Kapitel 3

~ Verstand und Gefühl ~

Mit einem freudigen Lächeln im Gesicht verließ Eliza das Büro des Schulleiters. Sie würde sich sogleich ans Schreiben der Aushänge machen, sobald sie wieder in ihrem Zimmer war, beschloss sie im Stillen.

Soeben hatte ihr Dumbledore erlaubt, einen Chor zu gründen und gab ihr nun endlich die Möglichkeit, sich sinnvoll in den Schulalltag zu integrieren. Eliza freute sich schon richtig darauf, sich auf die Singstunden vorzubereiten, mit den Schülern Lieder einzuüben und diese vielleicht am Ende sogar in einem kleinen Konzert aufzuführen.

Eine Woche später war es dann soweit, die erste Chorstunde stand bevor und Eliza machte sich voller Erwartungen auf den Weg in den Keller, wo ihr Konzertflügel stand.

Unten angekommen war natürlich noch keiner da, denn Eliza war absichtlich recht früh losgelaufen. Einerseits, um nicht zu spät zu kommen und andererseits, um alles noch etwas herzurichten, bevor die ersten interessierten Schüler eintrafen.

Nachdem sie den Raum hell erleuchtet und den Flügel um 180 Grad gedreht hatte, kamen auch schon die ersten Schüler eingetrudelt.

Eliza begrüßte sie freundlich und lud sie ein, auf den gemütlichen, großen Sitzkissen auf dem Boden Platz zu nehmen. Selbst saß sie auf dem Klavierstuhl und spielte sich und den Flügel mit ein paar Akkorden warm. Nachdem schließlich der Großteil der erwarteten Schülerzahl eingetroffen war, begrüßte Eliza alle noch einmal freundlich lächelnd und erklärte ihr weiteres Vorhaben. Den Rest des ersten Abends verbrachten sie dann damit, ihren neuen Chor vorzusingen zu lassen, um ihn in die verschiedenen Stimmlagen aufzuteilen.

Draußen begann es allmählich wirklich herbstlich zu werden, denn es regnete mittlerweile schon seit einer Woche. Eliza saß in ihrem Zimmer am Fenster und lauschte dem Prasseln der Tropfen an der Scheibe. Sie war etwas bedrückt, denn obwohl ihre Gardinenpredigt in Snapes Klassenzimmer schon über drei Wochen her war, sprach er immer noch kein Wort mit ihr.

Sie hatte sich zwar geschworen, sich auf keinen Fall dafür zu entschuldigen, aber so langsam wankte dieser Entschluss, obwohl sie sich immer noch im Recht wähnte. Sie dachte darüber nach, ob ihre Worte damals vielleicht doch etwas zu hart und direkt waren…

Seufzend erhob sie sich von der Fensterbank und ging zur Tür und in Richtung der Kerker. Sie konnte dieses Anschweigen einfach nicht länger aushalten, das war für sie schlimmer als jedes fiese Wort und jeder musternde Blick, welche sonst immer von Seiten Professor Snapes kamen. Unten angekommen klopfte sie energisch an die Bürotür des Zaubertranklehrers, aber niemand bat sie herein. Auch nach einem weiteren Versuch, sich bemerkbar zu machen, blieb es hinter der Tür still.

Einerseits froh, dass ihr dieses Gespräch erspart blieb, aber auch irgendwie betrübt über den Gedanken, dass nun weiter Schweigen zwischen ihnen herrschte, wendete sich Eliza zum Gehen. Sie überlegte, was sie nun tun sollte und entschloss sich dafür, etwas Musik zu machen, wenn sie schon hier unten war und vielleicht hatte sie ja später mehr Erfolg. Also ging sie in ihren Chorraum und fing kurze Zeit später an zu spielen.

Professor Snape, der gerade in der Bibliothek weilte, war immer noch böse auf Eliza. Er konnte es einfach nicht ertragen, dass sie mit ihren Anschuldigungen in gewisser Weise direkt ins Schwarze getroffen hatte. Irgendwie fühle er sich durchschaut von dieser jungen Frau, die eigentlich blind war und dieses Gefühl, ein offenes Buch zu sein, mochte er überhaupt nicht. Er war es nicht mehr gewohnt, von anderen durchschaut zu werden und es wäre auch äußerst gefährlich für ihn, wenn das bei anderen Personen passieren würde.

Aus diesem Grund beschloss er für sich, Miss Jones lieber soweit es ging aus dem Weg zu gehen, auch wenn sich dies manchmal als recht schwieriges Unterfangen erwies.

Nicht nur, weil sie ihm ständig über den Weg lief und beim Essen neben ihm saß, sondern auch, weil er sie irgendwie gerne beobachtete. In gewisser Weise faszinierte es ihn, wie sie ohne zu sehen zurecht kam.

Wieder einmal hatte Eliza das Gefühl, beobachtet zu werden. Diesmal spürte sie aber nicht wie sonst Beherrschtheit und Kälte, sondern Unsicherheit und Scheu. Es war nicht das erste mal, dass sie von dieser Person beobachtet wurde, schon vor und während den Chorproben hatte sie manchmal das Gefühl gehabt, irgendwer würde heimlich zuhören.

Eliza dachte sich, dass es so langsam mal an der Zeit wäre, mit dieser Person zu reden. Sie konnte sich schon in gewisser Weise denken, was sie ständig hier herunter, an diesen Ort führte. Als sie aufhörte zu spielen merkte sie schon, wie sich ihr heimlicher Beobachter zum Gehen wendete. „Halt, warten sie! Bitte!", sagte Eliza schnell und schaute Richtung Tür.

Als sie hörte, dass die Person stehen blieb sprach sie freundlich und ruhig weiter. „Kommen sie, kommen sie her. Wer sind sie?"

Unsicher kam der unbekannte Zuhörer auf Eliza zu und beantwortete ihre Frage. „Ich… ich bin Miranda…Miranda Richardson, Miss… Ich…ich wollte nicht zuhören…" Eliza lächelte und rutschte auf ihrem Klavierstuhl etwas zur Seite und bedeutete dem Mädchen sich zu setzen. „Ist schon gut, Miss Richardson, sie können mir gerne zuhören, ich freue mich, wenn es ihnen gefällt. Kommen sie… setzen sie sich zu mir."

Zögerlich kam Miranda näher und setzte sich neben Eliza, die deutlich ihre Unsicherheit und ihre Scheu bemerkte. „Spielen sie Klavier, Miss Richardson?", fragte Eliza in freundlichem Ton. „Nein, ich… ich kann kein Klavier spielen, ich kann gar kein Instrument… ich… nein."

„Das glaube ich nicht.", entgegnete Eliza fröhlich, „Sie können bestimmt Klavier spielen, sie wissen es nur nicht. Kommen sie, wir spielen zusammen etwas!" „Nein, ich kann… ich kann nicht einmal Noten lesen…", warf Miranda leise und etwas ängstlich ein. „Das macht nichts… Kommen sie… es ist gar nicht schwierig. Sie spielen diesen Ton…", Eliza schlug eine Taste an, „…und danach gleich diesen Akkord mit der anderen Hand…", wieder schlug sie ein paar Tasten an, „…und das immer, wenn ich mit dem Kopf nicke. Es ist ganz einfach. Lassen sie's uns versuchen! Spielen sie kurz einmal zur Probe ohne mich und dann spielen wir zusammen!", munterte sie Eliza auf.

Zögerlich legte Miranda ihre Finger auf die besagten Tasten und schlug sie an, wie ihr geheißen wurde. „Gut, das war doch schon ganz prima!", sagte Eliza. „Jetzt fange ich an zu spielen und immer wenn ich mit dem Kopf nicke, dann spielen sie, ja? Und sie können ruhig so richtig in die Tasten hauen, man soll ja auch was hören, nicht wahr?", lächelte sie. „Der Flügel geht davon bestimmt nicht kaputt. Also, fangen wir an!" Miranda nickte nur kurz zur Bestätigung, sie war so verwirrt von allem, dass sie erst später realisierte, dass ihre Nachbarin das Nicken gar nicht sehen konnte, da sie blind war. Eliza begann zu spielen und nickte zwischendurch immer mal wieder, wonach Miranda mit immer mehr Freude und Selbstvertrauen die ihr anvertrauten Töne spielte.

Professor Snape war gerade wieder auf dem Weg von der Bibliothek in sein Büro, als leise Klaviermusik an seine Ohren drang. Diese Frau kann auch keinen Tag ohne ihr Geklimper sein, dachte er sich, wobei er sich eigentlich eingestehen musste, dass ihm ihr Geklimper eigentlich meistens ganz gut gefiel. Es hatte irgendwas Beruhigendes an sich, fand er.

Weil er im Moment ohnehin ein wenig Zeit hatte, entschloss er sich einen kleinen Umweg in Kauf zu nehmen, um sich das Stück von Nahem etwas genauer anhören zu können. So ging er Richtung Chorraum und als er dort ankam stutzte er ein wenig. Miss Jones spielte nicht alleine, es war noch jemand bei ihr. Sich bedeckt haltend beobachtete er die Szenerie ein paar Minuten interessiert. Es verwunderte ihn, wie Eliza es geschafft hatte, Miss Richardson zum Spielen zu bewegen.

Nach einiger Zeit beendete Eliza ihr Spiel und schaute zufrieden in Richtung Miranda. „Das war wunderbar!", lächelte sie sie an. „Und sie wollten mir erzählen, sie könnten kein Klavier spielen." Das Mädchen neben ihr lächelte auch leicht, denn irgendwie war sie selbst darüber verwundert, wie gut sie es doch konnte, obwohl sie wirklich noch nie an einem Instrument saß. Dennoch schränkte sie mit zurückhaltender Stimme ein: „Aber ich habe doch nur vier Töne gespielt…" „Vier ganz wichtige Töne…", entgegnete Eliza freundlich, „…ohne ihre vier Töne wäre das Stück nicht komplett – passen sie auf, ich zeige es ihnen!", und sie begann ihren Teil des Stückes noch einmal zu wiederholen und selbst das ungeübte Ohr erkannte, dass in der Melodie einfach die Essenz zu fehlen schien.

„Sehen sie,…", schloss Eliza mit freundlicher Stimme, „das wichtigste sind diese vier Töne. Es sind nicht immer allein die großen Dinge, die von Wert sind… vielmehr durch die kleinen unscheinbaren Teile erlangen sie ihre volle Pracht." Miranda lächelte und erhob sich dann von ihrem Platz. „Danke, Miss Jones. Ich… es hat wirklich Spaß gemacht…", sagte sie mit leiser Stimme. Gerne wollte sie noch fragen, ob sie wiederkommen dürfte, aber das traute sie sich nun doch nicht. Es war ihr schließlich immer noch sehr unangenehm, dass sie beim heimlichen Zuhören erwischt wurde. Eliza spürte, dass es dem Mädchen immer noch unangenehm war, entdeckt worden zu sein und sie hatte auch irgendwie das Gefühl, wie wenn ihr die Musik einiges bedeutete, sie sich aber nicht traute, den entscheidenden Schritt zu wagen, sei es aus Angst, Scham oder mangelndem Vertrauen in ihre eigenen Fähigkeiten. Um ihr die Entscheidung etwas abzunehmen, sagte sie schließlich freundlich lächelnd: „Nichts zu danken, Miss Richardson. Kommen sie doch wieder, wenn sie Lust haben. Ich würde mich freuen…" Miranda freute sich sehr, das zu hören, verabschiedete sich schließlich von Eliza, nicht ohne sich vorher noch einmal zu bedanken und verließ den Raum.

Gerade noch rechtzeitig merkte Professor Snape, dass sich Miranda Richardson zum Gehen wendete. Er glitt lautlos um die nächste Ecke, denn er wollte es unter allen Umständen vermeiden, beim heimlichen Zuhören ertappt zu werden und das womöglich noch von einer seiner Schülerinnen. Als Miranda gegangen war, wollte er sich gerade auch auf den Rückweg in sein Büro machen, als er von einer ihm wohlbekannten Stimme zurückgerufen wurde.

Der Moment war also doch gekommen, wo er es bereute, hierher gekommen zu sein, um zuzuhören. Eliza hatte nach ihm gerufen und somit schon wieder seine heimliche Anwesenheit bemerkt. So langsam wurde ihm diese Frau wirklich unheimlich. Widerwillig folgte Snape ihrem Ruf und ging zu ihr, während er sich fragte, wie sie es immer wieder schaffte, seine Anwesenheit zu bemerken.

Zufrieden lächelnd über das heute Erreichte klappte Eliza gerade den Flügel ein, als sie bemerkte, dass der von ihr gerufene Zaubertranklehrer hinter ihr stehen blieb.

Obwohl es ihr gegen den Strich ging, nachzugeben, wollte sie mit ihm reden und sich für ihre Auseinandersetzung vor ein paar Wochen entschuldigen. Das er gerade in der Nähe war, war Eliza gerade recht, so musste sie nicht mehr an seinem Büro vorbei, oder ihn vielleicht sogar noch suchen. Freundlich lächelnd drehte sie sich um und schaute in seine Richtung. „Ich würde gerne mit ihnen reden, Professor Snape… und im Grunde hätte ich auch gern, dass sie wieder mit mir reden.", sagte Eliza und machte dann eine kurze Pause, um die richtigen Worte zu finden. „Was ich vor ein paar Wochen zu ihnen gesagt habe, in ihrem Klassenzimmer… ich wollte ihnen damit nicht zu nahe treten, aber sie haben sich für mein Empfinden einfach so daneben benommen, dass ich mir Luft machen musste. Es tut mir leid."

Professor Snape war einmal mehr leicht überrascht über das, was Eliza sagte und tat. Er hätte jetzt mit allem gerechnet, aber nicht mit einer Entschuldigung für eine Sache, die schon Wochen zurück lag und von der er dachte, dass es nur ihn weiter beschäftigte. Wenn er jetzt so darüber nachdachte, dann war es eigentlich an ihm, sich zu entschuldigen, denn im Grunde hatte er sich wirklich etwas daneben benommen. Schließlich war Eliza blind und er hatte sich daraus einen Spaß gemacht. Das Problem war nur, dass er sich nicht entschuldigen konnte, auch wenn er wollte. Die letzte richtige Entschuldigung war schon so lange her, dass er einfach nicht mehr richtig wusste, wie er so etwas überhaupt anpacken sollte. So stand er einfach nur da und wusste nicht so genau, was er darauf nun antworten sollte. Es kam nicht sehr oft vor, dass ihn jemand um Entschuldigung bat.

Eliza wusste indes nicht so recht, was sie von seinem Schweigen halten sollte. Sie versuchte zu erfühlen, was er dachte, aber es war nur ein Wirrwarr den sie nicht recht zuordnen konnte. Bemüht, ihre Unsicherheit über dieses einseitige Gespräch zu verbergen, sagte sie schließlich freundlich und ruhig, „ Das… war's eigentlich auch schon, was ich sagen wollte…" und verlies dann zügigen Schrittes den Raum.

Auf dem Weg nach oben fragte sie sich im Nachhinein unentwegt, was ihr das jetzt gebracht hatte. Sie hatte sich höchstens zum Affen gemacht vor ihm. Wahrscheinlich, so dachte Eliza, lachte er sich jetzt ins Fäustchen, dass sie nachgegeben hatte.