Kapitel 3
Es war Mittag und Harrys Magen begann zu knurren, sodass er und Petunia auf ihren Baum zurückkehrten und ein wenig gebratenes Hasenfleisch aßen.
Eigentlich mochte Harry plüschige kleine Tiere, aber in dieser Situation war es nicht angebracht, deswegen nichts zu jagen. Ergo bedeutete das nämlich, zu verhungern.
Gerade als beide fertig gegessen hatten und das restliche Fleisch bis zum Abend in die Kühlbox legten, kroch eine große Boa den Baum hinauf.
Harry erkannte sie als die Boa wieder, mit der er am frühen Morgen ein kleines Gespräch geführt hatte. Die Boa schien ihn sehr zu mögen, das war ihm gleich aufgefallen.
Nun fragte sie in ihrer zischelnden Sprache:„Hallo Harry, macht es dir etwas aus, wenn ich von nun an bei euch wohne? „ „Nein, ganz und gar nicht. Schön, dass du dich noch an meinen Namen erinnerst. Du bist… Helena, richtig?", antwortete Harry. Helena nickte und rollte sich dann neben Harry zusammen. An Petunia gewandt erklärte Harry: „ Das ist die Schlange, mit der ich mich heute Morgen unterhalten habe. Sie heißt Helena und wird ab jetzt bei uns wohnen. Ich hoffe, das geht für dich in Ordnung." Petunia war noch ein wenig skeptisch, aber da Harry mit der Schlange kommunizieren konnte, würde er Helena vermutlich auch davon abhalten können, sie zu verschlingen. Hoffentlich.

Den Rest des Tages ruhten sich Harry und Petunia auf dem Baum aus, den sie mittlerweile ‚zuhause' nannten. Das war er ja sozusagen für sie beide geworden. Seltsam, wie schnell ein Mensch sich an solch abstruse Situationen anpassen konnte, nicht wahr?

Als es Abend wurde nahm Harry die erste Wache ein. Während er nach eventueller Gefahr Ausschau hielt unterhielt er sich leise mit Helena.
Die Schlange wusste viel über die Insel.
Die Männer, die die Schiffsgäste getötet hatten waren schon seit einigen Jahren hier, einige davon waren auch - magisch und größtenteils unfähig, was das Jagen anging. Jedoch hatten sie seit einiger Zeit eine neue Methode der Essensbeschaffung. Sie waren zu Kannibalen geworden, töteten jeden, der so unglücklich war, auf dieser Insel zu stranden.
Das Harry und Petunia noch nicht entdeckt wurden, war wohl einfach nur pures Glück. Helena war früher das Haustier eines Zauberers gewesen und bei einem Schiffsunglück hier gelandet.
Ihr Besitzer war den Mördern entgangen, aber nach wenigen Tagen auf der Insel plötzlich verschwunden. Er war wohl entweder doch noch erwischt worden oder einem wilden Tier zum Opfer gefallen.
Die Schlange hatte von ihrem Besitzer einiges über die magische Welt erfahren. Sie wusste von Magie und Zaubersprüchen weit mehr als Harry es erwartet hätte. Außerdem erzählte sie ihm, warum er seine Blitznarbe hatte. Als sie hier gelandet war, war Harry erst sechs Jahre alt gewesen. Helenas Besitzer hatte in England gewohnt und deshalb unweigerlich von Harry Potters Schicksal erfahren.
Harry wollte ihr diese Geschichte, dass ein böser Zauberer seine Eltern getötet hätte, nicht so Recht glauben, aber das war eine mögliche Erklärung für die Narbe. außerdem hatte Petunia etwas ähnliches erzählt. Und als Helena ihm erzählte, dass der Todesfluch hellgrünes Licht verbreitete wurde ihm auch klar, warum es sich an dieses viele grün erinnerte. Die Geschichte war wahr, er war ein Held in der Zauberwelt Großbritanniens, vielleicht sogar der ganzen Welt. Und er hatte nie etwas davon gewusst!
Doch Helena meinte, dass das vielleicht auch besser wäre, denn dann wäre er heute vielleicht total eingebildet und arrogant und ihr gefiel seine Bodenständigkeit und Bescheidenheit sehr gut.
Bis es Zeit für die Wachablösung war unterhielten sich Harry und Helena noch. Sie versprach, ihm bei seinen Magieübungen zu helfen und einen Weg zu finden, von der Insel wegzukommen. Sie würde sich bei den anderen Schlangen in der Gegend erkundigen, ob eine von ihnen nützliche Informationen hatte.

Dann beendeten sie ihr Gespräch, Harry weckte Petunia und legte sich dann zum Schlafen hin, neben sich die eingerollte Helena.
Harry schlief beinahe sofort ein.
Petunia dagegen grübelte während ihrer Wache wie üblich vor sich hin. Sie stand mittlerweile so tief in Harrys Schuld, dass sie nicht mal wusste, wie sie ihm das alles zurückzahlen konnte. Vermutlich konnte sie es auch gar nicht. Jedenfalls nicht, solange sie beide auf dieser Insel festsaßen.
Sie hatte zwar schon lange von Urlaub auf einer Karibikinsel geträumt, aber diese Träume beinhalteten schöne Hotelanlagen und keine Killer, wilden Tiere oder die selbstständige Essensbeschaffung. Schon seit sie hier war wünschte Petunia sich nur noch, zurück im Ligusterweg zu sein, so langweilig es da auch sein mochte.
Petunia war versucht, einfach mit dem Leben abzuschließen, aber sie fühlte sich einfach verantwortlich für Harry. Auch, wenn er hier vermutlich auch ohne sie wegkommen könnte. Irgendwie.
Petunia musste sich eingestehen, dass Magie zuweilen wirklich hilfreich war und sie ohne diese hier keine zwei Tage überlebt hätte.
Ihr ganzes Weltbild fiel momentan langsam aber sicher in sich zusammen. Ihr ganzes Leben lang hatte Petunia ihre Schwester und deren Mann dafür verachtet, anders zu sein. Und jetzt? Jetzt wünschte sie sich insgeheim, selbst zaubern zu können, um neben Harry nicht so unnütz und hilflos dazustehen.
Was ein Schiffbruch auf einer einsamen Insel für innere Konflikte hervorrief, war schon erstaunlich, stellte Petunia fest.

Doch nun graute der Morgen. Harry war schon wach und verließ den Baum gemeinsam mit Helena. Er würde versuchen, ihnen etwas zu jagen.
Auch in diesem Punkt war Petunia heilfroh, Harry bei sich zu haben, denn sie hätte sich entweder nur von Beeren ernährt oder wäre jämmerlich verhungert.
Petunia besaß nämlich bei der Jagd überhaupt kein Geschick. Wenigstens konnte sie mittlerweile sehr gut klettern. Es machte ihr sogar Spaß und sie kletterte immer mal wieder flink durch die Äste ihres momentanen Zuhauses.

Harry war jetzt voll in seinem Element. Er hatte einen jungen Hasen entdeckt, auf den er nun zielte. Langsam, vorsichtig, um nicht entdeckt zu werden. Dann – zack! Getroffen!
Stolz schlich Harry zu dem Hasen, der noch lebte. Er beendete sein Leiden mit einem Genickbruch – auch wenn etwas in ihm sich dagegen sträubte. Er brauchte etwas zu essen, anders ging es nicht. Da mussten wohl noch einige Hasen dran glauben, bis er hier mit seiner Tante wegkam.
Auf dem Rückweg nahm Harry einen kleinen Umweg. Das tat er immer, um etwaigen Verfolgern seiner Fährte nicht auch noch direkt in die Arme – oder Pranken – zu laufen.
Doch er war nur wenige Meter weit gekommen, als er ein leises, klägliches maunzen hörte. Harry folgte dem Geräusch und fand in einem Dickicht drei kleine Leopardenbabys.
Doch Helena zischte:„Sei vorsichtig. Das hier sind Nundus, magische Tierwesen. Es ist bekannt, dass ihr Atem Krankheiten hervorrufen kann. Bei den kleinen funktioniert das zwar noch nicht, aber wo Kätzchen sind ist die Mutter normalerweise auch nicht weit!" Harry war zuerst erschrocken von den kleinen zurückgewichen, dann näherte er sich ihnen wieder. Während er sie auf den Schoß nahm und wärmte fragte er Helena: "Kannst du bitte die Gegend nach ihrer Mutter absuchen? Ich passe solange auf die kleinen auf." Helena willigte ein und kroch davon. Es dauerte jedoch nicht allzu lange, bis sie wiederkam. „Ich habe ihre Mutter gefunden. Sie ist tot. Ich weiß nicht warum, es gab keine Verletzungen, die ich erkannt habe. Vielleicht hat sie irgendwelche giftigen Blätter oder Beeren gefressen."
Harry überlegte. Die Mutter der kleinen war tot, was in der Wildnis wohl ein ziemlich sicheres Todesurteil gewesen wäre. Doch er beschloss, sich um die kleinen zu kümmern. Die drei maunzenden Nundus im Arm stand Harry auf und kehrte zu Petunia zurück.
Die erlebte den nächsten großen Schock ihres Lebens, als plötzlich drei kleine Leoparden – nein, falsch, Nundus – auf ihrem Baum saßen. Langsam wurde ihr das wirklich zu viel. Mehr Tiere durfte Harry nicht anschleppen. Erst einmal wurde es im Baum dann ziemlich eng und zweitens könnte das aufmerksame Menschen misstrauisch stimmen.

Helena wusste glücklicherweise viel über Nundus. Ihr Besitzer hatte einige Studien über magische Tierwesen betrieben und viel herausgefunden. Zum Beispiel, dass Nundus an ihren Gaumen Duftdrüsen hatten, welche einen Stoff absonderten, der Krankheiten verbreitete. Wenn man einem Nundu in jungen Jahren – beziehungsweise Wochen, nämlich bevor die Wirkung überhaupt einsetzt – diese Drüsen entfernt wuchsen sie einfach nur zu großen Leoparden heran, die sich lautlos bewegen konnten.
Sie wusste auch noch den Zauber dafür und Harry wendete ihn gleich an den Babys an.
Die kleinen Nundus waren schon in dem Alter in dem sie anfingen, Fleisch zu fressen, was Harry ihr füttern um einiges vereinfachte. Vermutlich sollte er doch noch auf größere Beutetiere umsteigen, wenn die Kleinen größer wurden.
Immerhin brachten Nundus einiges an Fleisch, allein schon weil sie so groß waren.
Jetzt reichte es wohl, wenn er zwei Hasen am Tag schoss. Helena brauchte nicht so oft Fleisch und die Nundus waren noch sehr jung.
Nachdem Harry ‚seine' Jungen versorgt hatte, aß er mit Petunia auch etwas.