Kontaminiertes Blut

Remus stand, an die Wand gedrückt auf dem Zuggang und belauschte die zwei Mädchen im Nachbarabteil. Er war nicht stolz darauf, zu lauschen. Aber einen Tag vor dem Vollmond waren alle seine Sinne auf das Äußerste geschärft.

Als er aus dem Abteil getreten war, um zur Toilette zu gehen, hatte er seinen Namen gehört. Die Stimme war aus dem Nachbarabteil gekommen. Und nun hörte er, als der berühmte 'Lauscher an der Wand', seine eigene Schande.

„... heute Morgen hat er mir dann erklärt, dass er mich mag, aber eben nicht so. Und das wir besser Freunde bleiben sollten. Schließlich waren wir beide ja auch ganz schön betrunken." Er konnte an Dorcas Stimme hören, wie verletzt sie war. Aber das benötigte er nicht, denn er ihr Gesichtsausdruck stand ihm noch lebhaft vor Augen.

Er verfluchte sich innerlich. Bisher war er immer sehr vorsichtig mit Mädchen gewesen. Eigentlich ging er ihnen aus dem Weg, sobald ihm eine gefiel oder wenn sich eines der Mädchen für ihn interessierte. Aber gestern hatte er alle Vorsichtsmaßnahmen fallen lassen. Das ganze Wochenende erschien ihm wie aus einer anderen Welt. Ein Paralleluniversum, in dem er sich wie ein normaler Junge benehmen konnte. In dem Lily sich entspannte, Sirius glücklich war.

„Dorcas, ich kann mir nicht vorstellen, dass er das ernst gemeint hat. Jeder kann sehen, wie gern er dich hat. Es ist so offensichtlich!" hörte er Lily ihre Freundin trösten.

Lily hatte recht. Er mochte Dorcas. Schon seit Jahren. Aber es war sein bitterer Ernst, wenn er nicht mit ihr zusammen sein wollte. Oder konnte. Er konnte sich nicht an jemanden binden.

„Lass' uns lieber über etwas Erfreulicheres sprechen! Zum Beispiel über dich und Jimmy!" Dorcas versuchte enthusiastisch zu klingen, aber es gelang ihr nicht ganz.

Remus drehte sich von der Wand weg. Er hatte schon James Geschichte gehört, nachdem die Mädchen das gemeinsame Abteil verlassen hatten, um den Speisewagen zu suchen. Offensichtlich war das nur eine Ausrede gewesen, um sich zu unterhalten.

Kurz überlegte Remus, zurück zu seinen Freunden zu gehen, aber er benötigte immer noch eine Toilette. Daher lief er an ihrem gemeinsamen Abteil vorbei in die entgegengesetzte Richtung der Mädchen. Er fand die Toilette schnell. Der Geruch drehte ihm fast den Magen um. Öffentliche Toiletten waren ihm fast so verhasst, wie die Todesser. Zumindest lenkte ihn der Gestank eine Weile von seinen Gedanken um Dorcas ab.

Den Rückweg legte er im Schneckentempo zurück. Das alles hatte schon auf der Hinfahrt begonnen. Sie hatten sich gut miteinander unterhalten. Es war einfach mit Dorcas zu sprechen. Dorcas war immer gut gelaunt und ausgeglichen. Ganz selten sah man sie einmal schlecht gelaunt.

Die Fahrt in dem überfüllten Auto war eine himmlische Folter für seine sensiblen Sinne gewesen. Die sexuelle Spannung zwischen James und Lily war schon im Zug fast greifbar gewesen. Es war lächerlich, wie Lily sich dagegen wehrte. Remus hatte versucht, so flach wie möglich zu atmen. Dabei war er froh gewesen, dass Sirius und Willow vorne im Auto saßen.

Und dann hatte ihn ein süßer Duft getroffen, der nichts mit James oder Lily zu tun hatte. Ein solch süßer Duft, dass er fast alles vergessen hatte. Drocas Lachen klang in seinen Ohren. Und dann hörte er ihren Puls. Schnell und erregend. Sehnsucht durchzog seinen ganzen Körper. Unauffällig drehte er seinen Kopf, sodass er den Geruch besser wahrnehmen konnte. So befand sich der pochende Puls an Dorcas Hals direkt vor seinen Augen. Er hatte sich noch nie etwas so sehr gewünscht, wie seine Nase an ihren Hals zu drücken und mit seiner Zunge ihre Haut zu schmecken.

In dem Augenblick, in dem er seinem Verlangen nachgeben wollte, hielt das Auto an und sie stiegen aus. Sein Intellekt war erleichtert, aber alles andere an ihm war durchzogen von einem unerträglichen Sehnen. Er erlaubte sich nicht, darüber nachzudenken. Danach war es mit seiner Selbstbeherrschung stetig bergab gegangen.

Remus stand wieder vor ihrem Zugabteil. Lily sah auf und sah ihn durch die Scheiben der Schiebetür an. Ihr Blick war eine Mischung aus Wut und Mitleid. Sie wusste, warum er Dorcas zurückgewiesen hatte. Im letzten Schuljahr hatte sie ihm auf den Kopf zugesagt, dass er ein Werwolf war. Aber es störte sie nicht. Sie behandelte ihn wie zuvor. Mit Respekt und Freundlichkeit.

Er straffte die Schultern und zog entschlossen die Abteiltür auf. Es war nicht mehr lange bis London und von da aus würden sie apparieren. Sirius warf ihm ein halbherziges Lächeln zu, blickte zu James und Lily, die aneinandergekuschelt miteinander tuschelten. Als sein Blick wieder den von Remus traf, verdrehte er die Augen. Remus zuckte mit den Achseln. Sie hatten immer gewusst, wenn Lily jemals James eine Chance geben würde, dann könnten sie James abschreiben. Er schloss die Tür hinter sich. Sofort überkam ihn die Klaustrophobie. Kleine, geschlossene Räume waren immer eine Herausforderung für ihn. Aber so kurz vor dem Vollmond kam jedes Geräusch, jeder Geruch einem Angriff gleich. Seufzend setzte er sich neben Sirius, gleich neben die Tür.

Dorcas Anwesenheit war ihm so bewusst, als würde sie wieder auf seinem Schoß sitzen. Ihr Geruch überlagerte alles andere, sogar den Cocktail aus Pheromonen von Lily und James.

Nur ganz am Rande seiner Wahrnehmungen konnte er die dunkle Traurigkeit spüren, die Sirius verströmte. Er sollte sich um seinen Freund kümmern. Aber im Moment benötigte er jede Energie, um nicht schreiend alles in seiner Nähe zu demolieren.

Es gab Zeiten, da dachte er, er hätte sich mit allem abgefunden. Er wusste, dass er dankbar sein sollte. Schließlich erhielt er trotz seines Zustands eine Schulausbildung. Das war in der heutigen Zeit alles andere als alltäglich. Wem machte er sich was vor? Das war noch nie alltäglich gewesen. Und auch jetzt würden sie ihn sofort auf die Straße setzen, wenn sein Zustand bekannt würde. Er war der Abschaum der magischen Gesellschaft. Über solche, wie ihn sprach man nicht einmal.

Heute war keiner der Tage, an denen er sich damit abgefunden hatte. Heute ertrug er die schreiende Ungerechtigkeit kaum. Er fühlte sich wie eine der Schneekugeln, die man durchgeschüttelt hatte, nur dass anstelle des Schnees Wut, Frustration und Aggression wild durcheinander wirbelten.

Remus lockerte seine verkrampften Schultern. Um sich zu entspannen, atmete er tief ein. Erst zu spät bemerkte er, wie wenig ihn das in dem kleinen stickigen Abteil entspannen würde.

Seufzend lehnte er sich mit geschlossenen Augen zurück und begann seine üblichen Konzentrationsübungen. Mit etwas Mühe suchte er nach seinem sicheren inneren Ort. Es war der Garten seines Elternhauses im Sommer. Die Blumen blühten und der Wind rauschte in den Bäumen. Der Ort war pure Ironie, schließlich hatte der Wolf ihn dort gebissen. Und trotzdem kam er immer wieder hierher zurück. Hier hatte er gespielt, während seine Mutter gegärtnert hatte. Sein Vater saß in einem Gartenstuhl und las die Zeitung oder ein Buch. Die Gespräche der zwei waren die Hintergrundmusik zu seinen Abenteuern der Kindheit gewesen.

Während Remus in Gedanken im Garten entlanglief, die Sonne auf seiner Haut spürte, entspannte er sich. Wie immer wandte er sich zu seinem Lieblingsplatz, der Schaukel unter dem alten Apfelbaum. Diese Schaukel gab es schon lange nicht mehr, aber in seinen Erinnerungen war sie immer noch da. Als er sie nun unter dem Baum schwingen sah, verkrampfte er sich. Er riss die Augen auf. Jetzt hatte sich Dorcas sogar in seine ureigensten Gedankengänge gedrängt.

Lily und James sahen ihn verwirrt an. Sirius lehnte sich zu ihm. Sein Blick war besorgt. „Was?" fragte Remus ihn leise. „Mann, du hast geknurrt, wie ein Bullterrier vor dem Angriff." Die Gefühle, die Remus wieder in den Griff bekommen hatte, kochten explosionsartig wieder in ihm hoch. „Ich bin kein verfluchter Köter!" zischte er Sirius an. Der lehnte sich wieder in seinen Sitz und sah Remus gekränkt an. „Habe ich nie behauptet!" brummte er beleidigt.

In Remus meldete sich eine kleine Stimme, die ihm sagte, dass er sich entschuldigen sollte. Aber seine Wut überdeckte alles andere. Heiß pulsierte sie durch seine Adern. Kurz entschlossen sprang er auf und schnappte sich seine Tasche aus dem Gepäcknetz. In der Tür erklärte er kurz: „Ich brauch frische Luft!" bevor er die Tür mit einem Knall schloss.

Er lief den Gang entlang bis zum nächsten Ausgang. Seine Haut kribbelte unangenehm von innen. Er fühlte sich eingesperrt und begann auf den paar Metern vor der Zugtür im Kreis zu laufen. Am liebsten hätte er sich die Haut vom Leib gerissen. Wieso er sich, so kurz vor dem Vollmond überhaupt zu einem Wochenendtrip hatte überreden lassen, konnte er sich jetzt nicht mehr erklären. Er verfluchte Sirius bestimmt zum hundertsten Mal, seitdem sie am Freitag losgefahren waren. Natürlich hatte er gedacht, er hätte alles im Griff. Er wollte doch nur die Dinge machen, die alle anderen in seinem Alter machten. Nicht immer der Außenseiter sein, immer den Spaß verpassen, weil er vernünftig war. Aber das war wieder einmal nach hinten losgegangen.

Vor dem Fenster flogen die ersten Ausläufer Londons vorbei. Gleich würde er aus dem Zug herauskommen und dann war er nur noch Minuten von den weiten Ländereien Hogwarts entfernt. Er würde endlich alleine sein und frische Luft atmen können.

„Remus?" Sirius trat mit seiner Tasche in der Hand zu ihm. Remus wollte mit seinem Freund reden. Er wollte nur raus. Sirius legte ihm die Hand auf den Arm. Ohne zu überlegen, schlug Remus die Hand weg und drückte mit der gleichen fließenden Bewegung seinen Unterarm gegen Sirius Hals. Durch die Enge des Raumes hatte Sirius keine Möglichkeit ihm auszuweichen und wurde gegen die Wand gedrängt.

Wütend starrten sich die zwei jungen Männer an. „Remus!" James tauchte nun auch neben ihnen auf. „Lass' Sirius los!" Er berührte keinen der beiden Streitenden, aber seine Haltung machte deutlich, dass er der Anführer ihrer kleinen Gruppe war.

„Ich kann das alleine regeln!" zischte Sirius, ohne Remus aus den Augen zu lassen. Remus antwortete mit einem Knurren. James hatte offensichtlich genug und riss nun doch Remus mit Gewalt von Sirius los. „Sirius, zieh Leine!" befahl James, ohne ihn eines Blickes zu würdigen, seine ganze Konzentration auf Remus gerichtet.

Sirius öffnete den Mund, schloss ihn aber wieder, als er James Gesichtsausdruck sah. Mit einem wütend Geräusch lief er zurück in Richtung Abteil.

Remus machte sich von James los. Verächtlich schnaubte er, als er Sirius nachsah.

James trat drohend vor ihn. „Du kriegst dich jetzt ganz schnell wieder ein! Und dann entschuldigst du dich bei Sirius!"

Remus sah ihn herausfordernd an. „Und wenn ich mich nicht einkriegen möchte?" Die Drohung war eindeutig. James schüttelte den Kopf. „In der Stimmung kann man nicht mit dir reden. Ich denke, es ist besser du apparierst alleine zurück!" damit drehte James sich um und folgte Sirius.

Einen Moment sah Remus ihm noch nach, dann trat er mit voller Wucht gegen die Zugwand. Zufrieden sah er, dass eine kleine Delle zu sehen war. Auch wenn sein Fuß begann, schmerzend zu pochen. In diesem Moment begannen die Bremsen, schrill zu schreien. Der Ton fräste sich in seine Ohren. Am liebsten hätte er sich die Ohren zugehalten. Durch das kleine Fenster in der Tür erkannte Remus die Gleise, die in den Bahnhof führten. Der Zug hatte das Gleis noch nicht ganz erreicht, da riss er bereits die Tür auf und sprang. Er landete auf den ersten Steinen des Bahnsteigs. Kurz blickte er das Gleis entlang, dann apparierte er zu einem Platz im Wald hinter der Heulenden Hütte.

Er ließ seine Tasche in einem Gebüsch nahe der Hütte, dann lief er in den Wald. Kaum hatte er die ersten Bäume hinter sich gelassen, begann er zu rennen. Irgendwo im Wald ließ er sich erschöpft auf den Boden fallen. Und dann kamen die Gedanken, vor denen er davongelaufen waren doch wieder. Sofort befand er sich mitten in den Geschehnissen des Wochenendes.

Er hatte, wie immer nicht viel getrunken. Dorcas war aufgekratzt gewesen und sie hatten viel gelacht. So gelöst war er selten. Das war dann auch der Grund gewesen, wieso er alles in den Wind geschrieben hatte, woran er sich so lange gehalten hatte.

Ihr Geruch hatte ihn durchströmt. Das war ein berauschenderes Gefühl, als der Alkohol. Und er hatte ihm eine Botschaft übermittelt, die er nicht ignorieren konnte. Beim Tanzen hatte sie sich an ihn geschmiegt. Ihre Lippen hatten verführerische geschimmert. Und er konnte sich nicht mehr erinnern, wieso er ihr widerstehen sollte.

Er hatte seinen Kopf zu ihr gebeugt und seine Lippen kurz auf ihre gepresst. Als er zurückweichen wollte, in einem letzten Akt der Vernunft, hatte ihre Hand an seinem Hinterkopf ihn wieder zu ihrem Mund gedrückt. Sein Verstand hatte sich in diesem Moment verabschiedet und er war in einem Meer von Sinneswahrnehmungen geschwommen, eine sinnlicher und verführerischer als die vorherige. Ihre Haut, ihr Geschmack, die Geräusche, die sie von sich gab, aber nichts war so eindrücklich, wie der Geruch. Ihre Haut war umgeben von winzigen, unsichtbaren Partikeln, die ihm sagten, dass sie seine Gefährtin war, dass sie ihn genauso wollte, wie er sie.

Sie hatten begonnen an Kleidung zu zerren, seine, ihre – egal, sie musste weg. Stolpernd waren sie in eines der Zimmer in der Hütte gelangt. Erst jetzt wunderte Remus sich darüber, dass sie niemanden in dem Zimmer aufschreckten. Er konnte sich dunkel an einige Pärchen im Wohnraum erinnern, die sich in den dunkleren Ecken vergnügten. Gott, die Party war eindeutig aus dem Ruder gelaufen, nicht nur für ihn. Aber das sollte nicht seine Sorge sein. Seine Sorge lag bei dem Mädchen, das mit ihm in das Zimmer getaumelt war.

Er hatte einen Fehler begangen. Genau genommen waren es mehr als ein Fehler. Stöhnend vergrub er das Gesicht in den Händen. Sie hatten nicht genug voneinander bekommen können. Zumindest war es ihm so vorgekommen. Vielleicht war es auch nur er, der nicht genug bekommen konnte.

Mit Gewalt riss er sich aus seinen Erinnerungen. Das Problem war nicht die Nacht. Nein, das Problem war der berühmte 'Morgen danach'. Sein moralischer Kater war schlimmer, wie jeder alkoholindizierte Kater, es hätte sein können. Er war schlichtweg in Panik geraten. Seine Verfassung ließ es nicht zu, dass er sich an jemanden band. Ein Werwolf hatte nichts zu bieten in einer Gesellschaft, die ihn im besten Fall als Abfall ansah, im schlimmsten Fall als tollwütige Bestie, die man beseitigen musste.

Der Geruch eines Eichhörnchens zog in seine Nase und seine Gedanken verschwammen. Remus schüttelte den Kopf, um ihn wieder freizubekommen. Der Mond würde in einigen Stunden aufgehen. Er rappelte sich auf und lief zügig zum Waldrand. Dort blieb er zögernd stehen. Lichter waren im Schloss zu erkennen, Gestalten liefen zum Haupteingang, bald würde es Essen geben. Er war sich sicher, dass seine Freunde sein Verschwinden gegenüber den Lehrern gedeckt hatten.

Gesellschaft war nun das Letzte, wozu er Lust verspürte. Ob er einen Tag mehr fehlte, als gewöhnlich würde keinen Unterschied machen. Entschlossen drehte er sich wieder um und lief zur Heulenden Hütte zurück. Er holte seine Tasche in dem Gebüsch und betrat die Hütte durch eines der Fenster.

Die Hütte weckte immer geteilte Gefühle in ihm. Zum einen war sie ein deutliches Zeichen für sein Anderssein, zum anderen war sie aber auch ein Symbol, welche Mühe sich Dumbledore machte, damit er die Schule besuchen konnte. Seit seine Freunde hinter sein Geheimnis gekommen waren, war er nicht mehr so alleine und sie hatten hier nicht nur die Vollmondnächte gemeinsam verbracht.

Nach einigem Suchen fand er einen Schokoriegel in der Tasche. Dann warf er sich auf eine alte Matratze in einer Ecke. Dabei fiel sein Blick auf die Kiste in der Ecke, in der er Bücher und Kerzen verstaut hatte. Remus verbrachte hier auch die Wartezeit, bis der Mond aufging. Seufzend stand er wieder auf, suchte sich ein Buch aus und warf sich dann wieder auf die Matratze. Erst gegen Morgengrauen fiel er in einen tiefen, erschöpften Schlaf.

„Remus!" Eine Hand schüttelte ihn unsanft. Müde öffnete er die Augen und knurrte. Sirius Gesicht schwebte über ihm. „Der Mond geht in einer halben Stunde auf!"

Remus Blick wanderte zum Fenster. Die Dämmerung brach gerade ein. Offensichtlich hatte er den ganzen Tag verschlafen. Und fast hätte er den Mondaufgang auch verschlafen. Kurz fragte er sich, was dann wohl passiert wäre.

Schweigend folgte Remus Sirius in den Hauptraum der Hütte, in dem man überall die Spuren seiner Werwolfnächte erkennen konnte. Dort warteten bereits James und Peter auf sie.

Remus war immer dankbar seine Freunde zu haben, aber das sie heute hier waren, obwohl er mit Sirius gestritten hatte und James sicher lieber bei Lily geblieben wäre, das erfüllte ihn mit einem unbeschreiblichen Gefühl. Sie würden alle füreinander durch die Hölle gehen, im Zweifelsfalle, nachdem sie sich gestritten hatten. Solche Freunde hatte er nicht verdient!

„Ich glaube, ich bleibe heute lieber drinnen!" erklärte er daher leise. Remus konnte die Blicke von allen auf sich spüren, als Peter antwortete. „Wir haben darüber auf dem Weg gesprochen. Wir glauben, es wäre besser, wenn du dich austoben kannst. Hier drinnen ..." er zuckte hilflos mit den Achseln. Hier drinnen, das musste er nicht erklären, würde Remus sich viel mehr verletzen, als im Wald. Remus unterdrückte die Wut. Wer war Peter ihn zu bevormunden? Aber das war nur der Wolf, der aus ihm sprach. Er wusste, dass sie es nur gut meinten. Langsam nickte er.

Durch die Hintertür, die von außen nicht zu sehen war, verließen die vier Freunde das Haus und trabten in den Wald. Kaum hatten sie die ersten Baumreihen hinter sich gelassen, spürte Remus das Ziehen in den Knochen, das die Verwandlung ankündigte. Keine vier Schritte weiter brach der Schmerz über ihn herein.

Egal, wie oft er die Wandlung schon durchlitten hatte, sie wurde nicht einfacher, nicht weniger schmerzhaft. Er konnte es sich auch nicht vorstellen, wie das gehen sollte. Knochen, die brachen, um sich zu dehnen oder zu schrumpfen, Muskeln, die rissen, um in eine neue Form gepresst zu werden, mussten unendliche Schmerzen verursachen.

Sein Gehirn brauchte immer am längsten, um sich an die neue Form zu gewöhnen, was bedeutete, dass er alle Veränderungen bewusst wahrnahm.

Minuten der Agonie verstrichen, die sich wie Jahre anfühlten. Zeit und Raum verloren ihre Bedeutung. Zogen sich zusammen, um dann in ein Universum der Unendlichkeit zu explodieren.

Dann war es von einer Sekunde zu anderen vorbei. Triumphierendes Geheul schallte durch den Wald.

Neben dem Wolf standen ein Hirsch und ein Wolfshund. Eine Ratte kletterte auf den Rücken des Hundes, dann setze sich das ungewöhnliche Rudel in Bewegung. Die Jagd hatte begonnen.

ooo

„Dorcas? Hast du mal einen Moment?" Er konnte Dorcas Gesichtsausdruck nicht lesen. Aber er konnte ihren erhöhten Herzschlag hören. Sie musterte ihn kurz. Remus wusste, dass er nach dem Vollmond immer miserabel aussah. Aber das konnte er jetzt nicht ändern.

„Wo warst du die letzten zwei Tage? Die Jungs haben gemeint, dir ging es nicht gut." Remus nickte. Es war nicht mal gelogen. „So was in der Art." Dorcas musterte ihn noch einen Moment kritisch, dann sah sie betont gelangweilt zu den eingetopften Pflanzen. „Du wolltest mit mir sprechen?"

Remus begann mit den Fingern über die Kerben in dem Tisch zu fahren, an dem er stand. Er spürte, wie sein ganzes Gesicht glühte. Alles in ihm schrie, er solle den Mund halten. Noch nie hatte er jemandem sein Geheimnis verraten. Alle, die es wussten, hatten es selbst herausgefunden oder hatten es von anderen erfahren.

„Weißt du, ich habe noch mehr zu tun, als mir die Beine in den Bauch zu stehen und darauf zu warten, dass du etwas sagst!" Dorcas nahm ihre Tasche und schlang sich den Riemen um ihre Schulter.

„Nein! Warte! Ich … ich fang' schon an. Aber das ist nicht einfach für mich!"

Dorcas ließ die Tasche wieder auf den Boden gleiten. Remus holte tief Luft. Es würde nicht leichter werden, wenn er länger wartete.

„Ich … ich bin ein Werwolf." Brachte er dann mühselig hervor. Dorcas sah ihn ausdruckslos an. „Was?" Damit hatte er nicht gerechnet. Er hatte gedacht, sie würde irgendwie sofort reagieren, aber dass er es noch erklären müsste, das hatte er nicht erwartet.

„Ich bin im Alter von 6 Jahren von einem Werwolf gebissen worden. Es war in unserem Garten. An dem Tag ging der Mond auf, als es noch hell war. Es ging alles so schnell, dass ich nicht mal richtig Angst haben konnte. Seitdem bin ich …" Der Satz blieb ihm im Halse stecken. Dorcas war weiß wie die Wand. Ihre Augen waren schreckgeweitet. „Du meinst das ernst, oder?"

Remus lachte trocken. „Das ist mit Sicherheit nichts, über das ich Scherze mache!"

Stille breitete sich aus. Remus beobachtete mit einem unguten Gefühl, wie Dorcas die Neuigkeit verarbeitete. Unbewusst trat sie einen Schritt von ihm weg. Zumindest hoffte er, dass es unbewusst war.

„Du … wir …" Ihr Gesicht nahm wieder Farbe an. Aber es überschritt ihren normalen Hautton und endete bei Tiefrot. „Ist es … ? Wie kann man sich …?"

Schlagartig wurde Remus klar, was sie fragen wollte. Kälte kroch seine Wirbelsäule hinauf. „Du kannst nur verwandelt werden, wenn ein Werwolf dich in transformierter Form beißt." Erklärte er ruhig. Er wollte nicht wütend werden. Das war eine normale Frage in ihrer Situation. Das hatte nichts damit zu tun, dass sie ihn ablehnte.

Sie sah ihn unsicher an. „Bist du dir sicher? Ich meine …" Ihre Augen weiteten sich wieder.

Remus merkte, dass er mit den Zähnen knirschte. Er holte mehrmals tief Luft, um sich zu entspannen. „Hör zu, Dorcas. Ich bin sicher nicht der erste Werwolf, der Sex hatte und ich habe noch nie von diesem Übertragungsweg gehört." Seine Stimme klang weniger ruhig, als zuvor. Er versuchte es mit innerlichem Zählen.

Dorcas nickte langsam. Dabei trat sie einen weiteren Schritt zurück. Gedankenverloren sah sie auf den Tisch zwischen ihnen.

„Du brauchst keine Angst vor mir zu haben!" Dorcas sah zu ihm auf. Sie hatte Tränen in den Augen. „Ich weiß, aber …"

Remus kannte das. Das ‚aber' bedeutete immer, dass heute das letzte Mal war, an dem man normal mit ihm sprach. Remus verlagerte seine eigene Büchertasche auf seiner Schulter. „Ich dachte, du solltest es wissen. Wieso ich nicht mit dir zusammen sein kann. Und jetzt willst du das auch nicht mehr!" Mit diesen Worten drehte er sich um und verließ das Gewächshaus. Er wusste, dass sie ihn nicht zurückhalten würde, aber er hoffte es trotzdem. Irgendwo auf dem Weg zwischen Gewächshaus Nummer 5 und der Eingangshalle brach sein Herz zum tausendsten Mal. Aber es brach zum ersten Mal wegen eines Mädchens.

Schnurstracks lief er zu seinem Schlafsaal und warf sich auf sein Bett. Die anderen würden jetzt zum Abendessen gehen. Erst viel später würden sie merken, dass er nicht dabei war.

Aber Remus hatte Sirius unterschätzt. Kaum hatte Remus sich in seine Gedanken vergraben, öffnete sich die Tür und Sirius trat ein. Er warf nur einen Blick auf seinen Freund. „Du hast es ihr gesagt?"

Remus zuckte nichtssagend mit den Schultern. „Sie hatte eine kleine Panikattacke, dass man sich über andere Körperflüssigkeiten, als Speichel mit Werwolf ‚anstecken' könnte."

Sirius grinste verschlagen. "Tja, man sollte halt nicht mit dem Erstbesten in die Kiste springen. Hoffentlich hat Rotkäppchen ihre Lektion gelernt!"

Remus sah ihn wütend an. Sirius hob nur die Arme. „Was?" er ließ sich auf Remus Bettende fallen.

Einen Moment saßen sie schweigend. „Lass' ihr ein bisschen Zeit." Remus starrte weiter an die Decke. „Glaube nicht, dass das was bringt."

Sirius kickte gegen ein Hemd auf dem Boden. „Blöde Kuh!" Remus sah zu Sirius, der vor sich hinbrütete. „Ist nicht der erste Mensch, der so reagiert." Sirius spielte mit einem Faden an der Bettdecke. „Trotzdem! Sie müsste es besser wissen!"

Einen Moment hingen sie wieder ihren Gedanken hinterher. „Ich dachte, sie ist anders." sagte Remus dann, so leise, dass man ihn fast nicht hörte. Schweigen von Sirius war die Antwort. Wahrscheinlich war Remus der Einzige, der dachte, dass Dorcas es in sich gehabt hätte. Verbissen versuchte er, sich aus seinen düsteren Gedanken zu befreien.

„Was machst du eigentlich hier? Solltest du nicht beim Essen sein?" Sirius zuckte mit den Achseln, ohne ihn anzusehen.

Remus sah ihn sich genauer an. Es war eigentlich nicht Sirius Art vor sich hinzubrüten. „Hast du Regulus gesehen?" In eine solche Stimmung brachte ihn normalerweise nur seine Familie. Sirius zuckte mit den Achseln, gab aber keine weiteren Erklärungen. Eine Weile hingen beide ihren eigenen Gedanken nach.

Dann sah Sirius auf und lächelte ihn verlegen an. „Eigentlich wollte ich dir Gesellschaft leisten und dich aufmuntern. Tut mir leid!"

Remus schwang seine Beine über den Bettrand. „Ich muss sowieso noch mal raus. Ich halte das im Moment hier drin nicht aus," Sirius sah ihn fragend an." Soll ich …?"Remus schüttelte den Kopf. „Nein, bleib mal hier."

Remus schnappte sich seinen Mantel und durchquerte den Raum, während Sirius in seiner Truhe kramte. Der Gemeinschaftsraum war leer, da alle noch beim Essen waren. Aber als Remus gerade um eine Ecke biegen wollte, hörte er Stimmen. Abrupt blieb er stehen, als er Dorcas erkannte.

„Du hast es gewusst? Du hast es gewusst und es mir nicht gesagt?" Ihre Stimme klang fast hysterisch. „Ich konnte es dir nicht sagen!" Lily klang ruhig.

„Du wusstest, was ich für ihn empfinde und du dachtest, es wäre nicht nötig, mich zu warnen?"

„Vor was hätte ich dich warnen sollen? Vor einem netten Jungen?" Lilys Stimme wurde lauter.

„Ein netter Junge? Bei Merlin! Das ist ein Witz für dich, oder? Ich wollte eine Zukunft mit ihm. Aber er hat keine Zukunft! Weißt du, was aus ihm wird? Er wird nach und nach zum Tier. In fünf oder sechs Jahren werden wir ihn nicht mehr erkennen und er frühstückt Babys! Das Böse ist unaufhaltsam in ihm!"

Remus hatte das Gefühl jemand würde ein Messer in seinem Herz herumdrehen, immer und immer wieder. Sie hielt ihn für zersetzt mit dem ewigen Bösen. Aber so war es nicht. So war es doch nicht?

„Das ist doch vollkommener Blödsinn! Remus wird auch noch in zwanzig Jahren der sein, der er jetzt ist. Nett, ruhig und einmal im Monat verwandelt er sich. Mehr ist das nicht!" Remus war Lily dankbar für ihren festen Glauben in ihn.

„Du hast keine Ahnung von so was. Du bist muggelgeboren, du kannst das nicht wissen. Aber es gibt viele seinesgleichen und sie leben wie die Tiere. Sie haben nichts Menschliches mehr. Du hast immer nur die schöne Seite unserer Welt kennengelernt."

„Nur die schöne Seite eurer Welt? So ist das also? Ich bin nur die dumme Muggelgeborene? Ich kann nicht glauben, dass du jahrelang meine beste Freundin warst. Ich habe dir alles anvertraut, aber ich bin ja nur die dumme Muggelgeborene! Weißt du, warum ‚seinesgleichen' wie Tiere leben? Weil eure schöne Welt sie dazu macht. Ihr diskriminiert alles und jeden, wie es euch passt, nur um die Macht der Reinblütigen und der mächtigen noch zu stärken. Ihr seit alle verlogen! Und du am allermeisten! Du lügst dich selbst an und findest dich, ach so offen und liberal, weil du mit mir befreundet bist. Aber Remus ist nur Abschaum für dich. Aber er ist ein viel edler Mensch als du. Er trägt seine Last mit Würde, du bist dagegen nur eine Schande für Gryffindor!"

Remus hörte die Schritte auf sich zukommen, aber es war zu spät zu reagieren. Lily trat um die Ecke und blieb erschrocken vor ihm stehen. Einen Moment sahen sie sich nur stumm an. Dann trat ein bitteres Lächeln auf Lilys Gesicht. „Du hast was Besseres verdient!" Sie nickte ihm noch einmal zu, dann schritt sie an ihm vorbei.

Remus stand alleine auf dem Gang. Er hörte Dorcas auf der anderen Seite der Ecke aufschluchzen und dann entfernten sich ihre Schritte von ihm. Erleichtert, dass er ihr jetzt nicht gegenübertreten musste, eilte Remus die Treppen hinunter über die Wiesen bis hinein in den Wald.

Tut mir leid, dass das Update so ewig gedauert hat. Aber im Moment ist mein wahres Leben etwas hektisch. Ich arbeite an so vielen Baustellen gleichzeitig, dass es nicht mehr lustig ist. Wenn ihr den aktuellen Stand zu meinen Originalgeschichten wissen wollt, dann schaut auf meinem Blog Pinguin3 dot wordpress dot com vorbei. Im Laufe der Woche sollte auch meine Autoren-Homepage mit einem Download fertig werden. Das kündige ich dann über meinen Blog an. Das nächste Kapitel zu ‚Blut' (Sirius) kann aber Mal wieder dauern.

Man liest sich,

Pinguin3