Im Gryffindor Turm

Seine eiligen Schritte hallten noch lange auf dem kalten, harten Steinboden nach, den Godric Gryffindor mit sichtbarer Eile durchschritt. Lange, viel zu lange war er unterwegs gewesen, hatte sie nicht sehen können, hatte von er Erinnerung an die wenigen Tage zehren müssen, die sie vor seinem Aufbruch noch miteinander hatten verbringen können. Es waren realistische Erinnerungen gewesen. So realistisch, dass er so manche Nacht glaubte wieder diese vorwitzige Strähne ihres dunklen Haares zwischen seinen Fingern spüren zu können, er glaubte, den leichten Hauch von Lavendelduft in der Nase zu haben, der von ihr ausging. Doch es waren eben nur Erinnerungen gewesen, die ihn gehalten hatten. Erinnerungen an Wärme, Sicherheit und tief empfundener Liebe, während um ihn herum das Grauen tobte.

Wie viele Männer er in dieser Schlacht getötet hatte, wusste er nicht mehr. Irgendwann hatte er aufgehört zu zählen. Es waren so viele gewesen, so verdammt viele, die ihn aus vor Schrecken geweiteten Augen angesehen hatten in dem Moment, in dem er den Streich führte, der ihrem Leben ein Ende setzen sollte. Niemand hörte das leise Keuchen, das über seine Lippen trat ob dieser Erinnerungen, die eine kalte Gänsehaut über seinen Rücken kriechen ließ. Unwillkürlich wurde sein Schritt schneller. Er wollte zu ihr, er musste zu ihr. Er musste wieder diese Wärme spüren, ihre sanften Berührungen, ihre weiche Haut unter seinen Händen, um nicht wahnsinnig zu werden, um die in seinen Ohren noch immer nachhallenden Schreie verstummen zu lassen. Nur noch wenige Schritte musste er zurück legen, nur noch die schmale Wendeltreppe hinauf, die in ihr Gemach führte. Es lag in einem der Türme der Burg, ein Wunsch, den ihr Vater ihr ebenso gern erfüllt hatte, wie er ihr jeden Wunsch von den Augen ablas. Godric lächelte. In den wenigen Stunden, die sie bislang alleine verbringen durften, hatte sie ihn den Gryffindor-Turm genannt. Das gefiel ihm, der Gryffindor-Turm. Der Turm, in dem sie sich das erste Mal geliebt hatten, jener Turm in dem - wenn es nach ihm ging - ihr Kind gezeugt und zur Welt kommen würde. Doch zuvor, ja, zuvor galt es, ihren Vater davon zu überzeugen, dass er - Godric Gryffindor - der richtige Mann für die einzige Tochter des Earls of Northumberland war.

Seit einem Jahr stand er nun im Dienste des Earls, seit er Gabrielle auf dem Turnier in Norfolk gesehen hatte. Seit einem halben Jahr liebte er sie. Er liebte sie so sehr, dass er seine Heimat für sie nicht nur verlassen, sondern aufgegeben hat. Ein feiner, leichter Stich durchzog bei diesem Gedanken seine Brust und wieder wusste er, warum er diese Gedanken so gekonnt zur Seite drängte. Zur Seite drängte wie so vieles… Aber er hatte seine Entscheidung getroffen und würde sie nicht mehr rückgängig machen, konnte sie nicht mehr rückgängig machen. Er stand im Wort. Ebenso bei Northumberland wie auch bei Gabrielle und ein Godric Gryffindor brach sein Wort nicht. Niemals.

Nur noch wenige Schritte trennten ihn nun von der hölzernen Tür, was ihn tief durchatmen ließ. Prüfend sah er an sich hinab, um sicher gehen zu können, dass seine Kleidung nichts mehr aufwies, was an die Schlacht und Tod erinnerte. Zufrieden mit dem was er sah klopfte er an, um kurz darauf den Kopf einzuziehen und in den warmen Raum zu treten, wo ihm sofort wieder dieser angenehme Duft von frischem Lavendel in die Nase stieg.

Suchend flog sein Blick im Raum umher, ehe er sie entdeckte. Mit einer unglaublichen Wärme ums Herz legte sich ein Lächeln in sein Gesicht. Jetzt wusste er wieder ganz genau, wofür er das alles tat. Für sie… Für Esmeralda. Für die Frau, die er mehr liebte als alles andere in seinem Leben, die das Wichtigste für ihn war und immer sein würde. Prüfend ließ er seinen Blick auf ihr ruhen, nahm diese Bild des Friedens, das sie bot, in sich auf. Ihre schlanke Gestalt, das nussbraune Haar, das in leichten Wellen über ihren Rücken fiel, die schmalen, fast weißen Hände, die ihren Stickrahmen umfasst hielten, während ihre Augen ihre Aufmerksamkeit von diesem weg auf ihn richteten und er wieder dieses Leuchten in ihren dunklen Augen sehen konnte, die ihn so sehr gefangen nahmen.

„Esmeralda…", brachte er leise über die Lippen, mit deutlich belegter Stimme und unsicher, ob er es überhaupt fertig gebracht hatte, seinen Worten Ton zu verleihen.

Doch es musste wohl so gewesen sein, denn Esmeralda reichte den Rahmen an ihre Amme Anne weiter, die ihn entgegen nahm und sich dezent ein wenig zurück zog, um den beiden einen der wenigen ungestörten Augenblicke zu gönnen, die sie miteinander verleben durften. Nur wenige Schritte musste er noch zurück legen, ehe er dicht vor ihr stand, die Wärme spüren konnte und zögernd seine Hand hob, um mit den Fingerspitzen leicht ihre Wange zu berühren. Zu unwirklich, zu wertvoll erschien ihm dieser Augenblick nach der langen Zeit der Trennung, nach all dem Tod, dem Schmutz, von dem er in den letzten Wochen umgeben war. Seinen Blick nur in ihre Augen gerichtet, fasste seine zweite Hand leicht um ihre Taille, zog er sie näher an sich, bis ihre Körper nicht einmal mehr von einem Lufthauch zwischen ihnen getrennt waren.

Langsam hob Esmeralda ihre Hand, als sie Godrics Körper so nah an ihrem spürte, ließ ihre Fingerspitzen über seine Wange tanzen bis zu dem Moment, in dem er seine Lippen auf ihre legte, sie fast den Atem anhielt ob der Zärtlichkeit, die in dieser Berührung lag. Nur allmählich fand sie wieder in die Wirklichkeit zurück, aus welcher sein Kuss sie für einen Moment gerissen hatte. Zärtlich wanderten ihre Hände über seinen breiten, muskulösen Rücken, strichen sanft über seinen Nacken, um sich dann in den schulterlangen, dunklen Haaren zu verfangen, die sein markantes Gesicht mit den bestechend grünen Augen, umrahmten. Aufseufzend ließ sie sich in den Kuss fallen. Für diesen Moment, diesen einen Moment in dem die Welt in den Hintergrund trat, unwichtig wurde, nicht mehr zähle neben der tiefen Liebe, die sie für diesen Mann empfand.

Sie hörte diese dunkle, leise Stimme in ihrem Hinterkopf durchaus. Diese Stimme, die sie warnte, die ihr leise zuflüsterte, dass das, was sie hier tat, falsch war. Nicht richtig. Doch sie konnte nicht anders, war nicht fähig sich gegen diese tiefen Gefühle zu wehren, die Godric in ihr auslöste. Sie konnte einfach nicht. Auch wenn es vielleicht - wie Anne sagte - selbstsüchtig von ihr war, sich diese wenigen Augenblicke zu stehlen so lange sie noch konnte. Selbstsüchtig und gefährlich, ja, das wusste sie. Es war ihr jede Sekunde bewusst, doch sie konnte nicht anders, sie konnte einfach nicht.

Jeden Moment kostete Godric aus, fühlte die Wärme in seinem Körper, die tiefe Ruhe, die Esmeraldas Anwesenheit in ihm auslöste. Nur zögernd löste er sich nach einigen Momenten von ihr, suchte mit einem warmen Lächeln ihren Blick, versank förmlich in ihren Augen, die so voller Leben waren. „Ich liebe dich Esmeralda…", brachte er dabei leise hervor, hob seine Hand und legte zwei Finger unter ihr Kinn. „Ich liebe dich, verstehst du? Und ich möchte dich zu meiner Frau machen, ich will, dass jeder weiß, dass du zu mir gehörst, dass wir uns lieben, lieber heute als morgen."

Esmeralda schluckte, überspielte den dumpfen Schmerz in ihrem Inneren jedoch mit einem leichten Lächeln. „Meine Mutter ist noch kein Jahr tot Godric, wir waren uns doch einig, dass du erst mit ihm sprichst, wenn das Jahr herum ist.…"

„Ja, ich weiß." Godric atmete tief durch. Er wollte sie nicht unter Druck setzen mit seinen Worten, doch alles in ihm verzehrte sich nach ihr, drängte es ihn danach sie offiziell, vor allen Menschen, zu seiner Frau zu machen. „Ich werde warten", versicherte er ihr dann doch leise, sich an dieses gegebene Versprechen haltend. „Ich werde warten." Mit diesen Worte legte er noch einmal seine Arme um ihre Schulter, zog sie fest an sich, gab sich nur diesen Moment hin.