Kapitel 3:
Kings Cross, 31. August 1995
Der Anblick des Gleises Neundreiviertel mit den Trauben von Schülern und dem Russ ausstoßendem Hogwarts-Express schaffte es sofort, Harry in eine bessere Laune zu versetzen. Er, zusammen mit Hermine, Ron, den Zwillingen, Ginny, Mr. und Mrs. Weasley, sowie den Ordensmitgliedern Tonks, Kingsley, und dem mürrischen Professor Moody, der die Menge misstrauisch beäugte, waren eben am Bahnsteig angelangt. Harry war zuerst etwas enttäuscht gewesen, als er Sirius nicht unter ihnen entdecken konnte, doch gerade als sie sich erst ein paar Momente lang auf dem Bahnsteig befunden hatten, erschien ein riesenhafter, schwarzer Hund, der vom sehr übermüdet wirkendem Professor Lupin an der Leine geführt wurde. Harry, der den Hund sofort erkannt hatte, wollte schon auf ihn loslaufen, doch da hatte sich Sirius schon von Lupin losgerissen und sprang übermütig bellend an Harry hoch.
"Aber Dumbledore hat doch nein gesagt, Remus", wandte sich Mrs. Weasley vorwurfsvoll an Professor Lupin.
"Ich konnte ihn unmöglich im Haus lassen..." setzte dieser schwach zu einer Erklärung an.
Er wurde jedoch von Mr. Weasley unterbrochen, der sich entschuldigte, am Bahnhofseingang hätte es einen Notfall gegeben, der seine Anwesenheit verlangte.
"Irgendein Depp hat bestimmt wieder versucht, sein Taxi mit Galeonen zu bezahlen", rief er ihnen im Wegeilen zu. "Passiert jedes Jahr wieder!"
Während die anderen begannen, ihr Gepäck in die Züge zu laden, nutzten Harry und Sirius die Gelegenheit, um sich für eine kurze Unterhaltung in die Bahnhofstoilette zurückzuziehen. Im Tumult der Abreise bemerkte sie niemand, einzig allein Moody rief ihnen eine Warnung zu.
"Sei auf der Hut, Harry! Vergiss nie, dass der Feind gleich neben dir stehen könnte!"
In der Herrentoilette auf der Bank neben den dreckverklebten Waschbecken sitzend sah Harry zu, wie sich die Figur des schwarzen Hundes in seinen Patenonkel verwandelte. Etwas verstört bemerkte Harry, dass Sirius außer seinem schwarzen Pelzmantel und dem Hundehalsband und Leine nichts am Körper trug.
Sirius hatte unterdessen im Schneidersitz auf dem Fußboden Platz genommen. Er fischte nun aus den Tiefen seines Umhanges eine, kleine, vergoldete Whiskeyflasche hervor und hielt sie vor sich ins Licht, um sie genauer zu betrachten.
"Jaaah, seufzte er und setzte sich die Flasche an die Lippen."1965. Gutes Jahr..."
Versonnen blickte er ins Leere. Harry rutschte ungeduldig auf der Bank herum. Endlich, nach einem weiteren Schluck aus der Flasche, begann Sirius wieder zu sprechen.
"Aber kommen wir doch zum Thema...Ich hab deinen Brief bekommen."
Aufgeregt lehnte sich Harry nach vorne, in der Hoffnung, nun endlich Antworten auf seine zahlreichen Fragen zu erhalten. Fragen die ihn nun schon zu lange plagten.
"...Und, ehrlich gesagt, ich habe nicht den geringsten Schimmer. Oder, wie mein Vater es gerne ausdrückte, 'Sirius, in deinem Hirn scheint es dunkler zu sein als in einer Nacht ohne Sterne'...dann musste ich immer in die Bibliothek gehen, und alles ganz genau nachschlagen..." Sirius Stimme verlor sich im Lärm des Bahnhofs.
Harry rollte genervt mit den Augen. Er war schließlich nicht hier her gekommen, um sich Sirius Familienanekdoten anzuhören. Er räusperte sich mit Nachdruck, was Sirius wieder in die Gegenwart zurückholte.
"Aber das ist natürlich nicht alles." Sirius fischte in den Taschen seines Umhanges herum.
"Ich hab nämlich ein Geburtstagsgeschenk für dich!" Mit triumphierendem Lächeln reichte er Harry ein kleines Päckchen, das nachlässig in Packpapier eingewickelt war. Misstrauisch nahm Harry das Päckchen entgegen und begann, es auszuwickeln.
"Ein...Spiegel?" Mit gerunzelter Stirn blickte er Sirius an. "Was soll ich mit 'nem Spiegel?"
"Oh, es ist natürlich nicht irgendein Spiegel! Es ist ein..." hier sprang Sirius auf und breitete die Arme aus, um seiner Rede mehr Ausdruck zu verleihen, "...MAGISCHER Spiegel!!" Er klatschte ein paar Mal in die Hände und verbeugte sich zu beiden Seiten vor seinem imaginären Publikum.
Harry war nicht amüsiert.
"Oooh, so ist das also. Ein MAGISCHER Spiegel, natürlich", erwiderte er in einem bissigen Tonfall. "Und was kann er denn so, dein MAGISCHER Spiegel?"
Sirius hatte sich wieder hingesetzt. "Dass weiß ich auch noch nicht so genau, „ meinte er unbekümmert."Ich hab ihn beim Ausmisten im Zimmer meiner Mutter gefunden. Soweit hab ich aber noch nichts aus ihm heraus bekommen. Obwohl..."
Nachdenklich tippte sich Sirius ans Kinn. "Oh, ja, wenn man reinguckt, kann man sein Spiegelbild sehen!"
"Alle Spiegel können das, Sirius", erwiderte Harry genervt, sah aber doch hinein.
Sein Spiegelbild starrte missmutig zurück. Er sah aus wie immer. Dieselbe Brille, seine grünen Augen dahinter, seine verwuschelten schwarzen Haare...und seine Stirn. Seine eigene, absolut makellose, narbenlose Stirn.
Während sich Harry und Sirius in der Herrentoilette kabbelten, fand nebenan in der Damentoilette ebenfalls ein wichtiges Gespräch statt. Nachdem Mortebella die sich schminkenden Mädchen, die sich im Waschraum befunden hatten, entfernt hatte, legte Voldemort seinen Unsichtsbarkeitsumhang ab.
"Warum mussten wir ausgerechnet in die Damentoilette gehen?" beschwerte er sich bei Mortebella
"Tut mir leid, Papi" erwiderte diese. "Aber die Herrentoilette schien besetzt zu sein. Ich wollte nicht stören..." Voldemort schüttelte den Kopf. Seine Tochter hatte noch viel zu lernen. Aber nun musste er sich beeilen. Der Zug würde bald abfahren.
"Hör gut zu Mortebella. Bevor dein Schuljahr beginnt habe ich noch ein paar wichtige Anweisungen für dich." Voldemort begann von einer Liste abzulesen, die er während der Fahrt angefertigt hatte.
"...Sag niemandem wer du wirklich bist. Dein Nachname ist "Mort". Versuch, dich halbwegs unauffällig zu verhalten. Sie zu, dass du nach Slytherin kommst. Setz dich am besten gleich mit ihnen in ein Abteil. Lass dir nichts von Gryffindors bieten. Wenn du Fragen hast, wende dich an Professor Snape. Falls die immer noch diesen Kesselkuchen im Zug anbieten...sehr zu empfehlen. Ach, und wenn du gleich im Zug bist...du wirst höchst wahrscheinlich einen Jungen mit schwarzen Haaren, Brille und grünem MagicMarker auf der Stirn begegnen. Verlier keine Zeit, stell keine Fragen, sie einfach zu, dass du ihn loswirst! Da werden sich ja wohl mehrere Gelegenheiten anbieten. Und das wär's auch eigentlich schon."
Zufrieden rollte Voldemort die Liste wieder zusammen und steckte sie zurück in seine Tasche, und sah seine Tochter fragend an. „Verstanden?"
Mortebella öffnete den Mund, um etwas zu sagen, doch sie wurde vom Pfeifen des Schaffners unterbrochen.
"Okay, Liebling, das ist dein Signal. Zeit, deine Koffer einzuladen."
"Aber..."
"Nichts aber. Du willst doch nicht den Zug verpassen, oder, Liebling?" Voldemort schob Mortebella in Richtung Tür.
"Ich hoffe du hast eine wunderbare Zeit, Liebling. Und vergiss nicht:"
Halb in der Tür drehte sich Mortebella noch einmal nach ihrem Vater um, der schon halb unter seinem Umhang verschwunden war.
„Werd ihn los!!"
"AAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAR-" schrie Harry Potter entsetzt.
"Harry", versuchte sein Pate, zu ihm durch zu kommen.
„-RAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAA-"
"Harry."
"-AAARGH!!"
"Was'n los, Harry?"
"Mei- Meine Narbe!! Sie- Sie ist nicht mehr da!!" Verstört rubbelte sich Harry über die Stirn, sah in den Spiegel, sah wieder weg, sah wieder hin...er schloss seine Augen, schüttelte fest den Kopf, und blickte wieder in den Spiegel. Seine Narbe war noch immer verschwunden.
"AAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAARGH!!"
"Ich hab's schon vorhin bemerkt, dass deine Narbe nicht da war", tönte Sirius unbekümmert. Er hatte seine Whiskeyflasche wieder hervorgeholt, und es sich auf dem Fußboden bequem gemacht. "Hab gedacht, du hättest sie einfach überschminkt oder so was...nun, dann brauche ich wohl nichts mehr über deine Narbenprobleme nachzuschlagen..."
Harry fuhr herum. "Machst du Witze?! Jetzt musst du erst Recht was raus finden!! Das...das ist doch nicht normal!! Eine Narbe kann doch nicht von heute auf morgen einfach so verschwinden!!"
"Anscheinend ja schon", kam es unbeteiligt von Sirius.
Harry zerraufte sich die ohnehin schon verwuschelten Haare.
"Was mach ich den jetzt! Wenn der Tagesprophet das rauskriegt! Dann werden doch erst recht alle denken, ich wäre einfach nur ein Lügner! Oh, was mach ich nur?"
In diesem Moment ertönte ein lautes Pfeifen. Der Hogwarts-Express war abfahrtsbereit.
Sirius seufzte, und steckte seine Flasche wieder ein. Dann wandte er sich mit beruhigender Stimme an Harry.
"Mach dir keine Sorgen. Du kämmst dir jetzt einfach die Haare in die Stirn, und dann wird es schon niemandem auffallen. Und dann werden Remus und ich schon herausfinden, was das Verschwinden deiner Narbe zu bedeuten hat. Okay?"
"Wenn du meinst", schniefte Harry, schon etwas ruhiger.
"Ich meine. Und jetzt solltest du dich beeilen, oder du verpasst den Zug."
Im Zug traf Harry auf Ron und Hermine, die sich jedoch gleich wieder ins Vertrauensschülerabteil verdrückten, Ron rief ihm noch im vorbeigehen zu, sie würden sich ja später noch sehen. Etwas beleidigt schlenderte Harry nun durch die Gänge, bemüht, im überfüllten Zug noch ein freies Abteil zu finden. Doch die Auswahl schien nicht besonders groß zu sein, es sei denn, Harry wäre daran interessiert gewesen, mit einem Haufen kichernder Drittklässler zusammenzusitzen. Er hätte auch Colin Creevys Einladung folgen können, der sich über die Sommerferien ein "Harry-Potter-Kostüm" gebastelt hatte. Obwohl die runde Brille ihn schielen machte, war Colin von seiner Verkleidung begeistert. Harry dagegen empfand das Ganze als eher unangenehm, nicht, dass er generell etwas gegen Fans hatte, aber Colins aufgemalter grüner Blitz erinnerte ihn an sein eigenes Narbenproblem.
Er hatte gehofft, während der Bahnfahrt alles Ron und Hermine zu erzählen, doch die waren ja im Vertrauensschülermeeting. Da Harry schon halb befürchtete, am Ende noch mit Malfoy im Abteil sitzen zu müssen, war er mehr als erleichtert im Ende des Zuges auf Ginny zu treffen. Diese lud ihn ein, mit ihr und Neville zu sitzen. Dieser stand hilflos im Gang.
"I-Ich glaub hier ist nichts mehr frei..." stotterte er und wies auf die Tür, vor der er stand.
"Spinn nicht rum", erwiderte Ginny, die in das Abteil spähte "Da ist doch nur Loony Lovegood drin."
Sie ignorierte Nevilles gestotterten Protest und schob ihn und Harry kurzerhand ins Abteil hinein.
Drinnen saß Luna, die tief in ein Magazin vertieft war, von dem Harry noch nie etwas gehört hatte, Plötzlich hob sie jedoch den Kopf und starrte Harry an.
"Du bist Harry Potter."
'Cool', dachte Harry. 'Ein Fan.' Er holte tief Luft, um zu seiner "Ja, ganz richtig, ICH bin der Junge, der überlebte"-Rede anzusetzen.
"Also Harry", unterbrach ihn Ginny übertrieben lächelnd. "Was hast du in den Ferien so gemacht?"
"Nun ja, also zuerst einmal hab ich..."
"Das ist ja toll", schnitt sie ihm das Wort ab. "Und du, Neville?"
"Ähm...äh..."
"Red mal etwas lauter, ich versteh ja kein Wort, Neville!"
"...Nachdem ich dann ja also erfolgreich die Dementoren verjagt habe und somit..."
"...äh, mein Onkel war da..."
"...du weißt ja, mein Patronus-Zauber war schon immer außergewöhnlich..."
"..Ähm, und er hat mir was mitgebracht, das ist wirklich interessant...ich kann's ja mal zeigen..."
"...meinem Cousin habe ich das Leben gerettet, der war vielleicht dankbar..."
"Ach Harry, jetzt halt doch mal die Klappe! Ich unterhalte mich mit Neville! Also, Neville, was hat dir dein Onkel mitgebracht?"
Beleidigt stand Harry auf und ging in Richtung Abteiltuer. Wenn die auf seine Anwesenheit keinen Wert legten...
Neville hatte unterdessen aus seiner Tasche einen kleinen Blumentopf hervorgekramt, in dem ein kleines, unscheinbares, ja sogar schon hässliches Pflänzchen wuchs. Ginny starrte das Pflänzchen überrascht an und sogar Luna schaute desinteressiert hinter ihrem Magazin hervor. Das mickrige Ding war der Grund für Nevilles Aufregung? Auch Harry drehte sich in der offenen Abteiltuer herum und musterte die Pflanze neugierig.
"Und...was ist das genau für eine Pflanze?" erkundigte sich Ginny.
"Es ist ein Mimbulus Nimbeltonia!" erwiderte Neville stolz. Mit vor Aufregung geröteten Wangen hielt er den Blumentopf den anderen hin.
"Er hat ein ganz tolles Abwehrsystem, schaut mal." Neville piekste mit einer Feder gegen eines der Blätter des Mimbulus Nimbeltonia. Im nächsten Moment waren Neville, Luna, Ginny und Harry sowie der Rest des Abteils mit einem stinkenden braunen Schleim überzogen. Luna hatte sich geistesgegenwärtig das Magazin vors Gesicht gehalten und war der braunen Brühe entkommen.
"Igitt!" brüllte Harry und wischte hektisch an seinem Gesicht herum, bekam aber als Ergebnis nur den Schleim in die Augen. Blind tastete er nach der Abteiltuer. 'Nur weg von diesem Schleim', dachte er und stürzte aus dem Abteil, doch draußen stieß er mit etwas zusammen und fiel auf den Boden. Er hörte, wie jemand "Meine Schuhe!" rief, doch sehen konnte er immer noch nichts.
Die selbe Stimme murmelte etwas, das Harry nicht verstehen konnte, doch auf einmal war der eklige Schleim von ihm verschwunden und er hatte seine Sicht wiedererlangt.
Er lag im Gang des Zuges auf dem Fußboden. Stöhnend richtete er sich auf, als ihm auffiel, dass er keineswegs allein war. Im Gang neben ihm stand ein Mädchen, ihren Zauberstab in der Hand, das ihn vorwurfsvoll ansah.
"Du hast meine Schuhe dreckig gemacht", rief sie und wies auf ihre Füße. Tatsächlich waren auf den pinken Wildlederstiefeln einige braune Spritzer zu erkennen. Langsam ließ Harry seinen Blick von den Stiefeln hoch wandern, bis er dem Mädchen direkt ins Gesicht sah. Sie war klein und sehr zierlich gebaut, mit dichten, schwarzbraunen Locken die ihr Gesicht umrahmten, aus dessen Blässe ihn zwei dunkle Augen prüfend musterten.
"Öhm, tut mir Leid, das mit den Schuhen?" versuchte Harry sich an ein wenig geistreicher Konversation, und grinste, wie er hoffte, ein charmantes Lächeln.
Das Mädchen starrte ihn noch immer etwas seltsam an.
Harry rappelte sich vom Boden auf und streckte seine Hand aus.
"Ich bin übrigens Harry", sagte er, seine Hand noch immer zwischen ihnen in der Luft hängend. Doch anstatt sie anzunehmen, fuhr die Hand des Mädchen in einer schnellen Bewegung zu Harrys Stirn. "Hmmm", machte sie, während sie, auf Zehenspitzen stehend, die Haare, die seine Stirn bedeckten, zur Seite strich.
"Hmmm", machte sie abermals mit gerunzelter Stirn, dann jedoch entspannten sich ihre Gesichtszüge, sie lächelte ihn an und schüttelte endlich Harrys Hand.
"Freut mich", sagte sie strahlend. "Ich heiße Mortebella.
"Ich würde wirklich gerne mit in dein Abteil kommen und dich kennen lernen, aber leider kann ich nicht. Tut mir Leid", fuhr sie fort, obwohl Harry sich nicht erinnern konnte, sie dazu eingeladen zu haben.
"Ich hoffe aber, dich noch später im Unterricht zu treffen. Auf Wiedersehen", sagte Mortebella nun, winkte ihm noch einmal fröhlich zu, marschierte den Gang hinunter und war dann verschwunden.
Harry stand noch ein paar Momente bewegungslos im Raum, unfähig, sich auf die Geschehnisse der letzten paar Minuten einen Reim zu machen. Dann jedoch zuckte er die Schultern und begab sich zurück ins Abteil, in dem Ginny mittlerweile mit ihrem Ratzeputz-Zauber ein wenig Ordnung geschaffen hatte.
Mit großen Schritten stiefelte Mortebella den Gang hinunter, ihre zahlreichen Koffer hinter ihr in der Luft schwebend. Alles in ihr summte vor Aufregung. Sie wusste nicht so richtig, was genau geschehen war, doch sie konnte fühlen, dass es etwas Wichtiges gewesen war.
Niemand hatte Mortebella ja etwas über Liebe beigebracht. Wie auch, denn es gab niemanden, von dem sie etwas lernen könnte. Ihre Mutter hatte sie das letzte Mal gesehen, als sie noch ein Neugeborenes war. Ihr Vater, Lord Voldemort, gab zwar vor, sie zu lieben, ja er glaubte es sogar selbst. Doch die Beschaffenheit seiner Natur, manipulierend, machtlüstern und stets auf seinen eigenen Vorteil bedacht, ließ es ihm nicht zu, Mortebella wirklich zu lieben, mit der Art von Aufrichtigkeit und Bedingungslosigkeit, mit der ein Vater seine Tochter liebt.
All ihr Wissen über Liebe bezog Mortebella deshalb aus ihren Teenie-Filmen, die sie sich rund um die Uhr anschaute und genau studierte und analysierte. Für sie bedeutete Liebe, dass der Schwarm der Schule, über viele Umwege und mit vielen Tränen, mit der hübschen, niedlichen Cheerleaderin zusammen kam, dass sie sich vor einem Wasserfall küssten und dann mit kitschiger Streichermusik im Hintergrund in Sonnenuntergang liefen, dem glücklichen Happyend entgegen.
Und sie sehnte sich danach, die hübsche Cheerleaderin zu sein. Sie wollte hinten auf dem Motorrad sitzen. Sie wollte nachts den Himmel anschauen, und jemanden haben, der einen Stern nach ihr benennen würde. Und sie nun war sie auf dem Weg nach Hogwarts! Sie war noch gar nicht in der Schule angekommen, und schon hatte sich ihr der erste Junge vor die Füße geworfen. Mortebella wusste, hier würden ihre Träume zur Wirklichkeit werden. Es würde besser sein als jeder Film, denn schließlich war es ihr eigenes Leben! Und sie wusste auch schon, wer die Rolle des Schulschwarms übernehmen würde...
„Harry..." flüsterte Mortebella. Genüsslich ließ sie sich den Namen auf der Zunge zergehen. Sie hatte ihre Entscheidung getroffen. Der Auserwählte wusste zwar noch nichts von seinem Glück, doch das machte ja nichts.
Sie sah sich im Gang um, auf der Suche nach einem freien Abteil, in dem sie in Ruhe sitzen konnte. Voldemort hatte ihr zwar eine Aufgabe für den Zug gegeben, aber sie wollte jetzt lieber im Abteil sitzen und einen genauen Plan für ihre Zeit in Hogwarts ausarbeiten. Den Jungen mit dem MagicMarker konnte sie ja auch später noch suchen.
Da es kein freies Abteil gab, riss Mortebella kurzerhand die ihr am nächsten stehende Tür auf, um die Insassen einfach herauszujagen. Plötzlich bemerkte sie jedoch einen der Jungen, die Innen saßen, und stutzte. Sie ließ ihren Blick über den Jungen gleiten, über seine Kamera, die er fest umklammert hielt, seine schwarz gefärbten Haare, und seine Stirn, auf der ein aufgemalter grüner Blitz zu sehen war.
Über Mortebellas Gesicht breiteten sich für den Bruchteil einer Sekunde ein bösartiges Grinsen aus. Doch sofort war es wieder verschwunden, und von einem süßlichen Lächeln ersetzt worden. Mit honigweicher Stimme wandte sich Mortebella an den Jungen, der sie durch seine runde Brille erstaunt anschielte.
„Na wen haben wir denn da," flüsterte sie ihm zu, während sie Schritt für Schritt immer näher kam. Dann wandte sie sich an das dünne, blondhaarige Mädchen, das neben dem Jungen saß und sie misstrauisch beäugte.
„Seid ihre beide im selben Haus?" fragte Mortebella, und musterte die beiden rot-gold gestreiften Schals, die sowohl der Junge als auch das Mädchen um den Hals trugen.
Der Junge schluckte, und nickte.
„Habt ihr beiden nicht Lust, mit mir mitzukommen und mir eben bei einer wichtigen Angelegenheit behilflich zu sein?" flötete Mortebella. Ihre dunklen Augen schienen auf einmal ganz weich und samtig.
„Ich könnte eure Hilfe echt gebrauchen," setzte sie hinzu und neigte schüchtern den Kopf. Doch sie hätte sich nicht bemühen müssen. Die beiden Schüler waren schon längst unter ihrem Zauber. Geehrt von der Bitte eines Mädchens aus einer höheren Klasse, waren sie nur zu eifrig, ihr zu folgen.
„Na dann kommt mal mit," sagte Mortebella und schwebte auf den Gang hinaus. Die beiden folgten ihr stolpernd.
Als sie am Ende des Abteils angelangt war, schloss Mortebella die Augen und lächelte zufrieden. Das lief ja wie geschmiert.
„Nur noch ein kleines Stück!" rief sie den Kindern lockend zu, die sich langsam näherten. Mortebella versicherte sich, das die Luft zu beiden Seiten rein war und tastete nach ihrem Zauberstab, der sich in ihrer Rocktasche befand. Dann stieß sie die Tür der Besenkammer auf, die sich am Ende des Abteils befand. „Hier rein," rief sie ihnen zu, und hielt die Türe auf, zählte bis drei, und feuerte einen Betäubungszauber auf den wehrlosen Rücken des Jungen.
Lautlos sackte er zu Boden.
Das Mädchen drehte sich um, ihre grauen Augen voll Schock. „Alles in Ordnung," beruhigte Mortebella sie, und sprach ihren nächsten Fluch.
„Imperio!"
