Überraschungen aller Art
Mitten in der Nacht kamen sie endlich am Helgrind an, nur fahles Mondlicht fiel auf den schwarzen Felsen. Ohne die Drachen, wären sie niemals dort hinauf gekommen. Doch so landeten Daray und Saphira auf einem Felsvorsprung hoch oben auf einem Vorsprung. Kaum eine Wolke verdeckte ihnen die Sicht auf Alagaesia. Es wäre ein wunderschöner Ausblick gewesen, den man hätte genießen können, wäre da nicht dieser Geruch gewesen. Überall roch es nach fauligem, verwesendem Fleisch. Angewidert kletterten Lilu, Eragon und Roran aus den Satteln. Es ist verdächtig ruhig, knurrte Saphira. Überall witterte sie Tod und Verderben und dazwischen schwach den Geruch von Menschen. „Gehen wir, vielleicht schlafen sie ja", Lilu war unsicher, wen Eragon versuchte zu überzeugen, seine Begleiter oder sich selbst. Sein Geist tastete sich behutsam vor, doch irgendetwas blockierte ihn. Lilu ging erging es ähnlich. Sie betraten die Höhle, aus der ihnen der Gestank entgegen kam. Es war finster, denn das Mondlicht gelangte nicht bis ins innere. Wenn die schmecken, wie die riechen, dann hat Valeska Recht, brummte Daray. Aber geröstet ist fast alles genießbar. Lilu warf ihrem Drachen einen amüsierten Blick zu. Kaum hörbar flüsterte sie: „Denk nicht mal daran, einen von ihnen zu fressen, du würdest dir nur den Magen verderben." Ein spitzer Schrei, auf keinen Fall ein menschlicher riss sie aus ihrem Gespräch. Flügelschlagend kam ein Lethrblaka auf sie zugerast. Gleichzeitig spieen Saphira und Daray eine Flamme auf das Flugross der Ra'zac. Es flog über die Gruppe hinweg und prallte gegen eine Wand. Dort blieb es bewegungslos liegen. Nun, stichelte Saphira. Willst du immer noch gerösteten Ra'tac oder in diesem Fall Lethrblaka probieren. Der lilane Drache schnüffelte kurz an dem Ding, doch auch so, rochen sie nicht angenehmer, im Gegenteil. Nein, ich halte mich an Valeskas Rat. „Gute Entscheidung", lobte Eragon. „Lasst uns weiter gehen, aber bitte vorsichtig." Es wunderte ihn, dass nicht noch etwas auf sie zukam. Der Schrei des Lethrblaka hätte doch eigentlich alle auf sie aufmerksam machen müssen.
Am Ende des langen Ganges brannte ein Feuer. Eine Frau saß zusammengekauert davor. „Katrina", flüsterte Roran. Eragon, Lilu und die Drachen sahen sich um. „Das gefällt mir nicht", murmelte Eragon. „Eine Höhle voller Soldaten wäre mir lieber gewesen, als das hier." Lilu nickte sacht und griff nach ihrem Schwert. „Mir auch." Alles drängte Roran loszurennen, doch er zwang sich zur Vorsicht. Langsam setzte er einen Fuß vor den anderen, bis er vor seiner Verlobten stand. Er kniete sich neben sie und berührte sanft ihr Gesicht. Im ersten Moment zuckte sie zurück. Dann blickte sie auf, einen Wimpernschlag lang starrte sie Roran einfach nur an, ehe sie zu weinen begann. Ohne ein Wort presste sie sich an Roran. Eragon gönnte sich ein leises Lächeln, doch in dem Moment schrie Lilu. „Roran pass auf", sie hatte etwas im hellen Feuerschein aufblitzen sehen. Im letzten Augenblick hatte er den Dolch in Katrinas Händen gesehen. „Aber …", er verstand die Welt nicht mehr und sein Herz drohte zu brechen. Er hielt Katrinas Hände fest umklammert, die mit aller Macht versuchten ihm ihren Dolch zwischen die Rippen zu jagen. Eragon kam ihm schnell zur Hilfe. Er zog Katrina hoch und hielt sie fest. Noch immer versuchte die junge Frau, nach Roran zu schlagen und spuckte Gift und Galle. „Verräter … Treue dem einzigen König, dem großen Vater." Unschlüssig blickte Roran Eragon an und auch der zweifelte, er versuchte sich in Katrinas Gedanken vorzuarbeiten, doch wieder wurde er blockiert. Lilu schob Roran sanft zur Seite. „Entschuldige, bitte, aber wir sollten das später klären, am besten weit weg von hier." Sie holte aus und ihre Faust traf Katrina. Bewusstlos sackte die junge Frau in Eragons Armen zusammen. Überrascht starrten die Männer Lilu an. „Ich will nicht hier sein, wenn jemand bemerkt hat, dass Katrina dich nicht getötet hat", fauchte sie. „Und so wie sie gezappelt hat wäre sie wohl kaum freiwillig mitgekommen, oder?" Behutsam nahm Roran Eragon seine Verlobte ab und trug sie Richtung Ausgang. Eragon und Lilu liefen ihm nach und gingen an ihm vorbei. Bevor sie hinaus traten, murmelte Eragon: „Das was viel zu…" Der Rest des Satzes blieb ihm im Halse stecken, als sie vor die Höhle traten. Ein Trupp von Soldaten des Imperiums versperrte ihnen den Weg, sie alle zielten mit ihren Pfeilen auf die kleine Gruppe. „Eine falsche Bewegung und ich überliefere Galbatorix nur noch eure toten Körper", spie ihnen eine Weibliche Stimme entgegen. Eragon entdeckte sie im fahlen Mondlicht als erstes. „Noch ein Schatten", knurrte er. Sie trat ein Stück vor, ohne den Bogenschützen im Weg zu stehen. Ihre gelben Augen blitzten in die Nacht. „Ja, noch ein Schatten, ich war Galbatorix Ausweichplan, für den Fall, dass Durza ein Mal zu oft versagt. Ich könnt mich Naima nennen." Ihr Blick fiel auf Lilu. „Mit dir hat nun wirklich keiner Gerechnet." Lachte sie. „Aber so kann ich Galbatorix ein Geschenk mehr machen. Vier dumme Kinder und zwei Drachen, die dumm waren, weil sie sich diese Reiter gewählt haben." Lilu spürte, wie ein vertrauter Geist den ihren berührte. „Zähl noch einmal", erwiderte sie ungerührt. Einen Moment lang schien der Schatten irritiert. „Warum sollte ich", entgegnete sie schließlich ungerührt. Dann fiel ihr auf, dass die Drachenreiterin sie gar nicht ansah, sondern knapp an ihr vorbei blickte. Sie wirbelte herum und starrte in die bernsteinfarbenen Augen eines anderen Drachen. „Skölir nosu fra Brisingr", Lilus Worte waren nur ein Flüstern gewesen, doch verfehlten sie ihr Ziel nicht. Die Flamme des Drachen verschlang zwar die Soldaten, doch blieben sie und ihre Begleiter verschont. Was machen die denn hier, knurrte Daray. Lilu zuckte mit den Schultern. „Unser Leben retten", antwortete sie trocken. „Aber frag sie doch selbst." Dann stieg sie in ihren Sattel. „Gib mir Katrina", bat sie Roran. „Dann kannst du dich sicher an Eragon festhalten. Ich passe schon auf sie auf." Roran übergab der Drachenreiterin seine Verlobte, dann stieg er in den Sattel. „Lasst uns ganz schnell gehen, bevor noch irgendwelche Überraschungen aus dem nichts auftauchen."
Auf einer Lichtung machten sie Rast. Als zu Sonnenaufgang der andere Drache und sein Reiter zu ihnen stießen, blickte Lilu ihn nur finster an. Er löste den Helm und blickte ihr entgegen. „Du bist also doch böse mit mir?" Er sah der jungen Drachenreiterin nicht unähnlich. Dieselben grünen Augen, dieselben roten Haare. „Böse, warum sollte ich böse sein. Weil du einfach verschwunden bist, ohne ein Wort. Weil du und Ailia Daray und mich einfach so zurückgelassen haben." Fauchte sie ihn an, den Tränen nah. Jetzt regte sich die Drachin, vorsichtig näherte sie sich Daray, ihre Schuppen leuchteten in der Sonne gelb. Sie wollte Daray berühren, doch der Drache wich zurück. Was erwartet ihr nach all den Jahren, knurrte der lilane. Das wir euch einfach so wieder aufnehmen. Lilu wandte sich ab und machte sich an Darays Sattel zu schaffen. Er sollte auf keinen Fall sehen, wie sie zu weinen begann. „Ihr seid über Ailia und mich hinweg geflogen, auf eurem Weg. Wir wussten dass ihr etwas sehr dummes tun würdet, also sind wir euch gefolgt. Um dich zu beschützen, dass ist doch die Aufgabe eines Bruders, oder?" Eragon zuckte bei diesen Worten zusammen. „Das fällt dir jetzt ein", fauchte Lilu ihn an. „Du lässt mich mit der Verantwortung für achtzehn Dracheneier zurück und willst mich auf einmal beschützen. Nein danke Nolan, ich bin die letzten Jahre gut allein zu Recht gekommen." Sie hatte sich eng an Daray gedrückt und ihren Bruder nicht angesehen, doch die Tränen in ihrer Stimme, konnte er auch so hören. „Ich weiß wo sie ist." Roran und Eragon konnten sehen, wie Lilu verkrampfte. „Ich weiß wo unsere Mutter ist, aber ich glaube nicht, dass du es wissen willst." Vorsichtig ging er auf seine Schwester zu. Als er dicht hinter ihr Stand, wandte er sich zu ihr um. „Und?" fragte sie kaum hörbar. „Sie ist in Urû'baen und arbeitet für Galbatorix." Wieder liefen ihr Tränen über die Wangen. Nolan wischte ihre Tränen weg. „Nun große Schwester. Gebt ihr uns noch eine Chance, vielleicht können wir euch jetzt helfen." Zweifelnd sah Lilu ihn an, dann hörte sie Eragons Stimme in ihrem Kopf. Du willst es doch genau so sehr wie er. Tu es, für euch beide, für euch vier. Ein Lächeln stahl sich auf Lilus Lippen. Dann schloss sie Nolan endlich in die Arme. „Aber durch Valeskas Wutanfälle musst du allein durch." Nolan zog ein unvergleichliches Gesicht. „Das habe ich wohl verdräng." Nach einer langen Umarmung löste Lilu sich von ihrem Bruder. „Mutter ist in Urû'baen und dass mit all den Geheimnissen, die sie unserem Volk gestohlen hat." Sie warf einen Blick auf Katrina, die fest in eine Decke eingewickelt schlief. „Dann weiß ich, warum sie sich benommen hat, wie sie es tat." Ihr Blick wanderte zu Roran. „Mach dir keine Sorgen. Es wird ihr bald besser gehen."
Als Katrina erwachte, blickte sie sich verwirrt um, ihr rechtes Auge schimmerte in allen erdenklichen Blautönen. Roran und Eragon saßen Neben ihr, in einigem Abstand saßen zwei Personen die sie noch nie zuvor gesehen hatte. Roran strahlte geradezu als er sie anlächelte. Einen Augenblick lang geschah gar nichts, dann viel sie ihm erneut um den Hals. Diesmal sprudelte sie allerdings wie ein Wasserfall, alles brach auf einmal aus ihr heraus. Sie erzählte von ihrer Gefangenschaft in Urû'baen, der Hexe des Königs, die sich Lyza nannte, von den Schreien eines Mannes, die sie in der Nacht verfolgten. Doch erinnerte sie sich keineswegs an ihre Zeit auf dem Helgrind oder gar ihre Rettung. Lilu hatte für Katrina einen Tee aus verschiedenen Kräutern gekocht, er schmeckte süßlich und half gegen ihre Kopfschmerzen. Die Drachenreiterin war sich nicht sicher, woher diese Kopfschmerzen kamen, ob durch das Gift ihrer Mutter oder den Schlag. Katrina blickte sie unschlüssig an, erst als Eragon und Roran ihr versicherten, dass das Mädchen auf ihrer Seite stand, nahm sie den Tee an. „Wenn du willst, dann kann ich das Heilen." Lilu stand die Schuld beinahe ins Gesicht geschrieben. Katrina nickte leicht. „Gut", sie hob die Hand über Katrinas Augen. „Waíse heill", flüsterte sie und ließ den Zauber seine Wirkung tun. „Danke." Lilu lächelte schief. „Dafür nicht. Mein Name ist übrigens Lilu, und der zurückhaltende Herr dort drüben", niemandem entging der stichelnde unterton in Lilus Stimme. „Ist mein Zwillingsbruder Nolan." Als sie sich erhob, hielt sie plötzlich inne. „Was war das?" entfuhr es Eragon. Doch sein Cousin und Katrina hatten nichts gespürt. Die Zwillinge allerdings schon. Lilu sah aus, als würde sie gleich vor Freude umher springen und auch ihre Drachen schienen sich zu freuen. War es dass, was ich glaube, dass es war? Fragte Saphira, auch sie wirkte, als würde sie gleich einen Freudentanz aufführen. Lilu grinste von einem Ohr zum anderen. „Das selbe habe ich gespürt, als Saphira geschlüpft ist", erklärte Lilu. „Da hat sich jemand sehr lautstark angekündigt."
