Disclaimer: Die Charaktere gehören mir nicht, ich leihe sie mir nur zum Spielen aus.
Tolotos: – duckt sich und schwenkt die weiße Flagge – Ich weiß! Ich weiß! Kern der Magie muss endlich weiter geschrieben werden. Sobald ich diesen ersten Teil der Trilogie fertig gepostet habe, setze ich mich wieder dran. Dafür kann ich dich trösten: Ve' ol ist fertig, muss nur Korrektur gelesen werden. – Hundeblick aufsetzt – Messer nicht wetzen, bitte … und was die Herr der Ringe Charaktere angeht … - blickt geheimnisvoll in die Runde, ehe geflüstert wird: Kommt noch. Ist schließlich eine Trilogie …
LuJo: Damit du dich auch weiter freuen kannst, die nächsten Kapitel. : )
Viel Spaß beim Lesen.
Grey-Wings
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Kapitel Sieben - Lernen
„Heiler Turgon verlangt nach Euch, Harold.", verkündete eine Pflegerin drängend. Harry folgte ihr ohne Zögern, fluchte jedoch innerlich, dass Turgon auf die formelle Aussprache seines Namens bestand. Faith lachte sich jedes Mal fast krank!
„Harold, hierher!", rief sein Lehrherr und Harry eilte zu ihm. In einem der Betten lag ein Mädchen, nicht älter als sechs, bewusstlos. Auf den ersten Blick erkannte Harry den Bruch des Oberschenkels, obwohl er es wohl besser als einen zersplitterten und zermahlenen Oberschenkelknochen bezeichnen sollte. „Wie würdest du diese Wunde behandeln?"
Sich über das verkrüppelte Bein beugend, inspizierte Harry die Verletzung, in der Hoffnung überhaupt etwas tun zu können. In solchen Momenten verfluchte er die Tatsache, dass in Mittelerde nie etwas von moderner Medizin gehört worden war.
„Die verstreuten Knochensplitter müssen aus dem Gewebe entfernt werden, sonst kommt es zu Entzündungen und die Patientin stirbt gewiss. Danach kann – soweit möglich der Rest des Knochen gerichtet werden."
„Hmm. Wie würdest du vorgehen?"
Harry dachte kurz nach. Wie würde es am effizientesten sein? „Die Patientin muss sediert werden, sowohl zu ihrem Wohle, als auch zu demjenigen der die Knochenreste entfernt. Teebaum gegen Entzündungen und Silberdistel zur Wundreinigung … kombiniert mit Melisse. Hirtentäschel zur Blutstillung und Brennnessel gegen die Blutarmut." Harry seufzte. „Für alle Fälle sollte etwas Belladonna aufbereitet werden."
Turgon nickte zufrieden, ehe er Harry undurchdringlich ansah. „Sie ist deine Patientin."
Geschockt stand Harry einen Moment reglos da. Das wäre seine erste eigenständige Operation, bislang hatte er stets nur geholfen und kleinere Brüche gerichtet, aber nie allein an einer solchen offenen Wunde gearbeitet. „Ich …" Er schluckte den Kloß in seinem Hals hinunter, atmete beruhigend ein und straffte seine Schultern. „Pflegerin! Helfen Sie mir, bitte."
Wie während eines Kampfes unterdrückte er alle persönlichen Gefühle und konzentrierte sich allein auf die vor ihm liegende Aufgabe. Zügig und mit geschickten Handgriffen wurde die kleine Patientin vorbereitet und auf den Operationstisch im best beleuchteten Raum des Hauses getragen. Skalpelle, Pinzetten und Klammern in kochendem Wasser so gut wie möglich sterilisierend, reinigte er seine Hände und Unterarme, schnürte sich einen Umhang um und begann.
Es war ein surreales Gefühl, das Fleisch eines anderen Menschen aufzuschneiden, um zu heilen, und er dankte Eldreth im Geiste für ihren Rat. Heiler mussten auch zerstören, um die Genesung zu ermöglichen. Einem Anästhesisten nicht unähnlich wachte die Pflegerin über den Zustand der Patientin, während Harry die Wunde reinigte und haarfeine Knochensplitter entfernte. Zu seiner Erleichterung war der Schaden an dem Muskel und den Blutgefäßen geringer als befürchtet. Solange sie eine Entzündung vermeiden konnten, würde sie ihr Bein wieder benutzen können. Zwar war eine minimale Beeinträchtigung abzusehen, doch es würden keine Schmerzen oder offensichtlichen äußere Zeichen, wie etwa Hinken, zurückbleiben.
Als das Licht nachzulassen begann, nähte Harry mit feinen Stichen die Wunde zu, legte einen entzündungshemmenden Verband an und versiegelte ihn luftdicht mit Honig.
Mit einem leisen Seufzen lehnte er sich schließlich zurück. Jetzt würde das lange Warten und Bangen beginnen, hoffend dass sich keine Entzündung bildete.
Nachdem er sich gereinigt hatte, setzte er sich leise neben das Bett des kleinen Mädchens und nahm ihre Hand. Ungesehen schrieb er einen Runensatz über ihr Handgelenk, schloss die Augen und konzentrierte sich auf seine Magie. Vorsichtig führte er einen dünnen Strang von seinem Kern zu seiner Hand in die Runen hinein und folgte ihm auf seinem Weg in den fremden Körper hinein.
Mit dem Ziel zu heilen, schädliche Fremdkörper zu vernichten, bahnte seine Magie sich ihren Weg. Erst zaghaft, dann sicherer, als sie sich an den unbekannten Körper gewöhnt hatte. Schließlich folgte sie den Nervenbahnen zum Schmerzzentrum … und dort, kaum erkennbar, fraßen sich kleine Keime durch die Wundgegend.
Ziel gefunden, begann seine Magie die Eliminierung der gefährlichen Bakterien und als sie keine mehr fand, beschleunigte sie die Heilung, indem sie ein paar der tiefer gelegenen Verletzungen regenerierte.
Erschöpft zog Harry sich schließlich zurück, hielt die Hand jedoch weiter und wachte, um sicherzugehen, dass sich der Zustand seiner ersten Patientin auch wirklich nicht verschlechterte. Seine eigene Ermüdung unterschätzend bemerkte er nicht einmal, dass er einschlief.
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„Hey, Schlafmütze!", weckte Faith ihn am nächsten Morgen mit gesenkter Stimme. Harry blinzelte sie verwirrt an, ehe ihm einfiel, was geschehen war, wo er sich befand. Hastig stand er auf und inspizierte seine kleine Patientin. Kein Fieber, das war gut, und sie schlief immer noch, tief und fest. Erst danach wandte er sich fragend an seine Schwester.
„Ich habe dir Frühstück mitgebracht und wollte sehen, ob alles gut verlaufen ist. Sieht ganz danach aus."
„Danke. Turgon hat dir davon erzählt?"
„Yep, der Alte war ziemlich beeindruckt." Faith fläzte sich in seinen Stuhl. „Was ist mit der Kleinen passiert?"
„Ein Holzkarren ist außer Kontrolle geraten und ein Teil der Ladung fiel auf die Straße, rollte den Hang hinunter und sie geriet irgendwie dazwischen. Hat ihr den Oberschenkel zerschmettert."
„Autsch!" Mitfühlend betrachtete sie die Patientin und fragte zur Sicherheit noch einmal nach. „Aber es wird ihr besser gehen?"
„Ich denke schon." Harry sah sich um, ob jemand in Hörweite war und lehnte sich leise sprechend vor. „Ich habe ein bisschen Mojo betrieben, so wie ich es an dir versucht hatte. Das hat die kommende Infektion ausgeschalten und die Heilung vorangetrieben."
„Das ist gut!", meinte Faith enthusiastisch. „Ich habe dir doch gesagt, du wirst ein phantastischer Heiler!" Überschwänglich schnellte sie auf und umarmte ihn fest.
Nach ein paar Sekunden jappte Harry keuchend. „Faith … Luft!"
„Oh! 'Tschuldigung, manchmal vergesse ich meine Stärke einfach."
„Hmm, meine Rippen vergessen es sicherlich nicht so schnell", grummelte er spielerisch.
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Die erfolgreiche Operation des Mädchens kennzeichnete die Wende in seiner Arbeit mit Heiler Turgon. Immer öfter erhielt er seine eigenen Fälle und wurde allein auf Hausbesuche geschickt, während die gemeinsamen Lehrstunden mehr und mehr zu Diskussionen übergingen. Sie besprachen theoretische Probleme, wie sie am besten zu lösen seien und endlich hielt Turgon ihn für bereit zu lernen, wie man an unbekannte Vergiftungen und Infektionen heranging, sie analysierte und Gegenmittel entwickelte, statt nur die Symptome zu behandeln.
Stundenlang okkupierten sie nach dem Abendmahl das Labor im Keller, umgeben von handschriftlichen Notizen, Waagschalen, Messbechern, Giftphiolen, Tinkturen, Abgüssen, in Alkohol eingelegten, undefinierbaren Wesen, angespornt von Enthusiasmus und der beständigen Suche nach Wissen.
Harry konnte Turgon sogar davon überzeugen, eine Art primitives Mikroskop anfertigen zu lassen, das inzwischen zum Lieblingsspielzeug des alten Heilers geworden war. Er untersuchte alles, was ihm in die Finger kam, unter dem Ding, eifrig jede Entdeckung notierend, Theorien aufstellend und vor Begeisterung beinahe platzend.
Im Gegenzug hatte Harry freie Hand, seine geliebten Kräuter, Öle und inzwischen sogar nützliche Tiere zu untersuchen. Er mochte in seiner alten Dimension kein Meister der Zaubertränke gewesen sein, doch fehlten ihm damals auch das Verständnis und die Wertschätzung dafür. Inzwischen verstand er, wie wertvoll und im wahrsten Sinne des Wortes lebensrettend ein parat liegender Trank sein konnte. Also kategorisierte er alle Pflanzen, die ihm unter die Hand kamen, schrieb auf, an was immer er sich aus seinem Zaubertrankunterricht und den Büchern erinnern konnte, ehe er sie mit seiner jetzigen Sichtweise und Wissen erweiterte.
Er entdeckte sogar einige Käfer, von denen er wusste, dass sie als Basis für jeden Heiltrank verwandt wurden. Dementsprechend weitete er seine Suche aus. Zwar war es unwahrscheinlich dieselben magischen Wesen in dieser Welt zu finden, womöglich gelänge es ihm jedoch Ersatzstoffe zu verwenden.
Es war eine mühselige Arbeit, gefüllt mit Irrtümern und nur gelegentlichem Erfolg. Seine Fehler lehrten ihm jedoch, was Snape niemals schaffte: die Grundlagen des Brauens. Wann musste die Hitze erhöht oder verringert, wann im Uhrzeigersinn oder dagegen gerührt, wann musste eine Zutat in Streifen geschnitten, zu Würfeln zerhackt oder zu Pulver zerrieben werden? Jetzt wusste er es.
Ende Januar konnte er ein Schlafmittel vorweisen, das den Trinker augenblicklich in einen 12-stündigen Schlaf versetzte. Einen Trank, der jeden Husten legte und Schnupfen ausmerzte; sowie eine dicke Paste, die Verbrennungen ohne Narben zu hinterlassen heilte.
Nicht schlecht für vier Monate Arbeit, zudem kannte er nun die Grundlagen, auf die er für weitere Experimente aufbauen konnte.
Das Husten- und Schnupfenmittel fand ausgiebige Nutzung nachdem sie ihre Weihnachtsgeschenke ausgetauscht hatten. Faith war über die neue Ausrüstung dermaßen aus dem Häuschen, dass sie sofortige Trainingsstunden zum Ausprobieren und Eintragen verlangte. Außerdem argumentierte sie, dass Harry dies ebenfalls würde nutzen können.
Zu seiner anfänglichen Verwirrung hatte er neben wunderbaren, kniehohen Stiefeln mit Seitenschnallen einen kunstvoll geschnitzten und mit Silberintarsien versehenen Langstab erhalten. Seine Schwester erklärte, dass seine Erwähnung von nordischen Runen sie an etwas erinnert hatte: Stáv. Sie kannte sich nicht mit allen Aspekten dieses holistischen Systems aus, wusste jedoch, dass die einzelnen Haltungen und Bewegungsabläufe Runen repräsentierten, sowie eine bestimmte Atmung erforderten.
Im Hinterhof zeigte sie ihm die sechzehn Stellungen und Harry erkannte augenblicklich, dass der Körper tatsächlich die Runen des kleinen Alphabets darstellte. Faith grinste nur und warf ihm seinen neuen Stab zu. Schließlich war sie sicher, dass er seinen anderen nicht riskieren wollte.
Es war ein interessantes Training und er erkannte die Vorteile sofort. Im Nahkampf würde Harry nicht zwischen verschiedenen Waffen, Langdolchen und Stab, wechseln müssen. Der Stab war eine ebenso gefährliche Waffe wie die Dolche, hatte zudem aber den Vorteil, dass er während des Kampfes regelrecht seine Runensätze schreiben, im entscheidenden Moment aufladen und den Zauber einsetzen konnte. Er nahm sich vor, diese Technik zu perfektionieren, denn für einen Zauberer war es die ideale Kampfart.
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Faith hatte derweilen einen Heidenspaß beim Training für die Kavallerie. Sie galoppierten über das schneebedeckte Feld des Pelennor, lernten Lanzen zu handhaben, im Reiten zu schießen und die erhöhte Position effizient im Nahkampf mit dem Schwert einzusetzen. Es rollten im wahrsten Sinne des Wortes Köpfe, wenn auch nur die der Holzattrappen. Vom Pferd aus hatten sie die perfekte Höhe für Enthauptungen.
Es war befreiend und brutal und machte mehr Spaß als alles zuvor. Nicht einmal der beißende Winterwind konnte das Funkeln aus ihren Augen vertreiben. Das Einzige, das jetzt noch fehlte, waren ein paar Orks zum Abschlachten und die Jägerin wäre im Paradies.
Diese Welt war wie geschaffen für eine Jägerin, überlegte sie. Man konnte sich den Unterhalt mit der Jagd auf die Kreaturen der Dunkelheit verdienen, im Gegensatz zu ihrer alten Dimension, in der sie dies heimlich tun und zusätzlich am Tage für ihr Überleben arbeiten musste. Zusätzlich hatte sie hier eine Art Familie, selbst wenn diese nur aus einer Person bestand. Doch Harry war jemand, auf den sie hundertprozentig zählen konnte, der sie ohne Vorurteile akzeptiert und verstanden hatte.
Auch forderte er nichts von ihr. Weder dass sie sich den hiesigen Konventionen anpasste, d.h. wie eine brave Frau kochen und nähen lernte oder, Gott bewahre, sich einen Mann suchte, um als anständige Ehefrau ihr Dasein zu fristen. Noch hatte er irgendwelche Avancen ihr gegenüber gemacht, wie sie anfangs befürchtete.
Alles hatte immer einen Preis und seit ihrem 13. Lebensjahr kannte sie diesen bis ins kleinste, dreckige Detail. Selbst nachdem sie die Jägerin geworden war, musste sie für alles bezahlen. Ihre Kräfte gaben ihr die Möglichkeit, sich von ihrer alkoholsüchtigen Mutter und ihrem Stiefvater zu befreien, dafür begann eine neue Form der Bezahlung: jede Nacht musste sie allein um ihr Überleben kämpfen. Natürlich war das am Anfang einfach nur cool gewesen, die Bösen Jungs verhauen und sich gegen jeden, der ihr wehtun wollte, wehren zu können. Aber so einfach war es nicht, nach dem Tod ihres Wächters fühlte sie sich verloren und suchte nach Anschluss, jemand der ihr Antworten geben konnte.
Dann kam Sunnydale. Für eine Weile lief es gut, aber trotzdem war sie nur die zweite, die weniger wichtige Jägerin und ihren Lebensunterhalt verdiente sie sich damit, die Taschen der Vampire zu leeren, die sie anschließend in Asche verwandelte. Der Spaß des Neuen ging schnell verloren.
Giles und die Clique standen fest hinter Buffy, Wesley war eine Niete als Wächter und sie passte nirgendwo hinein. Für sie gab es dort keinen Platz, aber sie konnte auch nirgendwo sonst hin.
Bis die andere Seite ihr ein neues Leben anbot, eines, das sie verstehen konnte. Es ging ihr nie darum, die anderen zu verletzen, sondern vielmehr ihr eigenes Dasein zu begreifen. Warum existierte sie, wenn es bereits eine andere Jägerin gab? Natürlich kannte sie die Geschichte mit Kendra und allem Drum und Dran, aber es machte keinen Sinn. Sie war überflüssig.
Und noch viel weniger Sinn machte es, dass sie Angel/Angelus nicht töten durfte. Vampir, Jägerin, nur einer von beiden lebt. So war es seit Jahrtausenden gewesen, also was sollte diese Herzschmerzsache zwischen B und dem Untoten?
Stattdessen entscheidet Buffy sich dafür, sie, Faith, umzubringen, um ihren nicht einmal Liebhaber zu retten. Das Resultat? Koma … und da wundern die Scoobies sich, weshalb sie verdammt sauer nach ihrem Erwachen war? Sie hatte fast ein ganzes Jahr ihres Lebens wegen Buffy verloren und trotzdem keinen Platz in der Welt. Sie hatte nie einen gefunden, was wahrscheinlich auch daran lag, dass das Gefängnis nicht der beste Ort war, um danach zu suchen.
Doch sogar nach dem Sieg über das Erste Böse änderte sich nichts. Robin war für eine Weile da, ehe er sich jemand weniger kompliziertes suchte und kurz darauf hätte sie sterben sollen, stattdessen wurde sie hierher geschickt.
Das einzige, was ihr hier gelegentlich fehlte, war ein bisschen Sex, aber das war nicht erlaubt und ausnahmsweise hielt sie sich an diese eine Regel. Sie hatte keine Lust als leichtes Mädchen (höflich ausgedrückt) oder Nutte (die wahrscheinlichere Titulierung) bezeichnet zu werden, sie wusste, wie andere einen behandelten, weil sie nur das in einem sahen. Damit war sie fertig.
Mit Feuer in den Augen hielt sie vor Meredor und kam ihm mit einem eifrigen Grinsen zuvor. „Darf ich noch mal?"
Schnaubend schüttelte der Ausbilder seinen Kopf. „Mädel, frag nicht so dumm!"
Damit wendete sie ihr getreues Pferd, den sie mit Harrys Hilfe nach der nordischen Mythologie der Pferde, die den Sonnenwagen zogen, Arvakr nannte, während das Pferd ihres Bruders Aldidrs hieß.
Kapitel Acht – Unter den Waldläufern
Hergon stöhnte innerlich und fragte sich, womit er das verdient hatte: SIE war zurück. SIE war die einzige Titulierung, die er ihr im Geiste noch zuteilte. In etwa gleichwertig mit IHM, wenn sein Vater ihm Geschichten des Dunklen Lords von Mordor aus der Vergangenheit erzählte. Zudem war sie nicht allein! SIE hatte ihren Bruder mitgebracht, der zu Hergons unendlicher Erleichterung wesentlich ‚normaler' erschien als SIE.
Und jetzt grinste SIE ihn breit an!
„Bereit nach Ithilien zu marschieren.", salutierte Faith ihrem neuen Hauptmann heiter. Das versprach amüsant zu werden.
„DU bist Waldläuferin geworden?", erkundigte er sich in der vagen Hoffnung eine negative Antwort zu erhalten. SIE nickte und zerstörte diesen Wunschtraum augenblicklich, ehe sie jedoch etwas sagen konnte, reichte ihr Bruder ihm sein Empfehlungsschreiben von den Häusern der Heilung und seinem Lehrherren, der ihn als ausgebildeten Heiler auswies. Nun, wenigstens etwas Gutes an einem inzwischen miserablen Tag. Es gab nur selten einen Heiler, der sich bereit erklärte, mit den Truppen ins Feld zu ziehen. Ein Pluspunkt für seine Einheit.
Wenn er jetzt noch einen Weg finden würde, SIE loszuwerden!
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Es war keine große Gruppe an Waldläufern – inklusive Harry waren sie 40 Mann und eine Frau – mit dem Ziel ungesehen durch Ithilien zu streifen, die Grenze zu Mordor zu überwachen und marodierende Orkbanden auszulöschen. Zu Fuß und im Gänsemarsch bewegten sie sich über die Ebenen des Anduins, die bedrohliche Gebirgskette des Dunklen Landes größer und größer werdend.
Die Waldläufer hatten ein hartes Leben. Vom Frühjahr bis spät in den Herbst hinein waren sie abgesehen von einem gelegentlichen Boten oder Versorgungskarren völlig auf sich selbst gestellt. Sie mussten Jagen, um sich ernähren zu können, und ihre Pfeile selbst herstellen, im Gegensatz zu anderen Einheiten, wie die Wache der Zitadelle oder jenen, die in Pelargir stationiert waren. Diese lebten geradezu im Luxus, mit ihren drei warmen Mahlzeiten am Tag, sowie einem nahe gelegenen Schmied. Zusätzlich hatten die Waldläufer es mit Orks zu tun und nicht den gelegentlichen Angriffen der Korsaren aus Umbar.
Es mochten all diese Gründe gewesen sein, die Harry davon überzeugten, sich als Heiler Faiths Einheit anzuschließen, doch im Grunde war es vor allem Neugier. Worauf? Auf Mordor. Waldläufer waren die einzigen, die sich an dessen Grenzen bewegten, gelegentlich sogar hinein gingen. Es würde sich wohl kaum eine andere Möglichkeit auftun, bei der Harry mit jemanden, der sich auskannte, dorthin kam.
Oh, aber Faith war wütend gewesen! Ihr erster richtiger Streit, seit sie sich getroffen hatten und seine anfängliche Ratlosigkeit hatte die Jägerin nur noch zorniger werden lassen. „Warum zur Hölle musst du mich begleiten?"
„Nun, Turgon meinte, ich müsse jetzt nur noch Erfahrung sammeln. Es ist schließlich ein Unterschied, in der Ruhe der Häuser der Heilung zu arbeiten oder im Feld, wo die Bedingungen grundlegend anders … und gefährlicher sind.", erklärte Harry verblüfft ob ihres bissigen Tones.
„Und warum ausgerechnet MEINE Einheit?"
„Wie bitte?"
„Du weißt verflucht genau, was ich meine!", presste sie zwischen ihren Zähnen hervor.
„Nein, weiß ich nicht, ebenso wenig wie ich weiß, weshalb du plötzlich so wütend auf mich bist."
„Hah! Dann denk mal genau darüber nach, Bruderherz!", zischte sie bösartig und wandte sie zur Tür, ehe sie sich mit einem lauten „Du bist nicht mein verdammter Wächter!" verabschiedete.
Daraufhin war sie ihm tagelang aus dem Weg gegangen und falls sie sich doch einmal trafen, dann schwieg sie ihn eisern an. Bis Harry die Geduld verlor und sie zur Rede stellte. Aufgebracht stürmte er in ihr Zimmer, verschloss die Tür hinter sich und stand seinen Mann. Obwohl er angesichts der wütenden Jägerin all seinen berühmten Gryffindormut dafür benötigte. „Würdest du mir bitte augenblicklich erklären, weshalb du dagegen bist, dass ich mit dir mitkomme?"
Faith sprang mit geballten Fäusten von ihrem Bett. „Es sind deine Gründe!"
„Ich will Erfahrung sammeln und es ist Mordor!"
„Genau! Du traust es mir nicht zu!"
Das nahm ihm den Wind aus den Segeln. Verblüfft blinzelte er sie an. „Was traue ich dir nicht zu?"
„Dass ich allein zurecht komme! Du denkst, du müsstest auf mich aufpassen!"
Harrys verblüfftes Blinzeln setzte sich fort, ehe er lachend in die Knie ging und nur mühsam nach Luft schnappend Worte hervorbrachte. „ICH? … Auf DICH … aufpassen?" Eine weitere Runde Gelächter überkam ihm. Das war einfach zu absurd! „Wenn jemand Schutz braucht, … dann wohl eher ich!"
Die Jägerin starrte ihn nachdenklich an, ehe sie verstand, was er gesagt hatte. „Oh!"
Sich wieder unter Kontrolle bekommend griff Harry nach ihrer Hand und drückte sie beruhigend. „Natürlich war ein Gedanke, wie vorteilhaft ein Heiler wäre, wenn du oder einer der anderen Waldläufer sich verletzt. Deswegen wurde meine Nachfrage auch so schnell positiv beantwortet. Aber hauptsächlich habe ich mich für die Waldläufer entschieden, weil sich in dem Grenzgebiet auskennen. Sie wissen, welche Pässe über den Ephel Dúath führen und welche Gefahren dahinter liegen."
Faith grinste. „Kenne deinen Feind?"
„Yep. Außerdem, solange ich meine Magie nicht offen nutze, wirst du es sein, die mich im Auge behalten muss."
„Cool!"
Und jetzt waren sie mit diesem wilden Trupp unterwegs, lernten einander kennen, begannen die Fähigkeiten gegenseitig einzuschätzen. Harry empfand die abendlichen Trainingskämpfe als besonders amüsant, vor allem da seine Schwester noch jeden arroganten Gockel gezeigt hatte, was eine Jägerin war. Sie konnte sich dadurch schnell eine sichere Stellung in der Hackordnung sichern.
Harrys Position hingegen war etwas komplizierter. Natürlich hatte er, bevor er überhaupt aufgenommen wurde, beweisen müssen, dass er kämpfen konnte. Aber er hatte nicht das Bedürfnis, sich hier ebenfalls durch pure Gewalt durchsetzen zu müssen. Stattdessen hielt er sich im Hintergrund und versorgte jene, die sich in ihrem Übermut – oder nicht selten in bloßer Selbstüberschätzung – Verletzungen zugezogen hatten.
Eines Abends setzte sich Pelendur, der älteste und erfahrenste der Waldläufer in der Gruppe, neben ihn, um Harry nach Rat zu fragen. Offenbar begann sein Alter sich langsam bemerkbar zu machen und seine Verdauung war nicht mehr das, was sie sein sollte. Harry stellte ihm eine Teemischung zusammen, die mehrmals am Tag getrunken, die Verdauung fördern würde.
Eine Gruppe der Neulinge saß in Hörweite und begann zu kichern, sowie rüde Kommentare auszuteilen. „Oooh! Tee kochen!"
„Ja, warum kocht er nicht gleich für uns alle! Mit so feinen Haushaltsfähigkeiten!"
Faith näherte sich mit wütendem Gesicht, aber Harry winkte ihr ab, ehe er sich mit einem zuckersüßen und eindeutig falschen Lächeln an die Jünglinge wandte. „Ich würde aufpassen, was ich sage, sonst verpasse ich jedem von euch, der meine Hilfe braucht als erstes einen großen Einlauf."
Seine Schwester schnaubte amüsiert, während Pelenur ernsthaft nickte. „Aye, es ist dumm, den Heiler zu verärgern. Wer weiß, wann er einen das nächste Mal zusammenflicken muss."
Das ließ alle dummen Bemerkungen versiegen.
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Das Land Ithiliens war geprägt von den Spuren der Kämpfe, die hier ausgetragen worden waren. Ganze Landstriche lagen noch immer öde, Kraft sammelnd um sich zu erholen. Doch vielerorts hatte sich die Natur zurück erobert, was Mensch und Ork zerstört hatte. Wilde Gewächse standen in voller Pracht und boten Harry eine breite Wahl an nützlichen Pflanzen, die er sorgsam sammelte und aufbereitete. Er entdeckte sogar Raritäten, wie die Muskatnuss und Chinarinde.
Die Begeisterung über diese kostbaren Funde erleichterten sogar das bedrückende Gefühl, dass die Nähe Mordors mit sich brachte. Desto mehr sie sich diesem Lande näherten, desto mehr stieg ein Gefühl der Unruhe in dem jungen Zauberer. Er musste sogar während seiner Meditation seine Sinne aufs Minimum dämpfen, da er sonst hören konnte, wie das Land hinter den Bergen schrie, wie es die Spuren seiner Vergewaltigung und brutalen Ausnutzung betrauerte und dagegen ankämpfte, versuchte, sie wieder zu heilen. Die Erde selbst war durch Sauron verletzt worden und die Folgen dessen waren noch immer spürbar. In seiner alten Dimension war er nie sonderlich sensibel dafür gewesen, doch hier konnte er die klaffenden Wunden beinahe körperlich spüren, wohl weil sie so konzentriert und tief waren, aber auch weil dies der einzige Ort war. Seine Sinne hatten ihm nirgendwo sonst in Mittelerde solch einen Missbrauch der Erde gezeigt. Es war verstörend und er versuchte sich zum Ausgleich auf die Gegenden in Ithilien zu konzentrieren, die sich von allein wieder geheilt hatten.
Unbewusst schienen alle Mitglieder der Einheit ähnliches zu tun. Niemand trampelte hier achtlos herum oder brach sinnlos Zweige ab. Feuerholz wurde vom Boden aufgehoben und sorgsam gesammelt, gejagt wurde nur nach Bedarf und Lagerplätze so ausgewählt, dass so wenig wie möglich Schaden angerichtet wurde.
Die ersten Wochen waren ruhig, nur selten stießen sie auf veraltete Spuren einzelner Orks und die Abende waren mit Erzählungen um das Lagerfeuer gefüllt, während die Nachtwachen leichte Schichten schoben.
Ithilien war oft Schauplatz von Kriegen und Auseinandersetzungen gewesen, einerseits durch seine Lage direkt neben Mordor, zum anderen durch seine Grenzen nach Harad, dessen Bewohner mehrfach gegen Gondor in den Krieg gezogen und oft nur unter schweren Verlusten zurück geschlagen worden waren. Pelenur erzählte vom letzten großen Krieg, bei dem sich die Feinde Gondors zusammengeschlossen hatten und beinahe gesiegt hätten. Die Ostlinge und Haradrim hatten von beiden Seiten angegriffen. Während die letzteren hier in Ithilien vernichtend geschlagen worden waren, waren die Ostlinge siegreich durch Gondors Verteidigung gedrungen, hatten den König und dessen Söhne getötet und nach der Schlacht im Siegestaumel ein Lager aufgeschlagen, wo sie von den Truppen aus Ithilien kommend überrascht und besiegt worden waren.
„Eärnil hieß der Kommandant der siegreichen Truppen. Er wurde zum letzten König Gondors.", schloss Pelenur mit leicht sehnsüchtiger Stimme seine Erzählung.
Einer der jungen Kämpfer schnaubte leise. „Die Zeit der Könige ist vorbei. Was war schon so besonders an ihnen?"
Mit blitzenden Augen wandte Pelenur sich dem Zweifler zu. „Du bist ein Grünschnabel, Artamir! Die Könige der altvorderen Zeit waren große Führer unseres Volkes, sage ich dir. Isildur selbst war es, der den Ring von Saurons Hand schnitt und seiner Herrschaft ein Ende brachte. Ihm verdanken wir es, dass wir so gemütlich hier sitzen und nicht von Orks überrannt werden. … Weise waren sie, mit langem Leben gesegnet und es wird sogar gesagt, dass sie heilende Hände besaßen."
„Und wo sind sie jetzt?", fragte Artamir widerspenstig. „Alle gestorben, das sind sie!"
„Es gibt Gerüchte, dass sie im Norden sind, dass die Linie von Elendil fortgesetzt wurde.", erwiderte Pelenur ruhig und ohne jeden Zweifel an der Macht jenes Geblüts.
Es war Harry, der neugierig geworden war, wie viel der alte Mann wirklich wusste. „In einer der Schriften steht, dass Isildur den Ring an sich nahm, anstatt ihn im Schicksalsberg zu zerstören, wie die Elben ihm anrieten. Es heißt, dass Sauron dadurch nicht komplett vernichtet wurde."
„Ammenmärchen!", warf Artamir erneut voller Verachtung ein.
„Ach ja? Und weshalb lässt Mordor sich dann nicht einnehmen? Woher kommen immer wieder neue Horden von Orks? Weshalb wachen wir vom Henneth Annûn aus über das Dunkle Land, wenn nicht aus Angst, es könnte erneut erwachen? Und was ist mit den Geistern?"
Das ließ den jungen Mann verstummen, ebenso wie den Rest der Truppe. Verwirrt hakte Harry nach: „Geister?"
„Minas Ithil hieß die Stadt einst, jetzt nur noch Minas Morgul. Seltsame Dinge gehen dort vor, dunkle Magie sagen die einen, Geister sagen die anderen. Niemand nähert sich der Festung, sie wird von Schlimmeren als Orks bewacht, namenlos und grauenhaft."
Selbst einer der anderen Neulinge schloss sich dieses Mal Pelenurs Meinung an. „Es heißt, es wären neun dunkle Reiter. Sie verbreiten Angst und Schrecken und es wird einem kalt, wenn sie sich auch nur nähern."
Harry schauderte, denn die Anzahl neun konnte kein Zufall sein. Er warf Faith einen bedeutungsschweren Blick zu und zog sich zurück. Neun Reiter oder Geister, neun Ringe. Er hatte wenig über die Ringe der Menschen gefunden, lediglich dass die Könige und Fürsten der Menschen, die sie erhielten, Saurons Macht unterworfen wurden und zu Geistern wurden. Sollten die Geister Minas Morguls diese neun Ringgeister sein? Wenn ja, dann bewies dies, dass Sauron tatsächlich noch existierte, irgendwo versteckt, planend gefährlich, wie eine Spinne, die im Dunkel ihr Netz webt.
Die Geister hörten sich zudem verdächtig nach Dementoren an, dunkel und Furcht erregend, Kälte verbreitend. Sollte es so einfach sein? Harry schlug sich in seine Decke ein und ihn schauderte. Nein, es war keineswegs so einfach, denn selbst wenn es sich bei den neun Geistern um eine Art Dementoren handelte, war er der Einzige, der sich effektiv dagegen verteidigen konnte. Alle anderen waren ihnen hilflos ausgeliefert. Eine erschreckende Vorstellung.
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Henneth Annûn stellte sich als von einem Wasserfall verdecktes Höhlensystem heraus. Ein geheimer Ort, der seit Jahren Lager und Rückzugspunkt für die Waldläufer war. Von dort starteten sie ihre eigentliche Aufgabe, das Gebirge des Ephel Dúath zu überwachen, von Orks so weit wie möglich zu reinigen und stets wachsam das Geschehen im Dunklen Lande im Auge zu behalten.
Dort wurden sie in Spähertruppen von fünf Mann aufgeteilt. Faith und Harry schlossen sich Pelenur, Armon und Finduil an, die aufgrund ihrer Erfahrung damit betraut worden waren, auf schmalen Pfaden die Berge zu erklimmen und kurze Ausmärsche in Mordors Inneres zu unternehmen.
Armon und Finduil, beide Ende dreißig, hatten seit Jahren diese Aufgabe übernommen und gaben hilfreiche Tipps an die Neulinge weiter. Sobald sie den Kamm überschritten hatten, sollten sie stets darauf achten, möglichst viel Deckung in der Umgebung zu haben, kein Wasser aus den Quellen Mordors trinken, weil diese oft vergiftet waren, sich im Nebel ein Tuch über Mund und Nase binden, weil der Nebel stets mit ätzenden Gasen aus den tiefen Höhlen des Untergrunds versetzt war.
Allein diese Beschreibungen malten ein unerfreuliches Bild, das von der Realität noch übertroffen wurde. „Tohuwabohu.", flüsterte Harry zu sich, denn nur diese Bezeichnung aus dem ersten Buch Mose konnte den Zustand dieses Ortes zusammenfassen: Und die Erde war wüst und leer.
Keine Pflanzen, nur Gestein und Staub, ein feuriger Berg am Horizont: Trostlosigkeit.
Faith lehnte sich unbewusst näher in ihn. „Mir kribbelt die Haut. Es ist als wäre alles von Bösartigkeit durchzogen."
„Das ist es.", bestätigte Finduil. „Kommt, lasst uns nicht verweilen, um so schneller können wir wieder fort."
Ihre braunen Umhänge fest um sich geschlungen, schlichen sie, von der Erde kaum unterscheidbar, über die Ebene von Gorgoroth. Sie vermieden alle Wesen, seien es nun Orks, Trolle oder Olog-Hais. Obwohl Harry den Unterschied zwischen letzteren beiden nicht verstand, abgesehen davon dass die Ologs größer und gemeiner aussahen.
Sie wagten sich sogar bis in die Sichtweise der letzten Ruinen von Barad-Dûr. Der Dunkle Turm war nach Isildurs Sieg über Sauron durch die Armeen des Letzten Bündnisses zerstört wurden, doch die Fundamente widerstanden allem und waren so heute noch ein Mahnmal, wenn auch von den meisten ungesehen, für jenen fürchterlichen Krieg. Sie wagten sich nicht näher als fünf Meilen heran, denn dort um die Ruine wimmelte es nur so von dunklen Kreaturen.
„Die Anzahl steigt von Jahr zu Jahr.", beobachtete Armon. „Sie vermehren sich wie Ungeziefer und wir können kaum etwas tun. Wir sind zu wenige und größere Truppen können nicht in das Landesinnere eindringen." Ungesehen traten sie den Rückzug an.
„Warum können keine Armeen hier eindringen?", erkundigte Faith sich neugierig. Schließlich hatten es die Kämpfer des Letzten Bündnisses bis zum Dunklen Turm geschafft.
„An allen Pässen wurden während oder nach dem Letzten Bündnis durch Gondor Festungen errichtet, aber wir konnten sie auf Dauer nicht halten. Wie Minas Morgul, das von den Geistern eingenommen wurde."
„Es ist als würde die Stärke Gondors schwinden, so langsam, dass man es kaum wahrnimmt. In hundert Jahren wird sich noch kaum jemand daran erinnern, dass wir es waren, die jene Festungen errichteten, die nun dem Feinde dienen, uns aus Mordor fernzuhalten.", prophezeite Pelenur düster.
„Hannibal!", rief Harry plötzlich aus und alle drehten sich skeptisch zu ihm um. Der junge Zauberer lief rot an und versuchte zu erklären. „Es gibt eine Legende, wonach ein großes Imperium mit der Hauptstadt Rom nicht eingenommen werden konnte. Es war auf drei Seiten von Wasser und an der vierten von Bergen umgeben. Hannibal war ein großer Heeresführer eines feindlichen Landes und fand heraus, dass die Küsten gut befestigt waren, die Berge jedoch nicht, da die Römer annahmen, keine Armee würde es über dessen Gipfel schaffen."
„Oh!", fiel Faith ein. „Der Hannibal mit den Elefanten!"
„Yep. Er sammelt also ein riesiges Heer, aber die Reiterei besteht nicht aus Pferden, sondern Kriegselefanten, riesigen und massiven, grauen Tieren mit vier Beinen und langen Stoßzähnen. Damit überquerte er das Gebirge im Winter und überraschte die Römer, die einen Angriff auf ein benachbartes Land planten. Viele Jahre war er siegreich und schnitt Rom von einem Großteil seiner Provinzen ab. Am Ende wurde zwischen Rom und Karthago, Hannibals Heimat, Frieden geschlossen. Das Entscheidende an seinem Plan war jedoch, dass die Römer sich in ihrem eigenen Lande für nicht angreifbar hielten. Das war ihr Fehler."
„So wie sich diese Kreaturen hier in Mordor sicher fühlen.", folgerte Finduil nachdenklich. „Diese Elefanten hingegen hören sich ganz nach den Mûmakil der Haradrim an, riesige, gefährliche Biester. Sie reiten in Türmen auf ihnen."
Dies wiederum löste eine Diskussion über die Gefahren dieser Tiere aus, die weit im Süden beheimatet waren und von den Soldaten Gondors wegen ihrer Stärke und Widerstandskraft gefürchtet wurden.
Wahrscheinlich waren diese Diskussionen der Grund für ihre Unachtsamkeit, denn sie waren keine zwei Tage auf dem Rückweg, als eine Gruppe Orks sie von einer Anhöhe erspähte. Zu spät um zu fliehen oder ein Versteck zu finden, bereiteten sie sich auf einen Kampf vor.
„Wir müssen alle ausschalten, damit sie keine Verstärkung holen können!", rief Armon und legte einen Pfeil auf seinen Bogen. Harry folgte seinem Beispiel, während die anderen drei mit grimmigen Gesichtsausdrücken ihre Schwerter zogen.
Harry schluckte nervös. Das waren gute zwei Dutzend Orks gegen fünf Menschen und eine innere Stimme sagte ihm, dass es unklug wäre, hier im Herzen Mordors einen seiner mächtigeren Zaubersprüche einzusetzen, der zwar mehrere Feinde auf einmal vernichten, aber gleichzeitig jedes magiesensible Wesen, etwa wie jene Ringgeister, anlocken würde.
Er schloss für einen Moment die Augen, zentrierte sich und rief jene distanzierte Kälte in sich hervor, die ihm helfen würde, einen klaren Kopf zu behalten. Geschwind spannte er seinen Bogen und folgte Armons Beispiel, der die Schützen der Orks versuchte auszuschalten, womit ihre Feinde auf den Nahkampf reduziert werden würden und ihnen einen ihrer Vorteile nahm … abgesehen von der Übermacht.
Schnarrend und knurrend umzingelten die Orks die Waldläufer, einer der größeren Orks, wahrscheinlich der Anführer maß sie mit gierigen Augen ab: „Menschenfleisch! Zart und saftig!"
Das war offensichtlich genug Motivation. Mit gehobenen Knüppeln und kruden Schwertern stürzten sie sich vorwärts, kaum darauf achtend, dass einige ihrer Kameraden durch Pfeile gefällt worden waren. Eilends ergriff Harry seinen Stab und Armon zog gleichfalls sein Schwert.
Unauffällig wedelte der junge Zauberer mit der Hand und etliche Orks stolperten und brachten die nach ihnen rennenden ebenfalls zu Fall. Es würde sie nicht vom Angriff abbringen, aber dafür sorgen, dass nicht alle auf einmal auf die fünf hernieder kamen.
Mit effizienten, machtvollen Schlägen mähte Finduil seine Gegner nieder, die Stärke seiner Statur bestens ausnutzend, zerschlug er mit seinem Schwerte einem Hammer gleich die Schädel der Orks oder zermalmte ihre Gelenke. Lautes Knacken und Schmerzensgeheul begleiteten seinen Kampf, während Armon das genaue Gegenteil tat. Er verfiel in schnelle, unvorsehbare Attacken, stach Augen aus, um die Angreifer zu blenden, nutzte Risse und Löcher in den zerfallenden Rüstungen der Orks, um ihre Hände und Füße zu durchbohren, dass sie weder Waffen noch ihr eigenes Gewicht halten konnten.
Faith hingegen vollführte einen tödlichen Tanz, alles nutzend, das ihr zur Verfügung stand, mit Schwert und Faust hieb sie auf die Orks ein und trat mit den Füßen um sich, um ihre Bewegungsfreiheit zu sichern. Sie brach wie ein Wirbelsturm auf die Orks ein und sechs Kadaver lagen bereits blutend um sie herum.
Ein Schmerzensschrei zu seiner rechten ließ Harry herumwirbeln. Zu seinem Schrecken war Pelenur von einem Pfeil in die Seite getroffen worden und hatte es nun schwerer sich gegen die Feinde zu verteidigen. Einer hatte ihm soeben den linken Oberschenkel durchbohrt. Ungesehen schubste Harry durch Telekinese einen Ork von Pelenur weg, der diesen von hinten angreifen wollte, und eilte zu dem alten Kämpfer, der sich nur Dank seiner langjährigen Erfahrung der Angreifer erwehren konnte. Automatisch deckten sie einander den Rücken und zu Harrys nicht geringer Verwunderung schimmerte sein Stab ein mattes Blau, als er seinen Runentanz vollführte.
Mit einem zufriedenen Ausruf streckte er seinen letzten Gegner nieder und sah, dass auch die anderen sich dem Ende des Kampfes näherten. Während Finduil, Faith und Armon sich versicherten, dass tatsächlich alle tot waren, entfernte Harry den Pfeil aus Pelenur und verband dessen Wunden. „Das ist nur behelfsmäßig.", erklärte er dem müden Kämpfer. „Wir sollten erst einen ruhigeren Ort finden, dass ich dich vollständig untersuchen kann."
„Ein Weilchen wird es wohl gehen.", versprach Pelenur und sie brachen hastig auf, so viel Abstand wie möglich zwischen sich und mögliche Verfolger bringend. Bevor das Tageslicht verschwand, hielten sie versteckt zwischen mehreren großen Felsen, so dass der junge Heiler seine Untersuchung durchführen konnte. Die Wunde am Beine war ein glatter Durchstich, hatte aber glücklicherweise nicht zu starkem Blutverlust geführt. Er legte antiseptische Salbe auf und einen Druckverband an. Der Pfeil hingegen hatte mehr Schaden angerichtet bzw. würde mehr Schaden anrichten: er war vergiftet gewesen. Sie so gut wie möglich reinigend reichte Harry dem Mann eine kleine Phiole. „Trink die Hälfte jetzt und die andere in 24 Stunden. Der Trank verlangsamt die Vergiftung, so dass dein Körper sich selbst helfen und dein Blut reinigen kann."
Anschließend mischte er Kräuter in Pelenurs Wasserflasche, die das Immunsystem stärken würden. „Du brauchst Ruhe und viel Flüssigkeit. Wasser haben wir, aber für das Erste müssen wir so schnell wie möglich ins Lager zurückkehren.", informierte er die Anwesenden. Damit hasteten sie weiter, Finduil den Verwundeten stützend, liefen sie die komplette Nacht hindurch.
Im Morgenlicht rasteten sie, nahmen leichte Nahrung auf und Harry erneuerte die Verbände, ein wenig Magie zur Reinigung und Heilung einsetzend. Diesen Abend würden sie die Berghänge erreichen und sollte sich Pelenurs Zustand nicht verschlechtern weitere drei Tage bis zum Henneth Annûn. Hoffentlich … wenn alles glatt lief …
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‚Natürlich läuft nicht alles glatt!', fluchte Harry in Gedanken anderthalb Tage später. Er, wie die anderen auch, war müde und erschöpft und jetzt bekam er es mit der Angst zu tun. Faith war ohne jede Vorwarnung kollabiert und konnte nicht ins Bewusstsein zurück gebracht werden. Die Ursache? Eine Schnittwunde am linken Unterarm. Wahrscheinlich hatte sie damit einen Schwerthieb abgewehrt und Harry im Nachhinein nicht informiert, weil es sich ihren Standards nach nur um einen Kratzer handelte.
Ihre Heilkräfte als Jägerin waren besser als jedes anderen Menschen, den er kannte und dass sie einfach so kollabierte jagte ihm eine Heidenangst ein. Gründlich untersuchte er die Wunde und sein ganzer Körper verspannte sich, als er sowohl die Entzündung als auch das Gift entdeckte. „Verdammt!", fluchte er erneut. Automatisch reinigte er die Wunde, selbst wenn es nur wenig, wenn überhaupt helfen würde … und er hatte nicht mal mehr etwas von dem Trank, den er Pelenur gegeben hatte! Verzweifelt wandte er sich an die beiden gesunden Mitglieder ihrer Gruppe. „Wer von euch beiden ist der schnellere Läufer?"
Armon meldete sich nach kurzem Zögern.
„Ich brauche meinen Kasten aus dem Lager, damit kann ich ihr hoffentlich helfen, aber es muss schnell gehen."
„Zwei Tage.", versprach Armon und stob davon.
Harry seufzte. Zwei Tage? Selbst für Pelenur war das kritisch, aber für Faith wäre diese Zeitspanne fatal. Sie würden sich so oder so weiter bewegen müssen, es gab keine andere Möglichkeit! Wenn er in Mittelerde nur apparieren oder Portschlüssel benutzen könnte! Aber nein, das war aufgrund der magischen Flüsse in dieser Dimension nicht möglich! Er hätte sich bei seinem ersten und letzten Versuch beinahe selbst umgebracht. Sie mussten zu Fuß gehen … und sich beeilen.
Als sie am Abend ihr Lager aufschlugen, hätte Harry am liebsten geschrieen vor Frustration. Trotz all seiner Versuche, ihr zu helfen, verschlechterte sich Faiths Zustand zusehends. Ihre Haut hatte bereits einen pastig-weißen Farbton angenommen und war klamm, während ihr Körper von Schüttelfrösten geplagt wurde. Nicht einmal seine Magie kam gegen das Gift an, es hatte sich bereits zu weit in ihrem Blutkreislauf verbreitet und begann nun das Herz anzugreifen. Bis in die Morgenstunden saß er neben ihr und versuchte ihr irgendwie zu helfen.
Er wusste keinen Ausweg mehr. Trotz allem was er gelernt hatte, konnte er ihr nicht helfen, musste zusehen wie seine Schwester starb, der einzige Mensch, den er in dieser Dimension wirklich kannte und mit ganzem Herzen liebte. Verzweifelt ihre Hand haltend versuchte er sie irgendwie zu erreichen. „Verflucht, Faith! Du dickköpfige, eigenwillige, störrische … Frau, du!", flüsterte er kaum hörbar. „Ich kann dich nicht verlieren. Ich brauche dich, du hältst mich bei Verstand … bringst mich zum Lachen und sagst mir, wenn ich mich mal wieder verrannt habe … ich erlaube es nicht! Verstehst du, ich erlaube es nicht. Eher würde ich selbst sterben …"
Benommen hielt er inne, als sich etwas in ihm regte. Eine Idee, eine Erinnerung, eine Eingebung? Er wusste es nicht genau, aber er folgte seinen Instinkten.
Mit einem Dolch ritzte er Kenaz in ihre Handfläche, um sie für neue Kraft und Energie zu öffnen, gefolgt von Gebo auf seiner eigenen, als Zeichen für sein Geschenk, sein Opfer. Die Hände fest zusammenpressend, so dass beide Runen übereinander lagen, intonierte er wieder und wieder, wie ein Mantra, eine Beschwörung: „Mein Blut zu deinem Blut zu unserem Blut. Meine Stärke zu deiner Stärke zu unserer Stärke. Mein Leben zu deinem Leben zu unserem Leben."
Kaum merklich begann seine Magie zu fließen, erst wie kleine Tröpfchen, dann ein Rinnsal, das stärker und stärker wurde, bis die Dämme brachen. Sein letzter Gedanke, bevor er in Bewusstlosigkeit versank war, die Hand seiner Schwester so fest wie nur möglich zu halten und zu hoffen, dass sie entweder beide starben oder beide lebten – vorzugsweise Letzteres. Doch allein würde er in Mittelerde nicht leben wollen, allein würde er nie wieder irgendwo leben wollen.
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Finduil schüttelte den jungen Heiler wach. Harry blinzelte verwirrt und fühlte sich seltsam matt. „Sie sieht besser aus.", meinte der Waldläufer.
Schlagartig wandte sich Harry seiner Schwester zu. Sie war noch immer bewusstlos, doch ein wenig Farbe war in ihr Gesicht zurückgekehrt und ihr Atem ging gleichmäßiger. Vorsichtig fühlte er ihre Stirn. Ihre Haut war wärmer, kein Schweiß mehr zu ertasten. „Oh, Schwesterherz, das war knapp.", flüsterte er leise.
Was immer er die vergangene Nacht getan hatte, Faith hatte davon profitiert. Neugierig inspizierte er ihrer beide Handflächen, kaum sichtbare Narben waren das einzige Zeichen, das zurück geblieben war.
Als wäre eine schwere Last von ihm gefallen, streckte Harry sich und ging seinen Aufgaben nach. Pelenur hatte die komplette Nacht voll Schlaf ebenfalls geholfen, zwar kündigte sich ein leichtes Fieber an, doch es würde ein Heilfieber sein, das Harry unter Kontrolle würde halten können. Erschöpft, doch zufrieden lächelte er dem alten Waldläufer zu. „Keine Lebensgefahr mehr. Es wird noch ein wenig rau, du wirst Fieber bekommen und dein Bein wird eine Weile ruhig gestellt werden müssen, aber du wirst es wieder vollständig nutzen können."
„Aye, das ist gut.", erwiderte Pelenur erfreut, legte ihm jedoch besorgt eine Hand auf die Schulter. „Deine Schwester?"
„Vergangene Nacht war schlimm, aber jetzt geht es besser. Ich hoffe, sie bekommt keinen Rückfall." Harry setzte sich ans Feuer und bereitete Tee zu. „Sobald Armon mit Hilfe und meinen Arzneien kommt, kann ich in Ruhe schlafen."
„Hmm.", bestätigte der Alte und ließ sich neben ihm nieder. „Es ist gut, dass du bei uns bist. Ich kenne keinen Heiler, der die Vergiftungen durch Orks behandeln kann."
Überrascht starrte Harry ihn an. „Das hat mir Turgon, mein Lehrherr gar nicht mitgeteilt!"
„Hat er nicht? Nun, dein Trank hat gewirkt. Die meisten Soldaten sterben durch die Pfeile und die Heiler können nur wenig tun, wenn wir sie nach Minas Tirith bringen." Pelenur schnupperte interessiert an seinem Tee. „Hätte nicht gedacht, dass diese Kräuter so gut wirken."
Dieses Mal lachte Harry leise. „Ich weiß, dass ihr Soldaten immer nur sagt, das wäre Grünzeug, von dem sich nur die Karnickel und Rehe ernähren."
„Aye, ich wurde eines Besseren belehrt."
„Es ist ein einfaches Konzept. Die Gifte der Orks stammen auch aus der Natur, von Schlangen, Spinnen und ähnlichem. Warum sollte die Natur also nicht auch die Gegenmittel bereitstellen?"
Verblüfft blinzelte der alte Waldläufer, ehe er laut loslachte. Es war so simpel, dass selbst ein Kind es verstand. „Das ist ein guter Kopf, der da auf deinen Schultern sitzt."
„Danke.", murmelte Harry errötend. Dann nahm er einen Becher mit Tee und flößte ihn Faith, ihre Kehle massierend, schluckweise ein. „Ich schwöre dir, wenn du wieder gesund bist, werden wir eine lange und ausgiebige Unterhaltung führen. Nein, eigentlich nicht einmal das. Ich werde reden und du wirst mir zuhören!", versprach er ihr ernsthaft.
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Wie versprochen kehrte Armon mit Harrys Arzneikasten nach zwei Tagen zurück. Mit ihm kam eine der anderen Truppen, die ihnen beim Abstieg halfen und sicher nach Henneth Annûn brachten.
Pelenurs Fieber stieg und sank im ständigen Kampf mit dem Gift für vier Tage, ehe es endgültig brach und er stand zum ersten Mal von allein auf, als Faith endlich ebenfalls erwachte. Harry strich ihr sanft die Haare aus der Stirn. „Hallo, Schlafmütze."
„Hi. Was …?"
„Gift."
„Oh."
„Du musst das hier trinken, okay?" Er half ihr, zwei Becher Tee nacheinander zu trinken, ehe sie sich zurücklehnte, die Augen schloss und wieder einschlief. Harry stellte den Becher beiseite, stand auf, ging zu seiner Bettstelle und fiel mit geschlossenen Augen in die Decken. Er war todmüde. Elf Stunden Schlaf auf neun Tage verteilt brachte wohl jeden an den Rand des Zusammenbruchs, doch er hatte sich geweigert, Faiths Seite zu verlassen, ehe nicht hundertprozentig sicher war, dass sie über dem Berg war und keinen Rückfall mehr erleiden würde.
Armon, Pelenur und Finduil schüttelten nur lächelnd den Kopf, als sie ihn zudeckten und anschließend die anderen Waldläufer mahnten, ihren Heiler schlafen zu lassen. Beflissen folgten diese der Aufforderung, denn die Geschichte des Kampfes mit zwei Dutzend Orks mitten in Mordor und der Heilung gleich zwei vergifteter Kämpfer hatte sich schnell herumgesprochen. Größtenteils wohl weil Armon und Finduil es einen Heidenspaß machte, es jedem, der fragte, abends am Lagerfeuer zu erzählen … mit ein paar kleinen Ausschmückungen.
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Faith empfand ihre Genesung als zutiefst frustrierend. Nicht nur verbot ihr Harry vehement eine gesamte Woche lang aufzustehen, außerdem durfte sie sich lediglich von Brot, Obst und seinen verdammten Kräutertees ernähren. Schmollend verschränkte sie die Arme vor ihrer Brust, als Harry schon wieder mit einem Becher des inzwischen verhassten Gebräus ankam. „Vergiss es!"
„Wie bitte?"
„Vergiss es! Ich trinke keinen Tropfen von diesem Gebräu mehr!", informierte sie ihn entschlossen.
„Gut, ich kann dir einen anderen machen und …"
„Nein!", unterbrach sie ihn. „Kein Tee mehr! Ich kann das Zeug nicht mehr sehen geschweige denn trinken."
„Ich könnte ein wenig Honig rein …"
„Nein! Nein, nein, nein! Kein Tropfen mehr! Ich habe genug und ich will endlich aufstehen und nicht nutzlos herumliegen. Das ist frustrierend und …" Sie hielt geschockt inne, als der Becher Tee gegen die gegenüberliegende Wand knallte. „Harry?"
„Du willst keinen Tee mehr? Bitte! Du willst aufstehen? Dann mach doch. Ich bin ja nur der zuständige Heiler, was weiß ich schon.", knurrte Harry erzürnt. „Aber wenn du das nächste Mal am Sterben bist, dann komm nicht zu mir, okay! Dann brauche ich wenigstens nicht daneben sitzen und mit zusehen müssen, wie meine Schwester, der einzige Mensch in ganz Mittelerde, den ich liebe, elendiglich stirbt!"
Damit stob er davon und ließ eine entsetzte Jägerin zurück. Sie hatte nicht gewusst, dass es so schlimm gewesen war … genauso wenig wie sie gewusst hatte, dass er sie so sehr … liebte. Oh Gott! Er musste geglaubt haben, er würde sie verlieren und wie dankte sie ihm? Entschlossen griff sie nach ihrem Umhang und kam mühsam auf die Beine. Wankend, sich an der Höhlenwand entlang hievend machte sei sich auf die Suche nach ihrem kleinen Bruder.
Sie fand ihn schließlich mithilfe Armons, der sie zum Fuße des Wasserfalls geleitete, wo Harry irgendwelche Pflanzen pflückte. Nickend schickte sie ihren Helfer davon und setzte sich schnaufend auf einen nahen Felsen. „Ich wusste nicht … dachte nicht …" Hilflos brach sie ab. „So schlimm, huh?"
„Ja."
„Es tut mir leid." Dieses simple Eingeständnis, das sie früher niemals über die Lippen gebracht hätte, fiel ihr in Harrys Gegenwart erstaunlich leicht und noch viel erstaunlicher war, dass sie es tatsächlich meinte.
Harry drehte sich zu ihr um und starrte sie lange an, mit diesem penetrierenden, enervierenden Blick, den er entwickelt hatte, seitdem er seine magischen Heilkräfte einsetzte. So als würde er in dich hineinschauen können und genau sehen, was in dir vorging. Entschlossen widerstand Faith dem Bedürfnis herumzuzappeln.
„Versprich mir etwas.", forderte er schließlich.
„Ja."
Das brachte eine amüsierte Augenbraue zum Vorschein – Mann, die waren auch immer besser geworden, seitdem sie sich kannten. Momentan war es die Ich-bin-amüsiert-aber-treib-es-nicht-zu-weit-Augenbraue. „Ich könnte alles Mögliche wollen."
„Und ich würde es dir versprechen und mich daran halten.", versicherte sie ihm ernsthaft. Dieses Mal lächelte er wirklich, sanft und Faith wusste, dass es richtig gewesen war, ihm zu folgen.
„Egal welche Verletzung, du kommst zu mir und lässt mich sie untersuchen. Sei es ein Kratzer, eine Beule oder ein verdammter Papierschnitt, okay? Ich weiß, dass deine Heilkräfte außergewöhnlich sind, aber du bist nicht gegen die Gefahren dieser Welt gewappnet." Faiths Augen weiteten sich. Warum hatte sie nicht selbst daran gedacht? Natürlich war die Jägerin resistent gegen die meisten Verletzungen und Vergiftungen auf der Erde, aber in Mittelerde hatte sie es mit ganz anderen Dingen zu tun. Ihr genetischer Vorteil schützte sie nicht, wenn das Gift nicht erkannt werden konnte.
„Versprochen.", gelobte sie ernsthaft, ehe sie zu quengeln begann. „Aber ein Papierschnitt? Das ist nicht dein Ernst!" Das resultierte in der Ich-bin-entschlossen-und-es-hat-keinen-Sinn-mit-mir-zu-diskutieren-Augenbraue. Sie gab sofort nach. „Okay, versprochen, auch wenn ich mir meinen kleinen Finger an einem Stück bösartigem und von Sauron besessenem Papier geschnitten habe."
„Dann ganz besonders.", nickte Harry ernsthaft, ehe sie beide in Gelächter ausbrachen. Er setzte sich schließlich neben sie, ergriff ihre Hand und sagte leise: „Ich dachte wirklich, dass du sterben wirst, dass ich dich verliere. Das war Angst einflössend. Es gibt keinen Fall, in dem ich es hier allein in Mittelerde ertragen könnte. So viele Jahre meines Lebens habe ich allein verbracht und dann hatte ich Ron und Hermine, die ich wie alle anderen ebenfalls verlor. Niemals hätte ich nach dem Tod der beiden geglaubt, dass es jemand geben könnte, der mir genauso viel, nein, sogar noch mehr bedeuten würde, als diese beiden. Du bist meine Schwester, du weißt alles von mir, sogar Dinge, die ich meinen besten Freunden nicht einmal anvertraut habe. Ich liebe dich, Schwester, also bitte, bitte, mach so etwas nicht noch einmal. Bitte?"
Faith war bewegt, zutiefst berührt. Nie, niemals hatte jemand ihr so etwas gesagt geschweige denn so etwas für sie empfunden, doch sie wusste, dass Harry es ernst meinte. Sie konnte es fühlen. Mit einem warmen Gefühl, für das sie eine Weile brauchte, um es als Liebe zu identifizieren, lehnte sie sich an ihn und ihren Kopf auf seine Schulter. „Versprochen, mein Bruder."
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Gut? Nicht gut?
Bin etwas unsicher ob der Kampfszenen …
