Der unpassendste Moment oder: Eifersucht

Eine ganze Weile sah ich mir dieses Treiben jetzt schon an und von Minute zu Minute wurde ich missmutiger. Ich ärgerte mich über mich selbst, weil ich wusste, dass es nun eigentlich meine Aufgabe war, sich für Sherlock zu freuen. Ich hatte schließlich gesehen, wie sehr ihn der vermeintliche Tod von Irene Adler mitgenommen hatte. Er hatte nicht gegessen, nicht gesprochen, traurige Melodien auf seiner Geige gespielt. Und als er erfahren hatte, dass sie noch lebte, hatte sich seine Stimmung nur unwesentlich verbessert. Doch jetzt war sie hier. In unserer Wohnung. Die Frau.

Von der Sekunde an, in der Sherlock sie in seinem Bett hatte liegen sehen, war das Feuer in seine Augen zurückgekehrt. Er brannte nun wieder darauf, sich Zugang zu ihrem Smartphone zu verschaffen und seine ganze Konzentration galt wieder dem Fall. Das bedeutete aber gleichzeitig auch, dass er seine volle Aufmerksamkeit auf sie richtete. Er studierte sie, wie sie mit ihren nassen Haaren und in Sherlocks Bademantel in seinem Sessel saß, verfolgte jede ihrer Bewegungen mit seinem durchdringenden Blick. Und sie verhielt sich nicht anders, konzentrierte sich voll und ganz auf Sherlock.

Und ich saß daneben, fast gänzlich unbeteiligt und unbeachtet, und verfolgte ihren Wortwechsel.

Ich hatte nicht die leiseste Ahnung, was Sherlock in Irene Adler sah, doch er schien etwas in ihr zu sehen, sie schien ihm etwas zu bedeuten. Und das sollte mich froh machen. Es sollte mich freuen, dass es für Sherlock doch so etwas wie zwischenmenschliche Beziehungen gab, dass er sich vielleicht sogar verlieben konnte.

Doch ich freute mich nicht. Überhaupt nicht. Stattdessen fühlte ich mich ausgeschlossen. Ich wollte, dass Sherlock seine Aufmerksamkeit auch wieder mir zuwandte. Nur mir, wenn ich ehrlich war. Es war der denkbar ungünstigste Moment, das zu realisieren, doch ich war eifersüchtig.

„Sie sind ziemlich gut.", sagte Sherlock gerade und Adler erwiderte:

„So schlecht sind Sie auch wieder nicht."

Es war ja nicht auszuhalten, wie die beiden umeinander herumschlichen. Es sah fast danach aus, als würde die Frau jeden Moment über Sherlock herfallen, und ich konnte meine Klappe nicht länger halten.

„Hamish. John Hamish Watson. Nur falls ihr nach einem Babynamen sucht."

Für einen Moment traf mein Blick den Sherlocks und ich hatte das sichere Gefühl, dass er wieder einmal in mir las, wie in einem offenen Buch.

Er musste mir einfach ansehen, dass ich eifersüchtig war. Die Frage war nur, ob er die richtigen Schlüsse ziehen würde…