Kapitel 4
Die Ruhe einer Tasse Tee

„Es tut mir leid, okay?"

Es kam keine Antwort. John zog die Schiebetür ein Stück weiter auf.

„Ich wollte dich nicht Vollidiot nennen."

Sherlocks Mundwinkel zuckte ein wenig, als er davon absah, eine schneidende Bemerkung zum Thema Versprecher zu machen.

John schlüpfte durch die Öffnung der Tür in die Küche. „Sherlock, würdest du bitte aufhören zu schmollen? Du tust ja so, als würdest du mich nicht schon vor dem Frühstück mit fünf schlimmeren Ausdrücken belegen."

Er sah zu, wie Sherlock sich im Sitzen umdrehte und eine neue Akte aus der Kiste von Scotland Yard nahm und sie auf den Tisch legte, der ausnahmsweise frei von Experimenten war.

„Lass mich helfen. Ich will helfen." John kam näher und stoppte Sherlocks Bewegungen, indem er eine Hand auf seinen Arm legte. Sherlock blickte mit hochgezogenen Augenbrauen und einer Miene äußerster Geringschätzung auf die Hand hinab, die ihn behinderte. John war verunsichert, blieb aber beharrlich. „Ich will helfen", wiederholte er. Langsam schlich sich eine Spur von Verzweiflung in sein Gesicht.

Sherlock befreite seinen Arm, griff nach einer neuen Akte und warf sie auf die andere Seite des Tischs. „Du kannst die Autopsieberichte der ersten drei Fälle durchsehen", sagte er. „Such nach Ähnlichkeiten, die uns einen Hinweis auf die übliche Vorgehensweise des Täters geben, und versuch, was über die Waffe rauszufinden, die er benutzt hat."

Sherlock sah eine eigene Akte durch, während er sprach, und John sank erleichtert auf den Stuhl gegenüber. Ihm war bewusst, dass er sich sehr unklug verhalten hatte. Sherlock war sich offensichtlich darüber im Klaren, dass er bei Constable Hopkins überreagiert hatte, und wenn John ruhig geblieben wäre, hätte er vielleicht endlich das Druckmittel gehabt, das ihm gefehlt hatte, um die Diskussion zu erzwingen, die er schon seit zwei Monaten immer wieder hatte beginnen wollen. Stattdessen hatten seine verärgerten Worte Sherlock die ideale Entschuldigung geliefert, auf sein hohes Ross zu steigen, und er hatte entschieden schlechte Laune.

Zu behaupten, Sherlock könne nicht gut mit Kritik umgehen, wäre sogar für englische Standards eine Untertreibung gewesen. Er hatte nicht unbedingt etwas dagegen einzuwenden, „Idiot" genannt zu werden, wenn er es mit „unkluge Tapferkeit" oder auch nur mit „nicht nachvollziehbar" übersetzen konnte, aber seine Toleranz für Spott war sehr gering. John konnte sich unter dem Mantel von Scherzen und Neckereien eine Menge erlauben, aber niemand konnte sich über Sherlock Holmes ernsthaft lustig machen, ohne verbal zerlegt zu werden oder wie John ignoriert, was ihn unweigerlich an seine ersten einsamen und sinnlosen Wochen zurück in London erinnerte.

John schlug die Akte auf und begann zu lesen. Von der anderen Seite des Tischs warf Sherlock einen verstohlenen Blick auf seinen gesenkten Kopf und wurde sich eines seltsamen Gefühls bewusst. Es war verdächtig wie ein Schuldgefühl, was er seit Jahren nicht wirklich erlebt hatte, und wenn doch, dann immer im Zusammenhang mit Mummy.

Er erstickte das Gefühl, sobald er es erkannte. John verhielt sich in dieser Sache unvernünftig, und Angriff war die beste Verteidigung. Mit Sicherheit. Er konzentrierte sich wieder auf die Fotos, die er in der Hand hatte.

Eine Weile war es still in Nummer 221b. Die einzigen Geräusche hatten ihren Ursprung im Umblättern einer Seite, dem Rascheln eines Ordners oder dem Kratzen von Johns Stift auf seinem Notizblock.

„Wir haben eigentlich nie richtig darüber gesprochen."

Sherlock musste sich zwingen, nicht den Kopf zu heben, als er von Johns Worten überrascht wurde. Dieser Mann war wirklich hartnäckig. Es war offensichtlich, dass es John bedrückte, wenn es zwischen ihnen Unstimmigkeiten gab, aber er schien dennoch gewillt, das zu riskieren, um seinen irrigen Standpunkt klarzumachen.

„Und das werden wir jetzt auch nicht." Sherlocks Tonfall duldete keinen Widerspruch.

Einige Minuten herrschte Schweigen.

„Er ist nicht der einzige Kriminelle in London."

Sherlock sagte nichts.

John entschied sich, dass er es jetzt genauso gut loswerden konnte, solange er ohnehin in Ungnade gefallen war, also versuchte er es noch einmal. „Okay, er ist ‚der Eine, den du nicht gekriegt hast', aber meinst du nicht, dass du unverhältnismäßig auf ihn fixierst bist? Tatsächlich hatte er nur bei einem Bruchteil unserer Abenteuer die Finger im Spiel."

„Abenteuer?", spöttelte Sherlock. „Was sind wir, die Stars in einer Ausgabe von Boys' Own?" [*]

„Du weißt, was ich meine. Na gut, in wieviele unserer Fälle – ganz abgesehen von den Fällen, die du hattest, bevor ich dabei war – war er verwickelt? Und trotzdem hältst du überall nach ihm Ausschau."

Er näherte sich dem kritischen Punkt, und sein Instinkt warnte ihn, dass er sich besser zurückziehen sollte wie bisher jedes Mal, aber er zwang sich vorwärts. „Sherlock, das im September …"

„Lass es gut sein, John."

„Das kann ich nicht." Er war inzwischen zu weit gegangen, um es nicht durchzuziehen. „Kannst du nicht sehen, dass du von ihm besessen bist? Es war schon während des eigentlichen Falls schlimm genug, aber seitdem ist es nur immer schlimmer geworden." John hoffte, dass seine Worte durchdrangen, aber Sherlock sah ihn nicht an.

„Sobald du feststellst, dass er mit etwas nichts zu tun hat, verlierst du das Interesse, und beim kleinsten Anzeichen einer Spur lässt du alles andere stehen und liegen. Das, was im September passiert ist – diese arme Familie – wir wissen beide, dass das nicht passiert wäre, wenn du nicht plötzlich auf einer sinnlosen Moriarty-Jagd verschwunden wärst."

Bei diesen Worten hob Sherlock den Kopf. „Noch wäre es passiert, wenn du nicht so versessen auf einen Quickie gewesen wärst, dass du dafür ganz nach Yorkshire gefahren bist."

John wurde blass. „Glaubst du, ich wüßte das nicht? Kein Tag geht vorbei, an dem ich mir nicht wünsche, ich wäre hier gewesen."

Sherlock machte eine wegwerfende Geste. „Es war nicht deine Schuld", räumte er ein. „Ich verstehe nicht, warum du zwei Monate danach immer noch deswegen Trübsal bläst. Du kannst nicht jeden retten."

„Nein, aber ich sollte in der Lage sein, dich zu retten", erwiderte John. „Und wenn es nur vor dir selbst ist."

Bei diesen unerwarteten Worten hoben sich Sherlocks Brauen fragend. Er war davon ausgegangen, dass John ihn für das, was passiert war, verantwortlich machte. Jedenfalls schien das sonst jeder zu tun.

„Du hast es geschafft, dass sie dich rausgeworfen haben, Sherlock", erklärte John. „Die letzten zwei Monate waren ein Albtraum, und jetzt wo sie endlich verzweifelt genug waren, dich dazuzuholen, riskierst du wieder alles! Und warum? Aus demselben verdammten Grund – Moriarty!"

John lehnte sich zurück, Frustration und Besorgnis klar erkennbar in seinem Gesicht.

Sherlock sah ihn einen Moment lang an und senkte dann den Blick. „John, ich …" Er hielt inne und begann von neuem. „Ich gebe zu, dass ich die Natur deiner Besorgnis falsch eingeschätzt habe", sagte er, während er unbewusst die Fotos vor sich glättete. „Aber obwohl ich deine … Sorge um mich schätze, muss ich dennoch deutlich machen, dass Moriarty weiterhin höchste Priorität für mich haben wird."

John unterdrückte ein Lächeln, als er sich plötzlich an ihre erste Unterhaltung erinnert fühlte, die sie vor all diesen Monaten bei Angelo's geführt hatten. Sherlock wurde immer hochtrabend, wenn er betroffen war.

„Na gut", sagte er. Er fühlte sich unsagbar viel besser, jetzt da er endlich seine Meinung dazu gesagt hatte. „Aber ich werde hier sein, um dafür zu sorgen, dass du nicht alles andere aus den Augen verlierst."

„In Ordnung", stimmte Sherlock zu und schob wieder Papiere hin und her. „Gut." Er blickte auf und wartete mit einem leichten, fast schüchternen Lächeln auf.

„Tee?", bot John an.

„Gern."

ooOOoo

Eine halbe Stunde später bemerkte Sherlock, dass Johns Aufmerksamkeit nicht mehr ausschließlich auf die Berichte vor ihm gerichtet war, sondern von häufigen Seitenblicken zum Kühlschrank abgelenkt wurde. Ein Grummeln führte zur offenkundigen Schlussfolgerung, und Sherlock entschied, dass eine Ablenkung vonnöten war, damit der Tag nicht in einem Abgrund kulinarischer Exzesse endete.

Er warf einen Blick auf seine Armbanduhr. „Fünfzehn Uhr", verkündete er, „perfekt." Er notierte eine Adresse und schob den Zettel über den Tisch. „Du musst für mich zu Moira Pickerings Büro gehen und mit ihren Kollegen sprechen", wies er John an. „Finde raus, wie ihr Tagesablauf aussah, wohin sie zum Mittagessen gegangen ist, wie sie zur Arbeit gekommen ist, mit wem sie regelmäßig Kontakt hatte, solche Dinge eben. Wenn du dich jetzt auf den Weg machst, solltest du es schaffen, bevor sie für heute Feierabend machen."

John nahm die Adresse zögernd an sich. „Ich mach mir nur schnell ein Sandwich, bevor ich gehe", sagte er.

„Keine Zeit!", erklärte Sherlock und bedeutete ihm gestikulierend aufzustehen. „Die Hälfte des Essens, das Billy gestern mitgebracht hat, ist noch im Kühlschrank. Du kannst später essen."

John sah nicht überzeugt aus.

„Das Beste, was Angelo zu bieten hat", lockte Sherlock. „Etwas, worauf du dich freuen kannst, wenn du zurückkommst."

Ein ziemlich durchtriebener Ausdruck huschte über Johns Gesicht. „Okay", erwiderte er. „Ich warte bis später – wenn du dann auch was isst."

Sherlock öffnete den Mund, um zu protestieren, machte ihn dann aber wieder zu. Es würde ihn nicht umbringen, John diesen Sieg zu lassen. „Ich werde dann auch eine Kleinigkeit essen", versprach er.

John las die Adresse, die glücklicherweise nicht weit entfernt war, während er die Treppe hinuntertrottete, daher sah er Peter nicht, bis er ihn fast umgerempelt hätte. Er blieb abrupt stehen und fand sich auf unangenehme Weise Nase an Nase mit dem mürrischen Mann wieder.

„Oh", sagte er, in dem Versuch, seinen erschrockenen Aufschrei in eine Art Gruß zu verwandeln. „Hallo, Peter, lassen Sie mich eben vorbei?"

„Einkäufe", erwiderte Peter, der die Philosophie des „Mannes der wenigen Worte" zu personifizieren schien.

„Einkäufe", echote John. Bislang fehlte ihm die Erleuchtung, worum es in dieser Unterhaltung ging. In der Hoffnung, er könnte sich vorbeiquetschen, bewegte er sich nach rechts, aber Peter rührte sich nicht. Dann ging John ein Licht auf. „Oh, richtig – die Einkäufe. Ja. Vielen Dank. Ähm … kann ich die vielleicht nachher abholen? Ich bin gerade auf dem Weg nach draußen." Er wedelte mit dem Arm in Richtung der Tür. „Wenn Sie vielleicht …"

„Peter, mein Lieber, jetzt steh da doch nicht so bedrohlich", ertönte Mrs. Hudsons Stimme durch die Vordertür, und Peter wandte sich halb um, als sie näherkam.

„Ich war gerade bei Mrs. Turner, und ich habe eine wundervolle Idee", fuhr Mrs. Hudson fort. Sie sah in der Tat ungewöhnlich aufgekratzt aus, als sie ihren Neffen betrachtete. „Du kannst die Kellerwohnung herrichten!", sagte sie auf eine Art, als würde sie ihm einen riesigen Leckerbissen anbieten. „Es wird dir guttun, dich nützlich zu machen, und du könntest da unten sogar eine Weile einziehen, bis du dich zurechtgefunden hast." Sie wirkte entzückt von dieser Vorstellung. „Ich bin sicher, es wird nicht allzu viel Arbeit sein. Tim hat gesagt, er würde dir zur Hand gehen, und da sind noch Möbel im Lager, die genau das Richtige sein sollten …" Ihre Stimme verhallte, als sie Richtung 221a ging. An der Tür drehte sie sich noch einmal um.

„Na, komm schon, mein Lieber, lass uns keine Zeit verlieren."

Für einen Augenblick schien es so, als würde der Gedanke an richtige Arbeit Peter aus seiner Teilnahmslosigkeit herausreißen, und John schenkte ihm ein aufmunterndes Lächeln. Aber der Moment ging vorüber, und Peter schlurfte hinter seiner Tante her, wodurch John endlich von der Treppe herunterkam. Mrs. Hudsons Strom von Vorschlägen war immer noch zu hören, als er nach seinem Mantel griff, und er lächelte vor sich hin. Es war vielleicht manchmal schwierig, mit Sherlock zusammenzuwohnen, aber John hätte ihn nicht eingetauscht.

ooOOoo

Es war fast achtzehn Uhr, als John endlich wieder zu Hause war, was eine verdammt lange Zeit seit dem Frühstück war. Allein der Anreiz, Sherlock zum Essen zu bewegen, hatte seine Füße in Bewegung gehalten, als er an der Frittenbude vorbeigekommen war. Normalerweise wäre das nicht seine erste Wahl fürs Abendessen gewesen, aber der Geruch, wenn man an so einem Stand vorbeiging, hatte etwas, das einen inhärent englischen Instinkt anzusprechen schien. Das Aroma von Essig, der salzige Geruch, der Assoziationen mit Ferien am Meer hervorrief … Fish and Chips stand bei vielen englischen Soldaten auf der Liste der Dinge, die sie am meisten vermissten, ganz oben.

Sherlock sollte besser sein Wort halten, dachte John grimmig, als er die Treppe hinaufstapfte. Er trat ins Wohnzimmer, aber es war leer. Nun ja – es war wie immer mit Müll übersät, aber es war entschieden frei von Sherlock.

„Hier drüben, John", tönte es aus der Küche, und er ging hinüber, um festzustellen, dass Sherlock noch genauso dasaß, wie er ihn zurückgelassen hatte, obwohl er sich zu irgendeinem Zeitpunkt bewegt haben musste, denn jetzt stand Johns Laptop aufgeklappt auf dem Tisch.

„Wo ist deiner?", erkundigte sich John, ohne sich auch nur die Mühe zu machen, Empörung in seinen Tonfall einfließen zu lassen.

Sherlock machte eine wedelnde Geste, die entweder bedeuten konnte „irgendwo da hinten" oder einfach „Deine Frage ist irrelevant".

„Moira Pickering war überraschend zurückhaltend, wenn es darum ging, Details über ihr Privatleben auf ihrer Pinnwand zu posten", stellte er fest. „Aber auf denen von anderen Leuten war sie hoffentlich weniger diskret." Er drückte die Enter-Taste und drehte den Kopf. „Irgendwas Interessantes?"

John stellte sich hinter ihn, um ihm über die Schulter zu sehen. „Facebook?", fragte er. „Was machst du auf Facebook?" Er sah noch einmal hin und sah ein Bild von Moira, das ihn anlächelte. „Wie hast du …?"

Sherlock schnaubte. „Lestrade wollte mich ihren Laptop nicht mitnehmen lassen", sagte er angewidert. „Aber sie hatte sich schon in ihren Facebook-Account eingeloggt, also habe ich mir eine Freundschaftseinladung geschickt, bevor ich ihn zurückgegeben habe, und jetzt habe ich selbst Einladungen an die Leute geschickt, mit denen sie am häufigsten gechattet hat."

John trat näher und klickte auf den Link zum Profil. „Kelli Jones? Wer zum Teufel ist Kelli Jones?"

„Ich hab sie vor sechs Monaten erfunden. Sie war von unschätzbarem Wert, um Dinge über das Leben anderer Leute herauszufinden." Er drehte sich zu John um und bemerkte den Gesichtsausdruck, der besagte: „Ich verstehe kein Wort". „Ich kann wohl kaum unter meinem eigenen Namen so tun, als wäre ich besessen von Kleidung und Dates, oder?", sagte er herausfordernd und strich sich ein Staubkorn vom Ärmel seines tadellosen, maßgeschneiderten Jacketts. „Was?", fragte er scharf, als Johns Mundwinkel zuckten.

„Nichts", erwiderte John und brachte seine Gedanken unter Kontrolle, bevor ein neuer Streit ausbrach. Er sah wieder auf den Bildschirm, und seine Augen weiteten sich. „Ist das …" Er blinzelte ein paarmal. „Nein, kann nicht sein." Er beugte sich vor, um sich das Foto aus der Nähe anzusehen, das seinen Blick auf sich gezogen hatte, und zerquetschte Sherlock dabei beinahe an der Tischkante. „Sie ist es", sagte er. „Sie ist es, verdammt noch mal. Das ist Janet."

Er trat einen Schritt zurück und deutete wütend auf das Bild der fiktiven Kelli Jones. „Erklär mir, warum dein Alter Ego genauso aussieht wie meine Freundin aus Studienzeiten."

„Ich habe es etwas unscharf gemacht", protestierte Sherlock. „Ich brauchte ein Bild, und es war passenderweise auf deinem Computer. Wie auch immer, es ist uralt, niemand wird sie erkennen."

So alt ist es nun auch wieder nicht", wandte John empört ein.

Sherlock schnaubte. „Es hat mich sechs Minuten gekostet, einen Schnappschuss zu finden, der nicht grauenhaft altmodisch aussah", beschwerte er sich. „Wirklich, John, dein Geschmack in Bezug auf Frauen ist kaum weniger fragwürdig als dein Sinn für Mode. Und was die Haare betrifft …"

„Wie kommst du darauf, dass irgend jemand Freundschaftseinladungen von einer Frau akzeptiert, die er überhaupt nicht kennt?", unterbrach John. „Besonders von einer mit einer merkwürdigen Frisur", fügte er hinzu.

„Du wirst überrascht sein", antwortete Sherlock und deutete auf die linke Seite des Bildschirms. „Sieh dir das an – 347 angebliche Freunde, von denen keiner auch nur die geringste Ahnung hat, wer ich bin. Manche von denen akzeptieren jede Anfrage, nur um beliebter zu erscheinen, und wenn man ein Mitglied eines Bekanntenkreises hat, ist man ein ‚Freund eines Freundes', und das reicht den meisten. Es ist Irrsinn." Er zuckte mit den Schultern. „Aber es ist nützlicher Irrsinn."

John schüttelte den Kopf. „Janet hat den Captain der First Fifteen geheiratet", warnte er. „Das ist ein Rugby-Team, falls du Ausdrücke aus dem Bereich Sport gelöscht hast. Und Doug ist gebaut wie ein Panzer. Sollte er von dem hier erfahren, solltest du besser um dein Leben rennen. Und erwarte nicht, dass ich ihn für dich erschieße", fügte er hinzu. „Ein Monat im Streckverband ist dir vielleicht mal eine Lehre."

Er sah Sherlock an, der ihn offenkundig nicht im Geringsten beachtete, und seufzte. Wem wollte er hier was vormachen? Er würde nicht zulassen, dass irgendwer diesem arroganten Sack auch nur ein Haar krümmte, egal wie sehr er es verdient hatte. John gab sich damit zufrieden, sich durch die Haare zu fahren, was das übliche Schnauben und Handwedeln hervorrief, und ging dann zum Kühlschrank.

„Können wir essen?", erkundigte er sich. „Ich bin am Verhungern."

„Was?", fragte Sherlock geistesabwesend, während er mit einer Hand seine Locken glattstrich. Das Klappern der Kühlschranktür erlangte seine Aufmerksamkeit, und er sprang auf, durchschritt die Küche, griff um John herum und schlug die Tür wieder zu.

„Erst Notizen", verkündete er.

Johns Schultern sackten in sich zusammen, und er lehnte sich vorwärts, bis seine Stirn den Kühlschrank berührte. „Aber ich habe Hunger", stöhnte er.

„Und du nennst mich melodramatisch", schnaubte Sherlock. Er legte seine Hände auf Johns Schultern und schob ihn aus der Küche und weiter durch die Wohnung, bis er vor dem Kamin stand.

„So, ich will ein paar Notizen zu den vier Fällen durchgehen", sagte er. „Du kannst sie für mich an die Wand hängen."

„Dafür hab ich mir für mein Medizinstudium den Arsch aufgerissen", grummelte John. „Zum Zettel-an-die-Wand-kleben. Zum Glück hab ich in den Vorlesungen zugehört."

Sherlock stellte sich an seine linke Seite und betrachtete ihn sorgfältig. „Du hältst noch eine Weile durch", entschied er. „Eine Stunde, dann Abendessen."

John drehte den Kopf, sah Sherlock an und versuchte, etwas von Sherlocks überschüssiger Wir-haben-einen-Fall-Energie auf sich zu transferieren. „In Ordnung", stimmte er letztendlich zu. „Aber du wirst mitessen." Er klammerte sich an den einen Sieg, den er heute errungen hatte.

„Ja, Doktor." Sherlock hielt ihm einen Block großer Klebezettel hin, und John nahm sie schicksalsergeben entgegen.

„Also", begann Sherlock. „Fall 1: Richard Simpson. Seine Leiche wurde am Mittwoch, den 27. Oktober, gefunden. Der Todeszeitpunkt wurde auf den vorangegangenen Sonntag geschätzt." Er warf eine Blick auf John. „Schreib das nicht auf, ich hab schon eine Notiz gemacht." Er reichte sie John.

„Ist das Geheimsprache?", fragte John. Sherlock sah beleidigt aus. „Vergiss es", sagte John. „Der Einheitlichkeit halber werd ich sie lieber alle selber schreiben." Und für den Fall, dass die tatsächlich mal irgend jemand lesen will, fügte er im Stillen hinzu.

Sherlock sah ihn misstrauisch an, fuhr dann aber fort. „Achtundzwanzig Jahre alt, weiß, schwul, Single, in London geboren und aufgewachsen, lebte allein im Haus der Familie in Putney. Ursprünglich anglikanische Kirche, ist aber nicht mehr zum Gottesdienst gegangen, seit vor zwei Jahren seine Eltern bei einem Autounfall ums Leben gekommen sind. Er war Büroleiter bei einer Marketing-Firma."

Er sah John beim eifrigen Kritzeln zu. „Hast du das?", fragte er.

John klemmte seine Zunge in einen Mundwinkel, als er sich konzentrierte. „Hab's", sagte er schließlich, fügte „Fall 1" als Überschrift hinzu und klebte die Notiz an die Wand.

„Zweiter Mord", fuhr Sherlock fort. „Philippa Saunders: Leiche gefunden am Dienstag, den zweiten November, geschätzter Todeszeitpunkt wieder der vorangegangene Sonntag. Fünfunddreißig, schwarz, auch aus London. Sie hat als Rechtsanwaltsgehilfin bei einer Kanzlei mit einem unnötig langen Namen gut verdient."

John lachte in sich hinein. „Das ist etwas unpräzise für deine Verhältnisse, oder?", fragte er.

„Solange es nicht wahrscheinlich ist, dass es relevant sein könnte, werde ich meine Festplatte nicht mit einer Liste der überbezahltesten Leute in London vollstopfen", erklärte Sherlock. „So langsam, wie du schreibst, wären wir sowieso längst verhungert, bis du am Ende wärst. Ich denke hier nur an dich."

Er ignorierte Johns Schnauben und machte weiter. „Seit fünf Jahren geschieden, keine Kinder. Sie hat in einem Studio-Appartement in West Hampstead gewohnt. Soweit bekannt, kein religiöses Bekenntnis, und den Ex-Mann hat die Polizei noch nicht gefunden."

Er wartete, bis John fertig war. „Dritter Fall, eine Woche später: Neil Benson. Zweiunddreißig, weiß." Er fing Johns Blick auf. „Nicht gelb – es war tatsächlich ein schlechtes Foto. Ursprünglich aus Dorset, ist mit Mitte zwanzig nach London umgezogen. Keine lebenden Angehörigen, hat zwei Jahre in einer Entzugsklinik verbracht, nachdem er seine Frau an ein Krebsleiden verloren hat. Scheint clean zu sein, seit er vor ungefähr einem Jahr rausgekommen ist."

„Armes Schwein."

„Sie wurden alle ermordet, John."

„Schon gut, arme Schweine."

Sherlock hatte den Eindruck, dass ihm etwas entging, aber er sprach weiter. „Hat regelmäßig an Treffen der anonymen Alkoholiker teilgenommen. Da ist die Aussage seiner Betreuerin."

„Also nicht übermäßig anonym", bemerkte John.

„Sie hat die Leiche gefunden."

„Moment, sie?", wiederholte John. „Das ist ungewöhnlich – Betreuer und Betreute sind normalerweise vom gleichen Geschlecht."

Sherlock ging nicht weiter darauf ein. „Er hatte eine recht unbedeutende Position in einem Call-Center, die sie ihm besorgt hat. Sein Vorgesetzter hat sie angerufen, als er am Montag, den achten November, nicht zur Arbeit erschienen ist. Sie hat ihn am selben Abend in seiner Erdgeschoss-Wohnung in Acton gefunden. Todeszeitpunkt wurde auf früh am Sonntag, den siebten, geschätzt."

„Religion?", fragte John, um einheitliche Notizen bemüht.

Sherlock gab einen abfälligen Laut von sich. „Irgendwie christlich, soweit ich das herausfinden konnte. Okay, den letzten kannst du später machen – erzähl mir, was du in ihrem Büro rausgefunden hast."

John klebte den dritten Zettel an die Wand und zog sein eigenes Notizbuch aus der Tasche. „Okay, also … Ich hab mit ihrem Chef gesprochen." Er warf einen Blick in seine Notizen. „Robert Thompson", las er vor. „Nicht besonders hilfreich. Einer dieser großen, prahlerischen Männer. Ausgesprochen übereifrig. Meinte, er hätte schon mit der Polizei gesprochen, und dass Moira der ruhige Typ war, hat keinen Ärger gemacht, mehr hätte er dazu nicht zu sagen."

„Wenn du sagst ‚groß'…"

John ging der Hut hoch. „Nein, ich meine nicht im Vergleich zu mir! Kannst du es mal gutsein lassen? Ich habe mich ein Mal geirrt, und dieser Schläger hätte auf dich auch groß gewirkt, wenn du mit Gehirnerschütterung an einen Stuhl gefesselt gewesen wärst, als du ihn gesehen hast."

„Er war 1,76 Meter."

John biss die Zähne zusammen. „Nun, Mr. Thompson war mindestens 1,80 Meter", sagte er. „Vielleicht sogar 1,85 Meter, womit er größer wäre als einige Leute, die durch ihre Frisur und ihr Herumstolzieren die Illusion von Größe erzeugen."

Er wandte sich wieder seinem Notizbuch zu, während Sherlocks Lippen unbemerkt „Herumstolzieren" formten.

„Er hatte auch eine robuste Statur, aber er ist wahrscheinlich nicht so alt, wie er tut. Von der wichtigtuerischen Sorte. Wie auch immer, die Frauen aus ihrem Büro waren wesentlich freundlicher." Er lächelte.

Sherlock verdrehte die Augen. „Wann?", fragte er.

John sah ihn ausdruckslos an.

„Du hast dich offensichtlich mit einer von ihnen verabredet, also wann? Wann diese Woche werde ich plötzlich versetzt werden?"

„Es ist keine Verabredung", verteidigte sich John. „Ich hab sie nach Moiras Liebesleben gefragt, und sie haben gesagt, darüber wüssten sie nichts, aber sie haben sich bedeutungsvolle Blicke zugeworfen, also ist da offensichtlich irgendwas. Ich dachte, wenn ich eine von ihnen allein erwische, würde sie vielleicht mehr sagen."

„Wie aufopferungsvoll", kommentierte Sherlock. „Wenn das mit Facebook klappt, bleibt es dir vielleicht erspart, dich mit …"

„Vanessa."

„… zu treffen am …"

„Mittwochabend", gab John widerwillig zu. „Und nein, du kannst nicht mitkommen. Ich bin sicher, ich bin auch allein in der Lage, eine kleine Information in Erfahrung zu bringen."

„Das wäre zu hoffen."

Ein Klopfen an der Tür unterbrach ihre Unterhaltung, was vermutlich ganz gut so war. „Ich habe die Einkäufe mitgebracht", rief Mrs. Hudson. „Ich stell sie einfach in der Küche ab, ja?"

Sie warf einen Blick auf die Klebezettel, als sie hereinkam. „Oh, ein neuer Fall, mein Lieber? Wie schön." Sie tätschelte Sherlock im Vorbeigehen die Schulter, und er ließ sein ruchloses Lächeln aufblitzen. John überlegte, ob jeder, der regelmäßig mit Sherlock in Kontakt kam, diese verzerrte Wahrnehmung von schweren Verbrechen entwickelte oder ob man tatsächlich mit ihm zusammenwohnen musste, damit das passierte.

„Einige von diesen Fotos sollten Sie vielleicht wegräumen, falls Peter raufkommen sollte", rief sie aus der Küche. „Er mag den Anblick von Blut nicht, wissen Sie."

John warf einen schockierten Seitenblick auf Sherlock und rannte in die Küche, um eilig die Bilder der Autopsien einzusammeln. „Tut mir sehr leid, Mrs. Hudson, die hätten wir nie offen rumliegen lassen sollen."

Sie lächelte. „Oh, machen Sie sich meinetwegen keine Gedanken, mein Lieber", sagte sie. „Ich vertrage wesentlich mehr."

Sie betrachtete den Laptop. „Warum buchstabieren die Leute ihre Namen heutzutage so merkwürdig?", fragte sie. „So würde ich ‚Kelly' niemals schreiben."

„Anscheinend ist ‚i' das neue ‚y', Mrs. Hudson", rief Sherlock aus dem Wohnzimmer herüber. „Das habe ich aus sicherer Quelle."

„Sicherer Quelle?", wiederholte John. „Warte – sagtest du nicht, du hättest das alles schon vor sechs Monaten angefangen?" Er dachte zurück. „War das, als wir mit diesem Diebstahl in der Oberstufe dieses Colleges beschäftigt waren?"

Sherlock drehte sich zu ihm um. „Man sollte nie den Rat von Experten ignorieren, John", sagte er. „Es gab nichts, was diese Mädchen nicht über Facebook wussten."

„Ich nehme an, die Tatsache, dass sie alle von deinem ‚Byron-haft umwerfenden Aussehen' geschwärmt haben, hat auch nicht geschadet."

Sherlock gelang es, gleichzeitig desinteressiert und selbstzufrieden auszusehen, was John ihm nicht wirklich übelnehmen konnte. Angesichts der Tatsache, dass Sherlock gewöhnlich in einer Atmosphäre von beinahe ungemilderter Feindseligkeit arbeitete, war etwas Bewunderung eine nette Abwechslung gewesen, nachdem er den Angstfaktor überwunden hatte.

„Adrian von nebenan hat andauernd versucht, mich dazu zu bewegen, bei Facebook mitzumachen", sagte Mrs. Hudson, als sie wieder ins Wohnzimmer kam. „Aber ich hab ihm gesagt, dass ich keine Lust habe, Leute anzustupsen."

Sie seufzte. „Er schien immer so ein netter junger Mann zu sein", sagte sie bedauernd. „Wer hätte gedacht, dass er die ganze Zeit was mit diesem Künstlertypen hatte? Und die Vorstellung, Sherlock, dass es vielleicht niemand je bemerkt hätte, wenn Ihnen nicht die Farbe an seiner Hose aufgefallen wäre."

„Sie war nicht an seiner Hose, sie war innen am Kragen."

Mrs. Hudson nahm die Verbesserung gleichmütig zur Kenntnis.

„Tim ist jetzt natürlich sehr einsam, der arme Junge." Sie musterte Sherlock abschätzend, was er nicht im Geringsten zu bemerken schien. John verbarg ein Lächeln. Mrs. Hudson war eine unverbesserliche Romantikerin. Sie hatte immer noch die Hoffnung, eines Tages ein eigenes „verheiratetes Pärchen" zu haben.

Er beobachtete, wie Sherlock noch ein paar Notizen hinzufügte und dann rasch alles mit seinen langen Fingern zu seiner Zufriedenheit umsortierte, in glücklicher Unkenntnis dessen, dass seine Vermieterin pläneschmiedend hinter ihm stand. Mit diesem konzentrierten Gesichtsausdruck, in seiner eigenen Welt versunken, war er fast hypnotisierend. John hätte ihm stundenlang zusehen können.

Nach einer Weile schüttelte sich John und riss sich von dem Anblick los, nur um festzustellen, dass Mrs. Hudsons Blick auf ihm gelandet war, und ihre Augen funkelten regelrecht. Er hustete, dann lächelte er so nichtssagend wie möglich und versuchte es mit Tradition.

„Tee"?

ooOOoo

Anmerkungen:

[*] Boys' Own ist eine Mitte des 18. bis Mitte des 20. Jhdts. erschienene Zeitschtriftenreihe für Jungen, die in gleichem Maße unterhaltsam und informativ sein sollte. Zum Inhalt gehörten beispielsweise Anleitungen zu Pfadfinder-Aktivitäten, Artikel über Sport und das Leben an Knabenschulen, aber auch Abenteuer- und Detektivgeschichten