Kapitel 4
Ich verbrachte den nächsten Morgen und sogar einen Teil des Nachmittags mit der schwierigen Entscheidung, was man zu einem Vorstellungsgespräch anzog, bei dem ich nicht wusste, was für eine Stelle ich an Land zu ziehen versuchte. Was taten Leute bei einer Catering-Firma eigentlich? Ich versuchte, mich an Empfänge zu erinnern, die ich besucht hatte, als Highschool-Freunde von mir vor einigen Jahren geheiratet hatten. Da hatte es Kellner gegeben, und vermutlich Köche (etwas, wovon ich unmöglich jemanden, der über einen ausgeprägten Geschmackssinn verfügte, überzeugen konnte, dass ich es könnte, egal welche Überredungskünste Sam aufbot), und Leute, die herumliefen und alle möglichen Dinge taten. Was hatte eine Person in einem Unternehmen wie diesem an?
Am Ende war die Wahl dank Mr. P einfach. Er kam nach dem Mittagessen herein und sah aus, als sei er gelangweilt und bräuchte jemand, den er belästigen könnte. Er legte seinen Kopf auf das Bett, wo ich meine Kleidung herausgelegt hatte, und starrte mich trübselig an. „Heute Nachmittag führe ich dich nicht spazieren", sagte ich streng und versuchte, seinen Kopf von einem Rock wegzudrücken. „Ich habe ein Vorstellungsgespräch. Also geh weg und lass mich in Ruhe anziehen."
Mr. P ignoriert mich (wieder einmal) und begann, besagten Rock zu besabbern. Ich schrie auf und zog ihn unter seinem Maul weg, aber er schüttelte nur seinen Kopf und besabberte stattdessen eine Hose. „Mr. P, du ruinierst mir ja alles!" schrie ich und begann, Sachen aus seiner Reichweite zu schleudern. Er beäugte den Kleiderhaufen, den ich erzeugte, drehte sich mehrmals und lümmelte sich hin, den Kopf an einen Pullover geschmiegt.
Das einzig übriggebliebene, das nicht unter ihm lag (oder von Hundespeichel durchnässt war), war das Kleid, das Mama im Jahr zuvor für mich gekauft hatte. Ich hatte damals nicht viel Verwendung dafür gehabt; es war schwarz und weiß, und sein gerade geschnittener Rock ging knapp über die Knie. Ich fühlte mich, als könnte ich als Zielflagge bei einem Rennen durchgehen. Dennoch, dank dem verrückten Hund (der inzwischen auf dem Fußboden fest eingeschlafen war), war es das einzige, was ich noch hatte, das keine Bluejeans oder kurze Hose war, also musste es ausreichen.
Als ich aus der Einfahrt herausfuhr, stellte ich mit Bestürzung fest, dass die Blumen, auf denen ich am Tag zuvor kollabiert war, sich nicht wieder wie erhofft erholt hatten,, und ich nahm mir fest vor, am nächsten Tag die Gärtnerei aufzusuchen. Ich hoffte, dass Bea eine Beschreibung (und die Namen) all der Blumen im Vorgarten aufbewahrt hatte. Wenn es irgendetwas mit Mr. Poppikins zu tun hatte, würde ich wohl Glück haben.
Dieses Mal umschiffte ich den Monument Circle erfolgreich und war um 15:30 Uhr auf dem Parkplatz. Ich stellte den Motor ab und blieb noch eine Minute in Georges Auto sitzen, wobei ich mich fragte, was ich als nächstes tun sollte. Ich rieb mir die Stirn und zwang mich aus dem Auto auszusteigen, bevor ich es mir anders überlegen und wieder heimfahren konnte.
Im Inneren des Gebäudes war es kühl. Ich sah mich um und versuchte festzustellen, welche Art von Mensch Mr. Selman war. Die Empfangshalle bestand ganz aus dunkler Holzvertäfelung und dicken Teppichen, und in der Mitte des Raumes stand ein großer Schreibtisch. Die Frau, die hinter dem Computer saß, sah nicht auf, als sich die Tür hinter mir schloss.
Ich wartete dort einen Augenblick und fragte mich, ob ich mich irgendwo eintragen sollte oder warten, bis jemand bemerkte, dass ich da war. Elizabeth wäre nicht wie ein Idiot dagestanden, ermahnte ich mich selbst. Komm schon, du bist eine Frau des 21. Jahrhunderts, keine rückgratlose Qualle. Mach's wie Elizabeth und zeige dich der Situation gewachsen!
Ich räusperte mich und ging zu der Computerfrau, als ob ich erwartet würde. Ihr Blick verharrte auf dem Bildschirm vor ihr, als ich gekünstelt hustete. „Entschuldigen Sie", sagte ich in meiner besten Sie-sollten-mich-lieber-beachten-weil-ich-hochgestellte-Leute-kenne Stimme. „Mr. Selman hat mich gebeten, ihn heute Nachmittag hier zu treffen."
Die Frau zog ihre Brille sorgfältig bis zu ihrer Nasenspitze herunter. „Und welcher Mr. Selman wäre das dann genau?"
Ich öffnete den Mund, um zu antworten, dass es natürlich Sam sei, aber dann merkte ich, dass ich sehr wenig über seine Familie wusste, außer dass sein Vater ein Catering-Unternehmen besaß. Arbeitete Sam überhaupt hier? Hatte er das gesagt? Was, wenn dies alles ein grässliches abgekartetes Spiel war? „Hören Sie", sagte ich ein wenig verzweifelt im Wissen, dass jede Ähnlichkeit zwischen mir und Elizabeth Bennet soeben verschwunden war, „ich habe Sam am Montag auf dem Trail getroffen, und er hat mir gesagt, ich solle vorbeikommen und er würde mir helfen, ein Vorstellungsgespräch zu bekommen. Ich weiß nicht, ob er noch jemand anderem erzählt hat, dass ich hier sein würde, aber mein Name ist Katie Embury und bitte, lassen Sie mich hinein."
Die Frau starrte mich eine geraume Zeit lang an, anscheinend durch meine eher unverständliche Rede aus der Fassung gebracht. Sie hatte sich gerade bewegt, um ihre Brille auf die Nasenwurzel zurückzuschieben, als eine tiefe männliche Stimme aus dem Halbdunkel hinter ihr erklang.
„Lassen Sie sie rein, Agnes."
Ich blickte mich verwirrt um. Saß da jemand irgendwo in einer Ecke? Ich konnte nicht einmal Lautsprecher sehen. Agnes schaute gen Himmel und drückte einen Knopf auf ihrem Schreibtisch. Ein Stück der Täfelung auf der einen Seite öffnete sich lautlos, und ich ging mit einer gewissen Beklommenheit hindurch, bevor sie sich lautlos hinter mir schloss. Was war das für ein Ort, eine Art holzgetäfelte Star Trek Veranstaltung?
Eine gehetzt wirkende Frau wartete auf der anderen Seite auf mich und lächelte mich zerstreut an. „Sie sind also die berühmte Katie", sagte sie mit einem Blick auf mein Kleid. Das Lächeln wurde etwas ungekünstelter. „Ich muss sagen, ich habe etwas anderes erwartet."
Nicht das schon wieder. „Ich bin nicht die Person, für die Sie mich halten", sagte ich etwas steif zu ihr. „Ich bin aus Vincennes. Mein Vater ist Chemielehrer an der Highschool."
Ihre rechte Augenbraue hob sich, und ich stöhnte innerlich. War ich auf ewig verflucht, von Menschen mit erhobenen Augenbrauen umgeben zu sein? Es war einfach nicht fair. „Nein, so was!" sagte sie und fing an zu lachen. „Ich war mir sicher, dass Sam scherzte, als er sagte, er habe Katie Embury auf dem Monon Trail getroffen, und so war es auch. Er hat mir einfach nicht die ganze Geschichte erzählt." Sie hielt inne, um auf die Uhr zu schauen, ging dann mit großen Schritten den Flur entlang und ließ mich in ihrem Kielwasser hinterher laufen. „Ich bin übrigens Hannah. Sam ist mein Bruder."
Wie viele Selman Geschwister gab es? War jeder in diesem Unternehmen irgendwie verwandt? „Freut mich, Sie kennenzulernen. Sam war neulich sehr nett zu mir."
Hannah drosselte das Tempo und kam vor einem Schreibtisch zum Stehen, der bis auf einen Computer und einen sehr kompliziert aussehenden Drucker leer war. „Hier sind wir", sagte sie zu mir und sah erneut auf die Uhr. „Sie sollten besser da hineingehen, sonst kommen Sie zu spät." Sie drehte den Türknauf für mich und schob mich hinein. „Viel Glück!", flüsterte sie, bevor sie die Tür zuzog.
Ich versuchte dahinterzukommen, wie ich zu spät sein konnte, wenn ich noch nicht einmal einen Termin für ein Vorstellungsgespräch hatte, als ich den Raum betrat. Er schien leer zu sein, also schaute ich mich neugierig um. Eine Sendung mit Nachrichten aus dem Unterhaltungsbereich lief leise auf einem Fernseher, der an der Wand über der Tür angebracht war, und ich war eine Sekunde lang abgelenkt, als ein Baseball-Ergebnis über den unteren Bildschirmrand scrollte. Die Yankees hatten verloren (*1). Schon wieder. Mit der Welt war alles in Ordnung.
Das Geräusch von laufendem Wasser schreckte mich in die Realität zurück, und ich glättete nervös meinen Rock, als ein Mann aus einer Tür trat, die in einer anderen holzverkleideten Wand versteckt war. Er setzte sich an den Schreibtisch, lehnte sich zurück und sah mich an, ohne ein Wort zu sagen. Ich beschloss, dass man dieses Spiel auch zu zweit spielen konnte, starrte zurück und schätzte, dass dies der geheimnisvolle Mr. Selman sein musste.
Ich konnte sehen, wo Sam sein Darcy-haftes Aussehen herhatte, seufzte innerlich und fragte mich, wo Sam war. An der männlichen Selman Ausgabe, die sich derzeit vor mir befand, wirkte das gute Aussehen und das lockige Haar irgendwie gewitzt anstelle von ernsthaft.
Offenbar fertig mit seiner Inspektion stand Mr. Selman langsam auf und sprach mich über den Rand seines Computer-Bildschirms an. „Also Sie sind Katie Embury", sinnierte er, wobei er seine Arme verschränkte. „Sam hat mir so einiges über Sie erzählt. Er hat mich dazu gebracht, Sie mir anzusehen, wenn Sie heute hierher kämen."
„Ja?" Ich errötete, als ich meine Stimme quieken hörte.
„Sam sagt vieles, was ich normalerweise überhöre, aber da war etwas mit Ihrem Namen, das mein Interesse geweckt hat. Ich weiß nur nicht, was es ist." Er runzelte die Stirn, bevor er auf mich zu ging. „Ich nehme an, Sie haben einen Lebenslauf vorbereitet?"
Ich hielt ihn umklammert, seit ich das Gebäude betreten hatte; jetzt gab ich ihn ihm, wobei ich wünschte, er wäre nicht ganz so faltig und verschwitzt. Er warf einen kurzen Blick darauf, bevor er ihn auf den Tisch warf. „Sind Sie schon jemals persönliche Assistentin gewesen?"
Seine Frage überraschte mich. „Nein", gab ich zu, „aber ich dachte –"
„Das spricht für Sie. Können Sie tippen?"
Ich dachte an all die Essays, die ich im College verfassen musste, und all die Briefe, die ich für Onkel Bob verfasst hatte und grinste. „Ich weiß nicht, wie viele Wörter pro Minute, aber ich bin besser als manch andere."
Er bewegte den Kopf ruckartig, was nach meiner Vermutung ein Nicken darstellte, und fuhr fort, mich zu mustern. Es war eine sehr unangenehme Sache, von einem Mann angestarrt zu werden, der vermutlich mein Großvater sein könnte (ich würde ihn natürlich googeln müssen, wenn ich wieder nach Hause kam, um nachzusehen, wie alt er gewesen war, als er Sam und Hannah bekommen hatte), als sei ich eine Art preisgekröntes Schaf. Ich fragte mich müßig, ob ich ihm meine Zähne zeigen sollte. Gott sei Dank hatte ich all diese Jahre mit Zahnspangen ertragen.
Mr. Selmans Augen huschten hoch zu dem Bildschirm über meinem Kopf, und ich hätte schwören können, dass ich sah, wie sich seine Augen weiteten. Was ging da oben vor sich?
Als er wieder herunter auf mich sah, war seine Miene berechnend. „Wann könnten Sie anfangen, Miss Embury?" fragte er in einem sehr selbstzufriedenen Ton.
Nun, Montag war Labor Day (*2), also: „Am Dienstag?"
„Dienstag dann. Ich erwarte Sie um neun Uhr. Hannah wird Sie jetzt noch herumführen, während ich die Konditionen für Ihr Stellenangebot vorbereite." Und damit wandte er sich seinem Schreibtisch zu.
Ich war mir nicht sicher, wie ich es aus dem Zimmer geschafft hatte, aber da war ich nun und stand vor Hannah mit einem Gesichtsausdruck, der – da war ich mir sicher – glasig war. „Wie ist es gelaufen?" fragte sie.
Ich öffnete und schloss ein paar Mal den Mund, bevor ich einen Ton herausbrachte. „Ich habe den Job bekommen", brachte ich schließlich zustande. „Ich weiß nur nicht, was für ein Job es ist."
Sie grinste mich an und führte mich, viel langsamer diesmal, den Flur entlang zurück. „Ich glaube, Sie werden die persönliche Assistentin meines Vaters", teilte sie mir mit. „Es erfordert keine übermäßige Intelligenz, aber er kann manchmal ein bisschen anspruchsvoll sein."
„Anspruchsvoll? Sollte ich mir Sorgen machen?"
Sie verzog das Gesicht. „Nun ja, er hat in diesem Jahr bislang vier persönliche Assistentinnen verschlissen. Aber ich bin sicher, es wird Ihnen gefallen", fügte sie hastig hinzu. „Also, wo sollen wir den Rundgang beginnen? Ich weiß, Sie möchten sehen, wo Sam im Moment arbeitet, also sollten wir vielleicht dort anfangen."
Ich achtete nicht wirklich darauf, wohin wir gingen. „Das war das seltsamste Vorstellungsgespräch, zu dem ich je gegangen bin", murmelte ich, als wir den Flur entlang gingen. Vielleicht hatte Sam mehr getan, als nur ein gutes Wort für mich eingelegt. Er musste ein paar sehr nette Dinge gesagt haben. Entweder das, oder Mr. Selman dachte, ich sei jemand, die ich nicht war. Aber warum sollte er glauben, die andere Katie Embury wolle einen Job? Ich versucht immer, nicht allzu genau zu verfolgen, was sie tat – das hätte sich zu eigenartig angefühlt – aber nach dem wenigen, das ich mitbekommen hatte, schien sie überhaupt nicht der Typ zu sein, der sich für eine Vollzeitbeschäftigung interessieren würde. Jetzt, wo ich daran dachte, erschien sie mir stattdessen wie die Art von Person, die stundenlang fröhlich mit Jessica herumhängen könnte.
Ich stieß fast mit Hannah zusammen, als sie vor einer nicht näher beschrifteten Tür stehen blieb. „Hier können Sie Sam finden", sagte sie und stieß sie auf. Eine aufregende Sekunde lang war ich sicher, dass er da war, und ich hielt den Atem an. Es war leider dunkel und leer. Und sehr klein. „Was macht er überhaupt für Ihren Vater?" fragte ich und spähte in den schwach beleuchteten Raum. Er ähnelte mehr dem Inneren eines Kühlschranks als einem richtigen Arbeitsraum. Er brauchte eine gute Belüftung – was er war wohl nicht bekommen würde, da es keine Fenster gab.
Hannah lachte über meine Äußerung. „Anders als David hat sich Sam dafür entschieden, das Geschäft von der Pike auf zu lernen", erklärte sie. „Er wollte keine Führungsposition bekommen, ohne zuvor zu wissen, was sich hinter den Kulissen tut. Er hat versucht, ein Büro überhaupt abzulehnen, aber Vater dachte, es würde seltsam aussehen für den Sohn des Eigentümers – wie hat er es wieder ausgedrückt? – in den Büros herumzuwandern wie ein obdachloses Straßenkind. Oder so ähnlich."
Ich war beeindruckt. Nicht von Mr. Selmans Vergleich, aber von Sams Absicht. „Ich nehme an, Sam hat die Schlacht verloren."
Sie warf mir einen amüsierten Blick zu. „In gewisser Weise. Vater wünschte, er solle etwas Besonderes bekommen, und ich glaube, das da wurde mal als Besenkammer benutzt. Buchstäblich. Aber Vater hat ja wenigstens David."
„Wer ist David?"
Das handelte mir einen seltsamen Blick ein. „Er ist unser ältester Bruder", sagte sie. „Wie lange kennen Sie Sam eigentlich genau?"
Das war eine schwer zu beantwortende Frage. „Technisch gesehen kenne ich ihn seit Montag", antwortete ich langsam. „Aber ich habe nur das eine Mal mit ihm gesprochen, auf dem Trail."
Ihre Augenbraue schoss so hoch wie sie konnte, ohne mit ihrem Haaransatz zu verschmelzen. „Wirklich? So wie er redete, klang es, als ob ihr euch schon sehr viel länger kennen würdet. Nun ja, er hat geschworen, er würde am Dienstag zurück sein, daher denke ich, dass Sie ihn dann sehen werden." Sie schloss die Tür zur Besenkammer-alias-Chef-Büro und wir steuerten auf die Küchen zu.
Eine Stunde später war mein Gehirn taub. Ich kann nur eine bestimmte Menge an Informationen auf einmal verarbeiten, und ich erreichte diese Grenze auf unserem Rundgang bereits nach 5 Minuten. Ich wünschte, ich hätte die Weitsicht gehabt, ein Notizbuch mitzubringen, damit ich aufschreiben könnte, was sie sagte, und die Sachen über das Wochenende auswendig lernen.
Hannah lächelte mich verständnisvoll an, als wir zurück zu Mr. Selmans Büro steuerten. „Ich vergesse andauernd, dass nicht jeder mit einem Catering-Unternehmen in der Familie aufgewachsen ist", sagte sie reumütig. „Ich bin sicher, dass du den Dreh ziemlich schnell heraus haben wirst. Und wenn nicht, ist es auch okay; die meiste Zeit wirst du ohnehin mit dem Catering der persönlichen Angelegenheiten meines Vaters verbringen." Ich versuchte, bei ihrer Wortwahl zu lächeln, aber ich muss nicht sehr überzeugend gewesen sein. „Es wird schon gutgehen, Katie", fuhr Hannah aufmunternd fort. „Ich gebe dir meine Handynummer, und du kannst mich anrufen, wenn du Fragen hast."
Zu diesem Zeitpunkt hatten wir meinen zukünftigen Schreibtisch erreicht, sie zog eine Karte aus einer Schublade und schrieb ihre Angaben auf die Rückseite. Was war los mit diesen Leuten und ihren Visitenkarten? Sie schienen jederzeit aus dem Nichts aufzutauchen, wenn jemand eine benötigte. Würde das auch mit mir passieren, wenn ich einmal anfing hier zu arbeiten?
„Gib mir deine Handy-Nummer. Ich bin sicher, Sam hat sie schon, aber ich brauche sie vielleicht später."
Ich starrte sie verdutzt an. „Ich habe kein Handy."
Die Tür zum Büro von Mr. Selman flog auf und er stand mit einem entsetzten Gesichtsausdruck in der Tür. „Sie haben kein Handy? Wie kann da jemand mit Ihnen Kontakt aufnehmen?"
Ich zuckte mit der Schulter und steckte Hannahs Karte in meinen Geldbeutel. „Sie hinterlassen mir zu Hause eine Nachricht, und ich melde mich bei ihnen, wenn ich kann. Wenn es ein Notfall ist, wissen die Leute, die mich kennen, wo Sie mich finden." Es kam mir in den Sinn, dass er wohl nicht ohne ein Handy gewesen war, seit sie erfunden worden waren, und ich konnte nicht umhin zu grinsen, als ich mir Mr. Selman mit einem Telefon in der Größe von Kentucky unter seinem Kinn eingeklemmt vorstellte.
„Na, junge Dame, ich fürchte, so geht das nicht. Ich erwarte, dass ich Sie erreichen kann, wann ich will, und ich bin nicht sehr gut im Warten. Hannah, sieh zu, dass sie ein Telefon bekommt, sobald sie hier fertig ist." Hannah nickte stumm, als Mr. Selman mir mehrere Blätter Papier reichte. Er schien besser aufgelegt zu sein als während unseres Gesprächs – wenn man es so bezeichnen konnte – und ich konnte nicht umhin, mich zu fragen, was ihn in so gute Laune versetzt hatte. „Hier sind die Details Ihrer Beschäftigung bei Peters Perfect Catering." Er schloss seine Rede mit sichtlichem Stolz, und ich unterdrückte ein Schmunzeln. Ich konnte mir leicht vorstellen, wie Josie reagieren würde, wenn ich eine Firma nach mir selbst benennen würde.
Ich warf einen Blick auf die Papiere, die er mir gegeben hatte, und mir fiel die Kinnlade herunter. „Sie können mir nicht im Ernst so viel Geld anbieten wollen", sagte ich schwach.
„Ist es nicht genug?" Mr. Selman runzelte die Stirn. „Ich vermute, ich könnte für eine kleine Zulage sorgen. Ich weiß, Sie haben ein Image zu pflegen."
Ich war so schockiert, dass ich nicht viel von dem erfasste, was er sagte. „Nein, das habe ich nicht gemeint. Der Betrag, den Sie mir anbieten, ist ausreichend, um ein kleines Dritte-Welt-Land zu ernähren."
Mr. Selman entspannte sich und tätschelte nachsichtig meine Schulter. „Aber, aber, Miss Embury. Wenn Sie keine anderen Einwände haben, unterschreiben Sie bitte das Angebot und ich sehe Sie dann am Montag. Hannah, vergiss nicht Miss Embury mitzunehmen, um dieses Handy zu kaufen, sobald du hier fertig bist."
Ich unterschrieb das Angebot mit zitternden Fingern, und er verschwand wieder in seinem Büro und überließ es mir und Hannah, einander anzustarren.
„Nun, ich bin froh, dass das gut gegangen ist." Hannah schüttelte leicht den Kopf und führte mich durch die Empfangshalle. Ich konnte spüren, wie Agnes mich musterte, als wir an ihrem Schreibtisch vorbei gingen, und lächelte die Empfangsdame nervös an. Sie schien nicht allzu glücklich zu sein, mich mit Hannah zu sehen. „Bis Dienstag dann!" murmelte ich über meine Schulter. Sie starrte mich nur an, die Brille auf halber Strecke an ihrem Gesicht festgefroren.
Eine Stunde später war ich stolze Besitzerin eines neuen Handys, von dessen Bedienung ich keine Ahnung hatte. „Ich weiß noch immer nicht, warum ich eines von dieser Dingern benötige", sagte ich zweifelnd und drehte das Telefon in meinen Händen. „Ich hatte bisher noch nie irgendeine Verwendung dafür, und dein Vater bezahlt mir zu viel Geld, wie es aussieht. Er braucht mir nicht auch noch das zu kaufen, zumal ich glaube, dass mich nie jemand anrufen wird."
Hannah lachte darüber und lenkte ihr Auto auf den Parkplatz der Catering-Firma. „Du wirst überrascht sein, wenn du herausfindest, wie nützlich sie sein können. Und wie nervig." Sie seufzte und fuhr in eine Parklücke. „Ich werde Papa deine Nummer erst geben, wenn du am Dienstag kommst, also genieße die letzten Tage voll Ruhe und Frieden, die dir für längere Zeit vergönnt sind."
Ich starrte sie an und hoffte, dass sie nicht damit meinte, Mr. Selman würde mich mitten in der Nacht anrufen, um Sachen aus der Arbeit zu besprechen. Oder, dass er irgendetwas etwas anderes bereden wollen würde, während der Rest der Welt vermutlich schlief, wenn wir schon dabei sind.
„Es wird alles gut gehen", sagte sie in forschem Ton. „Ich denke, du passt sehr gut zu uns. Es ist schon lange her, dass ich eine von Papas persönlichen Assistentinnen mochte, und ich mag dich wirklich sehr." Sie warf einen Blick auf ihre Uhr und stöhnte. „Ich muss wieder zurück", sagte sie entschuldigend. „Ruf mich an, wenn du übers Wochenende Fragen hast. Ich freue mich, dass du an Bord bist!" Sie grinste mich ein letztes Mal an, bevor sie aus dem Auto und in das Gebäude flitzte und es mir überließ, auf den Apparat in meiner Hand zu starren. Ich staunte, wie drastisch sich mein Leben im Verlauf von drei Stunden verändert hatte.
Ich musste noch eine Stunde rumbringen, bevor ich mich mit Jessica zum Abendessen traf, also ließ ich Georges Auto bei der Catering-Firma stehen, schlenderte in Richtung Monument Circle und überflog dabei müßig die Bedienungsanleitung. Hannah war aufs Ganze gegangen und hatte mir ein Telefon gekauft, das Schnickschnack und Dingsdas hatte, von denen ich nie zuvor gehört hatte. Es war krass, was ein Handy heutzutage konnte. Ich hoffte wirklich, Mr. Selman würde nicht von mir erwarten, das alles zu verwenden.
Als ich den Kreisverkehr im Stadtzentrum erreichte, hatte ich immer noch keine Ahnung, wie man eine SMS sandte, und ich fing an zu überlegen, ob ich es nicht zurückbringen und auf etwas weniger high-tech-artigem bestehen sollte, als jemand meinen Namen rief. Ich hob den Kopf und sah Officer Fredericks auf der anderen Straßenseite hektisch winken. Ich joggte also hinüber, um mit ihm zu reden.
Er grinste, als ich auf seiner Seite ankam. „Wie ich höre, hast du gestern meine Frau und meine Tochter getroffen", berichtete er mir mit offenkundigem Stolz in der Stimme. „Junie war so begeistert. Es ist schon eine Weile her, dass jemand in unserem Alter hergezogen ist."
„Was ist mit Jessica?"
Er sah mich verständnislos an. „Jessica, wer?"
Kein Wunder, dass er noch kein Kriminalbeamter war. Der Mann wusste nicht einmal, wer in seiner eigenen Straße wohnte. „Das Mädchen in dem Haus am anderen Ende der Straße in der Nähe des Parks."
Officer Fredericks dachte für einen Moment nach, bevor er den Kopf schüttelte. „Ich fürchte, ich habe sie noch nicht gesehen. Junie sagt, du hättest dich nach einem Job umgeschaut. Schon was gefunden?"
Ich grinste ihn an und nickte. „Du siehst vor dir die neueste Mitarbeiterin von Peters Perfect Catering", sagte ich mit einem Knicks und lachte. „Ich schätze, ich war zur rechten Zeit am rechten Ort." Entweder das, oder ich schuldete Sam einen großen Gefallen.
Er runzelte die Stirn und rieb sich nachdenklich das Kinn. „Das gehört Peter Selman, oder?" Als ich nickte, schaute er die Straße entlang in die Richtung, aus der ich gekommen war. „Peter Selman wollte schon lange der alleinige Caterer für das Indy 500 sein", sagte er langsam. „Hat er dir etwas darüber erzählt?"
„Ich wurde heute erst eingestellt. Er hatte kaum Zeit, um mir viel zu erzählen."
Sein Stirnrunzeln vertiefte sich. „Nun, behalte alles Verdächtige im Auge. Er scheint sehr gerissen zu sein." Dann bemerkte er das Telefon, das ich noch immer in der Hand hielt, und fragte: „Ich halte dich nicht von einem Anruf ab, oder?"
Ich rümpfte meine Nase über das Ding und klappte es auf. „Ich habe es gerade bekommen und werde nicht schlau daraus. Vielleicht sollte ich es einfach zurückbringen."
Er nahm es und drückte ein paar Knöpfe. „Was wolltest du machen?"
„Ich dachte, ich könnte meiner Freundin eine SMS schicken, um ihr zu sagen, dass ich schon früher soweit bin fürs Abendessen."
Er drückte noch ein paar Tasten und hielt es mir hin. „Bitte schön. Du brauchst nur ihre Handynummer und schon kann's losgehen."
Ich starrte ihn mir einer gewisser Ehrfurcht an. „Sind alle Polizisten in der Handy-Nutzung geschult, oder bist du einfach in Sachen Technik echt so fortschrittlich?"
Er lachte und legte mir das Ding in die Hand. „Jetzt klingst du wie Junie. Komm, ich geh's mit dir durch."
Ein paar Minuten später schlenderte ich weg, Handy in der Hand und mit neuem federnden Schritt. Wenn ich das schlimme Handy bezwingen konnte, dann konnte ich sicherlich mit Mr. Selman umgehen.
Ich hoffte nur, dass ich dafür nicht einen Polizisten an meiner Seite brauchte.
(*1) Siehe Wikipedia Artikel zu New York Yankees
(*2) Der Tag der Arbeit wird in den USA immer am ersten Montag im September gefeiert
