Barney war sich zwar nicht sicher, ob er den richtigen Weg einschlug, aber der immer zunehmende Gestank an toxischen Abfällen und die steigende Häufigkeit von mutierten Waldlebewesen am Straßenrand, würden ihn schon auf die richtige Fährte führen. Das Atomkraftwerk an sich war ja schließlich auch nur schwer zu übersehen, und bald hatte er es bis zum Parkplatz geschafft, wo der Wächter an der alles entscheidenden Schranke schon längst eingeschlafen war.

Trotzdem vorsichtig, ließ Barney selbst die Schranke hoch und fuhr vor.

"Die Schnapsdrossel singt!", rief er leise, als er an ein paar unauffälligen, traurig aussehenden, Holunderbüschen vorbeifuhr, "Die Schnapsdrossel singt!"

Beinah sofort stürmten drei, zumindest vom Alter her ausgewachsene Männer, aus dem Laub und direkt auf Vorder-, beziehungsweise Nebensitz des Autos.

Keine Sekunde später hatten Barney, Homer, Lenny und Carl das Atomkraftwerk weit hinter sich gelassen.

"Exakt zehn Minuten früher von der Arbeit geflohen - das ist neuer Rekord!", rief Lenny euphorisch von der Rückbank.

Homer nickte, "Jetzt geht es auf große Fahrt!"

"Ich kanns kaum erwarten!", stimmte Barney zu.

"Da ist es!", rief Carl und endlich parkten sie direkt hinter Moe's.

Voller Elan stiegen die vier Freunde aus, waren vielleicht zehn Schritte von ihrem Glück entfernt, als sie plötzlich innehielten.

Eine Stimme drang durch das Buntglas nach draußen und sie war ihnen als unangenehm und unheilvoll bekannt.

"Was macht denn der Blödmann hier?", murmelte Homer entsetzt.

"Den kennt ihr?", entfuhr es Barney verwundert.

"Den kennst du?", entgegnete Homer.

Schnell erzählte Barney von der letzten Nacht.

"Ha, ist denn das möglich!", lachte Carl, "Der Typ der jahrelang unser Boss war, wird unser verschüttetes Bier aufwischen!"

"Das will ich mir nicht entgehen lassen!", rief Homer mit neuem Enthusiasmus und ging voran, als alle vier schließlich die Bar betraten, nur um gerade an der Schwelle völlig zu erstarren.

Was sie sahen, ließ ihnen die Adern gefrieren und den Atem anhalten.

Smithers hatte nur Sekunden zu ihnen hinübergeschaut, bevor er sich über den Tresen gebeugt hatte, um Moe ihm gegenüber an den Schultern zu packen und leidenschaftlich zu küssen, als hätten sie beide Aphrodisiakum injiziert bekommen.

"Oh mein Gott"

Barney hatte schließlich ausgesprochen was jedem der vier Freunde auf der Zunge lag und sofort riss sich Moe los von Smithers, setzte ein falsches Grinsen auf und begann sofort zu erklären, "Oh, ihr seid hier, ich, also ihr müsst wissen, das ist nichts Ernstes, das müsst ihr mir glauben, ich-"

"Okaay ... Das ist gruselig", unterbrach Homer völlig perplex, während Lenny und Carl sich gegenseitig zweideutige Blicke zuwarfen und Barney ein Gleichnis der mentalen Verwüstung darstellte.

Inzwischen hatte Smithers sich vor Moe gedrängt, "Es ist sehr wohl ernst", insistierte er, "Moe und ich sind ein Paar"

"Oh mein Gott", wiederholte Barney und setzte sich auf einen der Barstühle. Er hatte die schwindelige Vorahnung bei der nächsten Enthüllung in Ohnmacht zu fallen.

"Und ich will, dass ihr jedem von euren Kollegen im Atomkraftwerk davon erzählt!", fuhr Smithers fort, während innerlich alles in ihm dagegen anschrie sich zu seiner Homosexualität zu bekennen. Aber er hatte einen Schritt an die Kante gewagt, jetzt musste er auch über den Abgrund springen, bevor der Boden auf dem er stand nicht doch noch wegbröckelte.

"Jedem?", wiederholte Homer inziwschen, als wäre es ein Fremdwort. Carl stellte die sinnvollere Frage, nämlich, "Warum?"

Moe hob an, aber mit einer Handbewegung hatte Smithers ihn zum Schweigen gebracht. Stattdessen wandte er selbst sich wieder an die vier Freunde, "Nur so. Ich dachte mir ihr tratscht gerne, und wollte nur sagen, dass ihr es erzählen könnt wem ihr wollt. Moe und ich stehen zu unseren Gefühlen"

Smithers drehte den Kopf leicht, um zu überprüfen wie der Barkeeper mit der Lage umging.

"Nicht wahr, Moe mein Mäuschen?", säuselte er mit seinem besten Grinsen und so unauffällig wie nur möglich, schob er dem Barkeeper hinter seinem Rücken die paar Dollar zu, die er noch in der Hosentasche hatte, und fixierte ihn dabei eindringlich.

Die Reaktion ließ zu Smithers großem Glück nicht lange auf sich warten.

Sofort packten Smithers die schwächlichen, dünnen Arme seines vermeintlichen Liebhabers und umschlangen ihn, mit einem allzu fröhlichen, "Es stimmt! Ich kann nicht genug von meinem Smitty kriegen!"

Es hatte den ganzen restlichen Abend gedauert, aber schließlich hatte Moe es dann doch mit Ach und Krach und tausend und abertausend Versprechen geschafft, seinen Schnapsdrosseln zweifellos zu versichern, dass aus "Moe's" nie wieder "Mo's" werden würde.

Die unruhige Stimmung ließ sich aber trotzdem nicht vertreiben, und als es schließlich wieder Zeit war für die Männer zu ihren besseren Hälften zurückzukehren, blieb mal wieder nur der Kerl zurück, der noch keine besaß.

"Barney, du hast schrecklich wenig geredet, heute", murmelte Moe und klang sogar ein wenig besorgt. Smithers hatte er in den Bierkeller zum Staubwischen geschick, damit Moe am Tresen sein übliches Abendessen, bestehend aus einem Fertiggericht aus der Dose, ungestört einnehmen konnte. Wie sich herausgestellt hatte, war es schwer für Smithers gewesen, sein gewohntes Arbeitspensum abzulegen, dass als "Sklave für alles" rundumfassend erklärt werden konnte. Der Angewohnheit seinem früheren Boss sogar beim Essen zu helfen, war Moe in dieser Hinsicht erfolgreich ausgewichen.

"Wieso so leise? Willst du nicht, dass er uns zuhört?", Barney war verwirrt und das seit der Sekunde in der er feststellen hatte müssen, dass er mal wieder zu spät gekommen war, schon wieder versagt, schon wieder den Kürzeren gezogen hatte. Er seufzte, "Moe, wieso liebst du diesen Kerl?"

"He was soll denn das bitteschön heißen?", entfuhr es Moe, und er wurde wieder leiser, "Du glaubst doch nicht wirklich, dass dieses Schauspiel Ernst ist?"

"Was?"

"Smithers bezahlt mich dafür. Alles was der will ist seinen Chef eifersüchtig machen!"

Barney schwieg für eine ziemlich lange Weile, in der er sich unheimlich dumm vorkam.

"Das heißt du bist noch frei?", sprudelte es aus ihm heraus, und brachte Moe damit dazu, sich an seinem Abendessen, und beinah auch der Gabel, zu verschlucken.

Nach einem lange andauernden Hustenanfall, der Barney nur noch mehr Schuldgefühle einbrockte, brachte Moe wieder Worte zusammen, die Sinn ergaben.

"Wa-has hast du gesagt?", fragte er krächzend.

Barney zögerte, aber er wusste, dass es jetzt kein Zurück mehr gab. Moe hatte ihm die Wahrheit über Smithers erzählt, jetzt musste er denselben Anstand aufbringen.

Barney seufzte. Warum war das so schwer?

"Moe", sagte er schließlich, "Ich bin beziehungstechnisch an dir interessiert"

Da. Klang viel besser als das blöde "Ich liebe dich". Zu blöd nur, dass Moe dafür die Aussage seines Ausweich- Satzes anscheinend nicht verstand.

"Jaja, das hat mir Homer auch gesagt, an dem Tag als er geglaubt hat, er würde in ein paar Stunden krepieren - das sagen sie alle, wenn sie zu viel getrunken haben" Moe senkte nachdenklich den Kopf. "Interessant. Die einzigen ehrlichen Liebeserklärungen werden mir immer im betrunkenen Zustand entgegengebracht"

"Aber ich bin nicht betrunken!", stieß Barney aus, "Ich liebe dich!"

"Ich weiß. Ich kann dich auch gut leiden. Und über deinen geistigen Zustand sagt meine Schuldenliste was anderes", lachte Moe, und es klang bitter.

Das ließ Barney aufhorchen, "Und wieso hast du diesen Job eigentlich angenommen? Ist das nicht unter deiner Würde?"

"Nein", entgegnete der Barkeeper, "Noch nicht ganz. Außerdem kann ich zwei Sachen aus diesem Deal schlagen - hingebungsvolle Zuneigung eines anderen humanoiden Lebewesens und Bargeld"

Barney gab es auf und Verzweiflung verstopfte seine Kehle. War für Moe einmal Geld im Spiel, war der Engel auf dessen rechter Schulter sofort erhängt. Jetzt konnte er nur noch hoffen, dass dieser Smithers sein Spiel möglichst schnell erledigte.


Lenny und Carl waren inzwischen schon längst auf dem Heimweg; zu Fuß, da Barney sie ja hergefahren hatte, und wie immer besprachen sie zusammen die Vorkommnisse des Tages.

"Dass sich der alte Waylon tatsächlich einmal outen würde ...!", sinnierte Lenny gerade, "Wenn man bedenkt, wie lange der schon hinter dem alten Burns herläuft- Naja, eigentlich logisch, wenn man wiederum bedenkt, dass er gefeuert wurde"

"Ja, eine echte Tragödie", unterbrach Carl sarkastisch und mit einem leichten Tritt flog eine Duffdose über den Bordstein, bevor sie über die Straße rollend zum Stillstand kam, "Können wir nicht über die neue Miss Springfield reden?"

"Natürlich", stimmte Lenny sofort zu in seiner ewigen Glückseligkeit, "Aber ist dir nicht auch aufgefallen, dass sich Barney seltsam benommen hat"

Carl sah vom Boden auf und direkt in Lennys weit geöffnete Augen. "Seltsam ...? Nein, ist mir nicht aufgefallen"

"Er hat den ganzen Abend nicht geredet, nicht einmal mit Homer", erklärte Lenny, und fügte milde gekränkt hinzu, "Sag mal, Carl ... Hörst du mir zu?"

Der andere Mann wirkte leicht verstört bei beiden Anmerkungen, und antwortete schließlich etwas müde, "Ich weiß nicht", korrigierte sich aber bei Lennys wachsend besorgten Gesichtsausdruck und erklärte, "Okay okay, ich weiß! Reden wir über das offensichtliche Thema, dass wir beide zu umgehen versuchen ...!"

"Gute Idee, Carl!", rief Lenny erleichtert, "Ich versteh nicht wie Moe-", er stockte und fand plötzlich nicht die richtigen Worte, "zusammen sein kann"

Carl nickte nur wissend, "Smithers haben wir doch noch nie mit anderen Männern gesehen als mit Burns - wie kommt es, dass er jetzt plötzlich umsattelt?"

"Naja - wie gesagt, er wurde gefeuert!", gab Lenny zu bedenken, "Wobei mir auffällt, dass wir nicht wissen warum. Weißt du es?"

"Nein", kam die knappe, beinah zu knappe Antwort, "Ich denke, Smithers hatte wahrscheinlich schon längst vorgehabt Burns die Wahrheit zu erzählen, und bevor er das tat, hat er sich clevererweise einen Plan B mit Moe geschaffen"

"Denkst du?", Lenny klang unsicher, "Smithers war manchmal ein Blödmann, zugegeben, zumindest laut Homer, aber ich glaube nicht, dass er Moe einfach nur aus ... also, dass er Moe, naja ... "

"Komm schon!", unterbrach Carl ungeduldig, wenn auch ein wenig mit Widerstreben, "Wir beide wissen, dass jede Beziehung, die Moe jemals eingegangen ist, auf Mitleid basiert war - Niemand würde ihn jemals aus einem anderen Grund nehmen, oder zumindest, aus einem anderen Grund aufmerksam auf ihn werden. Er kann doch nur von Glück reden. Smithers ist in dieselbe Falle getappt wie die Handvoll Weiber vor ihm und die beiden schienen glücklich zu sein"

Plötzlich leuchteten Lennys Augen wieder auf, "Ja, siehst du, das ist es worauf ich hinauswollte!"

"Auf was genau wolltest du hinaus, Lenny?"

"Naja, dass Barney jedenfalls nicht so glücklich darüber schien"

"Und worauf willst du damit hinaus?"

Lenny streifte die Hausmauern während er leicht zerstreut nach der richtigen Antwort darauf suchte.

"Ich glaube Barney hat aus einem bestimmten Grund in letzter Zeit wieder mehr getrunken", begann Lenny zögerlich, "Ich glaube er ist leicht anhänglich an Moe geworden"

Carl verstummte ebenfalls für eine Weile, bevor er schließlich seufzte.

"Das wäre natürlich blöd für Barney, aber ehrlich gesagt - ich glaube nicht, dass wir, nur weil sich Moe als schwul entpuppt hat, gleich voreilige Schlüsse ziehen müssen. Barney hat seine eigenen Gründe betrunken zu sein"

Dann geschah etwas Typisches für Carl. Er sah Lenny nicht mehr länger in die Augen, zog seine Jacke etwas fester zu und beschleunigte seine Schritte.

"Ich glaube ich mache Schluss für heute, bis morgen, Lenny", nuschelte er unverständlich und hastig, und verschwand schließlich um die nächste Häuserecke aus Lennys Blickfeld, bevor dieser sich auch nur verabschieden hätte können.

Eine Weile noch wanderte Lenny allein durch die Gassen und überlegte sogar, noch einmal bei Moe's vorbeizuschauen. Aber da würde er höchstwahrscheinlich nur auf Smithers und Moe und deren vollkommen perfekte Beziehung stoßen.

Und ihm wurde immer klarer, dass er gerade darauf gerade keine Lust hatte, und wohl nie Lust bekommen würde, würde er nicht endlich Smithers' Beispiel folgen und sich ein Rückgrat wachsen lassen.

Denn die Freundschaft zwischen ihm und Carl war ihm vielleicht sogar noch wichtiger, als die mögliche Romanze die sich in seinen Hoffnungen und Träumen dahinter verbergen könnten.