Noch immer mit einem bitteren Lächeln im Gesicht schob Justus das Buch ganz zur Seite und stand auf. Er ging zur Heizung, drehte diese stärker auf. Er wusste, er würde es gleich nicht mehr merken, wenn er langsam auskühlte, aber er wollte auf keinen Fall krank werden.
Wenn man krank im Bett lag hatte man viel zu viel Zeit zum Nachdenken. Und die anderen Leute stellten Fragen, wie man sich überhaupt so eine Erkältung zugezogen hatte. Das war nicht gut. Alle Fragen waren nicht gut.

Mechanisch ging Justus zum Bett zurück. Mit einem seufzen zog er sich seinen Pulli über den Kopf. Langsam sah er an sich herunter und musste schlucken.
Er war Fett.
Scheiße. Er wollte nicht Fett sein, er wollte schlank sein. Er war einfach nur hässlich und eklig. Am besten aß er gar nichts mehr, dann... STOP!
Fett war gut. Hässlich war gut. Niemand würde ihn so wollen. Keiner. Ja, das war gut. Auch wenn er sich selbst dafür verabscheute, egal. Es war immer noch besser, als die Alternative.

Langsam zog sich Justus nun komplett aus, lies deine Kleidung einfach neben sich auf den Boden fallen. War heute Abend eh egal. Scheiß egal. Würde sowieso keiner mehr sehen heute.
Als Justus ganz nackt war, setzte er sich auf den Fußboden neben sein Bett, lehnte sich an. Er brauchte den Halt für das, was nun kommen würde, kommen musste. Er streckte die Beine aus und sah an sich herunter. Gott, war er Fett. Eklig. Aber es war gut so. Es würde ihm nie mehr passieren, jetzt, wo er so fett war.

Justus war gerade erst vier oder fünf. Damals war er noch nicht fett, nur ein wenig pummelig. Aber nicht so schlimm. So sahen viele Kinder in dem Alter aus. Er war mit seiner Tante und mit seinem Onkel im Zoo.
Justus wusste noch genau, wie viel Spaß er dabei hatte, die Schimpansen zu beobachten. Damals jedenfalls noch. Heute konnte er die Tiere nicht mehr ausstehen, auch wenn er es nicht zugab. Wie er eben so vieles versteckte.
Es war gerade eine Showfütterung als es passiert war. Die Menschen drängelten sich dicht an den Zaun um möglichst viel zu sehen. Justus wurde dabei recht weit nach vorne durchgelassen, weil er noch so klein war. Seine Tante und sein Onkel waren irgendwo hinter ihm.
Justus hatte keine Ahnung, wo. Er wollte sich nicht umdrehen, dann könnte er ja etwas verpassen. Und sein Onkel war bestimmt ganz nah bei ihm.
Als er eine Hand auf seiner Schulter spürte, lächelte er. Das musste sein Onkel Titus sein. Doch sein Lächeln gefror, als die Hand immer tiefer rutschte und auf seinem Po zum liegen kam.
Justus war wie versteinert. Was...tat sein Onkel da? War das überhaupt sein Onkel? Obwohl... er musste es sein, wer würde ihn denn sonst anfassen? Aber durfte Onkel Titus das? Na ja... Er war ja schließlich erwachsen, und damit wusste er sicher, was er tat. Genau, dann musste das in Ordnung sein.
Aber... irgendwie war es ihm doch unangenehm. Am liebsten sollte Onkel Titus seine Hand da wegnehmen, auch wenn er das durfte. Genau, das würde er ihm sagen.
Doch noch ehe sich Justus umdrehen konnte, fing die Hand an, seinen Po zu massieren. Justus zuckte zusammen.
Das war ja noch merkwürdiger. Das... durfte Onkel Titus bestimmt nicht. Das wollte er nicht. Aber... oh Gott... irgendwie war es... schön. Es kribbelte. Aber warum? Nein, auch wenn es kribbelte war es zu merkwürdig; er wollte das nicht.
Dann war die Hand auch schon verschwunden.
Hastig drehte sich Justus um.
Es war nicht sein Onkel, der das gerade gewesen war. Da war sich Justus nun sicher. Der stand auf der anderen Seite von ihm und mit seinen Händen hielt er den Fotoapparat hoch erhoben. Und Fotografierte. Es musste dieser andere Mann sein, der ihn nun so merkwürdig angrinste. Erschrocken starrte er ihn an, aber bevor Justus einen Ton herausbringen konnte, hatte sich dieser Mann umgedreht und war in der Menge verschwunden.

Justus hatte seinen Mund wieder geschlossen und nichts gesagt. Was hätte er sagen sollen?
„Du, Onkel Titus, da hat mir ein Mann an den Po gefasst. Es war zwar komisch, aber irgendwie toll" ? Nein, das konnte er nicht. Weder sein Onkel noch seine Tante hatten etwas bemerkt. Und so schwieg er.

Bei dieser Erinnerung seufzte Justus auf. Jetzt wusste er natürlich, was damals passiert war. Er war Missbraucht worden, falls man es so nennen konnte. Auch wenn ja eigentlich nichts passiert war.
Und er hätte damals was sagen sollen. Gleich am Anfang, aber spätestens als er gemerkt hatte, das er es nicht wollte. Oder als er erkannt hatte, das es ein Fremder gewesen war, dem diese Berührung nun in keiner Weise erlaubt war.

Auch wenn es gekribbelt hatte.

Heute wusste er auch warum das so war.. Sein Hintern war nun mal etwas, wo er empfindlich reagierte. Da waren nun einmal massenweise Nervenenden, die Signale an sein Gehinr sendeten. Da musste es unweigerlich kribbeln, wenn er dort massiert wurde. Gerade, weil er in diesem Alter noch überhaupt nicht damit umgehen konnte, geschweige denn irgendetwas wirklich über Sex wusste.

Aber so sollte es nicht sein. Nicht so.

Das war alles nur eine automatische Reaktion seines Körpers gewesen, kein Vergleich zu den Gefühlen die er spürte, wenn er sich selbst dort berührte. Aber damals wusste er das nicht, konnte die Gefühle nicht einordnen und war von ihnen eingeschüchtert; hatte sich nicht getraut, etwas zu sagen.
Zynisch dachte er, ob es etwas geändert hätte, ob er dann jetzt ganz anders wäre. Ob ihm das später dann nicht noch mal passiert wäre. Ob er dann vielleicht nicht auch noch ein weiteres mal angefasst worden wäre. Wahrscheinlich nicht.
Ob ihm seine Tante und sein Onkel damals, beim ersten mal, geglaubt hätten? Keine Ahnung. Er befürchtete nicht. Denn sie hatten nichts gemerkt. Nicht als er kurz danach noch im Zoo in Tränen ausgebrochen war und nach Hause wollte. Nicht, als er sich danach einige Monate bei männlichem Besuch unter dem Tisch versteckt hatte. Nicht, als er sich nicht mehr richtig von ihnen berühren und umarmen lies. Nicht bei seinen Albträumen. Dabei wusste er bis auf den Zoobesuch all das nur aus ihren Erzählungen.

Es veranlasste Justus, erneut bitter zu lächeln. Schon komisch, wie sich kleine Kinder manchmal verhielten. Völlig unerklärlich. Natürlich.
Wer rechnete denn auch mit so etwas?
Eben. Niemand. Das passierte doch immer nur anderen, man selbst kannte selbstverständlich keinen solchen Fall. Und so hatte niemand damals etwas gesehen. Damals hätten sie ihm vielleicht helfen können. Irgendwie. Und jetzt war es zu spät. Jetzt konnte ihm keiner mehr dabei helfen.