Da ich jetzt weiß, dass die Story auch gelesen wird, werden auch hier regelmäßigere Updates erfolgen, sollte das gewünscht sein (momentan existieren von der Story 23 Kapitel). Über Rückmeldungen (auch anonyme Reviews sind erlaubt) freue ich mich immer. :-)
3.
Schock
Tieftraurige Gesichter erwarteten ihn, als er hinter die Kulissen zurückkam. Schweigen herrschte, alle waren betroffen. Anscheinend war der Schreck hinten immer noch verdammt stark. Adam war mittlerweile frisch geduscht aus seiner Garderobe zurück und hatte natürlich erfahren, dass es nicht Triple H war, den man bei Smackdown begrüßen würde. Auch er war schockiert, starrte mit großen Augen auf John, um von diesem die Bestätigung zu bekommen. Er hätte nicht gedacht, dass Vince seinen wichtigsten Mann zur zweiten Show geben würde. Auch wenn alle wussten, wie wenig sich Paul und Mark vertrugen und dass man sie am besten bei zwei verschiedenen Shows einsetzte, so hätte er niemals erwartet, dass Vince diese eigentlich als sicher angenommene Entscheidung noch umdrehen würde.
Adam sah, wie John ein Lächeln auf die Lippen zwang, und wusste in diesem Moment, dass es wirklich der Wahrheit entsprach. Immerhin wäre er ja sonst auch nicht von der Bühne in den Backstagebereich zurückgekehrt. John würde RAW verlassen und zu Smackdown kommen. Der Mann aus Massachusetts grinste weiterhin schwach, auch wenn er nun hinter den Kulissen endlich seinen Gefühlen freien Lauf lassen hätte können. Doch er würde es nicht tun, das wusste Adam. Immerhin war Paul da, und in dessen Gegenwart würde John nicht anzeigen, wie schwer das tatsächlich für ihn war. Adam sah es ihm trotzdem an. Er kannte den Mann ja doch schon ziemlich lange.
Die erste Person, die ihre Fassung wiederfand, war die ehemalige Championesse Mickie James, die vor wenigen Monaten eingewilligt hatte, eine kurze Scheinbeziehung mit John einzugehen, als die Medien angefangen hatten, seinen dauernden Singlestatus zu hinterfragen. Es war beiden nicht wirklich Recht gewesen, alle Leute zu belügen, doch es hatte sein müssen. Man hatte John keiner Dauerbeobachtung aussetzen können, und das Interesse hatte wie beabsichtigt nachgelassen, als man ihn öfter mit Mickie gesehen hatte. Die Wellen hatten sich wieder beruhigt, also hatten die Storyline und auch die Beziehung wieder beendet werden können. Sie hatten es anschließend so hingestellt als hätte es einfach nicht funktioniert - wie das bei den meisten WWE-Beziehungen ohnehin der Fall war. Es wäre auch so gewesen, wären die beiden wirklich jemals zusammen gewesen - Mickie war eine ziemlich ausgeflippte Person, während John fast die ganze Zeit über ruhig und zurückhaltend war. Sie hatten ein bisschen Zeit miteinander verbracht, und das war es gewesen. Sie waren immer schon gute Freunde gewesen, also hatte es eigentlich nicht wirklich etwas geändert. Und die Freundschaft dauerte unvermindert an. Die Beziehung hatten sie einfach als ‚erweiterten Arbeitsbereich' gesehen.
„Wie zum Teufel konnte Vince das nur tun?", stieß sie immer noch leicht ungläubig aus, während sie zu John hastete und ihn umarmte. Wenn der Chef nicht dabei war, nannte man ihn Vince, auch wenn er eigentlich darauf bestand, von allen außer seinem Schwiegersohn Mister McMahon genannt zu werden. John schloss die Augen, während sich andere Leute um sie scharten, um zu erfahren, wie er wirklich empfand. John glaubte, das Knallen einer Tür zu vernehmen - er wusste, dass es Paul war, der seinen Ärger über seinen nicht erfolgten Wechsel wahrscheinlich in einer harten Runde Sex an seiner Geliebten auslassen würde. Es war ihm egal. Langsam begann er sich damit abzufinden, dass seine Zeit bei RAW tatsächlich vorbei war, und wieder stieg eine Welle der Wehmut in ihm auf. „Ich weiß es nicht", flüsterte John, dessen Gedanken eigentlich mehr auf der Tatsache lagen, dass er wieder dauerhaft mit Adam würde arbeiten müssen, und schüttelte geistesabwesend den Kopf. „Ich habe nicht damit gerechnet, wechseln zu müssen."
„Es hat keiner damit gerechnet, dass es wirklich dich treffen würde", stimmte Mickie zu und blickte ihren besten Freund grinsend an, während sich ihr Lebensgefährte Phil Brooks, besser bekannt als CM Punk, mit dem sie seit einem guten Monat liiert war, zu ihnen gesellte und John tröstend eine Hand auf die Schulter legte, während er den anderen Arm um Mickies Taille schlang. Obwohl auch Punkie, wie man ihn meistens nannte, ziemlich ruhig war, ergänzten er und Mickie sich wunderbar. Aber daran dachte jetzt niemand, auch wenn die Beziehung damals ziemlich überraschend gekommen war. Philip wusste, wie John sich fühlte - ihm war es genauso gegangen, als man ihn von der ECW zu RAW gedraftet hatte. Freude über die neuen Aufgaben, doch auch deutliche Wehmut, weil man die alten Freunde zurücklassen musste. Grinsend schaute er seine Freundin an, stellte ihr mit diesem Blick eine Frage, bekam ein Nicken als Antwort und teilte John die Pläne mit. „Das heißt, heute gibt es eine Abschiedsparty!"
Obwohl John eigentlich überhaupt keine Lust auf eine Feier hatte und im Gegensatz dazu nur noch auf sein Zimmer wollte, um vielleicht ein bisschen Schlaf zu finden und den Tag einfach zu vergessen, lächelte er dankbar und nickte. „Gebt mir zehn Minuten, Leute." Er wusste, dass Punkie ohnehin keinen Einwand, dass er morgen zu arbeiten hätte, gelten lassen würde, also startete er gar nicht erst einen. Immerhin war das heute sein letzter RAW-Auftritt für eine längere Zeit gewesen, und da musste man die neuen Anfänge bei Smackdown natürlich feiern.
Die Leute suchten immer einen Grund, um Party zu machen - heute war es eben er. Und irgendwie, musste er einsehen, freute er sich doch über die Idee zu dem Fest. Es zeigte ihm, dass seine Kollegen ihn mochten - denn für jeden hätten sie diese Party nicht veranstaltet, das wusste John. Es gab doch einige, denen man nicht so viele Sympathien entgegenbrachte wie ihm. Gut, er verhielt sich auch nicht so wie diese Leute, die sich für etwas Besseres hielten und sich beim Boss beschwerten, weil sie nicht so gepusht wurden, wie sie es ihrer Meinung nach verdienten. Wahrscheinlich hob Vince ihn auch deshalb so in den Himmel - weil er einer derjenigen war, die alles ohne irgendwelche Einwände zu erheben erledigten, die kommentarlos taten, was die Firma von ihnen verlangte, ohne sich auch nur einmal über das intensive Arbeitspensum zu beschweren.
Punkies Aufmerksamkeit freute ihn wirklich. In der Welt des Wrestling, in der eigentlich jeder nur auf seinen eigenen Vorteil schaute, hatte sich doch eine kleine Bruderschaft etabliert, in der man für einen da war. In seiner Situation war das für ihn doch verwunderlich. Immerhin wurde er von Vince deutlich bevorzugt, war vom Chef zum wichtigsten Mann des Unternehmens erklärt worden, wurde immer wieder gepusht - manchmal so stark, dass es schon auf die Firma zurückkam, weil es den Fans zu viel wurde -, da hätte es ihn nicht gewundert, wenn ihn die Anderen ausschlossen und nichts mit ihm zu tun haben wollten, weil er ihre Karrieren bremste. Das war jedoch nicht der Fall gewesen - wahrscheinlich, weil sie sahen, was er für diesen Push auf sich nehmen musste, welche Schwierigkeiten er allein durch seine Neigung hatte. Kein Urlaub, wenige freie Tage, Stress, hartes Training - nein, das Leben von John Cena war alles andere als einfach.
„Wie fühlst du dich?", erkundigte sich Glen Jacobs, besser bekannt als Kane, und blickte den Ex-Champion interessiert an. John beschloss, ehrlich zu sein, lächelte dem über zwei Meter großen Mann zu, auch wenn er befürchtete, dass sein Lächeln alles andere als von Herzen kam. „Es geht", meinte er mit einem Schulterzucken, „irgendwann hat es ja sein müssen. Jetzt, da schon Dave wieder da ist, musste man einen der Main Eventer rüberschicken. Ich finde es schade, gehen zu müssen, aber was der Boss sagt, wird gemacht." John blickte sich unter seinen Kollegen um. Immer noch waren alle tief getroffen, und wahrscheinlich würden sie es erst nächsten Montag realisieren, wenn eine RAW-Ausgabe ohne John Cena stattfand, obwohl er nicht verletzt war. John registrierte im Augenwinkel, dass Randy den Backstagebereich verließ - wahrscheinlich, um draußen eine zu rauchen - und dass Adam näher kam, sich jedoch immer wieder umschaute, um Mark nicht zu verpassen. Am liebsten hätte John die Augen verdreht, doch er hielt sich zurück. Mit Adam war es schon schwer genug, da musste er ihn nicht noch verärgern. Mark war gar nicht da, was er mitbekommen hatte. Sonst hätte er sich sicher schon auf dem Gang blicken lassen. Der Undertaker sorgte sich immer um seine Kollegen, also hätte er auf jeden Fall vorbeigeschaut, um zu erfahren, wie es ihnen ging und um die Smackdown-Neuzugänge zu begrüßen, die ja jetzt in seiner Show auftreten würden. Mark drückte es nicht so aus, doch alle wussten, dass Smackdown die Show des Undertaker war.
Erst als er bei John angekommen war, schaffte Adam es, sich auf diesen zu konzentrieren, seine Angst vor dem Undertaker für den Moment zu vergessen. John war wichtiger, denn er sah ihm deutlich an, dass er über den Wechsel zu Smackdown alles andere als erfreut war. Adam zwang ein breites Grinsen auf seine Lippen und streckte ihm die Hand hin. John erkannte, dass er schlucken musste, bevor er imstande war, ein paar Worte zu sagen. Natürlich ergriff er die Hand, drückte sie fest, verdrängte die Tatsache, dass sie sich vor ein paar Monaten noch umarmt und ziemlich lange festgehalten hätten, wäre damals eine solche Situation aufgetreten. „Na ja, dann …", begann der Kanadier unsicher und kratzte sich am Hinterkopf, wie er das immer tat, wenn er nicht genau wusste, was er sagen sollte, „willkommen zurück bei Smackdown." „Danke", meinte John ebenso vorsichtig - er war wirklich zwiegespalten und hatte keine Ahnung, wie er sich vor allem Adam gegenüber verhalten sollte -, „ich freue mich über die neuen Herausforderungen."
Adam räusperte sich, ließ nach ziemlich vielen Sekunden Johns Hand los und die andere sinken. „Na ja, nach dem Match heute denke ich, dass wir wieder zusammenarbeiten werden … Ich schätze, ich werde dich morgen im Cutting Edge begrüßen dürfen." John sah ihm deutlich an, dass er an die Sache vom März dachte, an die Sache, die ihre Freundschaft zu dem gemacht hatte, was sie heute war, und was John eigentlich nicht wollte, das sie war: Eine erzwungene Kameradschaft, in der jegliche Gefühle verschwiegen und vertuscht wurden, in der sie umeinander herumschlichen, ohne sich über tiefergehende Dinge als die Arbeit zu unterhalten. Neuerlich wurde John von Wehmut ergriffen, schaffte es, ein Seufzen zu unterdrücken. Früher waren sie oft stundenlang bei einem Getränk an der Bar gesessen, waren oft vom Barkeeper hinausgeworfen worden, weil er das Lokal schließen wollte, und jetzt? Sie hatten seit damals keinen Kontakt mehr gehabt, und das tat verdammt weh.
An jenem bestimmten Morgen hatten sie einander noch eindringlich versichert, dass sich nichts ändern würde, dass sie das Ganze einfach vergessen und es als einmaligen Ausrutscher abtun sollten, doch die Veränderungen hatten sich bereits damals gezeigt, als sie sich nicht einmal mehr in die Augen hatten schauen, geschweige denn, sich hatten berühren können. Und seit damals hatten sie sich voneinander ferngehalten, hatten tatsächlich nicht mehr miteinander gesprochen. Sie hatten sich bei PPVs kurz gegrüßt, aber mehr hatte nicht stattgefunden. Und John konnte nicht behaupten, dass ihm das gefiel. Adam fehlte ihm, er fehlte ihm wirklich. Die Matchbesprechung war einzig und allein während der Auseinandersetzung selbst gelaufen, und dafür, dass sie vorher kein einziges Wort miteinander gesprochen und nur den Ausgang gewusst hatten, war es ein fantastisches Aufeinandertreffen geworden, das wirklich Spaß gemacht hatte. Na ja, so wie immer eben. Sie waren imstande, sich nur auf die Arbeit zu konzentrieren, wenn es nötig war.
John zwang ein Lächeln auf die Lippen und nickte. „Ja, das denke ich auch", stimmte er mit heiserer Stimme zu, auch wenn er sich eingestehen musste, dass er damit alles andere als einverstanden war. Aber es war logisch - vor allem nach dem, was heute in der Show passiert war. Es war klar, dass John Edge um seinen Titel herausfordern würde, wenn dieser schon die normale Konfrontation mit ihm abgebrochen hatte. Vince würde sich diese Chance garantiert nicht entgehen lassen. Ihre beiden Storylines waren vor zwei Jahren schon ausgezeichnet angekommen, warum sollte die WWE das nicht zum dritten Mal versuchen? Momentan befand sich die Firma ohnehin auf einem Revivaltrip und hatte diverse bereits in der Vergangenheit gehabte Fehden wiederbelebt, warum sollte man das nicht mit dieser, die einige wirklich geniale Matches und Promos hervorgebracht hatte, ebenfalls tun? Ohne dass John es wirklich wollte, blickte er Adam schließlich an und fragte, während sich ein hoffnungsvolles Grinsen auf seine Lippen legte: „Kommst du auf meine Abschiedsparty?"
Deutlich sah er, wie erstaunt Adam über diese Frage war. Gott, er war ja selbst überrascht darüber, dass er ihn überhaupt danach gefragt hatte! Doch irgendwie wollte er ihn tatsächlich dabeihaben. Er wollte versuchen, wieder Normalität zwischen ihnen zu schaffen, und da war es vielleicht nicht verkehrt, das in normalem Ambiente in Angriff zu nehmen. Ja, es könnte wirklich funktionieren. Und da es seine eigene Party war, konnte er sicher auch mitbringen, wen er wollte, auch wenn es einer seiner zukünftigen Arbeitskollegen war, mit dem er doch längere Zeit nicht wirklich viel Kontakt gehabt hatte. Schließlich zwang Adam sein bekanntes breites Lächeln auf die Lippen und zuckte mit den Schultern. „Gern", meinte er, konnte nicht umhin, Freude über Johns Einladung zu empfinden. „Gut, in fünf Minuten treffen wir uns draußen." Beinahe fünf Minuten waren vergangen, seit er mit Punkie gesprochen hatte. Er hoffte, dass er schnell genug sein würde. Mit einem auffordernden Kopfnicken deutete John Richtung Ausgang, bevor er schnell in seine Garderobe ging, um sich umzuziehen. Er wollte sich nicht in seinen WWE-Klamotten draußen blicken lassen.
Irgendwie war es ein seltsames Gefühl, in diesen Raum zu gehen, in dem vor gut einer Stunde beinahe diese schreckliche Sache geschehen wäre. Am liebsten hätte John ihn nie wieder betreten, doch er hatte keine andere Wahl. Immerhin befand sich seine Kleidung noch hier, das hieß, er hatte leider zurückkehren müssen. Da die Sache von wegen nie wieder betreten ausfiel, wäre er als zweite Möglichkeit am besten nicht allein gewesen, doch er war es. Er hätte Mickie fragen können, ob sie ihn begleiten wollte, doch er wusste, dass sie auf jeden Fall Fragen gestellt hätte. Fragen, die er nicht hätte beantworten können. Wie hätte er ihr auch eingestehen sollen, vor gut einer Stunde von Paul angegriffen worden zu sein? Das von damals wusste schon nur eine einzige Person, und John hatte es bereits verdammt oft bereut, sie eingeweiht zu haben. Gut, damals hatte er nicht gewusst, wie nahe sie Paul stand, aber trotzdem hätte er vorsichtiger sein müssen. Vor allem in seiner Situation. John schloss die Augen und fühlte trotzdem, wie ihm Tränen über die Wangen liefen, ein Zittern seinen Körper ergriff. Plötzlich konnte er wieder Pauls Hände auf sich fühlen, hörte wieder seine Stimme, die ihm Dinge an den Kopf geworfen hatte, die überhaupt nicht stimmten, fühlte neuerlich, wie sein Finger in ihn drang, spürte die Hand in seinem Genick, die zudrückte …
John schlug die Tür ins Schloss, drückte den Lichtschalter und rang um Luft, als der stechende Schmerz in seinen Nacken zurückkehrte, sich dort einnistete und ausbreitete, fast, als würde allein die Tatsache, dass John in der Nähe der Dusche, wo alles stattgefunden hatte, war, die Pein auslösen. Automatisch legte er die Hand auf die Stelle, fühlte die heftigeren Impulse dort, wo Paul ihn gepackt hatte, hoffte noch immer, dass keine Male sichtbar sein würden. Irgendetwas war eindeutig nicht in Ordnung, das wusste er. Er fühlte es deutlich. Doch er hatte Angst, sich wirklich untersuchen zu lassen - er wollte nicht, dass der Arzt ihn krankschrieb und er wieder aussetzen musste. Er musste weitermachen, egal, wie groß die Schmerzen auch waren. Er konnte seine Karriere nicht noch einmal gefährden. Er wusste ja, was nach dem letzten Krankenstand geschehen war, und es war ihm beinahe wie eine Strafe vorgekommen. Zuvor war er Champion gewesen und hatte den Titel nur dank der Verletzung abgeben müssen. Die Pläne hatten besagt, dass er ihn bis zur Wrestlemania behalten hätte, und es war irgendwie jetzt noch, Monate später, schlimm für ihn zu wissen, dass es, wenn die Verletzung nicht geschehen wäre, weitaus besser für ihn gelaufen wäre.
Ja, die Verletzungspause war nicht wirklich zu einem guten Zeitpunkt gekommen. Er war so schnell wie möglich zurückgekehrt - zu schnell, wie ihm sämtliche Ärzte bestätigt hatten, deshalb hatte er ja auch immer noch Schmerzen in dem Brustmuskel -, doch John spürte immer noch, dass es nicht dasselbe war wie zuvor. Er gönnte anderen Leuten den Main Event-Spot, keine Frage, aber natürlich sah man am liebsten sich selbst an der Spitze. Dieses Denken hatten sie alle, und Vince hatte ihm seinen Topspot nach der Verletzung doch abgenommen. Bei seinem Comeback hatte er zwar den Rumble gewinnen dürfen, war aber nach der Wrestlemania ziemlich bald aus den Hauptmatches entfernt worden und hatte mit JBL, der alles andere als ein Main Eventer war, gefehdet und oft die ersten Matches der Show bestritten. Gut, das hing mit dem Film zusammen, den er damals gedreht hatte, aber trotzdem. Er hatte es während des ersten Films auch geschafft, seinen Championtitel zu behalten und im Main Event zu bleiben. Zu Beginn hatte er eine kleine Pause bekommen, die man als Nierenverletzung nach einem Messerangriff eines seiner Kollegen verkauft hatte, doch beim zweiten Teil der Dreharbeiten hatte er Doppeldienst gemacht - Film und WWE. Was gar nicht einfach gewesen war, weil der Film in Australien gedreht worden und die WWE in Amerika herumgereist war. Den zweiten Film hatte man Gott sei Dank in New Orleans gedreht, da war es mit dem Jetlag vorbei gewesen.
Tränenblind stolperte John zu der Bank, auf der seine Tasche stand. Er musste durchhalten, auch wenn er bezweifelte, dass das noch lange möglich war. Er hasste nichts mehr, als nicht arbeiten zu können, doch langsam kam es ihm vor, als würde sein Körper nach den harten Jahren seinen Tribut einfordern. Bis letztes Jahr hatte er Glück gehabt, doch seit dem Brustmuskelriss hatte er jeden Tag mit Schmerzen verbracht. Auch jetzt tat er das. Immer noch sandte sein Nacken heftige Impulse aus, und mit zitternden Händen griff John in seine Reisetasche und suchte panisch nach dem Röhrchen mit den Tabletten. Er brauchte das jetzt, auch wenn er wusste, wie schlecht es war, dass sich sein Körper vermutlich schon daran gewöhnt hatte und es nichts helfen würde, weil er die Dosis nicht erhöhen wollte. Aber er konnte nicht anders, er musste das Zeug verwenden. Gott, er schaffte es wirklich nicht mehr, ohne ein Medikament zu nehmen. John verurteilte sich selbst dafür, dass es so weit gekommen war, doch er wusste, dass er keine Wahl hatte. Egal, ob Schmerzmittel oder Antidepressiva - er war abhängig von den Substanzen. Wenigstens musste er Zweiteres nur sehr sporadisch anwenden. Es gab wirklich Tage, da war er dem Zusammenbruch nahe, da bereute er es tatsächlich, diesen Karriereweg eingeschlagen zu haben. In diesen Situationen kamen dann die Antidepressiva zum Einsatz, aber Gott sei Dank waren diese negativen Gefühlsaufwallungen verdammt selten.
Ja, er liebte das Wrestling über alles, liebte das, was es ihm ermöglicht hatte, liebte die Arbeit, die Fans, doch manchmal wurde es einfach zu viel. Und jetzt musste er morgen bereits die Smackdown-Aufzeichnung absolvieren, obwohl er eigentlich damit gerechnet hatte, wenigstens am Dienstag und am Mittwoch keine Verpflichtungen zu haben, sich vielleicht ein bisschen zu erholen. Aber wer war er, dass er sich beschwerte? Wie immer würde er sich fügen und seine Arbeit erledigen. John griff nach dem Behältnis mit den Medikamenten und einer Flasche mit kohlensäurefreiem Mineralwasser und sank auf die Knie, hatte beides fest umklammert, während er weiterhin Tränen vergoss, froh darüber war, allein zu sein. Diese Schwäche konnte er sich nur vor sich selbst eingestehen, und genau deshalb ließ er sie jetzt auch zu.
John stellte die Flasche auf die Bank, vor der er kniete, drehte mit schnellen Bewegungen das Röhrchen auf und schüttete sich drei Pillen in die Handfläche. Diese Schmerzen in seinem Nacken musste er in den Griff bekommen, schon allein, um nicht immer wieder daran erinnert zu werden, wer sie ausgelöst hatte und was sie hätten einleiten sollen. John steckte sich die Tabletten in den Mund, öffnete die Flasche und spülte die Medikamente mit Wasser hinunter. Sofort fühlte er sich besser, auch wenn das sicher mehr in seiner Psyche ablief, war auch in der Lage, wieder aufzustehen, griff nach einem Handtuch und wischte sich die Tränen vom Gesicht. Die brauchte niemand zu sehen. Es war schon schlimm genug, dass er selbst sie wahrnehmen musste. Seine Schmerzen konnten nach dieser kurzen Zeit nicht vergangen sein. Neben den Vorkommnissen mit Paul befanden sich auch noch andere Dinge in seinem Kopf. Fragen, die ihm irgendwie Angst machten. Wie sollte er es nur schaffen, den morgigen Tag zu überstehen? Wie sollte er es schaffen, nach allem, was zwischen ihm und Adam passiert war, mit genau diesem zu arbeiten? Und was am wichtigsten war: Wie sollte er heute Nacht diese verdammte Party absolvieren?
