A/N:

Ewig hat's gedauert mit der Fortsetzung... Falls dies überhaupt noch irgendjemand lesen sollte, kann ich nur sagen: Sorry!!! Aber irgendwie kam ich mit Jack und Ennis nicht weiter. Jetzt hat es endlich geklappt, die Muse war gnädig, und ein Ende ist auch absehbar. Es folgen noch ein oder zwei Kapitel. Vielleicht mag sich ja der eine oder andere Brokeback-Fan unter euch noch aufraffen, diese Geschichte zu lesen. Ich würde mich freuen!

LG,

Pandora


Nachdem er Jack wiedergesehen hatte, vier Jahre nach dem Brokeback-Sommer, schien es Ennis, als verliefe sein Leben in Episoden, an denen er sich entlang hangelte. Wochen- und monatelang lebte er vor sich hin und verrichtete mehr oder weniger gelangweilt seine Routinen. Erst wenn langsam der Termin des nächsten Treffens mit Jack näher rückte, verspürte er eine innere Unruhe. Diese Nervosität gefiel ihm nicht. Er war doch kein albernes Mädchen! Aber wenn er ganz ehrlich war, musste er zugeben, dass allein diese Aufregung ihn bei der Stange hielt.

Jahrelang war die Kommunikation mit Jack über Postkarten oder knappe Telefonate verlaufen, in denen sie den nächsten Ausflug absprachen. Und es war in Ordnung gewesen, solange sie sich nur alle paar Monate sahen. Er war mit den Episoden zufrieden gewesen. Hatte er sich zumindest eingeredet. Zuhause mit Alma und den Mädchen verlief alles in seinen normalen Bahnen. Sicher, sie hatten sich oft gestritten, wegen Kleinigkeiten, oft wegen der Kinder, wegen des Hauses - Alma hatte immer wegziehen wollen, aber Ennis wollte sich nicht lösen. Wie ein schnell wachsender Baum schlug er gerne Wurzeln und sträubte sich gegen allzu große Veränderungen. Warum nur? Da war schließlich kein perfektes Leben, an dem er festhalten wollte. Nein, er hatte sogar gewusst, dass Alma recht hatte. In der Stadt hätten sie es besser haben können.

Aber Ennis hatte ausgeharrt. Worauf zum Teufel hatte er eigentlich gewartet? Das hatte er sich seit dem letzten Ausflug mit Jack schon so oft gefragt. Auf sein richtiges Leben? Sein ganz persönliches Leben, mit Passbild, Zertifikat und Stempel vom Amt vielleicht? Hölle, hätte es tatsächlich einmal angeklopft, hätte Ennis es vermutlich nicht mal erkannt, sondern es mürrisch fortgeschickt, mit den Worten, er kaufe nichts an der Tür!

Ein Schluck frischen Kaffees macht Ennis übermütig. Wahllos greift er in den Schuhkarton. Alles von Jack ist ihm jetzt recht. Solange er nur seine sorgfältige, regelmäßige schwarze Schrift sieht. Es ist ein dickerer Umschlag, den er erwischt. Darin stecken zwei Briefe. Ennis nimmt den ersten heraus. Er kennt ihn längst auswendig. Anrede und Unterschrift fehlen, ebenso ein Datum. Doch der Inhalt macht die Frage nach dem Wann überflüssig. Jack wäre wahrscheinlich überrascht, wenn er wüsste, wie gut Ennis sich an dieses Wochenende im Winter 1973 erinnert. An den Moment, wo er Jack einfach so wieder weggeschickt hat. An seine Augen… Jacks ungläubige blaue Augen… und den Schmerz darin.

Dies ist einer der wenigen Briefe, die nicht sorgfältig abgeschrieben sind. Jacks Wut und Frust spiegeln sich in der zackigen Schrift wieder. Hier und da ist die Tinte verwischt, ob von Tränen oder Whiskey, ist nicht zu sagen.

…………………

Ich bin verdammt sauer auf dich, Ennis, und ich meine, VERDAMMT sauer! Weißt du, was das Witzige daran ist? Du hast keine Ahnung, wie es mir geht! Ich sollte den Brief diesmal wirklich abschicken und dich wissen lassen, was für ein Arschloch du bist!

Sei deinen Mädchen dankbar, denn sie haben dein beschissenes Leben gerettet. Du kannst… Bei Gott, wenn die beiden nicht im Wagen gesessen hätten, hätte ich dich umgebracht!

Du fickst mich, wenn es dir in den Kram passt… Ah, nein, das stimmt nicht, du fickst mich, wenn wir es vier Monate vorher planen, und ich weiß, wie gern du es tust, aber ohne eine offizielle Anmeldung kann ich offenbar nicht mal mehr mit dir reden!

Was bist du, Ennis? Der Papst?Die Queen von England? Ich bitte untertänigst um eine Audienz, Hochwürden. Gott, fick dich selbst, Ennis! Das ist so lächerlich!

Was geht nur in deinem gottverdammten Hirn vor? Ich versteh dich einfach nicht. Ich kapiers nicht. Ich meine, ich krieg deine Karte, schmeiß hier alles hin und fahre verdammte 14 Stunden, um dich zu sehen, und du hast nicht mal zehn Minuten für mich übrig. ZEHN Minuten! Du nennst mich deinen „Freund" - weißt du überhaupt, was das Wort bedeutet?! Warum zum Teufel hast du mir überhaupt von eurer Scheidung geschrieben, wenn du mich gar nicht sehen wolltest!

Wenn dir nichts an unserer sogenannten „Freundschaft" liegt, dann sag es einfach! Sag es, und ich lass dich in Ruhe, Ennis! Sag es, und du bist mich los! So reißt du mir bloß Stück für Stück das Herz raus und merkst es nicht mal.

Scheiße, ich sollte diesen jämmerlichen Brief gleich verbrennen, ich höre mich ja an wie ein Weib. Lureen sagt, ich trinke zuviel, aber ich kann gar nicht genug Whiskey trinken, um dich zu vergessen, Ennis. Ich wünschte, ich könnte es!

…………………

Ein plötzlicher schmerzhafter Stich in den Eingeweiden lässt Ennis sich zusammenkrümmen. Reflexartig beugt er sich nach vorn und stützt die Ellenbogen auf die Knie, macht einen Katzenbuckel. Am liebsten würde er sich gleich wieder ins Bett legen, aber es ist mitten am Nachmittag. So tief ist er noch nicht gesunken, dass er nicht zmindest den Sonnenuntergang abwartet, bevor er sich wieder hinlegt.

Scheiße, musste es gerade dieser Brief jetzt sein? Soweit er sich erinnert, hatte er sich aufmuntern wollen. Was soll's? Wenn man schon mal am Boden ist, kann man sich auch gleich im Dreck suhlen, oder nicht? Das scheint sowieso eine Art Lebensmotto für ihn zu sein. Oder ist es seine persönliche Buße?

Er sollte etwas essen. Wann hat er eigentlich den letzten Bissen zu sich genommen? Vielleicht doch das Angebot von Bo annehmen? Nein, auf keinen Fall. Er will heute niemanden mehr sehen, mit niemandem reden. Ennis ist nie ein großer Esser gewesen, deswegen ist er dünn und sehnig geblieben. In der Küche sind noch ein paar Konserven, die ausreichen sollten, um seinen Magen vor einer Coffeinvergiftung zu bewahren. Ennis öffnet die quietschende Schranktür, schüttelt den Kopf und lacht lautlos. Bohnen. Alles was noch da ist, sind Bohnen. Natürlich. Er hasst Bohnen. Und er liebt sie…

Heute ist ein Tag für Scotch. Definitiv. Er beugt sich über den Sitz, um an den Klappschrank unter der Decke zu kommen. Zwischen unordentlichen Stapeln von T-Shirts, Unterwäsche und Handtüchern liegt der teure Scotch, den er für besondere Gelegenheiten aufhebt. Er kippt den letzten Tropfen Kaffee herunter, bevor er die Tasse mit dem bernsteinfarbenen Alkohol füllt. Dann betrachtet er das Festmahl auf seinem Tisch und grinst schief. Scotch und kalte Bohnen. Die perfekten Begleiter für einen selbstmitleidsvollen Trip in die Vergangenheit. Ennis' Grinsen wird eine Spur breiter, als ihm auffällt, dass er zumindest seinen Sarkasmus noch hat.

Manche Erinnerungen lässt Ennis weniger gern zu als andere. Hauptsächlich an die Momente, wo er sich wie ein idiotisches Arschloch benommen hat, und er weiß, das hat er. Oft genug. Leider haben gerade diese Erinnerungen nicht selten eine unangenehme Penetranz.

Ennis war überrascht, als Jacks Wagen damals auf einmal näher kam. Ihm war unwohl zumute, als Jack so strahlend ausstieg und ihn gleich in seine Arme schloss, weil ihm sofort klar war, dass Jack die Sache falsch interpretiert hatte. Alma und er waren nun geschieden, aber das änderte nichts. Jack musste das doch verstehen. Es war Ennis damals nicht möglich gewesen, anders zu denken, aber die Angst hatte ihn fest in ihren Klauen gehabt.

Eine einzelne Träne rinnt über Ennis' Nasenrücken, als er sich Jacks Gesicht ins Gedächtnis ruft. Das jungenhafte Grinsen war wie weggewischt. Eine steile Falte auf der Stirn, der Mund halb geöffnet, drückten seine Augen Verwirrung aus. Jack war geschockt, verstand nicht, was vor sich ging. Und Ennis sah das deutlich. Das schlechte Gewissen war auf der Stelle da, und er hätte Jack alles erklärt, sagte er sich, wenn die Mädchen nicht dabei gewesen wären.

Ausflüchte. Das war einer der Momente, den Ennis hätte nutzen können, wenn er mutiger gewesen wäre. Jetzt weiß er es, aber damals schob er einfach hastig alles vor, was ihm in den Sinn kam, nur damit Jack wieder verschwand. Den Rest des Tages hatte er fröhlich mit seinen Töchtern verbracht. Alma Jr. war gerade neun geworden, und Jenny war sieben, daher war der Besuch der Eisdiele in der Stadt für sie der Höhepunkt gewesen. Den fremden Mann, der ihren Daddy auf dem Parkplatz stürmisch umarmt hatte, hatten sie schnell wieder vergessen. Eine Weile hatte Ennis die nagenden Gedanken verdrängen können, doch je dunkler der Himmel wurde, desto mehr hasste er sich für seine Feigheit. Nachdem er die Kinder bei ihrer Mutter abgeliefert hatte, hatte er sich in der einzigen Bar von Riverton betrunken.

Jetzt, Jahre später, fragt Ennis sich, warum er Jack nicht einfach mitgenommen hatte. Es wäre so was von hundsnormal gewesen, mit seinem Kumpel und seinen Mädchen Eis essen zu gehen. Sie hätten gar nicht mal übereinander herfallen müssen. Einfach nur Eis essen und quatschen. Was wäre dabei gewesen? Jack konnte schließlich immer schon gut quatschen.

Der Gedanke lässt Ennis amüsiert schnauben. Jack, die Labertasche. Manchmal war ihm das ewige Gequatsche ganz schön auf den Sack gegangen. Und jetzt? Jetzt gäbe er alles für nur ein Wort. Jack hatte recht gehabt. Ennis war ein Idiot gewesen. Ennis konnte nicht mit Überraschungen umgehen. Ohne einen Plan hatte er den Eindruck, sein Leben laufe ihm aus dem Ruder. Er war gern der Kapitän auf seinem kleinen Boot, so fühlte er sich sicher. Und wenn er auch machtlos gegen so manchen Sturm war, mochte er es nicht, wenn andere den Kurs bestimmen wollten. Ennis hebt die Tasse. Cheers, Jack!

Der zweite Brief in dem Umschlag ist kaum mehr als eine Notiz, hingekritzelt auf die Rückseite eines Rechnungsblocks, vielleicht während einer von Jacks Geschäftsreisen. Der alte Newsome hatte ihn regelmäßig zu Landwirtschaftsmessen geschickt, wo er die Maschinen zu präsentieren hatte. Der Zettel ist schlampig abgerissen und wiederum ohne jegliche Datumsangabe. Ennis vermutet, dass vielleicht eine Woche zwischen diesem Zettel und dem letzten Brief liegt. Dem wütenden Brief.

…………………

Ich hab es versucht, aber es hat nicht geklappt. Ich Idiot. Hätte es wissen müssen. Mindestens drei Tage lang hab ich das Zeug in mich reingeschüttet, aber alles was es mir einbrachte, waren Kopfschmerzen und das große Kotzen. Unsere ganze Situation ist zum Kotzen, wenn du mich fragst. Ach Ennis, warum machen wir das immer wieder? Warum frieren wir uns irgendwo im Nirgendwo den Arsch ab, wenn wir es besser haben könnten? Wenn wir es immer haben könnten. Ich weiß es nicht, Ennis. Weißt du es?

Es könnte anders sein. Könnte es das nicht? Wie oft hab ich dir das schon vorgebetet? In meinen Gedanken, meinen Träumen, ist es anders. Meine Mom hat immer gesagt, wenn ich wieder zu spät für die Schule dran war, weil ich aus dem Fenster nach Flugzeugen gesucht hatte: „Jack, du bist ein unverbesserlicher Träumer."

Oh Ennis, die kurzen, schnellen Momente, die wir miteinander haben, sie sind es, die mich durchhalten lassen. Warum kann es nicht immer so sein?

…………………

Draußen wird es bald dunkel. Verdammt! Er hat vergessen, Bo Hanson nach Lampenöl zu fragen. Nun muss er doch noch einmal hinaus in die Welt. Er braucht das Öl, um die Nacht über zu lesen. Er will Jacks Briefe lesen, bis ihm die Buchstaben vor den Augen tanzen wie Ameisen. Er will seine Träume beeinflussen. Will dem jungen, fröhlichen Jack begegnen. Dem Jack mit den riesigen Augen, dem dichten, dunklen Haar und dem zähnezeigenden, leicht schiefen Lächeln, das einen glatt aus den Stiefeln hauen konnte. Jack mit seinen eleganten aber starken Händen, dem vom Bullenreiten gestählten Körper…

Rodeo, mein Freund, wäre dein Leben glücklicher verlaufen, wenn du mich nicht getroffen hättest? Es tut mir so leid…

tbc.