Kapitel 4 – Lieutenant Anna Michaels
Und das war geschehen:
Im Morgengrauen war Frank Michaels, der Ehemann einer jungen Marinesoldatin, mit seinem Wagen einen Abhang hinuntergestürzt, wobei er schwer verletzt wurde. Der Ehefrau Mrs. Anna Michaels zufolge, hatte er regelmäßig Beruhigungsmittel eingenommen, so auch in dieser Nacht, kurz bevor er sich entschlossen hatte auf einen Drink auszugehen. Tests bestätigten, dass der Mann nicht nur Beruhigungsmittel genommen hatte, sondern auch schon ein oder zwei Drinks gehabt haben musste, bevor er das Haus verlassen hatte.
Als Gibbs und sein Team Mrs. Michaels über den Unfall informierten, war sie nicht sonderlich bestürzt. Sie schien nicht sonderlich betroffen, sah eher müde aus und wollte auch nicht ins Krankenhaus, um an der Seite ihres Mannes zu sein.
Gibbs hatte Abby dann unsanft geweckt, als der Wagen für den Abtransport ins Hauptquartier fertig gemacht wurde, wo Abby und McGee ihn schließlich untersuchten. Es stellte sich heraus, dass das Blut, welches sie bei der manipulierten Bremsleitung gefunden hatten, Lieutenant Anna Michaels´ Blut war.
Tony und McGee waren unterwegs, um diejenigen zu befragen, von denen Tony herausgefunden hatte, dass Mr. Michaels ihnen noch Geld schuldete. Sie sollten sich auch im Krankenhaus nach Mr. Michaels Zustand erkundigen und ihn wenn möglich, sollte er zwischenzeitlich das Bewusstsein wiedererlangt haben, auch befragen.
Damit blieben Ziva und Gibbs übrig, um Lieutenant Anna Michaels noch einmal zu vernehmen.
Als sie das Haus erreichten, hörten sie bereits den Lärm im Innern. Da sie nicht wussten, was da drinnen vor sich ging, betraten sie vorsichtig das Haus. Die Regale im Flur waren leer und alles lag am Boden verstreut. In der Nähe des Einganges standen zwei Koffer, was den Eindruck erweckte, dass Mrs. Michaels vorhatte, das Haus zu verlassen.
Gibbs und Ziva folgten dem Lärm, der offenbar aus dem Wohnzimmer kam. Es waren furchtbare Geräusche, hervorgerufen von Gegenständen, die umhergeschleudert wurden, und von zerbrechendem Glas. Und während dieser ganzen Zeit schrie eine Frau. Nein, sie schrie nicht, sie kreischte.
„Du verdammter Mistkerl! Warum lebst du immer noch? Hättest du nicht einfach tot sein können?" Ein ohrenbetäubendes Kreischen und der Lärm von zu Bruch gehenden Möbelstücken folgten.
Gibbs rief Lieutenant Michaels beim Namen und machte deutlich, dass er und Ziva nun das Wohnzimmer betreten würden. Er warf einen schnellen Blick um die Ecke ins Wohnzimmer und sah einen verwüsteten Raum und mittendrin eine randalierende Anna Michaels. Oh Mann, sein Bauchgefühl hatte ihn einmal mehr nicht betrogen. Irgendetwas stimmte hier nicht. Er bedeutete Ziva, einen Moment zu warten, bevor sie ihm folgen sollte.
Gibbs rief noch einmal Lieutenant Michaels Namen und trat in die Tür …
… und bereute sofort, den falschen Augenblick gewählt zu haben. Er war sich sicher, dass sie ihn gehört hatte, aber mit dieser Reaktion hatte er nicht gerechnet. Sie musste etwas recht schweres genommen und in seine Richtung geworfen haben. Es traf ihn nicht. Er kniff die Augen zusammen und drehte sein Gesicht weg, als etwas neben seinem Kopf explodierte. Er riss den rechten Arm in die Höhe und duckte sich infolge des Einschlages, wobei er einen Schritt zur Seite machte und, da er gerade vom Pech verfolgt schien, unglücklich über etwas stolperte und das Gleichgewicht verlor. Linke Körperhälfte voran fiel er und stürzte in eine Schrankwand.
All das geschah so schnell, dass, als Ziva ihn erreichte, es bereits zu spät gewesen war, ihn vor dem Sturz zu bewahren. Er stöhnte ob des pochenden Schmerzes in Kopf und Seite, aber er gab Ziva ein Zeichen, dass er okay war, sodass sie ihre Aufmerksamkeit nun der Person zuwandte, die dieses Chaos verursachte.
Während es Ziva gelang, Anna Michaels zu überwältigen, die jedoch weiterhin um sich schlug und sich wehrte, kam Gibbs wieder auf die Beine, leicht schwankend. Alles um ihn herum drehte sich. Ein schneidender Schmerz ließ ihn mit einer Hand seine Stirn berühren. Die Berührung ließ ihn scharf die Luft einziehen, und als er seine Finger betrachtete waren sie blutig und er konnte Glassplitter glitzern sehen. Offensichtlich hatte das Objekt, das ihn verfehlt hatte, als er den Raum betreten hatte, die Glas-Vitrine getroffen und zerbrochen, wobei Glasscherben in alle Richtungen geflogen waren. Eine größere Scherbe hatte ihn an der Stirn verletzt und später würde Ducky eine ganze Anzahl kleinerer Splitter aus der Wunde entfernen müssen, bevor er sie nähen konnte.
Sein Handy klingelte, und Tony informierte ihn, dass er und McGee im Krankenhaus waren, wo Mr. Michaels ein paar Minuten zuvor seinen massiven Verletzungen erlegen war.
Als Anna Michaels vom Tod ihres Gatten erfuhr, brach sie zusammen und gestand schließlich alles. Sie war erleichtert, endlich die Möglichkeit zu haben, jemandem von ihren Qualen zu berichten, die zu ihrer derzeitigen Situation geführt hatten.
Sie hatte versucht, ihren Mann zu töten, und als er bei dem Unfall nicht um Leben gekommen war, da hatte sie sich gefürchtet, ihn wiederzusehen, weil sie gewusst hatte, dass alles noch schlimmer werden würde. So hatte sie beschlossen, fortzulaufen und sich irgendwo vor ihm zu verstecken. Wenn sie auch nicht wusste wo, so wusste sie doch sicher, dass sie es tun musste. Mehr als ein Jahr lang hatte sie ihm bei vielen Gelegenheiten Beruhigungsmittel und Schlaftabletten gegeben, die ihr verschrieben worden waren, und letzte Nacht, während er sich geduscht hatte, hatte sie die Bremsleitung seines Wagens beschädigt. Nein, sie hatte den neuen Kratzer´ an ihrem Finger nicht bemerkt, da waren zu viele - von der Gartenarbeit am Vortag.
Sie war eine verzweifelte Frau. Ihr Mann war vor Jahren zum Alkoholiker geworden als er seinen Job verloren hatte. Er hatte sich nicht darum gekümmert, einen neuen zu finden, gewöhnte sich stattdessen daran, den ganzen Tag zu schlafen und nachts auszugehen oder an seinem Computer zu arbeiten´, wie er es nannte. Er hatte sie gedemütigt, sie übel beschimpft – nicht nur zu Hause, auch vor anderen, auch vor Freunden.
Er hatte sie wie eine Sklavin behandelt und war grob. Aber er hatte sie nie geschlagen. Zumindest nicht der eigentlichen Bedeutung des Wortes nach. Vielleicht, wenn er es getan hätte, vielleicht wäre sie in der Lage gewesen, einfach zu gehen. Vielleicht.
Er hatte sie zu den widerlichsten Dingen gezwungen, die man sich nur vorstellen konnte, und wenn sie sich geweigert hatte mitzumachen´, hatte er sie einfach vergewaltigt.
Warum also hatte sie ihn nicht einfach verlassen?
Sie wusste es nicht. Vielleicht war sie zu sehr eingeschüchtert von seinen Drohungen, sich umzubringen, sollte sie nicht tun, was er von ihr verlangte. Damit nicht genug, hatte er jedesmal betont, er würde sicherstellen, dass sie dann für seinen Selbstmord verantwortlich gemacht würde. Seine Art, Druck auf sie auszuüben, war innerhalb weniger Jahre zur Perfektion der Erpressung auf psychologischer Basis geworden.
Darüber hinaus war sie unfähig geworden zu handeln, weil sie nichts mehr für diesen einst so höflichen, netten und liebenden Mann … ja, es hatte Zeiten gegeben, da hatten sie sich wirklich geliebt und einander respektiert … sonst wären sie ja nicht irgendwann Mann und Frau geworden … und sie hatte nun seit mehr als einem Jahr darüber nachgedacht … sie hatte wirklich nichts anderes mehr für ihn übrig als Mitleid.
Und dieses Mitgefühl machte sie unfähig, im Sinne ihres eigenen Wohlergehens zu handeln.
An einem gewissen Punkt angelangt, hatte sie entschieden zu versuchen, seine wachsende aggressive Art zu besänftigen. Er hatte bei vielen Gelegenheiten über alle möglichen Wehwehchen geklagt, aber nie war er zu einem Arzt gegangen. So hatte sie ihren aufgesucht, ihm erzählt, sie sei unruhig und habe Probleme beim Einschlafen. Sie hatte tatsächlich Probleme beim Schlafen, jedoch lag das an ihrem Ehemann, der sie nicht ließ, wenn sie wollte oder es brauchte.
Daraufhin hatte sie ihrem Mann von dem Rezept erzählt, wobei sie sich schon im vorhinein seiner Reaktion bewusst gewesen war.
„Großartig", hatte er gemeint. „Ich werde diese Pillen auch nehmen. Dann reg ich mich wenigstens nicht mehr so auf, wenn du … ."
Sie hatte ihm nicht wirklich zugehört, was er sie diesmal glauben machen wollte. Es gab eine Menge Möglichkeiten unter denen sie wählen konnte.
Natürlich hatte sie Kollegen und Bekannte und einige von ihnen hatten vielleicht schon mitbekommen, dass irgendetwas nicht stimmte. Es war ihr jedoch nie in den Sinn gekommen, mit jemandem über ihre persönliche Misere zu sprechen. Und ihnen war es möglicherweise zu unangenehm, dieses Thema anzusprechen.
Sie hatte gebetet, hatte gebetet, dieses alles irgendwie durchstehen zu können, aber ihre Kräfte schwanden mit jedem weiteren Missbrauch und ihre Verzweiflung wuchs. So musste sie damit alleine fertig werden.
Sie war erschöpft, physisch und psychisch und sah eine verzweifelte Zukunft vor sich liegen. Jetzt hieß es entweder er oder sie. Die Entscheidung fiel nicht schwer. Sie wollte leben, wollte ein für alle mal diesen Bastard loswerden, der ihr Leben ruiniert hatte. Sie wollte ihr Leben zurück, ein bisschen wenigstens, koste es, was es wolle!
Fortsetzung folgt…
