I.3 Die Entscheidung

"Ich will mein eigenes Team."

Der junge Elf hatte diesen Satz ruhig und bestimmt vorgebracht. In Taliesens gewohnt arrogantes Gesicht Verblüffung und Ärger mischten. Der Capo hatte mit vielem gerechnet, als Zevran ihn um ein Gespräch unter vier Augen gebeten hatte. Damit nicht... Doch dauerte es nur wenige Augenblicke, bis er wieder zu seiner gewohnten Stimmung fand. Er begann, leise zu lachen: "Hältst du das wirklich für eine gute Idee, Zevran? Du bist geschickt mit dem Dolch und ein Meister im Verführen, aber ein großer Stratege bist du nicht. Zum Capo gehört mehr als ein hübscher Titel." Er verzog verächtlich den Mund.

Der Angesprochene blieb gelassen, nur seine Augen verengten sich spöttisch. "Ich weiß, was ich kann, ich brauche keine Bestätigung deinerseits. Ich dachte nur, es wäre angemessen, dir davon zu erzählen, ehe es allgemein bekannt wird."

Sie waren in Taliesens Zimmer. Er war großzügiger geschnitten als die Quartiere der einfachen Assassine. Der Kamin blieb im Sommer ungenutzt. Taliesen setzte sich in den Sessel, der davor stand, legte das linke Bein angewinkelt auf das rechte Knie und betrachtete den jüngeren aus stechenden, grau-blauen Augen. Die Abendsonne schien durch die hohen Fenster und ließ Zevrans Haare rötlich leuchten. Der Elf trug keine Rüstung, nur ein leichtes, locker sitzendes Hemd und eine schmal geschnittene Hose zu seinen Stiefeln. Einen Arm hatte er in die Seite gestemmt, die andere Hand ruhte auf dem Fenstersims. Die Geste sollte vielleicht selbstbewusst und nachdrücklich wirken, sie wirkte aber vor allem betörend...

"Aber... warum?" Der Capo klang ungewohnt zögerlich. Eine Zornesfalte bildete sich über seiner Nasenwurzel. "Du hattest zugestimmt, zu meinem Team zu gehören. Wir arbeiten doch gut zusammen. Oder nicht? Ich dachte... die Sache mit Sergio wäre längst geklärt."

Taliesen beobachtete aus den Augenwinkeln, was die Erwähnung seines ehemaligen Ausbilders bei Zevran auslösen würde. Im Gesicht des Elfenassassinen war keine Regung zu erkennen. "Es geht hier nicht um Sergio. Der ist lange tot." Zevran sprach mit fester, zwangloser Stimme. Taliesen atmete innerlich auf.

"Ich möchte mein eigener Herr sein. Meister Antonio hat mich ermutigt." In den Augen des jungen Assassinen glühten Entschlossenheit und Stolz. "Ich werde mir nicht die Chance entgehen lassen, der jüngste Capo zu werden, den es jemals bei den Krähen gegeben hat."

Taliesen biss sich auf die Lippen. Er war bisher der jüngste Capo der Zelle gewesen. Er selbst etwas Besonderes. Natürlich verstand er Zevran. Doch ihn einfach so gehen lassen? "Hast du vergessen, was ich für dich getan habe?" Er quetschte den Satz zwischen seinen Zähnen hervor, kämpfte mit seiner Wut.

Zevran lachte: "Du meinst, wie du mich erst fast hast zu Tode foltern lassen und mich anschließend gerettet hast? Nein, wie könnte ich das vergessen." Seine Augen blitzten, aber es war kein Hass, es war Herausforderung.

Der junge Capo schaute den Elf an, dann weg von ihm zur Tür. Er hatte ihm nie offenbart, was ihn wirklich dazu bewogen hatte, sich damals so sehr für ihn einzusetzen - bis hoch zum Meister der Zelle. Taliesen hatte den jungen Elf beobachtet, schon bevor Ginera vom ihm erzählt hatte, seine Entwicklung, seine Begabung. Er hatte Sergio um dieses junge Talent beneidet. Er wollte ihn haben, unbedingt, ihn besitzen und in seinem Sinne einsetzen. Zevran war für ihn das Juwel, der Schatz, den er hatte erobern wollen.

Den Tod Sergios hatte er zuerst als "glückliche Fügung" betrachtet. Als Zevran plötzlich verschwunden war, begann er zu ahnen, dass der andere Capo für den Jungen mehr gewesen sein muss, als nur ein Vorbild, zu dem er aufschaute. Und dass der Elf neben all seinen Stärken auch seine schwachen Seiten hatte. Emotionalität und Impulsivität sind Charakterzüge, die schwer in das Leitbild einer guten Krähe passten. Etwas, das dem Jungen "ausgetrieben" werden musste, sofern er dafür nach seiner Flucht noch eine Chance haben würde.

Taliesen bekam diese Chance und hätte ihn dabei beinah zum zweiten Mal verloren... Er dachte noch einmal an diese schweren Tage und Wochen. An die komplizierten Gespräche, in denen er begründen musste, warum es ihm so wichtig war, den halbtoten Jungen zu retten. Er erinnerte sich an sein kostspieliges Gebot auf Trinibelli - er wollte unbedingt die Organisation für diesen Auftrag übernehmen, um an Zevran heranzukommen.

Alles in allem ein hoher Einsatz, der sich letztlich gelohnt hatte. Sein Schützling hatte ihn nicht enttäuscht. Eine ganze Reihe erfolgreicher Missionen hat das Taliesen-Team innerhalb nur eines Jahres zum wichtigsten der Zelle werden lassen. Antonio betrachtete den jungen Capo als seine rechte Hand. Aber der Meister wusste auch sehr genau, wem diese Erfolge hauptsächlich zu verdanken waren.

"Du kannst mich nicht halten, ich habe ein Recht darauf, mein eigenes Team zu bilden" betonte Zevran noch einmal. "Ich habe mich bereits nach Leuten umgeschaut. Ich habe einen talentierten Späher und Schlossknacker an der Hand. Außerdem habe ich einige Leute aus dem letzten Abschlussjahrgang im Visier. Sie sind interessiert."

Taliesen schaute zu Boden, darum bemüht, seine Gefühle zu verbergen. Natürlich hatte der Elfen-Assassine Recht. Er selbst hätte genauso gehandelt. Was für eine Möglichkeit - Capo mit siebzehn. Wer würde sich das entgehen lassen? "Das wird so was von schief gehen..." Er lachte leise, schüttelte den Kopf. "Aber in Ordnung. Ich lasse dich gehen. Nur... ich möchte, dass wir kämpfen."

Nun war die Verwunderung auf Zevrans Seite. "Wie meinst du das, kämpfen?" fragte er skeptisch.

Der Capo erhob sich und kam seinem bisherigen Schützling näher. Stemmte nun ebenfalls die Hände in die Seiten. Mensch und Elf standen sich nah gegenüber, beider Blicke entschlossen. Der Größenabstand war deutlich. "Nicht bis zum Tod," sagte Taliesen ruhig. "Bis der erste in einer ausweglosen Situation ist. Nur wir zwei, unter uns. Es geht um eine Entscheidung, meine Entscheidung."

Der Elf überlegte, was Taliesen planen könnte. Schließlich zuckte er die Achseln. "In Ordnung, ich scheue die Auseinandersetzung nicht. Aber du hast kein Recht, mich zu halten, selbst wenn du den Kampf gewinnst."

"Das weiß ich," sagte Taliesen. "Gehen wir?"


Sie trafen sich im Trainingsraum. Es war Nacht, sie waren allein. Einige Wandleuchter spendeten ein diffuses Licht. Sie hatten sich auf einfache Kleidung geeinigt und je nur einen Dolch. Nun standen sie sich gegenüber und lauerten, jeder abwartend, wer als erstes angreifen würde.

Taliesen wagte den ersten Schritt, Zevran wich aus. Der Capo parierte den Gegenangriff des Jüngeren mit dem Arm. Zevran sprang zurück.

Sie tanzten und die rangen. Zwei, die sich so gut kannten. Die Bewegungen des anderen ahnten, die eigenen planten. Der eine überlegen an Größe und Stärke, der andere an Schnelligkeit und Geschick. Sie wichen aus, parierten, duckten sich, sprangen weg und wieder aufeinander zu. Der Kampf dauerte lange. Beide waren schon außer Atem, schwitzten, in ihren Augen glühte der Wille zum Sieg.

Wer würde zuerst straucheln, zuerst müde werden? War das ein Zittern in Zevrans Hand? Taliesen sprang vorwärts, der Elf zurück. Der Capo wankte und schon war Zevran hinter ihm, sprang ihm in den Rücken. Der Mann strauchelte und fiel, Zevran im Nacken, seinen Dolch an der Kehle. Das war die aussichtslose Situation. Taliesen gab sich geschlagen.

"In Ordnung," schnaufte er. "Du hast gewonnen. Ich habe mich entschieden..." Der Elf stand auf und gab den jungen Mann frei. Taliesen drehte sich um, setzte sich mit ausgestreckten Beinen auf den Boden, sich dabei nach hinten auf seinen Armen abstützend. Er warf den Kopf in den Nacken und rang nach Atem. Dann schaute der dem Jüngeren ins Gesicht: "Ich gebe meine Stellung als Capo auf, ich schließe mich deinem Team an."

Zevrans Augen wurden groß vor Erstaunen. "Ist das dein Ernst? Du willst kein Teamleiter mehr sein?" Er schluckte.

"Ich werde mich nicht wiederholen." presste Taliesen zwischen seinen Zähnen hervor. "Nimmst du nun an oder nicht?"
Der Elf bot dem Älteren seine Hand, um ihn in den Stand zu ziehen. "Ich nehme dein Angebot an." Sein Ton war formal, verriet kein Gefühl.


"Ginera ist dir sehr ähnlich, was ihre Fähigkeiten angeht...," bemerkte Taliesen, "Nahkampf, Gift, Verführung."

Zevran grinste: "Das hat bisher nie gestört. Warum sollte es mich jetzt stören? Sie ist die perfekte Ergänzung, mein Gegenstück für alle Männer und Frauen, die weibliche Rundungen bevorzugen." Der Elf lächelte und deutete entsprechende Formen mit seinen Händen in der Luft an.

Der ehemalige Capo und der neue berieten die Zusammensetzung des zukünftigen Teams. Eine Besprechung in der großen Runde war vorausgegangen. Die Verwunderung über Taliesens Entscheidung war groß, aber die meisten seiner Assassine waren einverstanden, mit ihm zusammen zu Zevran zu wechseln.

"Wen willst du noch aufnehmen?" fragte der junge Mensch.

"Diebe und Schlossknacker..." merkte der Elf an: "Ich habe da einen sehr talentierten Jungen, den ich von meiner Ausbildung her kenne, Genaldo. Und Urbano aus deiner Gruppe." Zevran unterbrach seine Rede und schob ein paar Schnipsel auf dem Papier hin und her, das er auf dem Tisch ausgebreitet hatte. "Fernkämpfer bringst du genug mit. Ich habe allen weiteren, die sich interessiert haben, abgesagt."

Der Dunkelhaarige nickte: "Valentin und Kemen sind die besten - beide noch aus Sergios Team." Noch einmal richtete sich Taliesens Blick prüfend auf den Elf. Aber Zevran blieb auch diesmal ohne Rührung.

"Das sollte reichen," meinte Taliesen, "Denke daran, je größer die Gruppe ist, desto teurer ist sie auch."

Zevran zwinkerte: "Dann müssen wir eben sehr aktiv und erfolgreich sein, nicht?"