Kapitel 4: Verletzt

Ohne weitere Zwischenfälle gelangten sie Tage später zu der Burg, von der der Mensch gesprochen hatte. Sie lag auf einem auffälligen Felsenmassiv in einer eher kargen Landschaft, durch die sie seit Tagen geritten waren. Der Elb hatte es zugelassen, dass er und der Mann sich das Pferd teilten, er war den ganzen langen Ritt vor ihm gesessen, der Erschöpfung nahe, manchmal an der Brust des Menschen einschlafend, er musste sich mühen, nicht vom Pferd zu fallen, denn er spürte, wie seine Kräfte schwanden.

Bald müsste etwas geschehen, sonst würde er sterben, das wusste er.
Ihm war bekannt, was mit Angehörigen seiner Art passierte, wenn ihnen das wiederfahren war, was er Monate lang erduldet und erlitten hatte.

Er schwieg, zwangsläufig, und es war ihm ganz recht, denn er wollte nicht reden, was hätte er auch sagen sollen, welche Worte hätte er seiner Schande verleihen sollen und in welcher Sprache... Zwar beherrschte er alle Sprachen Ardas, denn er war mit mannigfachen Geschöpfen Mittelerdes in Kontakt getreten, doch er verweigerte sich selbst die Worte, die Ausformulierungen seiner Schatten, die ihn immer wieder heimsuchten, sogar, als er ab und zu einen unvorsichtigen Arm um sich gelegt spürte, den er sofort mit kleiner, aber bestimmter Bewegung abstreifte. Es reichte, dieses warme, atmende Menschenwesen da hinter sich zu fühlen, tagelang, er sollte ihn nicht auch noch berühren, wer würde ihn überhaupt noch berühren, nach all dem, und warum sollte ihn jemand berühren, zerstört, wie er sich fühlte.

Sie ritten den Burghügel hoch und zugleich wurde ihnen von Herolden die Türe geöffnet. Menschen starrten sie an, als sie hoch zur Burg ritten, denn einen seltsamen Anblick mussten sie bieten, verdreckt, verstaubt - und verletzt, zumindest der Elb.

Der Mann half dem Elben vom Pferd und verzichtete darauf, ihn zu stützen, nachdem er nachgefragt hatte, ob er selbst gehen könne.

Sie betraten eine große helle Halle, die reich verziert mit Holzschnitzereien war, und traten vor zu einem Mann, der auf einem erhöhten Stuhl saß, wie der Elb wahrnahm, vermutlich ein Thron, denn eine Krone zierte sein Haupt.

Sei gegrüßt, König. Ich bringe neue Nachricht! sagte der Mann und verneigte sich.

Er wurde von Orks überfallen und festgehalten. Er benötigt Hilfe und Heilung. Ich werde mich persönlich um ihn kümmern. Sie haben unsere Grenzen übertreten. Orks durchstreifen nun ungehindert unser Land. Ihr müsst kämpfen.

Der König sah ihn nur kurz an, winkte ihn dann weg und wandte sich seinem Berater zu, der ihm ein Dokument in die Hände schob.

Unbemerkt von alle verließ der Mann und der Elb den Saal, es schien nicht wichtig zu sein, was eben mitgeteilt wurde.

Ich möchte dich gerne versorgen, wenn du es zulässt. Ein Bad wäre angemessen und dann möchte ich mich um deine Verletzungen kümmern, auch um die Ringe, sie müssen aus deiner Haut heraus, einige sind entzündet, ich werde dir Heilsalbe auftragen und dann wirst du ruhen müssen, um zu Kräften zu kommen, und etwas zu essen werde ich dir bringen, Honig magst du, nicht wahr? Und heißen Wein. Hab keine Angst vor mir, ich werde dich heilen. Und wenn ich es nicht vermag, werde ich Heiler holen, und wenn es sein muss, elbische, denn du bist ein Elb, so weit ich das erkennen kann. Ich habe keine Erfahrung mit eurer Art. Ich hoffe, ich mache keine Fehler.

Der Mann sah den Elben besorgt an, der Elb schüttelte den Kopf und leicht verzogen sich seine Mundwinkel nach oben.

Wie schön er sein könnte, dachte der Mann, wenn er heil wäre, sauber, und zufrieden. Wie schön wäre er, ein Elb mit langen blonden lockigen Haaren und diesen Augen, wenn alle diese Ringe aus seinem Gesicht heraus wären, und wenn er lächeln würde.

Lasst ihm ein Bad ein! befahl der Mann Dienern, die hinzugeeilt waren, und sein Tonfall ließ schließen, dass er Befehlen gewohnt war. Doch der Elb machte sich darüber keine weiteren Gedanken. Ja, er war in einer Burg, und dies war wohl offensichtlich einer der Männer, die dem König nahestanden, doch dies war egal, wichtig war nur, überlebt zu haben und vielleicht weiter zu leben.

Vielleicht.

Eine Magd eilte herbei und der Mann wies sie an, dem Elben beim Auskleiden behilflich zu sein, doch der wich zurück und seine Augen weiteten sich. Schnell winkte der Mann die Magd weg und setzte sich vor dem Elben auf einen Schemel, der im Badezimmer stand. Er tat es, um dem Elben das Gefühl zu geben, nicht bedroht zu werden durch seine Größe und seine Gestalt, denn der Mann war sehr stattlich und der Elb sehr ausgehungert und ausgezehrt, zudem war er kleiner als der Mann.

Du musst es ausziehen, sagte er, so leise und ruhig wie möglich, denn er hatte begriffen, dass Befehle und Forderungen bei dem Elben nicht angebracht waren, und schon gar nicht jetzt, wo er sich in solch Zustand befand.
Du musst baden, den ganzen Dreck herunterspülen, und deine Wunden müssen wir reinigen und mit Salben bestreichen. Ich glaube, ihr Elben heilt sehr schnell, aber trotzdem müssen wir da etwas tun. Und deine Ringe herausmachen, das wird bestimmt weh tun, du musst mir da vertrauen, ich versuche es so vorsichtig wie möglich zu machen.

Der Elb nickte nur und rührte sich nicht.

Vielleicht kann ich den aus deiner Zunge als erstes herausmachen? Der muss am wehesten tun. Lass es mich machen, Elb. Ich bitte dich.

Der Mann stand auf und trat nahe an den Elben heran, dann berührte er vorsichtig seine Lippen. Der Elb öffnete zögerlich den Mund und ließ es zu, dass der Ring aus seiner Zunge entfernt wurde. Es tat furchtbar weh und er blutete. Doch er bemühte sich, es zu ertragen, ohne dass er zeigte, welche Schmerzen er ertragen musste. Aber der Mann sah es und er streckte seine rechte Hand aus und streichelte sanft über das Haar des Elben.

Besser? Komm, lass uns die anderen auch herausmachen. Und dann bade, mein Freund.

Ein Ring nach dem anderen wurde von des Mannes vorsichtigen Händen entfernt, die beiden aus den Augenbrauen, die unzähligen aus den Ohren, und dann nickte er dem Elben zu.

Du musst dich ausziehen, wenn du baden willst. Soll ich gehen? Möchtest du alleine sein?

Der Elb schüttelte den Kopf und vor den Augen des Menschen zog er langsam seine verdreckte, blutbeschmierte Kleidung aus, die gründreckige Tunika, den zerrissenen Gürtel, die Hose, die viel zu groß erschien.

Und der Mensch starrte voller Entsetzen auf den Körper des Elben.

Schnitte, Narben, getrocknetes Blut, und... Ringe.

Überall Ringe.

Durch die Brustwarzen, und - an Stellen, die der Mensch nicht für möglich hielt, dass man es aushalten konnte, ohne vor Schmerz zu ohnmachten.