Bea kichert, als ich an ihrem Nacken knabbere. Ihre Haare sind noch feucht nach der gemeinsamen Dusche. Bisher habe ich es nur geschafft, wieder in Boxer und Jeans zu schlüpfen, während Bea, die kurz vor mir aus der Duschkabine gestiegen ist, außer der Bluse schon komplett fertig ist. Sie hält sie in der Hand, aber da ich noch immer nicht die Finger von ihr lassen kann, schafft sie es nicht, sie anzuziehen. „Ben, ich muss los…" Sie gibt mir einen Kuss auf die Wange und geht einen Schritt zurück, um endlich die Bluse überzustreifen. Wir betreten den Flur, während sie die Knöpfe schließt. Doch so schnell lasse ich sie nicht gehen, drehe sie an der Hüfte zu mir herum und dränge sie sanft an das Geländer. Mit meinen Armen auf den Metallstangen jeweils seitlich an ihr gibt es kein Entkommen. Sie lässt es zu, dass ich sie küsse, doch als ihren Mund öffnen will, löst sie sich wieder und schiebt mich mit der Hand auf meiner nackten Brust etwas von ihr weg.
„Ich muss jetzt wirklich gehen. Miriam wartet."
„Sag ab." Ich küsse sie zart und streiche neckend mit meinen Lippen über ihre. „Und wir gehen wieder ins Bett." Sie lacht leise, hält mich dann aber mit ihrer Hand an meiner Wange auf Abstand. „Dreimal Sex an einem Nachmittag reicht dir noch nicht?"
Ich dränge meine Hüfte an ihre, um ihr zu antworten. Sie grinst, als sie spürt, wie hart ich schon wieder bin und triumphierend bemerke ich, dass auch ihre Augen wieder zu glühen beginnen. Ich beuge mich nach vorne und küsse ihren Hals. Sie seufzt und ihre Hände wandern über meine Brust, meinen Bauch und dann in Richtung meines Hinterns, um mich dann noch enger an sie zu ziehen. Ich grinse und als ich die obersten zwei Knöpfe ihrer Bluse öffne, weiß ich, dass ich gewonnen habe. „Das habe ich davon, wenn ich mir einen so jungen Lover zulege…" murmelt sie lächelnd.
Ein lautes Räuspern lässt uns erschrocken auseinander fahren. Unten an der Treppe mit einem guten Blick auf uns steht mein Vater und nachdem er gerade sein Jackett auf dem Bügel aufhängt, muss er dort schon ein paar Sekunden stehen. Bea knöpft sich hektisch mit fleckigem Gesicht die Bluse zu. Ich gebe ihr schnell Raum und gehe zwei Schritte rückwärts, um nach meinem Shirt zu greifen, das auf der Kommode gleich an der Tür im Badezimmer liegt.
Papa kommt die Treppe hoch und nickt freundlich. „Guten Abend."
„Hallo Herr Bergmann." antwortet Bea mit höchst verlegenem Lächeln. Ich ziehe mir das Shirt über. „Hallo Papa."
Bea vergräbt ihr Gesicht kurz in meiner Schulter, als Papa im Wohnzimmer verschwunden ist. „Oh Gott, wie peinlich!" Sie stopft die Bluse in die Jeans und ich zucke mit den Schultern. „Ist doch nicht das erste Mal, dass er uns erwischt." Bea macht ein ungläubiges, skeptisches Geräusch. Ihr Lächeln ist gefroren. „Das macht es nicht besser." Sie lässt zu, dass ich die Arme um ihre Hüfte schlinge, hält mich aber dennoch auf Abstand. Da ist wieder: die verantwortungsbewusste Lehrerin, die sich keine Fehler erlaubt. „Entspann dich." sage ich beruhigend. „Glaub mir, er ist ganz andere Sachen von mir gewohnt."
„Trotzdem wäre es mir lieber, wir würden das nicht zur Gewohnheit werden lassen."
„Ok," seufze ich. „dann Sex eben nur noch bei dir."
Sie lächelt milde. „So meine ich das nicht." Erleichtert sehe ich ihr an, dass sie sich tatsächlich entspannt, auch wenn sie einen nervösen Blick Richtung Wohnzimmer wirft. „Es würde schon genügen, wenn wir uns ein bisschen zusammenreißen – und damit meine ich auch mich." fügt sie schnell hinzu, als ich bei dem unterschwelligen Vorwurf die Stirn runzle. Sie streicht mir lächelnd über die Wange. „Vor allem mich. Wir wissen beide, dass ich mich nie richtig im Griff hatte, wenn es um dich geht." Ich fange ihr Grinsen auf und stupse ihre Nasenspitze mit meiner an. „Sexmonster." flüstere ich und küsse sie zärtlich. Sie lacht. „Da redet der richtige."
Nach einem weiteren Kuss löst sie sich dann endgültig von mir und blickt wieder hinüber zum Wohnzimmer. „Meine Tasche mit den Autoschlüsseln liegt noch da drin auf dem Tisch." Sie verzieht ihr hübsches Gesicht zu einer gequälten Grimasse bei dem Gedanken, meinem Vater jetzt unter die Augen zu treten. Ich nehme ihre Hand. „Ich bin bei dir." versichere ich sie beruhigend.
Papa bereitet sich Abendbrot und hält ein paar Cherrytomaten in einer Schüssel unter den Wasserhahn, um sie zu waschen. Er sieht auf und sein freundliches Lächeln wirkt echt. „Bleiben Sie zum Essen, Frau Vogel?" fragt er, als wäre nichts gewesen. Bea greift nach ihrer Tasche und erwidert sein Lächeln. „Nein. Ich bin verabredet und muss jetzt auch los. Aber danke." Papa nickt und stellt die Tomaten auf den Küchentresen. „Dann einen schönen Abend."
„Ihnen auch." Sie wendet sich mir zu, zögert kurz und entscheidet sich dann doch für einen liebevollen, wenn auch unschuldigen Abschiedskuss. „Wir sehen uns morgen?" Ich nicke und lasse dann wiederwillig ihre Hand los. Ich sehe ihr hinterher, bis sie die Treppe hinunter außer Sichtweite ist.
Ich drehe mich dann zu Papa um und lehne mich mit dem Rücken an den Küchentresen. „Danke, dass du nicht gesagt hast." Ich nehme eine Tomate und stecke sie mir in den Mund. „Es kommt nicht mehr vor."
Papa sieht skeptisch drein. „Wenn du das sagst." Er hat sein Brot fertig geschmiert und beißt hinein. Ich weiß, dass er mir das nicht abkauft und sicher bin ich mir auch nicht, dass ich das Versprechen einhalten kann. Also stehen wir ein paar Sekunden schweigend nebeneinander, bis Papa wieder das Wort ergreift. „Ist heute nicht Notenkonferenz?"
Ich nehme mir ein Stück Gurke. „Schon, aber deine reizende Freundin hat sie rausgeschmissen."
Papa runzelt die Stirn. „Helena?"
„Wer denn sonst?"
„Und ihre Kollegen?"
Ich zucke mit den Achseln und werde ernst. „Viel Unterstützung hat sie nicht erhalten."
„Das kann sie auch nicht erwarten." meint Papa.
Als ich auffahren will, hebt er beschwichtigend die Hände. „Ich meine nicht, dass sie keine Unterstützung verdient. Mittlerweile ist auch mir bewusst, dass eure Beziehung tatsächlich sehr ernster Natur ist und keine belanglose Affäre."
Ich entspanne mich wieder. „Danke."
„Aber" fährt er fort, „dennoch ist sie einigen Leuten auf die Füße getreten. Dass ihre Integrität durch euer Verhältnis in Frage gestellt wird, war abzusehen." Er nimmt einen weiteren Bissen.
„Es ist trotzdem unfair, wie sie behandelt wird." Ich verschränke mit einem Anflug von Ärger die Arme vor der Brust. „Ich meine, das waren ihre Freunde. Sie war sehr beliebt in ihrem Kollegium. Und jetzt wird sie vor allen bloßgestellt, nur weil sie sich in mich verliebt hat." Betrübt zerkrümle ich eine Scheibe Brot.
Papa legt eine Hand auf meine Schulter. „Ben, dein schlechtes Gewissen in allen Ehren, aber das ist hier ausnahmsweise fehl am Platz." Er tätschelt meine Schulter tröstend. „Frau Vogel ist eine erwachsene Frau, die diese Entscheidung bewusst getroffen hat."
Ich nicke und ignoriere die befremdliche Art, wie er sie noch immer „Frau Vogel" nennt. Es stört mich, auch wenn ich weiß, dass er sie mittlerweile respektiert. „Das sagt Bea auch."
Papa zieht seine Hand zurück und schiebt den letzten Rest seines Brots in den Mund. „Na also." Er dreht sich um, um sich ein weiteres Brot zu schmieren.
Ich löse mich vom Tresen und stütze mich seitlich auf meinen Arm. „Ich wünschte nur, ich könnte irgendwas machen. Sie mehr unterstützen."
Papa hält inne und sieht nachdenklich aus. „Soll ich Helena mal anrufen?"
Erstaunt blinzle ich. „Das würdest du tun?"
Papa wirkt wiederum überrascht. „Sie hat dir das Leben gerettet und ihre Karriere für dich ruiniert. Ein Anruf ist doch das mindeste, was ich tun kann."
Ungläubig ziehe ich die Augenbrauen nach oben. „Ja, schon. Aber ich meine, vor ein paar Wochen hast ihr noch mit dem Bankrott ihres Bruders gedroht, wenn sie nicht mit mir Schluss macht und jetzt würdest du deiner Freundin eine Ansage machen, um Bea zu helfen?"
Papa blinzelt und runzelt die Stirn. Siedendheiß fällt mir ein, dass er ihr eigentlich ein Verschwiegenheitsversprechen abgenommen hat und so rede ich schnell weiter. „Naja, bei den Lügen, die wir den anderen erzählen mussten, hätten wir ja wohl nie eine reelle Chance gehabt, wenn wir auch noch Geheimnisse voreinander gehabt hätten." Ich suche Augenkontakt. Papa seufzt. „Das stimmt wohl." gibt er zu.
„Glaub mir," füge ich hinzu, um sie in Schutz zunehmen, „sie hat es mir erst erzählt, als ich ihr keine andere Wahl gelassen habe."
„Wie das?" fragt Papa neugierig.
„Ich hatte meine Abmeldung von der Pestalozzi eingereicht. Bea hat mir in Panik dann von deiner Erpressung erzählt. Als sie die Abmeldung dann zurückgeholt hat, die schon bei der Schmidt-Heisig im Büro lag, hat sie versehentlich den Brief mit den Unterlagen für euer Projekt mitgenommen und ich habe ihn geöffnet."
Papa nickt. „Ich habe mich immer gefragt, wie ihr davon erfahren habt." Dann wendet er sich mir zu, so dass wir uns gegenüber stehen. „Ich hatte in den letzten Tagen ein wenig Gelegenheit nachzudenken und mir ist bewusst geworden, wie groß und wie positiv der Einfluss deiner Frau Vogel im letzten Jahr auf deine Entwicklung war."
„Was meinst du?"
Papa löst sich von der Theke und nimmt mich bei den Schultern. „Du hast dich so gemacht während der letzten Monate. Du bist so unglaublich gewachsen, hast dich deiner Verantwortung gestellt und trägst die Konsequenzen deines Handelns, was für dich früher undenkbar gewesen wäre." Er drückt meine Schultern in einer warmen Geste. „Du bist zu einem Mann geworden, auf den ich unheimlich stolz bin. Und mittlerweile ist mir bewusst, dass Frau Vogel einen entscheidenden Beitrag, wenn nicht sogar den allergrößten Anteil dazu beigetragen hat, dass du über dich hinaus gewachsen bist." Er lächelt und lässt mich dann los.
„Du willst also sagen, dass sie mich zum Mann gemacht hat." grinse ich breit. Papa lacht und winkt mit dem Zeigefinger. „Das hast du gesagt." Dann wird er wieder ernster. „Aber ja, ich würde meiner Freundin eine Ansage machen, wie du es formulierst."
„Danke." Ich umarme ihn herzlich. „Danke, Papa." Ich gehe wieder einen Schritt zurück. „Aber ich würde vorher erst mal lieber mit Bea darüber reden, ob sie das überhaupt will."
Papa nickt. „Natürlich." Er dreht sich zur Theke um und legt eine Scheibe Käse auf sein fast vergessenes Brot. Ich greife nach dem Löffel in der Erdnussbutter und nehme ihn in den Mund, was Papa mit einem missbilligenden Blick quittiert. Ich grinse nur und genieße den feinen Geschmack. Dann nehme ich ihn wieder raus und lege ihn in die Spüle. „Übrigens kannst du anfangen, sie Bea zu nennen. Frau Vogel ist dann doch ein bisschen albern, oder findest du nicht?"
Papa sieht nachdenklich aus. „Das muss sie entscheiden. Was mich angeht…, ich akzeptiere sie als Teil deines Lebens und damit auch als Teil dieser Familie." Ich ziehe erstaunt und beeindruckt meine Augenbrauen nach oben. Das hätte ich nun nicht erwartet. Papa wirkt fast etwas verlegen. „Ich habe eure Bindung unterschätzt und aus diesem Grund, wie du ja schon weißt," Er macht eine Geste, die auf unser vorheriges Thema anspielt, „auch zu unangebrachten Mitteln gegriffen."
Ich schnaube. „Das kann man wohl sagen."
Papa nickt. „Ich habe mich noch nicht bei ihr – bei euch beiden – angemessen dafür entschuldigt. Und selbst wenn sie die Entschuldigung annimmt, steht der Abriss der Pestalozzi noch zwischen uns."
„Du willst das immer noch durchziehen?"
„Natürlich. Das ist ein sehr lukratives Geschäft."
Ich nicke resigniert. Für einen Moment hätte ich fast vergessen, dass noch längst nicht alle Probleme gelöst sind. „Du weißt, dass wir alles tun werden, um das zu verhindern?"
Papa lächelt. „Darum geht es. Ich respektiere das und hege persönlich keinen Groll gegen Frau Vogel. Ich kann zwischen Geschäft und Privatem unterscheiden. Aber ich bin mir nicht sicher, ob Frau Vogel mit mir als Gegner in dieser Sache und als deinen Vater umgehen kann."
„Klingt einleuchtend. Also überlässt du es ihr, wie sie dir begegnen will." Ich bin tatsächlich mehr als beeindruckt und gerührt. Bei all den Schwierigkeiten, die Papa und ich hatten und auch noch immer mit zu kämpfen haben, sind es oft solche Momente, in denen mir wieder bewusst sind, wie wenig ich ihn eigentlich kenne. Wie weit wir uns in den ganzen Jahren zuvor entfremdet haben und erst wieder damit begonnen haben, einander kennen zu lernen. Dass er diese vergebende, gütige Seite besitzt, hätte ich nie vermutet. Ein wenig Misstrauen bleibt jedoch.
Er scheint meinen Gedankengang zu verfolgen, denn er kommt näher, legt mir wieder eine Hand auf die Schulter und sucht Augenkontakt. „Das ist mein Ernst, Ben. Ich weiß, dass ich einiges gut zu machen habe. Also sag Bescheid, wenn ich was tun kann."
Ich nicke und lächle. „Ich werde es ihr ausrichten."
Er erwidert mein Lächeln mit viel Wärme, dann nimmt er sein Brot in den Mund und greift nach der Zeitung, die Bea irgendwann heute Mittag vor scheinbar langer, langer Zeit dort abgelegt hatte. Ich fühle mich plötzlich viel optimistischer, was unsere problematische Beziehung angeht. Vielleicht haben wir doch noch eine Chance, die Kurve zu kriegen.
