Was genau von beidem es war, das blieb unklar. Als Sanna eine halbe Stunde später mit dem Essen fertig war und wieder nach oben ging saßen Nana und der Kapitän noch immer an der Reling und schienen sich zu unterhalten. Sie lief zu ihnen und schaffte es sogar nicht ein einziges Mal auf dem schwankenden Boden zu stolpern. Mann, war sie stolz auf sich, aber langsam schien sie sich wirklich an diesen, sich ständig bewegenden, Boden zu gewöhnen und sie musste zugeben dass es ihr gefiel. Es gefiel ihr sogar wesentlich besser als der feste Boden, den sie von zuhause gewöhnt war.

„Was macht ihr?", fragte sie, als sie sich zu den beiden an die Reling gesellte.

„Wir wollen gerade herausfinden, wo wir euch hinstecken." Shanks musterte die Jüngere. „Deine Schwester hat erzählt, dass du nicht gerade schwach bist. Meinst du, wir können es riskieren, dir ein Schwert in die Hand zu geben? Bei der Statur sollte es aber dann wohl doch ein leichteres sein. Nicht, dass du dir doch noch einen Bruch hebst." Er grinste und wandte sich wieder zu Nana. „Du kannst gleich Yasopp nach Schießstunden fragen wenn wir hier fertig sind. Der hat jetzt im Moment sowieso nichts zu tun. Da schadet ihm ein bisschen Beschäftigung nicht."

Nana nickte. „In Ordnung. Hoffentlich bekomme ich das hin."

Sanna blieb skeptisch. „Ein Schwert?", fragte sie. „Ich habe… noch nie ein Schwert in der Hand gehabt…"

„Dacht mir schon, dass das eine Premiere wird", grinste Shanks. „Ich sag Jachym dass er aufpassen muss dass du ihn nicht in Stücke haust."

„Was?" Sannas Blick ließ sich wohl als entsetzt bezeichnen, als sie ihren neuen Kapitän ansah als hätte er den Verstand verloren. Doch der lachte nur.

„Mach dir nicht ins Hemd, Kleine", sagte er und tippte ihr gegen die Stirn. „Und schau mich nicht so an als hättest du noch nie einen anderen Menschen gesehen. Jachym ist einer unserer besten Schwertkämpfer, der lässt sich von einem halben Hering wie dir nicht fertig machen."

„Oh… na dann…" Trotzdem sah sie nicht gerade überzeugt aus, als Shanks sie mit einem „Ich geh Jachym dann schon mal vorwarnen" alleine ließ.

Sanna drehte sich um und sah aufs Meer hinaus. Sie hatten wohl schon eine ganz schöne Strecke hinter sich gebracht, denn sie konnte nicht eine einzige Mangrove mehr erkennen. Rings um sie herum war Wasser, nichts als Wasser. Irgendwie war das beängstigend, aber gleichzeitig erfüllte es das Mädchen mit einem Gefühl der Begeisterung. Sie wusste nicht warum. Es war einfach… nicht nur beängstigend, sondern auch faszinierend – verheißungsvoll. So viel Wasser, so viele Inseln, die irgendwo nur darauf warteten, dass sie von ihr entdeckt wurden…

Sie wandte den Kopf zu Nana. „Ich war noch nie so weit von zuhause fort", sagte sie. Aber anders als sie zuerst gedacht hatte machte es ihr überhaupt keine Angst.

Nana lehnte sich an die Reling und grinste. Sie hatten es wirklich durchgezogen und alles hinter sich gelassen. „Ich auch nicht, mach dir nichts draus." Sie war glücklich. Einfach nur glücklich. Nun musste sie sich aber auf den Weg machen. Wer war dieser Yasopp nochmal? Das war doch der… Der … mit den Dreadlocks? Ja, genau der, sie erinnerte sich dran, dass Shanks ihn gestern so genannt hatte. Sie machte ein paar Schritte über das Deck. „So, jetzt suche ich mal diesen Kerl, der nichts zu tun hat."

„Verdammt!"

Nana hatte schon wieder danebengeschossen. Konnte sie nicht wenigstens einmal treffen? So schwer konnte das doch nicht sein… Die Ziele waren doch auch nicht so weit weg, dass es unmöglich wäre. Noch ein Versuch. Wieder daneben. Yasopp, der die ganze Zeit neben ihr gestanden hatte, schien schon die Krise zu bekommen.

„Du hast noch nie geschossen, sagst du?"

„Ja, warum?" Sie schaute den Scharfschützen, der sie trainieren sollte, verwirrt an. Was sollte das nun wieder? Yasopp verdrehte die Augen.

„Man merkt es. Das Ziel ist fünf Meter von uns entfernt."

„Lass sie doch!", rief Sanna dazwischen. Die jüngere der Schwestern hatte ihr Training für heute bereits beendet und saß nun an der Reling, von wo aus sie sich anschaute wie ihre große Schwester mal wieder versagte. Die Schadenfreude in ihrer Stimme war nicht zu überhören. „Es kann eben nicht jeder talentiert sein. Sie würde den Felsen doch nicht treffen, wenn er sie in den Hintern beißt!" Sie wandte sich wieder an Nana. „Weißt du was? Ich bin schon viel besser als du."

Nana drehte sich nicht um.

„Das glaubst du doch selbst nicht." Noch ein Versuch. So… Genau zielen… Angestrengt kniff sie ein Auge zu und visierte den Felsbrocken an, den sie treffen sollte. Und Schuss. Wieder daneben. „Aber diesmal war es nur ganz knapp." Das war schon mal ein Fortschritt. War immerhin besser als Kilometer vorbei zu schießen. Yasopp legte die Hand auf ihre Schulter und schaute das Ziel genau an.

„Die Kugel hat den Felsen gestreift."

Wie bitte? Also hätte sie wirklich fast getroffen. Nana strahlte. Ja, das war besser als alle vorherigen Versuche.

„Von wegen gestreift. Nana trifft nicht mal ein Scheunentor, wenn es sie beißt!" Man merkte, dass Sanna beleidigt war, weil sie nicht die Aufmerksamkeit bekam, die sie gerne hätte. Doch das war Nana momentan Jacke wie Hose. Sie freute sich darüber, dass es diesmal nicht so ganz daneben war.

„Noch ein Versuch." Jetzt wollte sie es wissen. Schaffte sie es? Nein. Und wieder sah Sanna sich in ihrer Meinung bestätigt. Gerade wollte sie wieder etwas sagen, als Yasopp ihr bedeutete zu schweigen. Noch ein wenig beleidigter schob Sanna die Unterlippe vor. Sie dachte gar nicht daran ruhig zu sein!

„Frag Jachym!"

„Was? Dass du noch nicht einen Treffer landen konntest?"

Erschrocken sah Sanna auf, als sie bemerkte dass erwähnter Jachym – einer der Rothaar-Piraten, der bereits seit über zehn Jahren mit Shanks segelte und nun die Aufgabe hatte, Sanna die Grundlagen des Schwertkampfes beizubringen – schräg über ihr auf der Reling saß. Sanna hatte auch einmal versucht sich dort hin zu setzen, aber das war ihr nicht gelungen, die Angst bei der nächsten Welle hinunter zu fallen war einfach viel zu groß, weshalb sie wieder darauf ausgewichen war sich auf den Boden zu setzen (dass man sich auf den Boden setzen durfte, war ein Fakt, der bei der achtzehnjährigen schiere Begeisterung ausgelöst hatte) und an die Reling zu lehnen. Nur bekam sie in dieser ungünstigen Lage natürlich nicht alles mit was neben – oder auch über – ihr geschah und vor allem wer kam und wer ging.

„Wo kommst du denn her?"

Jachym grinste. „Du weißt doch, Süße, ich bin überall und nirgends."

Als Antwort boxte Sanna ihm gegen das Bein. „Ich zieh dir gleich am Bart", murrte sie und griff tatsächlich nach Jachyms Bart. Erreichen konnte sie ihn jedoch nicht. Zwar reichte der schwarze Bart dem Schwertkämpfer bis zur Brust, aber von ihrer Position aus konnte sie vielleicht gerade einmal sein Knie erreichen. Jachym lachte nur. Er lachte sowieso ziemlich oft, genauer gesagt konnte Sanna sich nicht daran erinnern ihn einmal gesehen zu haben wenn er nicht lachte. Das wollte schon etwas heißen, denn Sanna übte bereits mit diesem Piraten seit sie und ihre Schwester auf der Red Force angekommen waren. An diesem ersten Mittag, als sie mit Shanks darüber geredet hatten wo man sie einsetzen konnte, hatte sie angefangen und seitdem jeden Tag trainiert, aber nicht ein einziges Mal war das Lächeln aus seinem Gesicht gewichen.

Sanna hatte sich in den letzten zehn Tagen, die sie hier verbracht hatten, an die komischen Gegebenheiten auf diesem Piratenschiff gewöhnt und versuchte sich möglichst an die Sitten hier anzupassen. Und seit sie bemerkt hatte, dass es hier ganz offensichtlich nicht schlimm war einen Kameraden zu hauen wenn er einen ärgerte, machte sie es sogar ziemlich gerne. Sie hätte es nie gedacht, aber es machte ihr Spaß auf einem Piratenschiff zu leben.

„Ich bin trotzdem besser als Nana." Sie verschränkte die Arme und lehnte sich wieder gegen die Reling.

Nana, die das Schauspiel verfolgt hatte, musste lachen. Das hatte sie sich doch irgendwie denken können.

„Na? Doch nicht so gut?" Der kleinen Angeberin konnte man eben nicht alles glauben. Gut gelaunt widmete sie sich wieder ihren Übungen.

„Natürlich bin ich gut!", rief Sanna. „Jachym übertreibt! Ich treffe ihn nämlich auch! Stimmt doch Jachym, oder? Ich treffe!"

Jachym nickte. „Ja, da wo du nicht treffen sollst…"

Doch Nana hörte überhaupt nicht mehr zu.

So, du Felsen, jetzt entkommst du mir nicht mehr…, dachte sie. Und Schuss. Daneben. Das konnte doch nicht sein… Leise fluchend legte sie die Pistole wieder an. Sie drückte ab und… Treffer! Sie konnte es selbst nicht glauben.

„Treffer!", jubelte Sanna und klatschte begeistert in die Hände.

Ob das jetzt ernst gemeint war, konnte Nana nicht wirklich einschätzen. Aber egal. Sie strahlte Yasopp fröhlich an. Der klopfte ihr grinsend auf die Schulter.

„Gut. Versuch es nochmal. Wenn du zehnmal getroffen hast, suchen wir ein schwereres Ziel aus." Nana nickte. Sie war jetzt noch motivierter als sie es vorher schon gewesen war. Mit dem nächsten Schuss traf sie wieder.

„Siehst du, du Angeberin? Mach's mal besser."

„Pah. Schießen ist mir viel zu simpel. Das ist etwas für Kleinkinder wie dich." Die Nase in die Luft gereckt streckte Sanna sich an der Reling noch einmal aus, während Jachym, von einem Lachanfall geschüttelt, sich sehr anstrengen musste nicht von seinem Sitzplatz herunter zu fallen.

„Würdest du mit deinen Ego wachsen, dann könntest du ohne zu klettern die Segel flicken", hörte sie seine Stimme, als er sich ein wenig beruhigt hatte. Sanna sagte nichts darauf. Ja, sie war vielleicht nicht ganz so gut, wie sie gerne behauptete. Aber das war doch noch lange kein Grund, dass dieser Rüpel sie einfach auslachen durfte!

„Und drauf hauen ist erwachsener? Ja, ist klar. Komm hol deine Keule und verzieh dich in deine Höhle." Nana war sehr amüsiert über ihre kleine Schwester. Sie hatte sich im Laufe ihres Lebens schon an ihre Übertreibungen und Angebereien der Jüngeren gewöhnt. „Das erinnert mich eher an Kleinkinder. ‚Du bist doof, deswegen haue ich dich jetzt. ' Ist klar." Sie lehnte sich an die Reling damit sie nicht umfiel. „Naja, kannst ja mit deinen Zahnstochern auch pieksen… Und hast immer etwas dabei falls dir etwas zwischen den Zähnen steckt."

Jetzt fing Nana auch schon damit an… Sanna streckte ihr die Zunge raus.

„Üb du lieber noch ein bisschen schießen", sagte sie und deutete auf den Felsen, vor dem sie schon seit Stunden lagen. „Dann kannst du vielleicht irgendwann mal mit mir mithalten."

„Ach, das wird nicht schwer sein." Nana grinste. „So, du Großmaul, jetzt pass mal auf. Versuch mir das mal nach zu machen." Sie drehte sich wieder um, zielte und… Daneben. Mist! Sanna lachte.

„Ja, ich glaube das schaffe ich!"

Doch gerade als Nana etwas erwidern wollte, hörten sie einen Ruf.

„Alle Mann an Deck! Sofort!"

Die Schwestern und auch ihre Trainer sahen überrascht auf. Das war Shanks. Was war denn los?
„Was ist denn?" Sanna sprang auf und sah sich erschrocken um. „Ist etwas passiert? Werden wir angegriffen?" Doch sie konnte nichts erkennen, kein anderes Schiff, keine hohen Wellen, es wehte nicht einmal Wind. Aber Shanks schien es wirklich ernst zu sein – egal was jetzt gerade war.

„Wir befinden uns in einer kritischen Situation." Sein Tonfall war sehr ernst. Das machte Nana irgendwie Angst… „Wir müssen auf diesem Schiff in der Lage sein, unsere essentiellen Bedürfnisse zu stillen. Anders können wir nicht überleben." Gewichtig ging er vor seinen Nakama, die sich alle auf Deck versammelt hatten auf und ab, als würde er ihnen vor einer besonders grausamen Schlacht Mut zusprechen. Wovon redete er? Welche essentiellen Bedürfnisse? Nana war doch heute Morgen noch in der Speisekammer gewesen um Zutaten für den Koch zu holen, daran konnte es sicherlich nicht liegen. Doch sie konnte sich beruhigen – die anderen schienen auch nicht gerade viel mehr zu verstehen als sie. „Es ist ein Fall eingetreten, der äußerste Beherrschung von uns verlangt, Männer", fuhr er fort und noch immer wurden die Gesichter der Umstehenden immer ratloser. „Wir müssen uns jetzt zusammenraufen. Gemeinsam können wir es überstehen." Gut, nun wurde er sehr dramatisch.

„Was ist denn passiert?", fragte Sanna. „Haben wir kein Essen mehr? Kein Wasser?" Vielleicht war auch eine Krankheit ausgebrochen? Schnell sah Sanna sich um, zählte nach… nein, spontan fiel ihr keiner ein, der gerade fehlte und sie erinnerte sich auch nicht daran, dass irgendjemand erwähnt hatte, dass es ihm schlecht ging.

„Schlimmer." Shanks schien sehr verzweifelt und fuhr damit fort, der Mannschaft irgendetwas klar machen zu wollen. Was es jedoch war, konnte beim besten Willen niemand heraus hören. Er redete irgendetwas von „Existenz der Mannschaft" und „eisernem Willen, der uns durch diese schwere Zeit helfen möge". Der Kapitän holte tief Luft, schien sich jedoch erst nicht so recht zu trauen, etwas zu sagen. Doch dann ertönte ein Schrei, der alles erzittern ließ: „Wir haben keinen Alkohol mehr!"