Teil 4/7 – Tage 114 bis 188
Draco Malfoy kehrte mit dem Gefühl, eine Mission zu haben, zur Schule zurück.
Er hatte eine Aufgabe bekommen und wusste nun, um welch hohen Preis gespielt wurde. Er war bereit, alles zu geben. Endlich konnte er sich auf etwas Bestimmtes konzentrieren und hatte einen festen Punkt vor den Augen, der all seine Aufmerksamkeit forderte. Er war im Stande, alles andere abzuschütteln und brauchte sich um keine Unwichtigkeiten mehr zu sorgen.
Und da er eine Aufgabe und einen bestimmten Plan zu erfüllen hatte, an den er sich strikt halten musste, fiel es ihm viel leichter, Harry Potter und seine fragenden Blicke zu ignorieren. Draco lernte schnell, dass die meisten Dinge, um die sich bisher sein Leben gedreht hatte, im Hinblick auf das Wesentlich plötzlich an Bedeutung verloren. Gryffindor durfte ruhig beim Quidditch gewinnen, Granger durfte bessere Noten bekommen, Potter konnte von den Massen vergöttert werden, und die Weasleys mochten in den Schlossgängen regieren. Draco Malfoy stand über all diesen kindischen Problemen und schenkte ihnen keinerlei Beachtung. Er wurde in eine Erwachsenenwelt versetzt und hatte nun Ernsthafteres zu tun.
Dieses Wissen erweckte eine Art Stolz und half ihm, die leise Stimme zu vergessen, die ihm zuflüsterte, er wolle doch gar nicht so schnell erwachsen werden. Es ließ ihn auch vergessen, dass er, aller Vernunft zum Trotz, gar nicht auf Harry Potter verzichten wollte.
Doch alles wurde bereits beschlossen. Die Zeit rannte davon und er musste mit dem Tempo mithalten.
Es spielte keine Rolle, dass er manchmal davon träumte, wie er starb, von dem Dunklen Lord getötet, als Strafe für sein Versagen. Es spielte auch keine Rolle, dass er auch manchmal vom Tod seiner Mutter träumte. Es spielte keine Rolle, dass er hin und wieder im Spiegel sein immer schmaler werdendes Gesicht anschaute und eine riesige Angst dabei spürte.
Alles war unwichtig. Das waren nur Belanglosigkeiten ohne Bedeutung.
Draco Malfoy wusste, was er zu tun hatte.
Hundervierzehnter Tag
»Mir ist langweilig«, sagt William und setzt sich zu James, der versucht, sich auf den aufgeschlagenen Zeitungsartikel zu konzentrieren.
»Und was soll ich damit anstellen?«
»Tu doch etwas Lustiges«, befiehlt William und wirft ihm einen verstohlenen Blick aus dem Schatten seltsam dichter Wimpern. James verliert für eine Sekunde den Faden, gewinnt aber wieder rasch die Selbstbeherrschung.
»Sehe ich etwa wie ein Zirkusaffe aus?«
William dreht sich zu ihm und schaut ihn aufmerksam an. »Nun, weißt du, wenn man dich schon so von der Seite ansieht... dieses Haar...«
»Sehr witzig«, sagt James, der im tiefsten Inneren immer glaubte, die Scherze über seine Haare hätten überhaupt nichts Lustiges an sich.
William lächelt nachsichtig beim Anblick seines düsteren Gesichts und rutscht näher zu ihm. »Ich mag deine Haare«, meint er und taucht seine Finger in die dunklen Strähnen. »Sie sind so unberechenbar.« Mit einem schelmischen Lächeln wirft er seine Arme um James' Hals. »Jeden Tag hast du etwas anderes auf dem Kopf.«
Ihre Gesichter trennen nur ein paar Millimeter und James fühlt ganz deutlich Williams Atem auf seiner Haut. Aus dieser Entfernung wirken seine Augen noch größer und James beobachtet, wie die sich weitende Dunkelheit der Pupillen das Silber der Iris vertreibt. Sein Pulsschlag beschleunigt und holt den von William ein. »Und du beklagst dich über Langeweile«, sagt er endlich, die Augen schließend. Er fühlt, wie sich jede kleinste Ecke seines Körpers bis zum Äußersten anspannt.
William bricht in Lachen aus und zerstört ihr Gleichgewicht. Für einen Augenblick kuschelt er sein Gesicht an James' Hals und lässt seinen Mund auf seiner Haut verweilen. »Anscheinend lasse ich mich schnell langweilen«, schlussfolgert er. Die Vibrationen seiner Stimme reizen leicht die Haut und lassen James' Pulsfrequenz in ungeahnte Höhen schnellen. »Ganz bestimmt war... bin ich ein verwöhntes Einzelkind«, wirft William ein, rutscht mit dem Mund nach oben und findet das Ohrläppchen. Er beißt sanft hinein. James reißt die Augen weit auf. »Bin ich es?«, fragt William und James muss kurz angestrengt nachdenken, um sich bewusst zu machen, worum es seinem Partner geht.
»Deine Eltern kauften dir wahrscheinlich alles, worum du gebeten hast«, antwortet er schließlich mit einer fast normalen Stimme. Die dann gleich auch als Herausforderung interpretiert wird, da William sich wieder ganz der Beschäftigung von vorhin zuwendet. »Wenigstens hat es so von außen ausgesehen.«
Williams Hände erstarren kurz unter James' Hemd. »Hast du mich gekannt, als ich noch ein Kind war?«
James hört die Frage, kann aber Williams Gesicht nicht genau sehen und somit nicht einschätzen, welche Stimmung sich dahinter verbirgt. »Hauptsächlich vom Sehen«, antwortet er ausweichend.
Sie sprechen nicht sehr oft über die Vergangenheit, es ist eine Regel, die James eigentlich um seiner selbst willen einführte. William akzeptiert diesen Zustand und stellt keine Fragen, doch eines Tages wird die Neugier ganz sicher in ihm erwachen. Bei diesem Gedanken verschwindet James' Erregung restlos.
William ändert ebenfalls den Ton und seine Hände tauchen unter dem Hemd wieder hervor. »Haben meine Eltern... haben sie mich…?«, beginnt er und umfasst James' Rücken.
»Deine Eltern haben dich vergöttert«, antwortet James nachdrücklich, bevor William die Frage ausformulieren konnte. »Und es musste wohl auf Gegenseitigkeit beruhen, denn du hast, als ich dich kennengelernt habe, jeden zweiten Satz mit „mein Vater" begonnen. Mein Vater hat gesagt, mein Vater wird es dir schon zeigen, mein Vater dies, mein Vater das.«
William lächelt. »Habe ich sehr genervt?«
»Und wie«, bestätigt James, in Erinnerungen vertieft. Er schielt von oben auf den hellhaarigen Kopf und ihm fallen wieder Lucius Malfoys platinblonder Schopf sowie die goldenen Locken seiner Frau ein. Ihr Sohn hatte eine Mischung der beiden Farbtöne geerbt. »Weißt du, am Anfang war ich mir sicher, du hättest deinen Vater dermaßen angebetet, dass deine Mutter für dich keine Rolle mehr spielte. Eigentlich hast du überhaupt nicht von ihr gesprochen. Dann aber, als ich dich näher kennengelernt habe, hat es sich gezeigt, welches Muttersöhnchen du in deinem tiefsten Inneren warst.« Den letzten Satz beendet er halb lächelnd.
William verdaut schweigend die Information. »Hast du meine Mutter gekannt?«, fragt er endlich und löst die Umarmung.
»Ich habe sie einmal getroffen.«
William scheint etwas zu überlegen. »War sie eine Blondine? Eher so goldblond? Mit einer kleinen Stupsnase und dunklen Augen?«
James zieht die Augenbrauen zusammen. Wie kommt William auf die Beschreibung? Und warum spricht er von ihr in der Vergangenheit? »Ja, soweit ich mich erinnern kann, dann stimmt es, aber…«
»Ich glaube, ich träume manchmal von ihr«, unterbricht ihn William. Seine Augen starren den Couchbezug an. »Es kommt mir so vor. Ich bin mir nicht sicher… Ist es…« Er fängt mit einer weiteren Frage an, doch dann hebt er den Kopf und sieht James' Gesicht. Etwas in seinem Ausdruck sagt ihm, James habe keine Lust mehr, weiter darüber zu sprechen, also gibt er auf. »Ist nicht so wichtig.«
Für einige Augenblicke hüllen sie sich ins Schweigen.
»Ich habe alle Bücher ausgelesen«, eröffnet William plötzlich in einem viel leichteren Ton.
James greift das gewechselte Thema auf. »Wie ist das möglich?«, fragt er. »Hunderte davon erscheinen doch jede Woche. So schnell kannst du gar nicht lesen.«
»Mrs Miller ist in die Ferien gefahren«, sagt William mit einer Leidensmiene.
»Ach soo… Ist etwa die Quelle für den Schund versiegt?«
Er bekommt einen Knuff in die Seite zur Antwort und hört: »Das ist für den verächtlichen Ton«.
»Du könntest für eine Weile auf eine andere Literatursorte umsteigen«, schlägt James vor, doch William winkt ab.
»Bin ich doch. Ich habe mich in eine Bibliothek einschreiben lassen und ein paar Klassiker ausgeliehen, um mich zu bilden.«
»Wo ist also das Problem?«
»Ich nehme ein Buch zur Hand, fange mit dem Lesen an und nach einigen Seiten fällt mir das Ende wieder ein. Ich musste all das bereits gelesen haben.«
James reißt erneut die Augen weit auf und versucht diese Information zu verinnerlichen. Er stellt sich Lucius Malfoy als einen Sammler von Meisterwerken der Muggelliteratur vor und es erscheint ihm mehr als unwahrscheinlich.
»Was machst du für ein Gesicht?«, fragt William beunruhigt.
»Es ist nichts, ich habe nur gestaunt.« James schüttelt den Kopf und bemüht sich um einen sorgloseren Ton. »Dein Vater hat… solche Literatur nicht sonderlich geschätzt.«
William schaut ihn skeptisch an. »Mein Vater hat Dickens nicht geschätzt?«
»Die Belletristik im Allgemeinen«, ergänzt James eilig. »Er glaubte an die bildende Kraft der Sachliteratur.«
William überlegt etwas eine Weile und dann kehrt er wieder zu der sorglosen Stimmung zurück. »Tja, anscheinend hat mein Papi doch nicht alles gewusst«, fasst er zusammen und entführt James ungeniert die Zeitung.
Ein paar Minuten lang starrt James die Wand an und grübelt. Er denkt darüber nach, es müsste wohl jede Menge Sachen gegeben haben, von denen Dracos Vater nicht wusste. Vor langer Zeit war Harry Potter mit Sicherheit eins der Dinge, die man lieber im Verborgenen hielt.
XXX
Es gab etwas Zufriedenstellendes an dieser Situation. Draco erhielt endlich eine richtige Herausforderung, eine Aufgabe, die keine Granger lösen konnte, weil die Antworten in keinem der Bücher zu finden waren. Hier benötigte man Schlauheit und Intelligenz und keine Paukerei. Ein Teil von Draco war stolz auf seine Leistung. Alle dachten, er hätte keine Chancen gehabt, doch er meisterte es. Ganz alleine, ohne fremde Hilfe erfüllte er den ersten Teil der Aufgabe — und mit dem zweiten wird er auch fertig werden.
Er würde den nichts ahnenden Dumbledore irgendwo erwischen und angreifen, bevor dieser überhaupt merkte, dass er in Gefahr war. Er würde einfach so den Zauberstab heben, zwei Worte aussprechen und alles wird vorbei sein. Zwei Worte und seine Familie würde ihre Stellung und die Gunst des Dunklen Lords wiedergewinnen. Sie würde wieder ihre Verbündeten oder gar einen Teil des Reichtums wiederbekommen. Und eines Tages würde sich auch Voldemort besänftigen lassen und Lucius sein Versagen verzeihen. Und dann würde Dracos Vater aus Askaban entlassen werden und nach Hause zurückkehren können. Und all das einzig und alleine dank Draco Malfoy, von dem noch die nächsten Generationen erzählen werden, wie er seine ganze Familie im Alleingang gerettet hatte.
Es würden zwei kurze Worte reichen.
Was war schon dabei.
Draco krallte die Finger um den Zauberstab fest und tat so, als ob er das Zittern seiner Hand nicht merken würde. Etwas tief in seinem Herzen sagte ihm, er würde es nicht bringen, er würde es selbst dann nicht schaffen, wenn es nicht um zwei, sondern nur um ein Wort ginge, doch Draco ließ die Stimme verstummen.
Ein Versagen kam gar nicht in Frage. Diese Möglichkeit gab es nicht. Draco durfte es sich nicht leisten.
Hundertfünfunddreißigster Tag
/nomanswoman/ Hey, bist du da?
/thefairestofthemall/ Bin ich. Was gibt's?
/nomanswoman/ Ich checke es nur. Außerdem habe ich furchtbare Langeweile.
/thefairestofthemall/ Das Fernsehen behauptet, London ist eine Stadt, die keine Langeweile kennt… Schau mich an, bei mir geht echt die Post ab: James kommt heute später zurück und Mrs Miller ist wieder mal nach Edinburgh gefahren, es heißt also, keine neuen Bücher. In der Glotze läuft zum hundertsten Mal die Wiederholung von E-Mail für Dich. Selbst ich kann Meg Ryan in solchen Mengen nicht ertragen.
/nomanswoman/ Ach du armer, verlorener Kleiner ;)
/thefairestofthemall/ Ich will mich aber nicht beklagen. Ian hat mir Hausaufgaben gegeben.
/nomanswoman/ Wie, bist du jetzt wieder zurück in der Grundschule?
/thefairestofthemall/ Er hat mir einen Stapel mit seinen privaten Notizen über bestimmte Personen gegeben, ich sollte es zu offiziellen internen Vermerken umschreiben. Weißt du, wie ich Folgendes höflich formulieren könnte: „Besorg dir ein neues Gehirn, denn dein altes kommt einfach nicht mehr mit"?
/nomanswoman/ „Es wird um eine flexiblere Sicht und schnellere Analyse der gelieferten Daten gebeten"?
/thefairestofthemall/ Könnte gehen… Ich überlege es mir noch.
/nomanswoman/ Ach nein, du brauchst dich nicht zu bedanken…
/thefairestofthemall/ …
/nomanswoman/ Ach, Kinderkram. Also alles OK bei dir?
/thefairestofthemall/ Ja, wieso?
/nomanswoman/ Mutti hat neulich gemeint, du wirkst niedergeschlagen.
/thefairestofthemall/ Deine Mutti macht sich zu viele Gedanken um mich.
/nomanswoman/ Und Mrs Miller hat gesagt, du würdest stundenlang ziellos am Strand herumstreunen.
/thefairestofthemall/ Woher weiß Mrs Miller, was ich mache? Sie ist nicht mal hier.
/nomanswoman/ Aber die Bekannte der Kusine ihrer Nachbarin ist da. Bohr da lieber nicht tiefer nach. Diese Frau weiß immer alles.
/thefairestofthemall/ …
/nomanswoman/ Liam?
/thefairestofthemall/ Wir reden darüber, wenn du am Wochenende hierher kommst.
/nomanswoman/ Tue mir das nicht an, jetzt mache ich mir Sorgen.
/thefairestofthemall/ Es ist nichts Schlimmes. Es ist nur so, James ist so gut wie den ganzen Tag nicht da. Wir haben renoviert, was zu renovieren war. Arbeiten gehe ich auch nur halbtags… Ich habe so viel Zeit und muss alleine zu Hause rumsitzen.
/nomanswoman/ Du kannst uns besuchen.
/thefairestofthemall/ Ich kann doch nicht ewig auch bei euch rumsitzen.
/nomanswoman/ Wieso nicht?
/thefairestofthemall/ Es geht nicht. Es ist unanständig, bei fremden Leuten so grundlos ständig ein- und auszugehen.
/nomanswoman/ Du könntest dir irgendwelche Gründe einfallen lassen. Magst du Fremdsprachen?
/thefairestofthemall/ Wieso fragst du?
/nomanswoman/ Meine Mutti kommt aus Russland. Sie ist nach England gekommen, als sie sechs war.
/thefairestofthemall/ Du hast es nie erwähnt.
/nomanswoman/ Es gab auch keine Gelegenheit. Wenn du wirklich gar nichts zu tun hast, dann könntest du sie bitten, dass sie dir Russisch beibringt. Sie hat mal früher unterrichtet. Übrigens tut es ihr auch gut, wenn sie eine Beschäftigung hat.
/thefairestofthemall/ Ich denke darüber nach. Aber du brauchst dir keine Sorgen zu machen, ich sagte schon, es ist nichts Schlimmes. Ich langweile mich nur und habe komische Träume.
/nomanswoman/ Was für komische Träume?
/thefairestofthemall/ Dumme Träume.
/nomanswoman/ Liaaaaaaaaaam…
/thefairestofthemall/ Jammere nicht im Internet, es sieht erbärmlich aus.
/nomanswoman/ Liaaaaaaaaaam…! ;)
/thefairestofthemall/ Soll ich böse werden, oder was?
/nomanswoman/ Ich nutze nur die Überzeugungstaktik. Gib auf, dann hast du deine Ruhe.
/thefairestofthemall/ Ich habe Alpträume. Kann mich kaum an den Inhalt erinnern, aber alles, was ich davon noch früh am Morgen weiß, macht wenig Sinn.
/nomanswoman/ Hast du James darüber erzählt?
/thefairestofthemall/ Wozu denn? Er ist doch nicht mein Kindermädchen.
/nomanswoman/ Doch, das ist er. Nur du hast dich noch nicht damit abgefunden ;) Also verstehe ich es richtig, du hast es ihm nicht gesagt?
/thefairestofthemall/ Es war nicht nötig. Wirklich nicht. Ich bin einfach nur schlecht drauf. Es kann jedem mal passieren. Dir etwa nicht?
/nomanswoman/ Doch, mir auch.
/thefairestofthemall/ Na siehst du.
/nomanswoman/ Versprich mir aber, dass du mit James redest, wenn was ist. Oder mit meinen Eltern, OK?
/thefairestofthemall/ Deine ganze Familie ist so komisch überfürsorglich ;) OK, in Ordnung.
/nomanswoman/ Jetzt kann ich wieder ruhig schlafen ;) Btw, besorg dir einen Hund, dann bist du nicht mehr so alleine. Und du könntest ihn zum Strand mitnehmen, ohne auszusehen, als ob du einen Selbstmord planst.
/thefairestofthemall/ Weißt du was, es ist keine so dumme Idee.
/nomanswoman/ Sie kann ja nicht dumm sein. Sie kommt doch von mir.
/thefairestofthemall/ Tjaaa… Wollen wir lieber auf eine traditionelle Art von Korrespondenz umsteigen?
/nomanswoman/ Briefe? Mit der Post? Wozu in aller Welt, damit es viel langsamer geht?
/thefairestofthemall/ Einfach so. Ich mag meine eigene Handschrift und würde sie gerne öfters sehen.
/nomanswoman/ Du hast echt eine Macke ;)
XXX
Und es wurde doch eine Niederlage. Er hatte restlos versagt.
Die Todesser konnten zwar dank seiner Hilfe in Hogwarts eindringen, doch als es darauf ankam, war er nicht mal im Stande, einen wehrlosen Greis zu töten. Dumbledore stand direkt vor ihm, mit vollkommen leeren Händen, und die Todesser zogen bereits von allen Seiten heran. Er brauchte nur die Aufgabe zu erfüllen.
Draco hatte seine Chance. Er hatte eine Möglichkeit und Gelegenheit dazu.
Doch es wurde Snape, der den Zauber aussprach und auf den sich der Hass der breiten Massen nun konzentrierte. Sein Name wurde nun in den Annalen stehen. Draco war zu feige und verlor in einem einzigen Augenblick das gesamte Spiel. Und jetzt musste er sich in einer heruntergekommenen Hütte am Ende der Welt verstecken, auf Leute angewiesen, die ihn nie besonders gemocht hatten.
Severus Snape tötete Dumbledore. Der Orden des Phönix gewährte Draco Malfoy Zuflucht auf die Bitte von Harry Potter hin.
Narzissa Malfoy verschwand spurlos und das wurde zu diesem Teil der Geschichte, bei dem Draco zu große Angst hatte, um nur daran zu denken.
Hundertdreiundfünfzigster Tag
»Dann machen wir für heute Schluss«, sagt Rita Bennett, auf ihre Armbanduhr schielend. Sie klappt das Buch zu und wirft William einen entschuldigenden Blick. »Es tut mir Leid, dass es heute so kurz war, aber ich konnte meinen Termin nicht mehr absagen.«
Sie erwähnt mit keinem Wort, dass es um einen Termin bei ihrem eigenen Psychiater geht, der fester Überzeugung war, zwei Nachbarn zu bemuttern, beide so alt wie ihr toter Sohn, wäre kein gesundes Zeichen und wollte unbedingt mit ihr darüber reden.
William lächelt ironisch. »Sie wollen sich doch nicht etwa für den verkürzten Unterricht entschuldigen, wobei Sie mir die Stunden eh freiwillig und umsonst geben?«
Mrs Bennett stellt das Buch ins Regal. »Nicht umsonst, wir haben doch ausgemacht, ich gebe dir Unterricht, und du hilfst mir bei der Gartenarbeit.«
Williams Gesicht drückt pure Skepsis aus.
»Und hör endlich auf mit diesem „Sie". Möchtest du noch einen Tee, bevor du gehst?«
»Ja, bitte«, antwortet William, die Terrasse ansteuernd. »Es ist sehr lieb von Ihnen«, fügt er absichtlich mit einem boshaften Lächeln hinzu.
Mrs Bennett sieht ihn durch das Küchenfenster an, droht ihm mehrmals mit dem Finger und verspricht halb im Scherz, halb ernst, welch schreckliche Strafe ihn erwartet, falls er sich zu einem weiteren „Sie" erfrechen sollte. Eigentlich aber weiß sie ganz genau, dass William bei seiner Meinung bleibt. Jemand musste ihm einst die Benimmregel sehr sorgfältig eingebläut und unter anderem beigebracht haben, dass man ältere Menschen nicht duzen sollte. Jetzt war es nun zu spät, dies zu verändern.
Sehr interessant, denkt Mrs Bennett, während sie den Tee mit kochendem Wasser aufgießt, dass ihm beim Verlust der Erinnerungen gleichzeitig solch seltsame Dinge im Gedächtnis haften blieben. Wahrscheinlich wird dies weder von ihm noch von James beachtet, doch man kann auf Anhieb erkennen, welcher von den beiden in einer reichen und konservativen Familie aufwuchs. Sie setzen sich auf eine unterschiedliche Art und Weise hin, hantieren ganz unterschiedlich mit dem Besteck, trinken Tee auf unterschiedliche Art, kleiden sich und sprechen unterschiedlich. Sie behandeln Fremde und Bekannte unterschiedlich. Ihre jeweilige Kinderstube, wenn auch gänzlich unterschiedlich voneinander, ist so stark, dass sie zu ihrer zweiten Haut wurde.
»Weißt du was, du hast schon Talent dafür«, sagt sie und stellt zwei Tassen auf den Terrassentisch.
»Danke«, antwortet William automatisch und greift nach seiner Tasse. »Talent wofür?«
»Für die Fremdsprachen.«
»Tatsächlich? Ich dachte schon, ich wäre sehr langsam.«
»Langsam?« Mrs Bennett kann ihre Belustigung kaum verbergen. Sie bemüht sich auch nicht sonderlich darum. »Du hast in zwei Wochen soviel geschafft, wieviel man normal in zwei Monaten hinbekommt.« William sieht echt verwundert aus. Vielleicht deshalb entscheidet sich Rita Bennett, weiter zu sprechen, obwohl sie zuerst diese Bemerkung für sich behalten wollte. »Hin und wieder habe ich das Gefühl, jemand hat dir schon früher Russischunterricht gegeben. Du bist nur in der Anfängerphase stehen geblieben.«
Die Hände zucken leicht, der Tee schwappt gefährlich in der Tasse hin und her. William stellt sie vorsichtshalber auf den Tisch ab. »Wieso?«, fragt er in einem scheinbar gleichgültigen Ton.
»Manche Worte sprichst du zu gut aus. Entschieden zu gut für einen Engländer.«
»Das sind nur Stereotypen«, antwortet William mit einem knappen ironischen Lächeln.
»Nicht Stereotypen, sondern achtzehn Jahre als Lehrerin für englische Kinder«, berichtigt ihn Mrs Bennett. »Hast du dich selbst schon gefragt, ob du vielleicht eine Fremdsprache kennst?« William zuckt mit den Schultern. »Mir scheint es, du würdest welche kennen. Du begreifst rasch Grammatikregeln und diverse Regelmäßigkeiten, was sehr untypisch für diejenigen ist, die niemals eine andere Sprache gelernt haben.« Sie trinkt einen Schluck Tee. »Wollen wir es kurz testen?«
Williams Augen drücken Vorsicht und Aufmerksamkeit aus und werden allmählich dunkler. »Ich dachte, Sie hätten es eilig?«
Nun ist sie an der Reihe, mit den Schultern zu zucken. »Es dauert nur einen Moment.«
Sie steht auf, greift nach seinem Ärmel und zieht ihn hinter sich, ohne seine Hände zu berühren. Es ist ihr schon vor einer ganzen Weile aufgefallen, dass er es nicht mag, wenn fremde Menschen ihn anfassen.
»Komm«, sagt sie. Ohne zu protestieren folgt er ihr wie ein braver Welpe, der immer noch Angst hat, sein Frauchen aus den Augen zu verlieren.
Es dauert nicht lange, die richtige Musikplatte zu finden. »Hör zu«, befiehlt sie ihm. Das Zimmer wird mit Klängen überflutet. William schließt die Augen und lauscht den Tönen zu. Beide sitzen auf dem Fußboden.
»Und nun?«, fragt sie, nachdem die letzten Takte verstummten. »Hast du ungefähr verstanden, worum es in dem Lied geht?«
William scheint von der Sache nicht so sehr ergriffen zu sein wie sie selbst. »Darum, wovon alle französischen Lieder handeln: um die Liebe.«
Mrs Bennett steht auf und schaltet den Plattenspieler aus. Sie wartet auf mehr Informationen, die sie dann schließlich auch bekommt.
»Er fährt nach Moskau zum Roten Platz und sie ist seine Fremdenführerin«, fasst William den Inhalt des Liedes zusammen. »Er fragt sie zuerst nach der Oktoberrevolution, dann gibt es Schokolade und das Lenin-Mausoleum, und dann fragt er nach nicht mehr.« William lächelt in sich hinein. »Dann träumt er, sie könnte mal nach Paris kommen, wo er sie so herumführen würde. Soviel kann wohl jeder verstehen.«
»Nicht jeder«, antwortet Mrs Bennett zufrieden. Sie hatte recht.
»Nicht jeder?«
»Richtig.«
William überlegt eine Weile. »Also muss ich Französisch kennen«, schlußfolgert er und lächelt sie plötzlich an, so strahlend und breit, dass es ihr auf einmal wieder einfällt, wie ähnlich ihr Sohn vor sehr langer Zeit auf einen Regenbogen reagierte: als ob ihm die Welt unerwartet ein Geschenk gemacht hätte.
»Es könnte sein, dass es noch mehr ähnliche Dinge gibt«, sagt Rita und schielt diskret auf die Armbanduhr. Noch zwanzig Minuten. Was soll's, sie wird sich eben etwas verspäten. »Fähigkeiten, die du besitzt, an die du dich aber nicht erinnern kannst.« William blickt staunend auf seine Hände, als ob an ihnen etwas Ungewöhnliches wäre. »Kehrt deine Erinnerung zurück?«
»Ich weiß es nicht. Das heißt…« William schaut sie etwas verloren an. »Das Einzige, was zurückkommt, sind kurze lichte Momente. Ich höre etwas, was mir vertraut vorkommt oder mir scheint, ich hätte jemanden oder etwas eine Sekunde lang vor meinem geistigen Auge gesehen. Dann verschwindet der Eindruck. Und das war's schon.« Er breitet ratlos die Arme aus.
»Gibst du dir denn überhaupt Mühe?«, fragt sie schließlich mit zusammengezogenen Augenbrauen, bemüht um die einstige Pose einer Lehrerin, die man weder austricksen noch zufriedenstellen kann. »Ich habe nämlich mit Evangeline darüber gesprochen, und sie ist derselben Meinung wie ich: dass du und James euch so verhaltet, als ob du nie dein Gedächtnis verloren hättest.«
Gleichzeitig denkt sie, vielleicht dürfte sie solche Dinge gar nicht ansprechen. Von ihnen beiden wäre Eva wohl die bessere Wahl, die nach derartigen Sachen fragen sollte. Schließlich nennt William sie selbst immer noch „Mrs Bennett" und sie nimmt an seinem Leben auch nur deshalb teil, weil sie sich dazu selbst eingeladen hatte. Sie stürmte ungebeten hinein, mit einer Obsttarte unterm Arm und machte keine Anstalten, aus seinem Alltag wieder verschwinden zu wollen. Möglicherweise soll sie es sein lassen und erlauben, dass die beiden Männer ihre Probleme selber in die Hand nehmen.
»Ich glaube, James möchte gar nicht, dass ich mich an die Vergangenheit erinnere«, spricht William und Rita Bennett stößt beinahe einen Seufzer der Erleichterung aus. »Jedenfalls nicht an alles.«
Die Bedeutung seiner Worte kommt bei ihr erst verspätet an und sie hebt staunend die Augenbrauen hoch. Sie stellt keine Frage mehr, doch diese hängt quasi in der Luft. William meidet ihren Blick. »Er ist ein guter Mensch«, sagt er nachdrücklich, wie jemand, der eine Entscheidung getroffen hatte und den einmal gewählten Weg nicht verlassen will.
»Ich weiß«, antwortet Mrs Bennett und ein Teil von Williams Anspannung löst sich auf.
»Ich träume auch ständig etwas«, fügt er nach einer Weile hinzu. »Von der Vergangenheit.«
Die Alpträume. Davon hat ihr Eva auch erzählt.
»Es sind keine schönen Träume. Es bleibt mir davon nur ein allgemeiner Eindruck übrig, doch der ist klar genug, um keine große Lust zu haben, mehr wissen zu wollen. Das heißt, wenn ich die Wahl hätte und entscheiden könnte, dann würde ich es lieber vergessen.« Er schaut ihr ins Gesicht und wartet auf das Urteil. Seine Miene ist etwas arrogant und herausfordernd, was ihn irgendwie plötzlich viel jünger wirken lässt. Rita Bennett erinnert sich an ihren Sohn und überlegt, ob es wohl besser gewesen wäre, wenn Edward im Stande wäre, seine eigene Vorgeschichte auch einfach so zu vergessen.
»Unser Tee ist schon ganz kalt geworden«, sagt sie. »Ich kann ihn wieder aufwärmen, wenn du magst.«
William legt den Kopf etwas zur Seite, als ob er sie von einem anderen Winkel aus ansehen wollte. Rita hofft, er wird finden, was sie ihm geben möchte. Ein Erlaubnis ist nichts, was man ohne Weiteres, aus freien Stücken, bekommen könnte. Vor allem dann, da Rita überzeugt ist, ihr Psychiater hätte es als einen höchst störenden Akt empfunden. Zum Teufel mit ihm, denkt Rita und erhebt sich vom Fußboden.
»Ich dachte, Sie hätten einen Termin.«
Rita bleibt kurz stehen. »Ich habe es mir anders überlegt«, sagt sie endlich.
XXX
Nach einer Woche erschien ein Gast an der Schwelle des heruntergekommenen Häuschens am Ende der Welt. Draco öffnete die Tür und sah Harry Potter, der ihm berichtete, der Orden des Phönix hätte beschlossen, Harry wäre hier sicherer als bei den Dursleys. Draco wusste ganz genau, dass niemand, der bei gesundem Verstand war, würde den Jungen, der überlebte, zu dem Versteck schicken, in dem sich der Sohn eines Todessers aufhielt. Die Erlaubnis dafür musste sich Harry wohl nicht nur erbeten, sondern auch regelrecht erkämpft haben. Draco schaute Harry in die Augen und wusste nicht wirklich, was er mit der neuen Situation anfangen sollte. Dann ließ er den Neuankömmling rein und ging einen Tee kochen.
Danach lief alles wie von alleine. Draco sagte keinen Ton über seinen Vater und erwähnte mit keinem Wort die Mutter. Er fragte nicht, ob Harry etwas Neues wusste. Harry wiederum sprach kein einziges Mal Dumbledores Namen aus. Sie redeten über das Wetter, lange und eingehend, als ob es sich dabei um die tiefsten Geheimnisse der Arithmantik und keine Wolkenkonfigurationen handelte. Danach erzählte Draco Harry, dass Pansy im vierten Schuljahr irgendwelchen jungen Schülern von Durmstrang eingeredet hatte, sie würde in Gedanken lesen können und hatte sie damit unbarmherzig gequält. Das Thema wechselte zu der Kinderzeit und Harry berichtete von der Familie seiner Tante, dann wiederum Draco von den Streichen, die er den Hauselfen gespielt hatte. Das Gespräch verlief glatt von Thema zu Thema: die Bücher, die Erinnerungen und der Klatsch über die Lehrer. Irgendwann holte Draco eine riesige Kiste mit Zwieback aus der Küche und kochte einen frischen Tee.
Nebenbei überlegte er die ganze Zeit, wie es möglich war, dass Harry gar nicht wütend zu sein schien. Er konnte sich sehr gut an seinen anklagenden Blick und das Sectumsempra erinnern, sowie daran, dass Harry ihn für den Verräter hielt. Wo war all das geblieben, fragte er sich. Man kann doch nicht endlos verzeihen können. Es war unmöglich, dass Harry einfach so zur Tagesordnung übergegangen war, als ob nichts passierte und als ob sie jemals Freunde wären. So viel verzeihen zu können war ungesund.
Selbst wenn Harry einen Groll gegen ihn hegte, dann ließ er sich nichts anmerken. Zum Schluss wurde es dann dunkel und es war an der Zeit, schlafen zu gehen. Als sie sich an der Tür zu Harrys Schlafzimmer „Gute Nacht" sagten, drehte sich dieser um und streckte den Arm nach Draco. Komm mit mir mit, sagte er mit wilder Entschlossenheit. Er ergriff seine Hand, ohne die Antwort abzuwarten. Na komm schon.
Er machte die Tür auf und zog ihn hinein. Draco wusste, es war nicht die beste Idee und dass etwas daran total falsch war, doch er ließ sich weiter führen. Sie waren ganz alleine in einem kleinen Haus am Ende der Welt, von dem kaum jemand Bescheid wusste. An einem solchen Ort fiel es nicht schwer, sich einzubilden, dass die Logik nur eine Art harmlose Manie wäre, die man am besten ignorieren sollte.
Sie ließen sich auf das Bett fallen und Harry Potter lächelte zum ersten Mal seit Dumbledores Tod.
Hundertsechsundsiebzigster Tag
»Harpers Akte, bitte«, sagt Harry, ohne den Blick von den Unterlagen zu heben. Er ist heute knapp mit der Zeit. James Evans hatte versprochen, früher nach Hause zu kommen.
»Hier, bitte«, antwortet seine Assistentin und reicht ihm die richtige Mappe. Harry schielt auf den Stapel handschriftlicher Notizen, angehängt an die offiziellen Schriftstücke.
»Waren Sie etwa bei dem Verhör dabei?« fragt er die Frau.
»Selbstverständlich.«
»Avery?«
»Gestern um fünfzehn Uhr.«
»Goyle?«
»Vor zwei Tagen.«
»Brady?«
»Am Montag. Ich habe Ihnen alle Notizen in die entsprechenden Mappen gelegt. Sie finden es auf dem Schreibtisch.«
Harry schaut auf seine Assistentin und nickt anerkennend. »Danke«, sagt er und denkt, dass Anna Seghers sich wirklich als sehr hilfreich und erstaunlich zäh erwies. Ihre beiden Vorgängerinnen hatten ziemlich schnell um eine Versetzung gebeten, während sie selbst bereits den dritten Monat für ihn arbeitet, ohne deprimiert zu wirken. Sie wäre eine ideale Assistentin, gäbe es nicht das Problem, dass sie eine Squib ist und die größte Zeit des Krieges gegen Voldemort unter den Muggels verbrachte. In Folge dessen kann sie die Wirklichkeit nicht richtig begreifen, in der die Zauberer fast ganze zehn Jahre leben mussten und hat manchmal Schwierigkeiten, ihren Standpunkt zu verstehen. Harry kann hin und wieder ihre leichte Missbilligung in Bezug auf seine Entscheidungen förmlich spüren.
»Kann ich Ihnen sonst irgendwie helfen?«, fragt Anna.
»Heute um sechzehn Uhr sollten die Laborbefunde zu Davies' Fall vorliegen«, hebt Harry an. »Ich wollte sie persönlich abholen, aber ich muss heute früher gehen, also, wenn Sie könnten…«
»Ich gehe gleich nach dem Feierabend dort vorbei.«
»Schreiben Sie es sich für Ihr Überstundenkonto gut«, sagt Harry dankbar.
Anna lächelt ironisch, protestiert aber nicht. Die praktische Muggelerziehung gewinnt bei ihr fast immer die Oberhand.
Harry wendet sich wieder den Akten zu. Seine Rolle im Ministerium beschränkt sich darauf, die letzte Instanz im magischen Rechtssystem zu sein. Es wurde niemals offiziell publik gemacht, aber die Mitglieder des Zaubergamots hatten ihn einstimmig zum obersten Richter erkoren. Seitdem gehen sämtliche Prozessakten durch seine Hände. Er macht sich mit vorhandenem Beweismaterial und den Verhörprotokollen bekannt und schließlich auch mit den ersten Vorschlägen zum Urteil. Seine Aufgabe ist, all das einzuschätzen, seine Anmerkungen einzutragen und, falls nötig, die Änderung der angedachten Strafe vorzuschlagen. Schließlich kennt er sich wie kaum ein anderer mit den Todessern aus und ist wohl die letzte lebende Person, die genau weiß, wer was während des Krieges tat und was er sich damit verdiente.
Er liest Harpers Akte zu Ende und nach einem kurzen Überlegen setzt seine Unterschrift darunter. Anna übernimmt die Mappe und zieht die Augenbrauen zusammen, als sie seinen Namen auf der letzten Seite sieht.
»Stimmt etwas nicht?«
Die Assistentin zögert ein wenig, den Blick auf die Mappe gerichtet. »Sind Sie sich sicher über Ihre Entscheidung?«, fragt sie dann in einem neutralen Ton.
»Absolut sicher.«
»Dann ist alles in Ordnung.« Anna legt die Mappe in die Ablage mit erledigten Angelegenheiten und setzt sich an ihren Schreibtisch zurück. Harry macht es ihr noch nicht nach.
»Ich glaube, falls Sie irgendwelche Bedenken haben, dann sollen Sie mir sie schon mitteilen«, erklärt er mit Ruhe. Er will nicht, dass sie es als eine Abmahnung auffasst. Sie ist wirklich keine üble Assistentin und es wäre schade, sie zu verlieren. »Es liegt nicht in meiner Gewohnheit, Leute für ihre eigene Meinung zu bestrafen.«
Anna Seghers erstarrt mitten beim Unterschreiben eines Blattes. »Seit zwei Monaten beobachte ich täglich die Verhöre der Todesser«, entgegnet sie. »Die meisten davon sind so alt wie ich, manche gar jünger. Sie waren noch Kinder, als sie sich Sie-wissen-schon-wem angeschlossen haben.«
Harry verzichtet darauf, sie daran zu erinnern, dass er selbst vierzehn war, als er zum ersten Mal gegen Voldemort leibhaftig kämpfen musste.
»Gestern war ich bei Harpers Verhör dabei«, setzt seine Assistentin fort. »Sein älterer Bruder stand unter Verdacht, ein Todesser zu sein. Er ist bei einer Schlacht umgekommen, später hat es sich aber herausgestellt, er habe nicht einmal daran teilgenommen. Er ist auch kein Todesser gewesen, aber der ganze Besitz seiner Familie ist trotzdem beschlagnahmt worden. Seine Mutter war kränklich. Sie haben ihre Einkommensquellen verloren und Sie-wissen-schon-wer hat ihnen dann Unterstützung angeboten.«
Sie verstummt für einen Augenblick. Harry weiß bereits, was sie gleich sagen wird. Er hatte solche Gespräche schon mehrmals geführt. In der letzten Zeit passieren sie auch immer öfters. Menschen, die an dem Krieg keine direkte Teilnahme hatten, erheben ihre Stimmen. Sie wissen nicht, wie hoffnungslos die Lage der Kämpfenden war und können auch nicht begreifen, dass die Realität in der Zeit der Kriege von anderen Gesetzen bestimmt wird.
»Dieses Kind tut mir Leid.« Anna Seghers spricht endlich den Satz aus, auf den Harry Potter bereits seit dem Gesprächsbeginn wartet. »Und es gibt eine ganze Menge seinesgleichen.«
»Harper hat an den Kämpfen teilgenommen», erinnert sie Harry ruhig. »Er hat Menschen getötet.«
»Ja, ich weiß, aber… Darum geht es mir nicht.« Sie dreht sich zu ihm. »Das Ministerium gibt Millionen von Galeonen für die Jagd auf solche Menschen wie er. So wird es noch ganze lange Jahre gehen. Manchmal überlege ich es mir, ob es besser wäre, einen Teil davon einfach auf sich beruhen zu lassen…«
Harry seufzt innerlich. Er kommt nicht umhin, die Sache klar darstellen zu müssen. »Sie wissen, wo die Akten von denen stehen, die immer noch flüchtig sind?« Anna bejaht. »Geben Sie mir eine Mappe davon. Ganz egal, welche.«
Anna holt einen Schlüssel aus dem Schreibtischfach und nähert sich einem schweren Panzerschrank. Sie schließt die Augen und nimmt eine der gräulich-weißen Mappen heraus. Harry öffnet sie, ohne auf den Namen auf dem Umschlag zu schauen. Die Menge der gesammelten Unterlagen deutet darauf, dass es sich hier um einen der aktiveren Befürworter Voldemorts handeln müsste. Er blättert herum, bis er das Gesuchte findet und schiebt die Mappe seiner Assistentin vor die Nase.
»Zählen Sie bitte die Seiten zusammen«, sagt er. »Bis zu der nächsten Überschrift.«
Anna zählt langsam die mit Namen gefüllten Blätter durch. »Dreiundzwanzig«, antwortet sie und schluckt. Sie weiß ganz genau, was diese Namensliste bedeutet.
»Eben«, bestätigt Harry. »Dreiundzwanzig Seiten mit den Namen der Menschen, deren Tod der Todesser, dem diese Mappe gewidmet ist, indirekt verschuldet hat.« Er lehnt sich im Stuhl zurück. »Indirekt kann bedeuten, er hat diese Menschen an andere Todesser verraten. Oder beim Foltern geholfen, zum Beispiel weitere Instrumente gereicht, während das Opfer um Hilfe gefleht hatte.« Anna schüttelt sich kaum merkbar. »Oder er hat neue Zaubersprüche beziehungsweise Zaubertränke erfunden, von denen die Muggels wie Fliegen starben. Es ist nicht wichtig, was es genau war. Es zählt nur, dass die Leute, derer Namen diese Liste füllen, Familien und Freunde hatten. Wissen Sie, dass es jeden Tag etwa hundert Briefe im Ministerium ankommen, die an mich adressiert sind?« Anna starrt den Boden an. »Die meisten davon haben Menschen geschrieben, die ihre Familien durch solche Leute wie dieser hier verloren haben.« Harry zeigt auf die aufgeschlagene Mappe. »Sie möchten, dass ich ihnen helfe. Sie wollen Gerechtigkeit. Damit sie ruhig schlafen können mit dem Wissen, dass der Mord an ihren Angehörigen nicht unbestraft geblieben ist.«
Er macht eine Pause und schaut zu seiner Assistentin. »Gucken Sie auf die nächste Überschrift«, spricht er dann, nachdem es klar wird, dass er momentan mit keiner Antwort zu rechnen braucht. Anna befolgt gehorsam seine Bitte.
»Zwei Seiten«, sagt sie.
»Das sind die so genannten direkten Morde. Morde, die bewiesen werden konnten. Es sind nur zwei Seiten, doch es ergibt trotzdem jede Menge Namen, und jede von diesen Personen hat dieser Todesser mit den eigenen Händen und aus freien Stücken umgebracht. Verstehen Sie, was ich damit sagen möchte?«
Anna hebt ungerne den Blick. »Dass sie gar nicht so verloren waren wie ich es glaube? Und sind es nicht wert, Milde walten zu lassen?«
Harry schüttelt leicht den Kopf. Sein Blick bleibt auf einem der letzten Namen haften. Hermine Granger. Von allen Mappen in dem Schrank musste Anna gerade diese gewählt haben. Er schließt die Augen und versucht die Erinnerungen zu unterdrücken, die in ihm aufsteigen. Rons Mörder bezahlte bereits für seine Taten. Dasselbe passiert mit Hermines Mörder. Es ist nur eine Frage der Zeit.
»Jeder von uns trifft in seinem Leben eine Wahl und muss mit ihren Konsequenzen rechnen«, sagt er im ruhigen, sicheren Ton. »Egal, unter welchen Bedingungen und wegen welcher Schuld oder aus welchen sonstigen Beweggründen — jeder von ihnen hat sich zu einem bestimmten Zeitpunkt entschieden, andere Menschen umzubringen. Sie haben Leichen hinterlassen. Leblose menschliche Körper.«
Anna Seghers schweigt erstmal. Ihre Augen wandern von einem Namen auf der sauber zusammengestellten Liste zum anderen. »Es gibt eine Sünde, und so muss es folglich eine Sühne geben?«, fragt sie dann.
»So ist es«, bestätigt Harry mit Nachdruck. Wenn es etwas geben sollte, wessen er sich sicher ist, dann ist es dies: dass jeder für seine Taten gerade stehen muss. »In unserer Welt gibt es keine Todesstrafe mehr«, ergänzt er. »Ich habe mich dafür eingesetzt, dass die Dementoren nicht mehr ihr Unwesen in Askaban treiben. Somit ist das Gefängnis nicht das Schlimmste, was die Leute erwarten kann. Falls sie sich entsprechend verhalten, Reue zeigen und von einem Heiler eine Bestätigung über eine mögliche Wiedereingliederung in die Gesellschaft erhalten, dann können sie eines Tages in die Freiheit entlassen werden. Mehr kann ich ihnen nicht bieten.« Seine Stimme wird stahlhart. »Wie man sich bettet, so schläft man.«
Anna gibt ihm recht und beide gehen zu ihren Aufgaben zurück. Harry weiß jedoch Bescheid, dass er sie nicht restlos überzeugen konnte. In Gedanken verspricht er sich, bald mit der Vernichtung von bestimmten Unterlagen anzufangen, die zu ihrem Ungunsten sprachen. Es war ein Krieg und sie taten, was es zu tun galt. Es wieder hochkommen zu lassen hat nun keinen Sinn mehr, doch Anna Seghers ist wohl ein Mensch, der einen Riesenskandal auslösen könnte in der Überzeugung, es sonst nicht mit seinem Gewissen vereinbaren zu können. Es gibt solche Menschen. Neville ist auch so. Solche Menschen können nicht verstehen, dass die Regeln manchmal gebrochen werden müssen.
Nach dem Verlassen des Büros begibt er sich sofort zum Archiv und zerstört die Unterlagen, an die er sich noch erinnern kann. Er bemüht sich auch, sich zu erinnern, ob es noch mehr davon gab. Bei der Gelegenheit vernichtet er auch die Daten über die Zaubersprüche, die er letztens benutzt hatte. Es ist eher unwahrscheinlich, dass jemand diese automatisch erstellten Verzeichnisse wirklich durchsieht, doch Harry möchte das Risiko der Preisgabe der angewendeten Zauber nicht eingehen. Die Gedanken der Muggels zu manipulieren wird nicht als positiv gewertet, und die Menge der Zaubersprüche, die Verwirrung verursachen und für Verhüllung sorgen, könnte tatsächlich einen Verdacht erregen. All das könnte wiederum direkt zu einem kleinen Reihenhaus in Bournemouth führen und gerade dieses Szenario kann sich Harry überhaupt nicht leisten.
James Evans kommt an diesem Tag nicht, wie versprochen, früher nach Hause. Genau genommen kommt er später als sonst. William gibt ihm zu spüren, er sei nicht glücklich darüber, fragt aber nicht nach den Gründen der Verspätung. Entsprechende, diskret von Harry geworfene Zaubersprüche bewirken, dass es ihm nicht einmal in den Sinn kommt.
Als es für James Evans an der Zeit ist, sich ins Bett zu legen, geht er unterwegs zum Schlafzimmer an einem Spiegel vorbei. Er bleibt davor stehen und starrt sein halb von der Dunkelheit umhülltes Abbild an.
»Du bist ein Heuchler«, eröffnet er dem Spiegel.
Er bekommt keine Antwort.
XXX
Sie fanden erstaunlich schnell zu einer Routine. Vielleicht deshalb, weil beide tief in ihrem Inneren klare Regeln und Muster liebten — oder deshalb, weil ihnen die Ordnung ein Gefühl der Sicherheit gab.
Harry herrschte über die Küche und Draco entdeckte erstaunt, dass Potter nicht nur kochen konnte, sondern es dazu noch ziemlich gut tat. Manchmal half ihm Draco dabei, aber seine Handgriffe begrenzten sich meistens darauf, etwas, was ihm Harry auftrug, klein zu schneiden. Draco sagte eine solche Aufgabe sehr zu. Es erinnerte ihn ein bisschen an die Vorbereitung der Zutaten für die Zaubertränke.
Harry bestand auch stur darauf, das Haus ohne die Hilfe der Magie sauber zu halten. Er holte Waschlappen und eine Schüssel voll mit Seifenwasser und wischte sämtliche Möbel und Kleinkram ab, dann fegte er mit einem Besen sorgfältig jede Ecke sauber. Einige Zeit überlegte Draco, ob es wohl eine seltsame Form darstellte, die Sehnsucht nach Quidditch zu stillen, doch dann entdeckte er Harry im Badezimmer, wie er mit einer Zahnbürste die verschmutzten Fugen zwischen den Fliesen reinigte und stellte fest, dies müsste eine Art Wahn oder Manie sein.
Draco richtete seine Aktivität auf den Garten und das Unkrautjäten zwischen den vernachlässigten Rosensträuchern. Er kramte in seinem Gedächtnis nach den Kindheitserinnerungen, als er Narzissas Gesprächen mit dem Hauptgärtner gelauscht hatte. Er bestellte sogar einmal eine Muggelfachzeitschrift mit einem vierseitigen Artikel über das Knabenkraut. Harry lachte ihn aus, doch er half ihm manchmal beim Anlegen der neuen Beete, da Draco sich leider nicht mehr an den richtigen Zauberspruch erinnern konnte.
Sie lebten zusammen, als ob nichts passiert wäre und nur sie beide zählen würden.
Hin und wieder kam jemand vorbei und brachte die neusten Nachrichten. Draco zog sich dann mit einem Buch nach oben zurück oder suchte sich eine Beschäftigung im Garten. Er wusste, worüber gesprochen wurde. Ich weiß, man will, dass Harry woanders zieht. Er wusste auch, dass Harry lieber hier bleiben wollte. Nach einem solchen Gespräch, wenn der Gast wieder verschwand, kehrten sie wieder zur Normalität zurück.
Ab und zu begegnete Draco Harrys Blick, der eine nicht gestellte Frage enthielt. Ob wir für immer so bleiben könnten? Draco tat so, als ob er nichts verstehen würde, doch im Geiste verfluchte er Harry für seine Naivität. Diese kleine Welt war nicht einmal echt, ihre Eintracht und Harmonie waren nur ein erfolgreicher Slalom zwischen mehreren Tabuthemen. Ihre Bindung war etwas seltsames, was garantiert keine Zukunft hatte.
Sie konnten nicht für immer so bleiben. So was wie „für immer" gab es nicht. Alles hatte irgendwann sein Ende und Draco wusste, dass das Ende ihrer Illusion immer näher rückte. Man musste blind sein, um es nicht zu erkennen.
Hundertachtundachtzigster Tag
Diesmal fängt es mit einer Melodie an.
Danach gibt es lange Gänge, einen verdunkelten Raum, der nach Tod riecht, schwere Vorhänge und helle Locken auf einem Kopfkissen. Ein Schrei des Entsetzens und ein Schüttelfrost. Ein dunkelhaariges Mädchen mit müden Augen. Schwarz gekleidete Gestalten, eine Menge maskierter Menschen. Massives, kaltes Mauerwerk. Eine Lache voll Blut. Nicht nur eine. Viele davon. Blut an den Schuhen und rote Spuren auf dem Fußboden. Eine Treppe. Das Zischen einer Schlange.
Du bist nur eine Illusion.
Hinter den Masken blitzen Augen hervor. Augen lauern auch hinter den Türen, vor dem geöffneten Fenster, unter dem Tisch. Augen ohne Gesichter, ohne Ausdruck. Sie beobachten jede Bewegung. Alles, überall und in jeder Sekunde. Das eigene Gesicht im Spiegel und das Gefühl, dass…
Erneut der Schrei des Entsetzens. Dunkle Haare, eine blitzförmige Narbe, hasserfüllte Augen. Das Zischen einer Schlange, die auf dem Fußboden kriecht. Eine Frau fällt zu Boden, in ein grünes Licht getaucht. Vom Himmel fällt Staub. Und wieder der Schr…
William Black erwacht mit wild pochendem Herzen. Einen Augenblick, vor Angst gelähmt, lauscht er in die Stille hinein, auf ein Geräusch wartend, das ihm die Quelle seiner Angst verraten könnte. Neben ihm liegt James und atmet gleichmäßig in einem tiefen Schlaf. Aus der Küche dringt der Laut von tapsenden Hundepfoten. Voisine scheint also auch nicht zu schlafen. William dreht sich auf den Rücken. Es war nur ein Traum. Ein weiterer Traum.
Er steht langsam auf, bemüht, James nicht zu wecken. Das Licht der Straßenlampe rutscht durch den Spalt zwischen der Gardine und dem Vorhang und fällt auf sein im Schlaf entspanntes Gesicht. William richtet seinen Blick auf die Zickzacklinie der Narbe. In diesem Licht sieht sie ein wenig wie ein Blitz aus.
In der Küche holt er ein Glas aus dem Schrank und schenkt sich kalte Milch ein. Voisine wedelt mit dem Schwanz und beobachtet ihn aufmerksam, ohne sich darum zu kümmern, dass brave Hunde um vier Uhr in der Frühe eigentlich noch schlafen sollten. William krault sie hinter dem Ohr und zum wiederholten Mal denkt er, dass er wohl viel zu schnell bei anderen Menschen nachgibt. Jedenfalls gibt er bei Eva zu leicht nach. Es genügte, dass sie nach Bournemouth für das Wochenende kam und erklärte, sie würden nun in ein Tierheim fahren, damit er gehorsam einen Hund adoptierte.
Warum nur?
Das Bild des dunkelhaarigen Mädchens mit müden Augen aus dem Alptraum schwebt in die hell beleuchtete Küche hinein und… Du hast überhaupt keinen Willen, sagt sie und lächelt bösartig, als ob sie einen Witz erzählte, den er überhaupt nicht verstehen konnte. William erkennt, dass es eine Erinnerung sein muss.
Woher kam das? Und wozu?
Was soll's, denkt William und knipst das Licht aus. Sei es drum. Von dem Ausflug zum Tierheim blieb ihm Voisine als Mitbringsel zurück. Wie es scheint, der liebste und ruhigste Hund der Welt. Somit hat er auch Gesellschaft, während sich James mit der Arbeit beschäftigt.
Er geht ins Wohnzimmer rüber und öffnet die Balkontür. Voisine läuft hinaus und verschwindet irgendwo zwischen den Geranien. William sieht eine Weile zu, wie sein Hund ziellos vom Busch zu Busch umherstreunt. Langsam trinkt er etwas von seiner Milch. Er hat keine Lust, ins Bett zurückzugehen.
Auf dem Tisch im Wohnzimmer liegt ein Stapel von Mappen, die James von der Arbeit mit nach Hause brachte in der Hoffnung, ein wenig zu Hause arbeiten zu können. Aus dieser Hoffnung wurde nichts, William kümmerte sich schon darum. Er will nicht, dass James über seine Kräfte arbeitet und außerdem mag er es, ihn zu störten. Meistens endet auch dann alles im Schlafzimmer.
William lächelt in sich hinein und stolpert fast gedankenverloren über den Tisch. Er hält sich am Stuhl fest, um nicht umzufallen, doch er schafft es nicht, das Glas gerade zu halten. Die Milch schlägt Wellen, die über den Rand hinaus schwappen und in ein völlig ungeeignetes Gebiet migrieren. William flucht leise, stellt das Glas weg und wischt eilig mit dem Tischtuchrand die nassen Flecke von James' Unterlagen ab. Er überlegt schon, was ihm James wohl antun wird, wenn er entdeckt, dass seine wertvollen Mappen Milchspuren aufweisen. Es ist beinahe lächerlich, wie er sich davon nicht trennen kann. Er glaubt wohl, er wäre sehr vorsichtig, sie immer mit sich mitzuschleppen und nie frei herumliegen zu lassen, wenn sie Besuch bekommen. William bemerkte schon vor langer Zeit, dass James es sich nicht wünscht, dass jemand einen Blick in die Unterlagen wirft. Manchmal scheint es William sogar, James hätte sie illegal von der Arbeit mitgenommen.
Das Komischste daran ist, denkt William, während er die letzten Tropfen wegwischt, ist die Tatsache, dass die Unterlagen selbst furchtbar langweilig sind. Es ist unglaublich, wie sie auf die Menschen wirken. William weiß, er ist von Natur aus ein neugieriger Mensch und macht keinen Hehl draus, alles über alle wissen zu wollen. Doch jedes Mal, wenn er auf die Idee kommt, sich genauer anzuschauen, was James mit nach Hause bringt, fällt ihm was Wichtigeres zu tun ein und schon ist die Sache ganz vergessen. Hin und wieder gelingt es ihm, diese oder jene Mappe aufzuschlagen, aber insgesamt kann er nur ein paar Sätze lesen, bevor er gänzlich das Interesse daran verliert. Unglaublich, wie zuwider ihm diese Unterlagen sind. Und nicht nur ihm. Eva schaffte es auch nicht. Nach einem Versuch, sie zu lesen, lachte sie auf und sagte, sowas wäre ihr noch nie passiert und es müsse der endgültige Beweis dafür sein, dass James wohl den langweiligsten Job der Welt zu machen hat.
William streicht die feuchte Seite glatt und schätzt ihren Zustand als brauchbar ein, was heißt, er wird möglicherweise morgen früh doch nicht umgebracht. Er überfliegt den Text. Ein Bericht vom Verhör von Vincent Crabbe, geboren am 3.05.1980 in Little Canfield, Essex. Der Befrager: Brian Grey, Stenogramm: Anna Seghers. Ort des Verhörs: Ministerium für Ma…
William wendet den Blick von dem Blatt ab. Plötzlich hat er Lust auf etwas Essbares. Vielleicht ein belegtes Brot. In der Küche müsste es noch etwas von dem Truthahn übrig sein, den James vor zwei Tagen gebraten hatte. Und ein oder zwei Salatblätter. Passt ausgezeichnet. William steuert die Küche an, doch Voisine stellt sich ihm in den Weg, da sie ausgerechnet diesen Moment für richtig hält, ihre Pfoten auf die Tischplatte zu legen und ihn bettelnd anzusehen.
»Wann bist du wieder hineingekommen?«, fragt er die Hündin, ihren Kopf streichelnd. »Keine Lust mehr auf die Blumenbeete? Du bist schwer zufriedenzustellen, was? Sicherlich möchtest du auch ein Stück Truthahn, oder?« Beim Klang des Wortes „Truthahn" fegt der Hundeschwanz energisch hin und her. »Dachte ich mir«, quittiert William und schubst die Hundepfoten vom Tisch.
Er streckt den Arm aus, um die Mappe zuzuklappen, doch er erstarrt auf dem halben Wege. Aus der ganzen Masse unbedeutender Worte fischt er eins heraus, dass ihn das Brot und den Hunger vergessen lässt.
Malfoy.
William schiebt sich langsam den Stuhl vor und setzt sich an den Tisch. Voisine rutscht näher und legt ihm den Kopf in den Schoß. William streichelt gleichmäßig ihr Fell und blättert alle paar Minuten eine Seite um. Diesmal kann ihn nichts von der Lektüre abbringen, obwohl er das Gefühl hat, etwas würde es versuchen. Jedes Mal, wenn er einen Anflug von plötzlicher Müdigkeit, Hunger oder Entmutigung verspürt, drückt er seine Hände an dem Hundenacken fest, und Voisine gibt ihm dann einen kleinen Stups mit der Nase als Antwort. Es genügt, um ihn wieder aus dem Nachsinnen zu reißen.
Der Name Malfoy erscheint noch mehrmals auf den Seiten und bringt jedes Mal ein schmerzhaftes Stechen mit sich. William weiß noch nicht, was es heißt, doch er ist sich sicher, es herausfinden zu müssen.
Als er die Mappe zumacht, kennt er den Inhalt aller Unterlagen. Schweigend geht er in die Küche und gibt Voisine ein Stück Truthahn zum Dank für ihre Hilfe. Danach legt er sich wieder ins Bett und starrt reglos bis zum Morgengrauen die Decke an. Dieser Nacht findet er keinen Schlaf mehr.
XXX
Manchmal blieb nach den kurzen Besuchen von außen ein Stapel Zeitungen übrig, die ihnen Informationen über die Welt lieferten, jedoch nie als ein Ausgangspunkt für Diskussionen dienten. Die Themen waren sensibel und schmerzlich für jeden von ihnen.
Eines Tages blätterte Draco gedankenlos in dem Tagespropheten von letzter Woche, als sein Blick auf einen unscheinbaren Artikel über die Bauarbeiten im westlichen Teil von Askaban fiel. Angeblich sei der Schutzzauber mit dem Heizungszauber für die Zellen in der tiefsten Ebene reagiert und etwas sei dabei explodiert. Jetzt solle es daran wieder gebaut werden.
Draco kniff die Augen zusammen und erinnerte sich, was ihm die Tante Bellatrix bei ihrem letzten Besuch in Malfoy Manor erzählt hatte. Er hätte schwören können, sie hätte erwähnt, dass es auf der tiefsten Ebene keine Zellen gab, sondern nur ein Lebensmittellager. Dazu kam noch ihr Mann, der wohl ausgerechnet im westlichen Teil von Askaban gesessen hatte und sich lange danach immer noch zu warm anzog, nachdem er jahrelang die Kälte des nicht beheizten Gefängnisses ertragen musste.
Draco erinnerte sich, wie ihm sein Vater immer wiederholte, er müsse auf die kleinsten Details achten, denn gerade daran konnte man am leichtesten eine Lüge von der Wahrheit unterscheiden. Er griff in der Erinnerung zurück und holte ältere Zeitungsausgaben aus dem Schrank. Einige Minuten später fand er ein vor einiger Zeit gelesenes Interview mit dem Zaubereiminister, in dem es direkt hieß, am wichtigsten wäre es, dass sich die Gesellschaft sicher fühlt und die Menschen die Ruhe bewahren. Und dass es manchmal besser wäre, wenn bestimmte Informationen nicht öffentlich gemacht werden.
Er dachte immer noch darüber nach, als Harry bereits schlief. Er hörte dem Rhythmus seines Atems zu und kam zu seltsamen Schlussfolgerungen. Seinen Entschluss überdachte er noch eine ganze weitere Woche. Er dachte darüber, dass, falls sein Vater wieder frei war, ganz bestimmt für die Sicherheit seiner Frau sorgen musste. Er würde sie finden können. Ihre Familie wieder zu einem Ganzen zusammenfügen können.
Draco beobachtete Harry und dachte, er hätte es nie verstehen können, er war auch nie im Stande es zu begreifen, dass Draco absolut alles, inklusive seiner eigenen Existenz, seinen Eltern zu verdanken hatte und dass seine Loyalität ihnen gebührte. Harry Potter war den größten Teil seines Lebens nur auf sich selbst angewiesen. Er konnte nicht verstehen, wie es war, wenn die Familie alles darstellte, was man hatte.
Draco ging am siebten Tag nach der Lektüre des Artikels weg. Er erwog noch, Harry einen Zettel mit der Erklärung zu hinterlassen, doch er wusste nicht wirklich, was er ihm schreiben konnte außer „Ich bin der Sohn meines Vaters". Ein einfaches „Es tut mir leid" wäre wohl zu heuchlerisch. Und so ging er weg, ohne eine Nachricht zu hinterlassen.
Er verfälschte mit einem Zauber sein Aussehen und begab sich nach London. Von einer illegalen Stelle in der Nokturngasse apparierte er direkt nach L'Abri. Sein Vater erwartete ihn bereits dort.
Es gab keine andere Möglichkeit, dachte Draco, das seltsame Gefühl unterdrückend, das ihn am liebsten würde weit weg flüchten lassen. Er überhörte Stimmen, die ihm vorsagten, Harry würde ihm diesen weiteren Verrat ganz sicher nicht mehr verzeihen. Trotzdem wollte Draco nichts von den nagenden Zweifeln wissen und verdrängte seine innere Unruhe.
Er setzte sich seinem Vater gegenüber in derselben Küche, in der seine Mutter einst sang, „wenn ich einen Traum gefunden hätte, der mich glücklich mache, dann würde ich am liebsten nie wieder daraus erwachen". Er glaubte, das Schicksal war gerade im Begriff, sich zu erfüllen, und der Lauf seines Lebens kehrte in die längst gelegten Bahnen zurück.
Alles würde so sein, wie es sein sollte.
