Kathleen
Die ersten Schultage verliefen so wie jedes Jahr.
Früh aufstehen, in der großen Halle mit den anderen frühstücken und dann ab in den Unterricht.
Am Freitag im Verwandlungsunterricht jedoch schlug sich Kathleen mit der Hand vor die Stirn.
Dana, die wie immer neben ihr saß, warf ihr einen fragenden Blick zu.
„Verdammt, ich hab ganz vergessen, mir von Draco das Passwort für den Slytherin-Gemeinschaftsraum geben zu lassen!" flüsterte sie ihr zu. „Du hättest mich ruhig daran erinnern können!"
Dana schnaubte und zog ungläubig die Augenbrauen hoch. Kathleen wusste, was sie dachte. Keiner der beiden hatte ein unglaublich gutes Gedächtnis.
„Als ob ausgerechnet ich mir das hätte merken können!" sagte sie laut. Sie unterschätzte oftmals die Lautstärke, in der sie redete, und noch bevor Kathleen ihr zuzischen konnte, dass sie gefälligst leiser reden solle, kam Professor McGonagall auch schon mit empörtem Gesicht zu ihrem Tisch stolziert.
„Ich muss doch bitten!" sagte sie mit zusammengepressten Lippen. „Mäßigen Sie Ihre Lautstärke, wenn Sie nicht unmittelbar was zum Unterrichtsgeschehen beitragen wollen! Und das war wohl offenbar nicht der Fall, hm?" Ohne eine Antwort abzuwarten, ermahnte sie sie: „Ich schlage vor, Sie konzentrieren sich jetzt wieder darauf, Ihre Kröte in eine Ratte zu verwandeln; zum Schwatzen ist später noch genug Zeit."
Dana hatte kaum Zeit, rot zu werden und ein kleinlautes „Ja, Professor" zu murmeln, da war sie auch schon wieder mit geschürzten Lippen auf dem Weg nach vorne, um die Stunde von da aus zu überwachen.
Dana wandte sich wieder Kathleen zu, die auch röter im Gesicht war als normal, was jedoch daran lag, dass sie ein Lachen unterdrückte und bei ihr auch nicht so auffiel wie bei Dana, die von Natur aus immer blass war, egal, wie viel Zeit sie in der Sonne verbrachte.
„Wir haben gleich doppelt Zaubertränke, danach kannst du meinen reizenden Cousin gerne abfangen." schlug sie vor, in dem Versuch, ihre Gesichtsfarbe wieder auf das übliche Albino-Weiß zu bringen und Kathleen von ihrer Scham abzulenken.
„Das werd' ich wohl machen" meinte sie. Sie grinste immer noch bis über beide Ohren und es schien nicht, als ob sie in absehbarer Zeit damit aufhören würde.
„Kommst du dann heut' Abend mit? Zu dritt ist doch immer lustiger."
Doch Dana schüttelte schon den Kopf.
„Ich muss noch den Arithmantik-Aufsatz schreiben. Eine ganze Rolle Pergament! Wir bekommen in letzter Zeit immer so viel auf; ist richtig anspruchsvoll geworden." beschwerte sie sich. Kathleen kannte sie jedoch gut genug, um zu wissen, dass sie das nicht ernst meinte. Nach Zaubertränke war Arithmantik ihr Lieblingsfach.
Kathleen schüttelte unverständlich den Kopf. „Ich kann echt nicht verstehen, warum du es nicht abgewählt hast! Jeder normale Mensch ist froh, es los zu sein, aber du…"
Sie ließ den Rest ungesagt.
„Aber ich bin nicht wirklich das, was man normal nennt?" warf Dana hilfreich ein.
Kathleen grinste.
„Das sind wir wohl beide nicht. Und trotzdem mache ich kein Arithmantik! Ich hab keine Ahnung, wie du das nur aushalten, ganz geschweige denn mögen kannst!"
Statt zu antworten, zuckte sie nur mit den Schultern und die beiden Hexen wandten sich wieder ihren Kröten zu.
Dana
Stöhnend wandte sich Dana wieder der Zahlentabelle zu, mit deren Hilfe sie für Professor Vektor, der Arithmantik-Lehrerin, einen Aufsatz schreiben und dabei detailliert eine bestimmte Rechnung analysieren sollte.
Manchmal fragte sie sich echt, warum sie sich so viel Arbeit aufgehalst hatte. Doch hauptsächlich gefielen ihr die Fächer, die sie im dritten Schuljahr gewählt hatte, sehr gut.
Dana warf einen Blick auf ihre Uhr.
Schon fünf nach zehn! Sie hatte Kathleen versprochen, um Punkt zehn am Slytherin-Gemeinschaftsraum zu sein und sie abzuholen.
Sie kritzelte noch schnell einen Abschlusssatz hin, dann sprang sie aus dem weichen Sessel und stürzte zum Porträtloch.
Während das Porträt der fetten Dame hinter ihr zuschwang, überlegte sie sich, ob sie nachher noch schnell ein paar Sätze einfügen sollte. Sie entschied sich dagegen; der Aufsatz überschritt schon um vier Zoll die geforderte Länge. Sich sicher, dass das Professor Vektor genügen sollte, schlug sie den Weg nach unten in die Kerker ein.
Als sie an der großen Halle, die jetzt still und dunkel war, vorbeikam, fragte sie sich, ob noch Zeit für einen kleinen Abstecher in die Küche war. Die Hauselfen schienen zu jeder Zeit bereit zu sein, alle Wünsche eines vorbeikommenden Schüler zu erfüllen.
Fred und George hatten ihr in ihrem zweiten Jahr den Eingang hinter dem Bild mit der Obstschale gezeigt und seit dem war sie ein regelmäßiger Besucher.
Sie beschloss gerade, auf ihrem Rückweg mit Kathleen vorbeizuschauen, da hörte sie laute Stimmen aus dem Korridor, der in die Kerker führte.
Da es sich jedoch nicht nach einem Lehrer anhörte und sie somit nicht riskierte, Punkte zu verlieren, schaute sie nach und die Szene, die sich vor ihr abspielt kam ihr so bizarr vor, dass sie erstmal stehen blieb, um herauszufinden, was das Problem war. Sobald sie sich sicher war, dass ihre Augen ihr keinen Streich spielten, fand sie, es sei an der Zeit einzuschreiten und die Situation unter Kontrolle zu bringen.
Kathleen
Kathleen stand seufzend vor dem Porträtloch der Slytherins.
„Sie sollte schon längst hier sein!" beschwerte sie sich bei Draco, der neben ihr an der Wand lehnte.
Schon seit seinem ersten Jahr in Hogwarts – Kathleen war ein Jahr über ihm – waren sie so gut wie unzertrennlich. Dana hatte ihn ihr als ihren Cousin vorgestellt und obwohl sie schon früher von ihm erzählt hatte, hatte sie ihn vorher nie so richtig kennengelernt.
Dass er in Slytherin war, tat ihrer Freundschaft keinen Abbruch. Im Gegenteil. Es schweißte sie noch enger zusammen als ohnehin schon und ihre Mitschüler hatten es längst aufgegeben zu verstehen, warum die beiden doch sehr verschiedenen Schüler befreundet waren.
Mit seinem blassem Gesicht und den blonden Haaren sah man sofort die Ähnlichkeit zu Dana.
Hingen die beiden zusammen herum, gab es keinen, dem die Verwandtschaft nicht auffiel, wäre sie sowieso allgemein bekannt gewesen.
Die drei verstanden sich auf Anhieb gut und es war schon längst kein Anlass zu Erstaunen mehr, wenn man auf das Trio stieß, das aus zwei Gryffindors und einem Slytherin bestand.
Draco zuckte mit den Schultern.
Er war die Kabbeleien der beiden schon so sehr gewohnt, dass er nicht mehr weiter darauf achtete und gut darin war, sie einfach zu ignorieren.
„Vielleicht sollte ich mich schon mal auf den Weg machen; wenn Filch mich nach der Nachtruhe draußen erwischt, bricht die Hölle los." Sie rollte mit den Augen.
„Und das würden wir doch nicht wollen, was?" grinste Draco unverschämt und zog sie in seine Arme.
Kathleen lachte.
„Nein, das würden wir nicht; dafür hab' ich heute echt keinen Nerv mehr."
Draco ließ sie los und ging rückwärts auf den Eingang zum Gemeinschaftsraum zu.
„Besuch mich bald wieder, okay?" fragte er. „Und bring mein Cousinchen mit, ja? Sie könnte echt mal ein wenig Spaß in ihrem Leben vertragen"
„Mach ich" meinte sie lächelnd.
„Sag ihr von mir, sie soll sich nicht überarbeiten!" Und mit einem letzten Winken verschwand er im Porträtloch.
Verärgert vor sich hinmurmelnd machte Kathleen sich auf den Weg.
Dana sollte sich besser in Acht nehmen, der würde sie was erzählen! Sie einfach hier sitzen zu lassen, wenn Filch jeden Moment um die Ecke schauen könnte!
Nicht wirklich darauf achtend, wo sie hinlief, stieß sie mit jemandem zusammen und ging zu Boden.
Sie blickte auf und errötete. War ja klar, dass ausgerechnet George Weasley sie sehen würde, wenn sie sich hinpackt!
Dankbar lächelnd ergriff sie die ihr angebotene Hand und ließ sich von ihm auf die Füße ziehen.
„Na, wen haben wir denn da?" fragte er grinsend. „Zu dieser Zeit noch unten in den Kerkern? Was hast du da bloß gemacht?" Er schnalzte gespielt missbilligend mit der Zunge.
Sie lachte. „Nur mal wieder Draco besuchen; hatte diese Woche noch nicht richtig Zeit dazu." murmelte sie.
Sofort verfinsterte sich sein Blick. Er packte sie an der Schulter, drückte sie gegen die Wand und platzierte seine Hände zu jeder Seite ihres Kopfes, um sie am Weglaufen zu hindern.
„Hey, was soll das? Bist du bescheuert; das tat weh!" rief sie und funkelte ihn zornig an.
„Ach, du warst wieder bei deinem kleinem Schlangen-Freund?" Er stieß das letzte Wort aus, als ob es eine Beleidigung wäre.
„Das weißt du ganz genau! Was hast du denn auf einmal? Du weißt schon seit Jahren, dass wir befreundet sind! Was ist denn los mit dir?!" Kathleen merkte, dass sie lauter wurde, doch es war ihr egal. Sie kämpfte mit aller Macht gegen die Tränen der Wut an, die sich plötzlich ungebeten in ihren Augen geformt hatten und nun dabei waren, ihre Wange herunter zu laufen.
„Du verbrüderst dich mit dem Feind! Bist du schon so von ihm geblendet, dass du das nicht mal mehr merkst?!" Auch er war wütend und offenbar kurz davor zu schreien.
Ein menschlicher Umriss löste sich plötzlich aus den Schatten. Es war Dana.
George schien sie noch nicht bemerkt zu haben, so intensiv starrte er in die Augen des Mädchens vor ihm, aber Kathleen warf ihr einen flehenden Blick zu.
Dana packte ihn an der Schulter und riss ihn von Kathleen weg. Sie griff die jetzt offen weinende Hexe am Arm und zog sie fort in Richtung Treppe; jedoch nicht ohne George über ihre Schulter hinweg einen bösen Blick zuzuwerfen.
