3.
„Hoppa, was ist denn hier passiert?", stolperte Rokko in sein Zimmer. „Frag lieber, wer hier passiert ist", entgegnete Lisa. Sie war startklar für den Tag, kletterte aber gerade über einen weit geöffneten Koffer. „Wer ist hier passiert?", seufzte Rokko theatralisch. „Erzähle ich dir draußen, sonst weckst du Flip und Flop noch."
„Flip und Flop?", drängte Rokko Lisa dazu, zu sprechen. „Geht es dir wieder besser?", ging Lisa nicht auf seine Frage ein. „Ja, geht es. Danke übrigens, dass ich jetzt meinen Job los bin und Riesentrouble mit der Krankenversicherung habe." – „Oh, na entzückend. Du brichst zusammen und trotzdem bin ich der Buhmann. Das nächste Mal lasse ich dich einfach liegen." – „Wenigstens im Krankenhaus besuchen hättest du mich können", schmunzelte Rokko vorwurfsvoll. „Du warst nur zwei Nächte da, außerdem wusste ich nicht, wie du reagieren würdest, okay?" – „Na gut, ich lasse das mal so stehen. Was ist denn nun mit unserem Zimmer passiert?" – „Ähm, zwei neue Mitbewohnerinnen." – „Nur zwei? Das Chaos lässt aber mehr darauf schließen, dass der Sechser-Schlafraum komplett voll ist." – „Ähm… ja… Flip und Flop sind schon speziell." – „Wieso eigentlich Flip und Flop?", hakte Rokko nach. „Ich habe sie so getauft. Ich fand es irgendwie passend. Man trifft nie eine alleine an, die sind immer zusammen unterwegs." – „Wie ein paar Flipflops? Aha, interessant", grinste Rokko. „Welcher Nation sind sie denn?" – „Es sind Französinnen." – „Ah, oui?", rieb Rokko sich diebisch grinsend die Hände. „Sprichst du Französisch? Das dürfte die Kommunikation erleichtern", atmete Lisa erleichtert aus. „Die beiden sprechen nämlich nur und ausschließlich Französisch. Ich bin nur am Raten, was sie mir sagen. Das ist unglaublich anstrengend." – „Ach, von sprechen habe ich nichts gesagt", provozierte Rokko sein Gegenüber. „Dir muss es ja schon wieder sehr gut sein, wenn du schon wieder solche Sprüche klopfen kannst", knirschte Lisa mit den Zähnen. Rokko legte seine Hand auf das dicke Pflaster, das seine Stirn zierte. „Mal abgesehen davon, geht es mir ziemlich gut, ja", gab er offen zu. „Das freut mich. Ich bin dann mal weg." – „Gehst du auf die Resumé-Runde? Wenn ich mich recht erinnern kann, hast du mir angeboten, mit zu kommen." – „Nein, heute sehe ich mir Casa Loma an. Ich warte noch auf meine Sozialversicherungskarte. Nur mit der vorläufigen Nummer macht es ja keinen Sinn, sich nach einer Arbeit umzusehen." – „Wenn du meinst. Du weißt, wie man nach Casa Loma kommt?" – „Klar", wedelte Lisa mit ihrem Stadtplan. „Immer nur Spadina Avenue rauf." – „Du fährst nicht mit der Straßenbahn?", hakte Rokko kritisch nach. „Nee. Ist doch nicht weit." – „Welchen Maßstab hat denn deine Karte?" – „Keine Ahnung, aber die Strecke ist nicht mal so lang wie mein Finger." – „Na dann, viel Spaß in Casa Loma. Ich kämpfe mich dann mal ins Zimmer." – „Aber weck Flip und Flop nicht. Die sind unausstehlich, wenn man sie weckt." Rokko warf einen Blick auf seine Armbanduhr. „Ähm, es ist aber schon Mittag." – „Eben", triumphierte Lisa. „Die sind quasi gerade ins Bett gegangen." – „Aha", schüttelte Rokko verständnislos den Kopf.
Gut gelaunt lief Lisa durch Torontos Chinatown. Innerliche zählte sie, wie viele Blöcke sie schon hinter sich gebracht hatte und wie viele noch vor ihr lagen. Hatte Rokko vielleicht deshalb so gegrinst? Es schien ihr, als wäre sie schon eine kleine Ewigkeit unterwegs und hätte trotzdem nur ein paar Blocks hinter sich gebracht. Wenigstens regnete es nicht – so wie das letzte Mal, als sie hier unterwegs war. Lisa zog ihre Handtasche vor ihren Bauch und begann, darin zu kramen. Ein Hustenbonbon würde ihrem Hals jetzt sicher gut tun. Eine fette Erkältung – das fehlte jetzt gerade noch. Lisa atmete tief durch. Wunderbar, ihre Nase war noch nicht verstopft. Der Duft des Chinatowns war aber auch zu einmalig. Es roch nach Gewürzen, nach exotischem Essen und vielen anderen Dinge, die Lisa gar nicht benennen konnte.
Zwischenzeitlich hatte sich Rokko durch das Chaos im Hostelzimmer gekämpft. „Salut! Ca va?", hatte er eine seiner neuen Mitbewohnerinnen kurz gegrüßt, als diese aufgesehen hatte. Diese hatte jedoch nur gegrunzt und sich wieder umgedreht. „Sehr nett", schüttelte Rokko den Kopf. Er wusste ja, dass sein Französisch nicht so berauschend war, aber so ein paar kleine Höflichkeitsfloskeln konnte er dann doch noch… Endlich an seinem großen Rucksack angekommen, machte Rokko sich daran, ein paar Unterlagen herauszuziehen. Er war einen Blick auf das erste Papier, das ihm in die Hände fiel – sein Lebenslauf. Der war noch aktuell genug. Er würde nichts daran ändern müssen. Acht Kopien hatte er noch. Das war nicht schlecht. Er würde also nicht sofort neue drucken lassen müssen. Eigentlich konnte er gleich losziehen und sie verteilen. Vielleicht würde er dann gleich morgen schon wieder arbeiten können. Bloß… was wollte er damit arbeiten? Rund ums Hostel gab es nur Jobs im Verkauf oder in Fastfood-Restaurants. Die Chancen, da etwas zu finden, waren zwar recht groß, aber so viel brachte das nicht ein. Damit würde er nie seinen Trip quer durchs Land finanzieren können. Einen Augenblick dachte er an die Kreditkarte, die sein Vater ihm in die Hand gedrückt hatte. Damit könnte er ganz sicher sorgenfrei quer durch das Land reisen. Damit würde er sich nie wieder Sorgen machen müssen, wenn es Probleme mit dem Job gab. Er konnte das Grinsen seines Vater förmlich sehen, wenn er die Kreditkartenabrechnung in der Hand hielt und nachvollziehen konnte, was Rokko wann gekauft hatte. Nein, diesen Triumpf wollte er seinem Vater nicht gönnen. Nein, ganz sicher nicht. Er würde sich gleich jetzt auf den Weg machen, um einen neuen Job zu finden. Rokkos Blick wanderte über seinen Lebenslauf. Oder auch nicht, entschied er plötzlich. Er hatte doch schon einiges an Geld verdient, dafür hatte er noch nichts oder kaum etwas von der Stadt gesehen. Sorgfältig packte er seine Unterlagen wieder in den Rucksack. Wenn er sich beeilte, holte er Lisa noch ein. Oder besser: Er nahm die Straßenbahn, dann war er auf jeden Fall vor ihr da.
Schwer atmend setzte Lisa einen Fuß vor den anderen. Wieso konnte man in der Karte auch nicht sehen, dass man einen Berg hinauflaufen musste, um zu diesem Casa Loma zu kommen?, knurrte sie innerlich. Noch fünf Blocks, dann war sie endlich da. Sie war doch jetzt bestimmt schon zwei Stunden unterwegs, oder? Lisa sah auf ihre Uhr. Nein, nicht ganz. Dieses Casa Loma sollte besser richtig, richtig sehenswert sein, damit sie diese Anstrengung auch lohnte.
„Ma'm, do you have some change?", torkelte ein verdreckter Mann mittleren Alters auf Lisa zu. „Can you spare some money, ma'm?" Verunsichert sah Lisa sich um. Sie war ganz alleine auf dem Fußweg. Der Obdachlose musste sie meinen, kein Zweifel. „I lost my job, I don't have a home, I am hungry", redete der Mann auf Lisa ein. „Can you spare some money?" Hilflos zog Lisa ihre Handtasche zu sich heran. Eilige suchte sie darin nach ihrem Portemonnaie. „Sorry, she doesn't", erklang plötzlich eine Stimme hinter ihr. Rokko baute sich neben seiner Zimmergenossin auf. „She can't spare money. Leave her alone." Ehe Lisa sich versah, hakte Rokko sich bei ihr unter und dirigierte sie in Richtung der Sehenswürdigkeit, die das eigentlich Ziel ihres Ausflugs war.
„Egal wie leid sie dir tun, greif niemals in deine Tasche, wenn sie dich um Geld bitten. Hab lieber ein paar Münzen in der Hosentasche – für den Fall, dass du dich mal richtig bedroht fühlst und keinen anderen Weg siehst, ansonsten sagst du einfach ‚sorry' und gehst weiter." Betreten sah Lisa zu Boden. „Kannst du deine Handtasche so einstellen, dass du den Träger über den Kopf ziehst, damit der Träger quer über deinen Körper geht? Dann ist es schwieriger, sie dir zu stehlen. Mit den Obdachlosen ist es so, du gibst ihnen ein paar Münzen und dann fragen sie nach einen Schein oder gar, ob du eine Kreditkarte hast oder so. Du musst wirklich vorsichtig sein." – „Was machst du eigentlich hier?", fand Lisa plötzlich ihre Stimme wieder. „Ich wollte in der ersten Reihe stehen, wenn du die Zielgrade erreichst", grinste Rokko. „Ich dachte ja, du bräuchtest länger." – „Höre ich da so etwas wie Respekt in deiner Stimme." – „Nö", grinste Rokko. „Wenn du so blöd bist und nicht die Straßenbahn nimmst, bist du selbst Schuld." – „Entzückend", kommentierte Lisa gereizt. Unweigerlich hakte sie ihren Arm von Rokkos los und stapfte wütend gerade aus. „Hey, Casa Loma ist hier die Treppe hinauf", deutete Rokko in die Gegenrichtung.
„Wow", staunte Lisa, als sie aus dem obersten Fenster des Hauses sah. „Was für ein Ausblick!" – „Hm", hielt Rokko seine Begeisterung zurück. „Das ist der höchste Punkt der Stadt", erklärte er ihr. „Kein Wunder, dass man von hier so eine gute Aussicht hat." Lisa zog ihre Kamera hervor und machte ein Foto von der Aussicht. „Soll ich dich mal fotografieren?", schlug Rokko vor. „Besser nicht. Es sollen doch schöne Fotos werden." – „Sei nicht albern", winkte der junge Mann ab. „Gib schon her", nahm er ihr die Kamera weg. „Stell dich mal da hin und lächle", wies er sie an. „Nennst du das ein Lächeln?", fragte er angesichts Lisas seltsamer Grimasse verwirrt. „Hm", brummte diese errötend. „Wegen der Spange. Die ist nicht wirklich sehenswert." – „Sei nicht albern. Lächle mal. Und mach dich locker. Du stehst ja da, als hättest du einen Stock verschluckt."
„Ist doch nicht so doof, einen Mitbewohner zu haben, oder?", neckte Rokko Lisa. „Nur, wenn er sich mit dem öffentlichen Nahverkehrssystem auskennt", grinste Lisa gelöst zurück. „Naja, du bist ja aus Berlin. Das ist eine große Stadt, du lernst das mit dem Nahverkehrssystem hier ganz sicher ganz schnell." – „Wo bist du eigentlich her?", lenkte Lisa das Gespräch in eine andere Richtung. „Aus einem kleinen Nest bei Hamburg", erwiderte Rokko. „Hamburg. Schön", sagte Lisa, weil sie nicht wusste, was sie sonst hätte sagen sollen. „Nur kein Neid", lachte Rokko. „Und was machst du, wenn du nicht gerade durch Toronto läufst?", wollte er dann von seiner Mitbewohnerin wissen. „Ich habe bei Kerima Moda gearbeitet… in der Geschäftsleitung… als Assistentin", fügte Lisa eilig hinzu. „Kerima Moda, he? Und wieso bist du nicht mehr da? Klingt ja eigentlich nach einem festen Job mit Zukunftsaussichten." – „Ach ja", seufzte Lisa. „Warum ich nicht mehr da bin, kann ich so genau nicht sagen. Mein Chef meinte, er wolle mich nicht mehr sehen und ich habe das als Kündigung interpretiert." – „Du hast es als Kündigung interpretiert", wiederholte Rokko irritiert. „Und wie hat er es interpretiert?" – „Scheinbar nicht als Kündigung, denn er hat mich angerufen und mich gebeten, zurück zu Kerima zu kommen." – „Und wieso tust du das dann nicht? Ich meine, wenn ich mir überlege: Kerima Moda oder Jobsuche samt Hostelunterkunft hier, wüsste ich aber, was ich täte…" – „Alle scheinen zu glauben, ich würde das hier nicht packen." – „Oh, du bist der trotzige Typ – der, der durchhält, weil sie es allen zeigen will. Das gefällt mir", grinste Rokko breit. „Wann müssen wir eigentlich aussteigen?", wollte Lisa plötzlich wissen. „Noch zwei Stationen. Wir können aber auch gerne laufen, wenn dir das lieber ist…" – „Besser nicht, meine Füße bringen mich immer noch für den Hinweg um", jammerte Lisa gespielt. „Und wieder was fürs Leben gelernt: Nur weil die Strecke in der Karte nicht so lang ist wie dein Finger, heißt das noch lange nicht, dass der Weg kurz ist." – „Ja, ist schon gespeichert", versicherte Lisa.
Schweigend saßen Lisa und Rokko nebeneinander. Noch eine Station und sie waren wieder im Hostel. „Excuse-me, Ma'm", sprach jemand Lisa an. Diese sah auf und schluckte hart. Vor ihr stand ein älterer Herr mit zwei dick bandagierten Händen. Sein gesamtes Outfit war eher schmuddelig, aber das nahm Lisa nicht war. Entsetzt sah sie auf die Verbände, durch die Blut und septische Flüssigkeit drang.
Voller Horror griff Lisa tapfer in die Hosentasche des Mannes. Er brauchte Kleingeld, um die Straßenbahn bezahlen zu können. Zwei Dollar fünfundsiebzig Cent. Das waren nicht so viele Münzen – vorausgesetzt man fand in der fremden Hosentasche die richtigen auch sofort. Lisa jedoch musste wieder und wieder in die Hosentasche des Mannes greifen und wieder und wieder Münzen zurückgleiten lassen. Als sie endlich die richtige Anzahl Münzen zusammen hatte, rannte sie förmlich zum Fahrer, um für den Mann zu bezahlen. Erleichtert, es ausgestanden zu haben, nahm Lisa das Ticket entgegen. „God bless you, Ma'm", strahlte der Fremde Lisa an. Freundlich lächelnd überreichte Lisa ihm seinen Fahrschein, bevor sie sich so schnell wie möglich wieder zu Rokko setzte.
„Was war das?", fragte sie ihren Mitbewohner. „Das war, wenn du nicht auf deine Versicherung aus Deutschland zurückgreifen kannst", kommentierte Rokko knapp. „Na, bekommt dein Kanada-Bild erste Risse?" – „Zumindest ernüchtert mich das sehr. Damit habe ich nicht gerechnet." – „Willkommen in der Realität", lachte Rokko verächtlich.
„Puh, das nenn ich mal ne Luft", kommentierte Rokko, als er das Hostelzimmer betrat. „Riecht irgendwie… nach verbrannten Haaren, oder?", wandte er sich an Lisa. „Oh nein, sie tun es schon wieder: Sie glätten sich schon wieder ihre Haare", rollte diese mit den Augen. „Das haben sie gestern Abend auch gemacht. Das dauert ewig und sie belegen dabei alles mit Beschlag", seufzte Lisa. „Aha… du meinst, Flip und Flop, richtig?" – „Richtig", bestätigte Lisa. „Dann lerne ich sie ja auch endlich kennen. Die haben vorhin tatsächlich noch geschlafen."
„Bonjour, mesdemoiselles", grinste Rokko seine neuen Mitbewohnerinnen an. „Ah, tu parles francais", freute einer der beiden jungen Frauen sich offensichtlich. „Un petit peu", versichterte Rokko. „Bonjour. Comment ca va? Voulez-vous coucher avec moi?" – „Um Himmels Willen", fiel Lisa ihm ins Wort. „Du hast sie gerade gefragt, ob sie mit dir schlafen will." – „Ich weiß. Wieso Zeit verschwenden? Manchmal wäre ich gerne ein Hund – die schnüffeln sich gegenseitig am Hintern, wenn sie sich interessant finden." – „Du bist unmöglich", warf Lisa ihm gereizt vor. „Ehrlich heißt das Wort, ehrlich", korrigierte Rokko amüsiert.
Missmutig betrachtete Lisa das Gespräch, das sich zwischen Rokko und den zwei Französinnen entwickelt hatte. Es glich vielmehr einer Pantomimen-Vorstellung, fand Lisa. „Hey, die beiden gehen in eine Bar. Willst du auch mitkommen?", wandte Rokko sich plötzlich an sie. „Nein, Danke", knurrte Lisa. „Bist du sauer oder so?", wollte Rokko völlig unbedarft wissen. „Sauer? Du meinst, weil es hier aussieht wie im Schweinestall? Oder weil es Energieverschwendung ist, das Glätteisen angesteckt zu lassen, obwohl man es gar nicht benutzt?", fauchte Lisa und deutete auf das Gerät. „Alles in Ordnung mit dir? Du musst nur ‚nein' sagen, wenn du lieber hierbleiben möchtest. Ich gehe jedenfalls mit. Könnte lustig werden." – „Findest du nicht, du solltest dich besser etwas ausruhen? Du warst gerade erst wegen eines Unfalls im Krankenhaus." – „Ach was", winkte Rokko ab. „Ist doch alles schon wieder vergessen. So eine kleine Kneipentour wird mir schon nicht schaden – dir übrigens auch nicht. Das könnte dich ein wenig lockerer machen." – „Danke für den Hinweis. Ich bleibe trotzdem lieber hier."
