Ein eisiger Wind wehte ihr um die Nase, kroch unter ihren Umhang und ließ sie frösteln. Der Himmel war mit grauen Wolken verhangen und die Nebelschleier, die über den Wiesen und Feldern lagen und alles einhüllten, erweckten den ungemütlichen Eindruck eines verregneten Spätherbstes.

Doch bei genauerem Hinsehen konnte man an den kahlen Ästen der Bäume schon das erste zarte Grün entdecken und hier und da steckte ein Schneeglöckchen seinen Kopf neugierig aus der Erde. Es war Ende März doch die bei Mensch und Tier ersehnten sonnigen und wärmeren Tage ließen noch auf sich warten.

Sie stand am Rand eines Wäldchens, fernab der Menschen, die sich um das Grab versammelt hatten. Sie hatte lange überlegt ob sie heute hierher kommen sollte, doch irgendeine Macht hatte sie letztendlich doch dazu getrieben. Sie fühlte sich vollkommen fehl am Platz und hätte viel darum gegeben jetzt unter Harrys Tarnumhang verschwinden zu können, um vor den Augen der vielen fremden Menschen geschützt zu sein. Doch bisher hatte noch niemand von ihr Notiz genommen.

Deutlich konnte sie den blonden Schopf von Lucius Malfoy in der schwarzen Masse ausmachen. Er stand ganz vorn am Rand des Grabes, neben ihm sein Sohn. Es waren neben Shaklebolt, der in seiner Funktion als neuer Zaubereiminister gerade eine Rede hielt, die einzigen Zauberer die sie kannte. Satzfetzen drangen an ihr Ohr doch sie konnte die Ansprache nicht wirklich verstehen, die Entfernung war zu groß.

Die Beerdigung von Narzissa fand auf dem Anwesen der Malfoys statt und Hermine hatte keine Lust jemandem eine Begründung geben zu müssen, warum sie hier war. Sie hatte sich unerkannt unter die Menschen gemischt und war unbemerkt durch das große schmiedeeiserne Tor gekommen, von dem aus der Weg zum Haus der Malfoys führte.

Ihre Augen glitten über das stattliche, herrschaftliche Gemäuer und sie spürte wie ihr eine Gänsehaut den Rücken heraufkroch, und hatte das Gefühl als ob klamme Finger nach ihrem Herzen griffen. Zu intensiv waren die Erinnerungen an ihren letzten, und bisher einzigen, unfreiwilligen Aufenthalt hier.

Schnell wand sie den Blick wieder dem Grab zu und sah wie die Anwesenden gerade ihre Zauberstäbe zum Himmel erhoben und ein Salut abfeuerten. Dann trat ein großer Teil zurück und machte den engsten Familienangehörigen Platz, die den Sarg gemeinsam in die vorbereitete Grube schweben ließ. Neben Lucius stand eine hochgewachsene blonde Frau die Hermine sofort als seine Mutter identifizierte. Sie hatte dieselbe gerade Nase und die gleichen eisgrauen Augen. Der Mann an ihrer Seite musste dann wohl sein Vater sein. Er sah herrisch und griesgrämig aus, die schmalen Lippen zu einem Strich zusammengepresst, seine grauen Haare streng zurück gekämmt.

Als der Sarg in der Grube war, warf Lucius noch eine Rose hinab und legte seine Hand leicht auf die Schulter seines Sohnes. Beide verhielten einen Augenblick und wandten sich dann mit langsamen Schritten dem Haus zu. Die restlichen Anwesenden folgten der Reihe nach ihrem Beispiel, warfen ebenfalls eine Blume hinab, murmelten ein paar Worte, wischten sich Tränen weg oder blickten einfach nur stumm nach unten.

Eine kalte Windböe erfasste den Umhang der jungen Hexe, ließ ihn um ihren schlanken Körper flattern und zerrte an ihren Haaren. Irgendwo hörte sie die einsamen Rufe einer Krähe, der Nebel lag schwer auf der Landschaft und ihre Haare kräuselten sich in der feuchten Luft.

Hermine überkam urplötzlich eine Traurigkeit die ihr die Tränen in die Augen trieb. Trauer um die Frau die ihr doch so fremd gewesen war, Trauer um ihr Leben das so sinnlos verschwendet wurde. Zu dieser Trauer gesellte sich innerhalb von Sekunden die verdrängte Trauer um die unzähligen anderen Opfer des vergangenen Krieges, ein Krieg der niemandem etwas gebracht, sondern nur Kindern ihre Mütter und Väter weggenommen hatte. Die Trauer um die Sorglosigkeit und Unschuld ihrer Jugend, die sie verloren hatte und auch die Trauer darüber, dass es immer so weiter gehen würde solange es Menschen wie Lucius Malfoy gab, die nicht akzeptieren konnten, dass Muggel und muggelgeborene Zauberer die gleichen Rechte zum Leben hatten wie sie selbst.

Stumm liefen ihre Tränen hinab und sie umklammerte zitternd mit beiden Armen ihren Oberkörper. Mittlerweile waren auch die letzten Gäste im Haus verschwunden, vermutlich froh über die Wärme die dort auf sie wartete.

„Wer sind Sie und was tun Sie auf meinem Besitz?", knurrte eine vertraute Stimme hinter ihr und Hermine die einen erschrockenen Schrei gerade noch unterdrücken konnte spürte die Spitze eines Zauberstabes die sich in ihren Rücken bohrte.

„Mr. Malfoy?" fragte sie vor Kälte und Schreck zitternd.

„Miss Granger?" kam es sichtlich verblüfft von hinten.

In der nächsten Sekunde bohrte sich die Spitze des Stabes noch schmerzhafter in ihren Rücken.

„Was tun Sie hier?" Die Verblüffung war von einer Sekunde zur anderen vollständig aus seiner Stimme verschwunden und hatte einer wütenden Schärfe Platz gemacht.

„Ich wollte gern auf der Beerdigung dabei sein. Was denken Sie denn?" erwiderte sie bissig und schluckte an den Tränen, die immer noch unaufhörlich in ihre Augen stiegen.

„Was zum Teufel interessiert Sie die Beerdigung meiner Frau? Ich glaube nicht, dass sie sich sehr nahe gestanden haben – oder ist mir da etwas entgangen?"

„Muss man jemandem nahe stehen, um ihn zu betrauern?" schoss Hermine, die langsam wütend wurde, zurück.

„Sie sind nicht eingeladen!" Der Zauberstab drückte mittlerweile so fest gegen ihre Rippen das sie unwillkürlich einen Schritt nach vorn machte, und sich mit zornig funkelnden Augen zu dem blonden Aristokraten umdrehte.

„Nein das bin ich nicht. Ich habe mir trotzdem die Freiheit genommen hierher zu kommen und mich zu verabschieden. Was ist in Ihren Augen so verkehrt daran?" Sie konnte sehen wie sich Malfoys Kinn anspannte und seine Augen sich zu Schlitzen verengten.

„Gut. Da scheinbar selbst Sie auf diese einfache Frage keine Antwort wissen wäre das ja geklärt. Und jetzt möchte ich gehen."

Sie ignorierte den Mann der immer noch seinen Zauberstab auf sie gerichtet hielt und ging mit geradem Rücken, den Umhang fest um sich geschlungen an ihm vorbei. Mit zwei großen Schritten war er bei ihr, packte sie schmerzhaft am Oberarm und baute sich vor ihr auf.

„Sie haben nicht das Recht um meine Frau zu weinen." zischte er mit einem eisigen Blick in ihre Augen.

„Ich kann weinen um wen ich will Mr. Malfoy. Meine Tränen und der Grund dafür gehen Sie nicht das Geringste an. Und glauben Sie mir eines: Ihnen würde ich keine einzige Träne nachweinen."

Beide starrten sich in die Augen, beide bemüht diesen stummen Zwiekampf zu gewinnen. Der eiserne Griff um ihren Arm lockerte sich, und Hermine wand sich komplett aus der Umklammerung ohne den Blickkontakt zu lösen. Für eine weitere Sekunde sah sie ihm fest in die Augen. Dann wandte sie sich ab und schritt langsam den Weg zurück zum Tor.

„Ich will Sie hier nicht noch einmal sehen!"

Sie drehte sich nicht um, hob nur kurz ihre Hand.

„Keine Sorge. Das wird auch sicher nicht passieren!"

Dann verschwand sie durch das hohe eiserne Tor und ließ den blonden Aristokraten in Wind und Nebel stehen.