenten Ausstattung zu bieten hatte, mit der Hannibal es sonst zu tun hatte, wie ein Wesen von einem anderen Stern, ein Filmstar, der sich ans falsche Set verirrt hatte.

Dafür sprachen auch seine scharfen Gesichtszüge, besonders im Profil, die hohen Wangenknochen, die aristokratischen Lippen.

Hannibal drehte den Kopf und erwischte Will beim Starren. In seinen Augenwinkeln funkelte ein Lächeln. Wills Mund wurde trocken. Er wünschte, er hätte einen Whiskey.

Zur Hölle, er würde fast alles tun für einen Schluck, der seine Nerven betäubte.

Er wandte den Blick ab und betrachtete den Beutel mit dem Fleisch in seiner Hand.

„Ich habe noch Reis. Wenn wir den kochen, können wir ihn beimischen."

„Eine gute Idee."

Will war satt.

Sein Teller war leer, der Wein ebenfalls. Die Hunde ruhten gut gefüttert auf ihren Plätzen und Benny lag zu Hannibals Füßen.

„Ich glaube nicht, dass Autorität hier das Problem ist", sagte Will und guckte ins leere Weinglas, das er durch seine Finger drehte. „Hunde haben Bedürfnisse, genau wie Menschen. Er ist nicht genug ausgelastet. Er braucht Beschäftigung."

Hannibal nickte. „Ausgedehnte Spaziergänge."

„Nicht nur. Benny ist ein cleveres Kerlchen. Es reicht nicht, ihn bloß auszulaugen. Sein Geist will auch gefüttert werden."

„Was schlägst du also vor?"

„Agility", erwiderte Will und ergänzte: „Hundesport, Parcours-Lauf. Intelligenzspiele." Er blickte auf und ihre Blicke trafen sich. „Ich habe hier Platz und Zeit am Wochenende."

Hannibal lächelte, während seine Augen undefinierbar funkelten.

„Oh Gott, das klingt wie ein Date, oder?" fragte Will. Ein Scherz, wie er mit einem kurzen Lachen betonen wollte.

Aber irgendetwas in seinem Gesicht oder in seiner Stimme hatte ihn betrogen.

„Möchtest du, dass es ein Date ist?"

Will hoffte, dass das indirekte Licht seiner Stehlampe nicht ausreichend genug war, um die Veränderung seiner Gesichtsfarbe preiszugeben.

Er ignorierte sein galoppierendes Herz, zog die Augenbrauen zusammen und gab die Frage zurück: „Möchtest DU, dass es ein Date ist?"

„Wenn es bedeutet, dass ich das nächste Mal Blumen mitbringen darf, würde ich unsere Beziehung gerne auf eine romantische Ebene heben."

Ein Witz, es musste sich um einen Witz handeln. Er weigerte sich schlichtweg, etwas anderes zu glauben.

„Keine Blumen", sagte Will.

„Wie kann ich mich dann für die Hilfe revanchieren?"

Will stand auf und holte eine angebrochene Flasche Whiskey aus dem Schrank. Er spürte Hannibals Blick in seinem Rücken, wie Scheinwerfer, die direkt in sein Herz blickten. Er fühlte sich nackt. Er trank einen Schluck, bevor er sich wieder umdrehte und Hannibal ebenfalls ein Glas reichte.

„Dafür kann ich nichts annehmen. Ich würde sowieso mit den Hunden etwas unternehmen, was macht da einer mehr oder weniger aus?"

„Dann lass mich für das leibliche Wohl sorgen."

„Abgemacht."

Bevor Will zu seinem Platz zurückkehren konnte, griff Hannibal nach seinem Handgelenk. Will schnappte nach Luft, als er die Wärme verarbeitete, die sich durch die Berührung in seinem gesamten Körper ausbreitete.

Ein Blick über die Schulter direkt in Hannibals Augen, der in einer fließenden Bewegung aufgestanden und hinter Will getreten war. Das Rauschen in seinen Ohren wurde lauter, während Hannibals Blick von seinen Augen runter zu seinen Lippen wanderte und wieder zurück.

Eine stumme Frage stellend.

Will schluckte trocken.

Und nickte.

Ja.

„Ja – "

Eine Hand schob sich über seine Wange, hielt sein Gesicht fest, während Hannibal einen trockenen Kuss auf seinem Mund platzierte, die Stirn gegen seine lehnte, mit dem Daumen Kreise auf seiner Wange zog.

Will wagte nicht, die Augen zu schließen. Er musste sich davon überzeugen, dass er nicht träumte. Seine Fingerspitzen fuhren über die Weste, krallten sich in Hannibals Hemd an der Schulter fest. Er spürte die Hitze seiner Haut und die angespannten Muskeln unter dem Stoff und die Kurve eines Lächelns an seinen Lippen.

„Was hältst du von roten Rosen?"